Der kleine Lord

Liebe Gemeinde, kennen Sie „Der kleine Lord“? Frances Burnett schrieb 1886 den Roman von dem Großvater und seinem Enkel.

Cedric, er ist 7 Jahre alt, lebt mit seiner Mutter in New York. Sein Vater – er stammte aus einem alten englischen Adelsgeschlecht – ist gestorben. Cedrics Großvater (der Vater seines verstorbenen Vaters) ist der Graf von Durincourt. Der hatte insgesamt drei Söhne, die alle drei gestorben sind. Und so beruht seine Einladung an Cedric und dessen Mutter, nach England überzusiedeln, auf dem Wunsch, seinen Erben standesgemäß zu erziehen.

Cedrics hat von seinem Großvater sein eigenes Bild. Er sieht in ihm einen großzügigen, weitherzigen Mann, der für sich, die Seinen und die, die ihm anvertraut sind, immer nur das beste will. Und so spürt er nicht die Kälte, die von dem Grafen ausgeht, der von seiner Schwester gemieden, von seinen Bediensteten gehasst und überall im Dorf gefürchtet wird. Der Graf ist ein jähzorniger, egoistischer Mann, der schlecht denkt von sich selbst, den Seinen und von denen, die ihm anvertraut sind.

Das Buch handelt davon, wie die bedingungslose Liebe und das tiefe Vertrauen des Jungen zu seinem Großvater diesen verändert. Wie Cedrics unbedingter Glaube an das Gute im Menschen im Grafen von Durincourt das Gute wachsen lässt. Für mich ist eine der entscheidenden Sätze der, wo der Graf zu seiner Schwester sagt: „Er ist ein fabelhafter kleiner Kerl. Wir sind die besten Freunde. Er hält mich für den liebenswürdigsten und sanftmütigsten Menschenheitsbeglücker.“ Der Graf gewinnt Freude an dem Guten in sich und wird, auf seine alten Tage, ein ganz anderer.

Liebe Gemeinde, ob es in der märchenhaften Kulisse eines Schlosses passiert ist oder irgendwo da, wo wir leben und arbeiten – ob in der Gesellschaft von Adligen in wunderschönen Anzügen und herrlichen Kleidern oder bei uns, die wir lange nicht so elegant und fein gekleidet sind – erlebt oder miterlebt haben wir so etwas doch alle schon einmal. Dass die Liebe eines Menschen das Leben eines anderen Menschen verändern kann. Dass die Art und Weise, wie Menschen Menschen begegnen, Leben verändern kann. Das wissen wir und das kennen wir. Im Positiven wie im Negativen.

Wenn Menschen an nichts und niemandem etwas gutes finden können, wenn sie über andere nur schlecht reden und so jede gute Atmosphäre im Keim ersticken, Lebensfreude lähmen und Unwohlsein, wenn nicht sogar Angst verbreiten. Und ist uns nicht genauso auch schon einmal ein Mensch begegnet, der uns etwas zugetraut hat, der an uns geglaubt hat? Das waren Eltern, Verwandte, Freunde, Lehrerinnen, Trainer – jede und jeder wird da die ganz eigene Erfahrung haben.

So eine Änderung geschieht nicht von jetzt auf gleich, nicht nach einem guten Wort, nicht nach einer positiven Begegnung. Aber sie geschieht und im Rückblick können wir das Vorher und das Nachher genau benennen.

Von Änderungen, die in menschlichen Leben durch einen anderen ausgelöst werden können, handelt auch unser Predigttext. Ich lese den Text für den 19. Sonntag nach Trinitatis, er steht bei Markus im 1. Kapitel:

[TEXT]

Nein, eine so kuschelige Geschichte wie die vom kleinen Lord ist die der Bibel nicht. Aber es scheint, als habe Frances Burnett die Struktur der biblischen Geschichte aufgenommen und mit ihren Figuren gefüllt.

Die Menschen brachten Jesus die Kranken und Besessenen. Ohne weiter auf die Krankheitsbilder, die die Menschen damals kannten, einzugehen, fällt auf, dass die, die am Körper krank waren und die, die in ihrem Geist krank waren, gleichberechtigt nebeneinander gestellt wurden. In der Bibel ist immer der ganze Mensch gemeint. Ist der Körper krank, leidet auch die Seele und umgekehrt. Das Wohlsein, das Heilsein des Körpers und des Geistes bedingen einander.

Jesus begegnet diesen Menschen mit Liebe. Er schaut sie an mit Respekt. In seinen Augen spiegelt sich das Vertrauen in das Gute, zu dem sie fähig sind. Er grenzt sie nicht aus, sondern nimmt sie mit hinein in die Gemeinschaft. Er schiebt sie nicht weg, sondern berührt sie. An Geist und Körper.

Und noch eines fällt auf. Nicht nur Körper und Geist werden gleichberechtigt und füreinander unverzichtbar dargestellt, sondern auch das Wort und die Tat. Ich springe zum Ende unseres Abschnittes, da heißt es: „Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.“ Wenn wir arrogant und herablassend mit denen sprechen, denen wir helfen, wie bitter wird es ihnen, die Hilfe anzunehmen. Ob sich da etwas so ändert, dass sie sagen können: Geist und Körper konnten heil werden? Wenn wir dagegen denen, denen wir helfen wollen, auf Augenhöhe begegnen, wird schon dadurch Not gelindert.

In der Geschichte vom kleinen Lord leidet ein ganzes Dorf unter dem Hochmut und der Kaltherzigkeit des Grafen. Cedric setzt sich mit seiner ganzen Liebe für die Menschen im Dorf bei seinem Großvater ein. Und er tut es, indem er, getragen von seinem Vertrauen auf die Güte des Großvaters, diesem seine Verantwortung zeigt. „Du kannst das doch in Ordnung bringen. Du bringst ja immer alles für alle Menschen in Ordnung.“

Und siehe da, der „böse Geist“ des alten Grafen unterliegt dem Guten: er gibt den Auftrag, das Dorf zu sanieren.

Ob Francis Burnett den Evangelisten Markus gekannt hat? Der gibt, indem er von Jesus erzählt, allen Menschen, die später leben, geradezu eine Anleitung für ihr Leben in christlichem Geist. Das respektvolle Miteinander und das gleichberechtigte Nebeneinander haben wir schon bedacht.

Zwei Gesichtspunkte fehlen noch: Der eine: Jesus, den doch alle sehen, hören, berühren wollen, Jesus zieht sich zurück. Er beginnt seinen Tag nicht mit einem Bad in der Menge, sondern in der Stille im Gebet. „Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.“ Bei all seinem für-die-anderen-Dasein achtete er auf sich. Er sorgte dafür, dass er seine Kraftquellen wieder auftanken konnte.

Dann geht er los und damit sind wir bei dem zweiten Aspekt. „Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte.“ Die Botschaft von Gott Liebe wird weitergetragen. Denn diese Liebe ist das Fundament für alles, was wir sagen und tun. Wir können uns anderen, und seien sie noch so schwierig, zuwenden, wenn wir diese Liebe in uns tragen. Wir können dazu beitragen, dass sich Menschen heil fühlen. Wir können davon erzählen, wie uns jemand berührt, unser Leben verändert hat.

Wenn wir das tun, dann wird weiterhin die Botschaft von Gott das Leben von Menschen heilen und verändern. Dann sind es nicht fromme Geschichten aus einem alten Buch, dann ist es nicht ein Roman aus dem vorvorigen Jahrhundert. Dann ist es eine Geschichte, mitten aus unserem Leben.

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