Augenzeugen – damals und heute

Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten die Menschen alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. Und er half vielen Kranken, die mit unterschiedlichen Gebrechen beladen waren, trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn. Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Er ging an eine einsame Stätte und betete dort. Simon aber und die anderen Jünger eilten ihm nach. Als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Alle suchen dich. Er antwortete ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.

Mein Name ist Andreas. Ihr kennt sicher meinen Bruder Simon, den Jesus immer Petrus nannte, aber ich bin auch gleichzeitig mit meinem Bruder von Jesus berufen worden. Das vergessen viele, weil Simon später so berühmt wurde. Der Evangelist Markus, der damals die erste Biographie über Jesu schrieb, hat es gottseidank nicht vergessen. In der Schule war das auch anders; denn Simon war zwar älter als ich, aber im Alphabet stand ich an erster Stelle.

Ihr wisst sicher, dass wir Fischer waren, als wir Jesus begegneten. Mit unserem Vater und dem Familienboot fuhren wir von unserer Heimatstadt Kapernaum jeden Tag rauf auf den See Genezareth zum Fisch-fang. Man nennt den See auch gerne das Galiläische Meer, und weil wir nichts anderes kannten, kam er uns auch so vor. Wer das Mittelmeer kennt, lacht natürlich darüber, weil man den See mit schnellen Schritten in einem Tag umrunden kann. Aber immerhin ist er nach dem Toten Meer der tiefstgelegene See der Erde, weit unter dem Meeresspiegel.

Natürlich weiß ich, dass unser Galiläa so eine Art Ostfriesland in Israel darstellt, und viele über Jesus gesagt haben: "Was kann aus Galiläa schon groß kommen!" Hinterher sah das anders aus. Da wurde unser Land berühmt, und selbst unser Elternhaus wurde zur Touristenattraktion. Immerhin hat Jesus dort, nachdem er einen Besessenen von seinem bösen Geist befreit hatte, mit Simons Schwiegermutter die erste Kranke geheilt. Simon war ja verheiratet, auch wenn das später keine Rolle mehr spielte, weil er sich wie ich ganz auf Jesus und die Jüngerschaft konzentrierte. Aber als Simon sah, was Jesu heilende Hände ausrichteten, schleppte er ihn sofort nach Hause zu seiner Schwiegermutter, um sie von ihrer schweren Erkrankung zu erlösen.

Dadurch konnte sie wieder wie früher im Haushalt mithelfen, und unser Vater, der natürlich entsetzt war, dass wir unseren Familienbetrieb gegen eine unsichere Zukunft mit Jesus im Stich ließen, war wenigstens ein bisschen beruhigt; denn auch er war von Jesus beeindruckt. Wir speisten zusammen mit Jesus und den anderen beiden Jüngern und unterhielten uns gut.

Und jetzt haltet euch fest: keine gefühlte 24 Stunden später war vor unserem Haus die Hölle los. Natürlich hatten der geheilte Besessene und Simons gesund gewordene Schwiegermutter beim Einkaufen in Kapernaum für Neugier und erstaunte Blicke und Nachfragen gesorgt, aber dass so schnell ganz Kapernaum und sogar umliegende Orte davon Wind bekommen hatten und nun alle ihre kranken, schwerkranken und behinderten Angehörigen anschleppten, das hätte niemand von uns auch nur entfernt geahnt. Nicht nur unsere, auch die Nachbarstraßen waren brechend voll: voll von bekannten und unbekannten Menschen, und noch mehr noch von ganz hohen Erwartungen an diesen Wunderheiler.

Ich weiß noch, wie wir Jesus skeptisch anschauten, wie er auf diesen Volksauflauf reagieren würde. Immerhin war es dunkel, weil die Sonne bereits untergegangen war, und wir nur durch einige Fackeln ahnen konnten, wie viele Leute sich da versammelt hatten. Eigentlich war Schlafenszeit, aber bei dieser Spannung in der Luft war nicht an Schlaf zu denken. "Gut", sagte Jesus nur zu uns, ging vor die Tür und sagte laut: "Ich sehe, dass ihr mir vertraut, und kann euch helfen. Also alle der Reihe nach!" Spontan fingen einige an zu jubeln, weil sie unsicher gewesen waren, was geschehen würde.

Wie viele Stunden vergingen, weiß ich nicht. Wir halfen Jesus, indem wir versuchten, die Menschenmassen ein bisschen zu ordnen und zu dirigieren, und Jesus zwischendurch zur Stärkung mit Essen und Wasser versorgten. Die Leute warteten geduldig, weil sie merkten, dass Jesus nicht nachließ und wirklich alle Kranken heilten. Viele gaben uns auch Geld zur Belohnung, und wir dachten: Wer weiß, wofür wir es mit Jesus noch brauchen werden. Irgendwann war auch das letzte kranke Mütterchen gesund und erleichtert gegangen, und Jesus fiel todmüde ins Bett. Wir taten es ihm nach.

Mitten in der Nacht – jedenfalls kam es mir so vor – wurde ich wach, weil ich geträumt hatte. Dauernd gingen mir die Bilder vom Abend durch den Kopf: die Menschenmassen, die vielen gespannten Gesichter und Jesus, der geduldig allen zuhörte. Unruhig wälzte ich mich auf meinem Lager im Gemeinschaftsraum, als ich sah, dass das Lager von Jesus leer war. Nachdem ich fünf Minuten gewartet hatte, schaute ich mich im ganzen Haus um, konnte ihn aber nirgends entdecken.

Leise versuchte ich Simon zu wecken, aber da er sofort hochschnellte und rief: "Was ist los?", wurden alle wach. "Jesus ist verschwunden!" Nach dem Erlebnis vom gestrigen Abend musste das etwas zu bedeuten haben, das verstanden alle. Sollte ihm alles zu viel geworden sein und er war wieder nach Nazareth zurück gekehrt? Hastig zogen wir uns die Obergewänder über und gingen ihn suchen.

Die Straßen waren noch ziemlich leer, aber die Frühaufsteher, die wir trafen, teilten unsere Sorge und wollten beim Suchen helfen. Rasch erkannten wir, dass Jesus außerhalb der Stadt sein musste, am See oder in den Bergen. Zusammen stiegen wir auf den nächstgelegenen Berg, um eine bessere Aussicht zu haben. "Schau mal da vorne", sagte Jakobus. "Ist er das nicht?" Und tatsächlich: Jesus kniete mit dem Blick nach Osten, wo bald die Sonne aufgehen würde, und betete.

Ehrfurchtsvoll und beruhigt warteten wir schweigend, bis er den Kopf hob und zu uns schaute. Langsam gingen wir näher, gespannt auf seine Reaktion. "Wir wussten nicht, wo du warst. Also haben wir dich gesucht." "… und gefunden", ergänzte Jesus lächelnd. "Ich weiß, was ihr denkt, aber keine Sorge: Gott gibt mir viel Kraft. Aber ich kann nur auftanken, wenn ich mit meinem himmlischen Vater in Ruhe spreche. Und das könnt ihr auch! Aber nun lasst uns in die nächsten Städte gehen, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen." Er stand auf, und durch uns ging ein Ruck. Jetzt sollte es erst richtig los gehen, und ich, Andreas, war dabei! Wer weiß, wie weit uns der Weg noch führen würde…

Liebe Gemeinde, soweit ein Augenzeugenbericht. Es fällt nicht sonderlich schwer, sich das vorzustellen. Was schwerer fällt, wäre ein aktueller Augenzeugenbericht. Will sagen: Wenn Jesus heute hierhin nach Aplerbeck käme, was würde geschehen? Wie würde sich die ganze Szene abspielen, wenn wir alle ein Teil in dieser Geschichte wären?

Ich stelle mir realistisch vor, Jesus wäre in Aplerbeck aufgetreten, ich habe ihn gottseidank erkannt und natürlich heute Morgen hier predigen lassen. Er hat tatsächlich alle mit seinen Worten überzeugt, ihren Glauben neu entfacht und ist anschließend zum Kirchkaffee geblieben. Alle bestürmen ihn mit ihren Fragen, schießen 5,2 Megapixel-Fotos von ihm mit ihren Handys und fragen ihn nach seiner Handynummer. Jemand holt schnell seine ältere Mutter aus dem Altenheim, und Jesus heilt sie von ihrem Darmkrebs.

Alle fragen beim Küster nach, wo denn Jesus zur Zeit wohnt, posten schnell die Adresse auf facebook und schicken mit dem kostenlosen Aldi-Talk-Tarif eine Rund-SMS an die Freunde los. Ein pfiffiger älterer Herr informiert die umliegenden Krankenhäuser, dass alle Patienten kostenlos geheilt werden können. Mittags holt sich Jesus mit drei Freunden, also neu gewonnenen Jüngern, eine Pizza, und sie kehren in die Wohnung in der Köln-Berliner-Straße zurück.

Als abends einer der Freunde aus dem Fenster schaut, weil es draußen lauter wird, traut er seinen Augen nicht. Da haben sich so viele Menschen verschiedensten Alters versammelt, dass manche halb auf der Straße stehen und die vorbeifahrenden Autos entweder hupen oder ganz langsam vorbeifahren, neugierig auf den Grund für diesen Menschenauflauf. Viele der Leute auf dem Bürgersteig kennen sich aus der Gemeinde oder aus der Nachbarschaft. Manche haben tatsächlich Familienangehörige mitgebracht, die krank aussehen. Die meisten aber wollen einfach Jesus kennen lernen.

Und da schaut er auch schon aus dem Fenster, blickt die Straße entlang, doch sein Kopf verschwindet gleich wieder im Zimmer. Enttäuscht beginnen sich die Leute zu unterhalten, aber da geht die Haustür auf, und Jesus beginnt, die Umstehenden zu grüßen. Ein spontanes Klatschen läuft durch die Menge, so dass auch die weiter entfernt Stehenden ahnen, was da vorne passiert. Die ersten schieben ihre Kranken nach vorne, und Jesus berührt sie und heilt ihre Gebrechen.

An vielen Stellen entstehen wieder kleine Gespräche, und schnell wird deutlich: Aus den Krankenhäusern ist niemand gekommen oder gebracht worden. Die Chefärzte haben sofort untersagt, ihre Patienten nach Aplerbeck zu fahren, da sie ohnehin unterbelegt sind, und ihre Häuser mit komplett leeren Patienten-Betten wären der wirtschaftliche Ruin. Das deutsche Gesundheitssystem kalkuliert nun mal nicht mit kostenlosen und erfolgreichen Heilungen, und einen neuen Tarifstreit mit den Krankenkassen wollen sich die Kliniken nicht leisten – Sohn Gottes hin oder her.

Aber selbst manche, die Jesus morgens im Gottesdienst erlebt haben, tauchen in der Köln-Berliner Straße nicht auf. Der eine hatte noch eine Sitzplatzkarte BVB gegen Köln, die er nicht verfallen lassen wollte ("Der Jesus wird ja wohl noch länger dableiben"). Eine Frau hatte sich einen Tag zuvor erst zwei Konzertkarten für die Reinoldikirche gekauft und wollte nicht darauf verzichten. Und etliche Jugendliche, obwohl neugierig geworden auf diesen coolen Jesus, der so viel besser predigen konnte als die Pfarrer, hatten sich schon vor dem Gottesdienst verabredet zum verkaufsoffenen Sonntag in der Thier-Galerie.

Trotzdem waren Jesus und seine Freunde beeindruckt von der Menschenmenge. Nachdem Jesus alle Kranken behandelt, alle Foto- und Autogrammwünsche erfüllt und vereinzelte Wünsche nach einer Auferweckung von verstorbenen Angehörigen auf unbestimmte Zeit verschoben hatte, gingen die Leute wieder ihrer Wege, und der Bürgersteig leerte sich. Natürlich leerte er sich nur von Menschen; denn er blieb ziemlich voll mit dem Müll, den die Menge während des Wartens verstreut hatte. Um die Nachbarn nicht zu verärgern, ließ Jesus seine Freunde den gröbsten Abfall wegräumen. Inzwischen war es schon halb zwölf.

Keine sechs Stunden Schlaf später suchten ihn seine Freunde; denn er war aufgestanden und hatte das Haus verlassen. Sie setzten sich in ihre Autos und suchten ihn. Schließlich, als die Sonne Richtung Flughafen aufging, fanden sie Jesus auf einem Feld vor dem REAL. Er saß im Schneidersitz, ins Gebet vertieft. Mithilfe ihrer Handys versammelten sich seine Freunde bei ihm, und er redete zu ihnen. "Ist euch etwas aufgefallen gestern Abend?" "Ganz schön viele Leute waren das!" "Das meine ich nicht." "Ich habe es auch mal ausprobiert, jemanden zu heilen, aber es hat nicht geklappt. Hätte ich vorher beten müssen?" "Das meine ich auch nicht."

"Jesus, woher sollen wir wissen, was du meinst?" "Ist euch nicht aufgefallen, dass alle nur etwas wollten, aber keiner von den vielen Leuten auf die Idee kam, mir nachzufolgen und mitzumachen?" "Vielleicht hättest du mal fragen sollen! Manche trauen sich einfach nicht. Uns hast du doch auch direkt gefragt."

"Aber es ist doch so offensichtlich. All die Menschen geben sich damit zufrieden, dass ich ihre Kranken heile und dass sie mit Fotos beweisen können, dass sie mich getroffen haben wie einen Filmstar. Am liebsten gäben sie mir noch ihre kaputten Fernseher und Laptops, damit ich die auch repariere." "Kannst du das denn?" fragte einer der Freunde neugierig, erntete aber nur einen verärgerten Rippenstoß seines Nachbarn. Jesus ging nicht darauf ein. " Ich bin kein Wunscherfüllungsonkel. Die Menschen wollen nur, dass man ihre Welt ein bisschen repariert, weil sie sie für eine heile Welt halten. Sie leben oberflächlich und sind zufrieden, wenn sie alles kaufen können, was sie brauchen, und wenn jemand die Schäden beseitigt."

"Ist das denn schlimm, wenn sie zufrieden sind mit ihrem Leben?" "Ja! Diese Welt ist alles andere als heil, und ihr Leben erreicht gerade mal die Bedeutung und Tiefe der "Lindenstraße". Ihr, meine Freunde, seid anders. Ihr seid bei mir, weil ihr mehr wollt, weil ihr eine andere, eine vollkommene Welt wollt – so wie Gott sie gewollt hat. Aber ich brauche viele Menschen, die das wollen. Also los! Wir waren lange genug in Aplerbeck. Die Welt liegt vor uns, und Gott benötigt Arbeiter für seine Ernte."

Amen.

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