Wirklichkeit aushalten

[Anmerkung: beim Lesen des von der Perikopenreihe vorgegebenen Predigttextes wurde bei mir – nicht nur – als Krankenhauspfarrerin schmerzlich die Frage angestoßen: und was ist mit denen, die nicht zu den „VIELEN Geheilten“ gehören? Deshalb habe ich mit meiner Predigt versucht, einen Weg zu finden, mit dieser Frage umzugehen. Dabei bin ich mir bewusst, dass der Text selbst dazu nur wenig aussagt. Ich versuchte deshalb den Weg Jesu als ganzes sprechen zu lassen.]

Der erste Ort, an dem Jesus nach dem Markusevangelium öffentlich wirksam wird, ist Kapernaum am See Genezareth. Dorthin kommt Jesus mit den von ihm berufenen Jüngern. Hier treibt er von einem Besessenen einen bösen Geist aus, und heilt auch die Schwiegermutter des Petrus von einem Fieber. Diese beiden Heilungen erzeugen Aufmerksamkeit.

Der Predigttext für heute aus Markus 1,32-39 berichtet wie der Tag in Kapernaum weiterging:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, eigentlich ist das eine schöne Geschichte: In der Begegnung mit Jesus werden Menschen gesund, in der Begegnung mit Jesus verlieren Geister ihre Macht, die Menschen zu Gefangenen ihrer Zwänge, Ängste und Sorgen machen, und sie nach und nach zerstören. Im wahrsten Sinne – eine wunder-schöne Geschichte – oder?

Doch schnell widerspreche ich mir selber: Ja – schön für die, die gesund geworden sind, schön für die, die wieder frei und ohne Zwänge leben können. Aber was ist mit den anderen? „Viele“ heilt Jesus. Das bedeutet doch: nicht alle. Es blieben also Kranke zurück.

Wie kann Jesus sich nur verdrücken, wenn da immer noch Menschen leiden, wenn immer noch Menschen in Not sind?

Ich denke, mit diesem Aufbegehren finde ich mich bei Petrus und den anderen Freunden Jesu in ganz guter Gesellschaft. Auch sie hielten es nicht aus, dass Jesus sich davon stiehlt, während in Kapernaum noch so viel zu tun wäre.

Sie laufen ihm nach. „Alle suchen dich“ – Ich höre da einen deutlichen Vorwurf. „Mensch, Jesus, jetzt geht’s doch erst richtig los! Das, was du gestern gemacht und erreicht hast, ist zwar genial, aber das kann doch nicht alles sein! Da ist doch noch die Miriam – mit ihrer furchtbaren Atemnot. Da ist doch noch der total verschuldete Jonatan, der seit Jahren an keinem Spielautomaten vorbei kommt, und seine ganze Familie zugrunde richtet. Und hast Du sie nicht gesehen, die Mutter mit den rot geweinten Augen, weil man ihren Sohn als austherapiert entlassen will? Und wir könnten dir noch `ne Menge anderer Namen nennen, die Deine Heilkraft so nötig hätten. Und überhaupt: jetzt hättest Du die Leute doch in der Hand, jetzt, wo sich der Erfolg einstellt, musst du es doch ausnutzen!“

Liebe Gemeinde, im inneren Gespräch mit Petrus bekomme ich nun doch langsam eine Ahnung davon, warum Jesus die so verständlichen Erwartungen seiner Jünger, – und auch meine – wohl nicht erfüllt.

„Ja“, bestätigte mir da Petrus, „dass Jesus sich zurückgezogen hat, habe ich ja noch verstanden. Jeder muss mal `ne Pause machen, neue Kraft schöpfen. Aber dass er am nächsten Morgen gar nicht mehr auftauchte, hab ich nicht begriffen. Du hast es ganz treffend gesagt. Da gab’s noch so viele Menschen mit Nöten. Die hatten doch das gleiche Recht wie der Besessene oder meine Schwiegermutter oder die „vielen“, denen er am Vortag geholfen hat. Und da zieht er einfach weiter! Das durfte doch nicht wahr sein!

Aber wir konnten ihn einfach nicht umstimmen.“

Hier zeigte sich schon ganz am Anfang, was in den nächsten Jahren immer wieder passieren sollte: Weder tut Jesus einfach das, was die Leute von ihm erwarten, noch lässt er sich von dem offensichtlichen Leid bestimmen, sondern er fragt immer wieder neu nach seiner ganz eigenen Bestimmung. Das hat Petrus immer wieder verrückt gemacht und bis zum Schluss ist er immer wieder irre an Jesus geworden. Aber er konnte einfach nicht anders, als dabei zu bleiben. Bei Jesus habe er sich trotz allem so anders gefühlt, bei ihm konnte er sein, wie er war, bei ihm konnte er sein wahres Gesicht zeigen, bei ihm fühlte er sich ernst genommen, bei ihm fühlte er sich angenommen – mit seinen Stärken und Schwächen.

Und das sei nicht nur ihm so gegangen, jeder und jede, die es mit Jesus zu tun bekamen, erlebten ähnliches. Ja, wenn er sich jemandem zuwandte, dann ganz, dann richtig – als ob es in dem Moment niemanden anderen gäbe. In der Begegnung mit Jesus bekamen Menschen das Gefühl: sie sind wichtig, sie sind etwas wert, ob gesund oder krank, leistungsstark oder schwach, ob schuldig geworden oder anscheinend moralisch unangreifbar – sie sind es wert, dass Jesus sich ihnen mit ungeteilter Aufmerksamkeit zuwendet.

Das allein ließ Menschen manchmal schon gesund werden, oder ließ sie trotz aller Belastung neue Lebensqualität entdecken.

Das immer wieder zu erleben, war und ist einfach wunderschön, so hörte ich Petrus erzählen.

So vieles hätte er in den Jahren mit Jesus über sich, das Leben und Gott gelernt.

Zwei Entdeckungen hat mir Petrus für heute besonders ans Herz gelegt:

Die erste betrifft den Wunsch nach „HEILUNG FÜR ALLE“.

Wenn er ehrlich ist, so habe ich Petrus verstanden, muss er gestehen, dass es ihm dabei auch darum ging, dass von dem Erfolg Jesu auch was auf sie, seine Anhänger, abfällt, dass mit ihm auch sie sich in der Bewunderung der Leute sonnen könnten. Es ging ihm also gar nicht nur um die leidenden Menschen, sondern um ihn selbst. Ist es nicht toll, an der Seite eines so genialen Heilers zu sein?

Aber noch beschämender sei, dass er merke: Solange seine Mutter, seine Schwiegermutter oder sein Nachbar krank seien, „müsse“ er sich um sie kümmern. Wenn die aber gesund, also geheilt seien, dann brauche er sich ja nicht mehr um sie kümmern, – zumindest nicht mehr so sehr.

Es geht also bei dem Wunsch um Heilung für den anderen gar nicht nur um die Verbesserung von deren Leben, sondern mindestens so sehr auch um die Erleichterung des eigenen Lebens.

Und damit ist auch das andere eng verbunden: die Krankheit meines Nächsten konfrontiert mich immer auch damit, dass mein eigenes Leben von Krankheit und Tod bedroht ist. Das halte ich oft nur schwer aus. Die Heilung des anderen macht es mir dann möglich, die letzte Wirklichkeit auch meines Lebens wieder zu verdrängen, nämlich dass Krankheit, Leid und Tod zu einem jeden, also auch zu meinem Leben gehört.

Zuletzt musste er, so verstand ich Petrus, irgendwann begreifen: Das Leben der Geheilten, war das denn wirklich so fundamental anders geworden? Irgendwann sind sie doch auch wieder krank geworden, irgendwann mussten auch sie sterben, selbst Lazarus lebte nach seiner Wiederbelebung nicht unendlich lange weiter. Hier auf dieser Erde lebt eben niemand ewig. Hart gesagt – ist Heilung, – wie wunderschön sie im Moment auch sein mag, immer „nur“ aufgeschobener Tod. Leben in Raum und Zeit ist immer „nur“ provisorische Ewigkeit.

Liebe Gemeinde, wenn ich das wirklich an mich heran lasse, ist doch die Frage wichtiger, was mich gerade in diesen schweren Zeiten der Krankheit, des Sterbens oder des Verlustes von lieben Menschen trägt und Kraft gibt, als warum der geheilt und ich vielleicht nicht geheilt werde?

Für Petrus war es zunächst auch eine absolute Katastrophe, als sogar für Jesus der Tod Wirklichkeit zu werden drohte. „Das widerfahre dir ja nicht!“ So wehrte er ab, als Jesus seine Freunde darauf vorbereiten wollte, dass er nur noch ein paar Tage haben werde. Nein, wenigstens Jesus sollte davon verschont bleiben, sozusagen als letzte Hoffnung, dass Leben doch noch ohne Krankheit und Tod zu haben sei. Aber Petrus kam letztlich nicht daran vorbei zu erkennen: Jesus war nicht dazu gekommen, Leid, Krankheit und Tod zu eliminieren, er war gekommen, um Menschen in seine Beziehung mit Gott hinein zu nehmen, und das ist eine Beziehung, die selbst durch Sterben und Tod nicht zerstört werden kann.

Ja, in Jesus Christus ist Gott in die Welt gekommen, hat selbst Krankheit und Tod auf sich genommen, damit er auch darin noch an der Seite der Menschen sein kann. Nur deshalb kann er mit Recht sagen: „Fürchtet euch nicht… ich bin bei euch bis an der Welt Ende.“

Und so müssen Menschen in keinem Augenblick mehr sagen: niemand ist da, der mich sieht, niemand ist da, der mich versteht, niemand ist da, der mich hört, niemand ist da, der mich hält. Gott ist da, er ist bei mir im Leben und im Sterben, er sieht, hört und hält mich.“

Liebe Gemeinde, natürlich dürfen wir um Heilung bitten und natürlich dürfen wir uns freuen, wenn Menschen Heilung finden, aber mich berührt es oft fast noch mehr, wenn Menschen trotz Leid und Krankheit echte Lebensqualität entdecken und selbst im Sterben Ruhe und Zuversicht finden können.

Und das führt zur zweiten Entdeckung: zum GEBET.

Es war nicht das erste und letzte Mal, dort in Kapernaum, dass Jesus sich zum Gebet in die Einsamkeit zurückzog.

Damit unterscheidet er sich gravierend von manch anderem “Wunderheiler” der damaligen Zeit. Die werden schon darauf geachtet haben, dass ihre guten Taten auch mit ihnen in Verbindung gebracht wurden. Schließlich bedeutete das bares Geld. Jesus sucht bewusst den Kontakt zu Gott. Sein irdisches Handeln an den Menschen geschieht nicht ohne Rückbindung an den Himmel. Er zieht sich zurück zum Gebet. Den Inhalt seines Gebetes kennen wir nicht.

Aber dass er betet, zeigt zweierlei: Einmal: das Gebet bewahrt Jesus vor der Versuchung, sich selbst zuzurechnen, was er alles an diesem Tag geschafft hat. Das Gebet bewahrt Jesus davor, sich selbst das zuzuschreiben, was Gott gehört: den guten Ruf. Oder den Dank, den er sicherlich von den Menschen gehört hat. Dass Jesus betet, macht klar: Was Jesus an den Menschen bewirkt, geschieht nicht zu seinem Ruhm, sondern zu Gottes.

Und zum zweiten hat Jesus das Gebet für sich gebraucht. Ich denke, dass in seinem Gebet das geschah, was wir „auftanken“ nennen. Dass er Kraft bekam. Gestärkt wurde. Ermutigung erfahren hat.

So zog er sich ja auch in seiner schwersten Nacht zu solchem Gebet zurück:„Vater, lass diesen Kelch an mir vorüber ziehen. …. aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Schwer fiel es auch ihm, mit dem Tod vor Augen zu leben – aber nach dieser Zeit des Gebets konnte er seinen Weg aufrecht weitergehen.

Im Rückzug, im Gebet versicherte er sich also immer wieder seiner eigentlichen Bestimmung.

Ohne Pause, ohne Rückbindung an den, der ihn in diese Aufgabe gestellt hat, hätte er sich vielleicht doch in der Bewunderung und den Erwartungen der Menschen verloren, hätte er sich vielleicht doch von der offensichtlichen Not treiben lassen. Und vielleicht hätte er ohne diese Zeit auch versucht, der letzten Konsequenz seiner Bestimmung auszuweichen. Doch dann hätten wir kein Vorbild und keinen Beistand, um unser eigenes Schicksal wirklich ganz und konsequent durchzustehen.

Ich denke, liebe Gemeinde, Das Gebet kann auch für uns der entscheidende Ort werden, wo wir lernen können, die Spannung zwischen unseren Erwartungen ans Leben und an Gott einerseits und der Wirklichkeit andererseits auszuhalten. Vielleicht kann uns das Gebet von Friedrich Oettinger dabei helfen:

Gott gebe mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann
und die Weisheit, das eine von dem anderen zu unterscheiden.

AMEN

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