Über den Anfang kommen wir nicht hinaus

Liebe Gemeinde,

wir kommen über den Anfang nicht wirklich hinaus. Das müssen wir aushalten. Sie, liebe Gemeinde, müssen das heute auch aushalten. Die folgende Predigt kommt über den Anfang nicht wirklich hinaus. Natürlich könnte ich auf den Bibelabschnitt hinweisen, den es heute zu bedenken gilt. Es ist eine Anfangsgeschichte aus dem 1. Kapitel des Markus-Evangeliums. Sie hat ein Thema: In der Begegnung mit dem Evangelium werden Geister ausgetrieben, werden böse Geister austreiben, wie es im Luthertext ergänzend heißt. Wir kommen über den Anfang nicht wirklich hinaus.

Wir klingeln an der Tür.

Lange Zeit rührt sich gar nichts. „Schade, sie sind wohl unterwegs“, sagt jemand. „Dann eben nicht, lass uns gehen“, antworte ich. Im Wegdrehen merken wir gerade noch, wie hinter den Glastüren ein Licht aufleuchtet. „Moment“, ruft die vertraute Stimme von innen. Die Tür geht auf. „Ihr seid´s“. Kommt rein.“ „Stören wir auch nicht. Wir dachten halt, wir schauen mal vorbei. Ist was mit dir.“ Zur Antwort rollen nur die geröteten Augen.

Wahrscheinlich kennen sie das, was ich hier andeute. Da hatte ein Wort das andere gegeben und der Wortwechsel entlud sich in einem heftigen Streit. Und dann klingelt es. „Ich mach nicht auf“, sagt er trotzig, aber sie ahnt die Rettung. Über den ersten Minuten der Begegnung liegt noch etwas Beklommenheit, die schnell im munter aufblühenden Gespräch verschwindet. „War wohl dicke Luft bei euch“, traut man sich dann später zu fragen. „Ja“. Aber nun lachen die Gesichter und niemand empfindet die Notwendigkeit, zum Streit zurückzukehren. Er ist verschwunden in der Begegnung. Der Streit kam nicht mehr zu Wort. Auch danach nicht. Erst bei anderer Gelegenheit, an anderen Tagen wiederholt sich das Spiel. Wir kommen über den Anfang nicht hinaus.

Im Markus-Evangelium wird eine ähnliche Szene aus anderer Perspektive erzählt. Unzählige Menschen drängen sich in ein Haus, in dem Jesus sich aufhält. Streit und Krankheit sind in diesem Fall draußen vor Tür. Innen wohnt der Friede. Markus erzählt:

(..)die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele Geister aus und ließ die Geister nicht reden.

Die Pointe ist vergleichbar. In der Begegnung mit dem Evangelium liegt Wandel bereit. Damit will ich nicht etwaige Leute, die an Haustüren klingeln und dort innewohnenden Streit beenden, zu Heilanden hochstilisieren. Mit diesem Bild will ich eigentlich nur das fassbarer machen, was in theologischen Büchern so formuliert wird: Die Begegnung mit dem Evangelium ist immer personaler Natur. Evangelium ist keine Theorie, die ich mir anlesen kann. Es ist eine Kraft aus Gott, die erfahrbar wird durch Zeugen, durch Menschen. Evangelium bewirkt, dass die „bösen Geister“ nicht mehr zu Wort kommen. In der heilsamen Begegnung sind sie zum Schweigen bestimmt. Über den Anfang kommen wir oft nicht hinaus.

Wir fangen noch einmal an.

Was hat man alles dabei, wenn man zum Gottesdienst geht? Außer Gesangbuch und evtl. einem Partner sind sie ja auch irgendwie mit dabei: Die Kinder, genauer, die Sorgen, die man um sie hat. Der Kummer um einen erkrankten, lieben Menschen ist ebenfalls mitgekommen. In der Seele trägt man sowie alles immer mit sich, was einen umtreibt. In der biblischen Bildwelt sind das die „Dämonen“: Trauer. Schwermut. Depression. Orientierungslosigkeit. Fehlender Mut.

Auch sie ist immer dabei: Die ganze Lebensgeschichte mit all den großen und kleinen Zettel auf den notiert ist: „Du bist schuld“. Manche dieser Zettel hat man sich selbst ins Lebensalbum geklebt. Andere tragen fremde Handschrift.

Unter all den Geistern und Dämonen ist der Schuld-Dämon der schlimmste, weil er ständig quasselt und sich in jeden kleinen Freiraum, den die Seele sich gönnen will, hineindrängt. Halt, gerade bin dabei, gegen die Anweisung des Evangeliums zu verstoßen. Schweigen sollen sie doch, die Dämonen! Wir fangen noch einmal an.

Dem Evangelium begegnen

Versuchen wir, ein wenig voran zu kommen, über den Anfang hinaus.

Unsere Anfangsgeschichte handelt von der Begegnung mit dem Evangelium, von der Begegnung mit Jesus Christus. In dieser Begegnung geschieht das wie mit den Freunden, die von außen kommen, klingeln und einem helfen, im Innern die Dämonen, den Streitgeist zum Schweigen zu bringen.

Bei diesem Gedanken wollen wir verweilen und in die Tiefe gehen. Wir lassen uns vom Markus-Evangelium leiten und betrachten die Anfangsbilder. Man könnte ja erwarten, dass Markus am Anfang nur von Freude und Gelächter, von Befreiung und Vergebung spricht. Er aber notiert mehr, erzählt mehr als nur vom Licht.

Die Menschen erschrecken über Jesus. „Er hat eine neue Art, zu lehren“, stellen sie fest. Beides prägt die Anfangsgeschichte des Markus: Die Freude über Heilung und Rettung und das Erschrecken zugleich. Erschrecken darüber, weil eine andere Macht ins Leben kommt, eine Macht, die Wandel mit sich bringt.

Schnell sind die zur Stelle, die ihre Macht bedroht sehen: Für Sündenvergebung haben wir klare Regeln, protestieren die Religionswächter, deren Rolle heute zumeist die Medien übernommen haben: Nein, so einfach geht das nicht. Es kann doch nicht jeder Vergebung zusprechen! Erst müssen die Sünden offenbart werden. Erst muss der Sünder seinen Platz am Pranger einnehmen: in den Zeitungen, im Internet und vor allem in den Köpfen der Menschen. Erst muss die Schuld groß werden und öffentlich muss sie sein. Dann vielleicht könnte man über Ablass reden. Aber Vergebung und Neuanfang? Nein, das Internet, so sagt man, vergisst nichts. Nein, und vor allem nicht so einfach bitte. Erbittert kämpft der ärgste aller Dämonen um seine Macht: Der Schuld-Dämon.

Schuld gibt dem Macht, der die Schulden verwaltet. „Ich verzeihe dir nicht“, heißt es im persönlichen Leben und mancher genießt darin die Macht, die mit der verweigerten Vergebung verbunden ist. Andere aber auch leiden darunter, dass dieser oberste Dämonen bei ihnen eingezogen ist.

Schulden müssen bezahlt werden, heißt es heute in ganz anderem Zusammenhang. Der Gedanke, Schulden zu erlassen, hat nicht nur in der Welt der Finanzen für viele Menschen einen bedrohlichen Charakter.

Das Evangelium jedoch gründet vor jeder Moral, vor jedem Gesetz, vor jeder Regel, vor aller Vernunft in Gott als dem „Geheimnis der Welt“ und dieses Geheimnis ist Liebe. Lassen wir es Eberhard Jüngel, einen der großen Theologen unserer Zeit sagen:

Der Satz „Gott ist Liebe“ ist formulierte Wahrheit. Soll dieser Satz nicht zur Formel gerinnen, muss er sowohl gelebt als auch gedacht werden. Vom Leben dieser Liebe, vom Anfang, von ihrem Aufleuchten handelt die Anfangsgeschichte bei Markus.

Die machtvollen Worte des Evangelium, als da sind Liebe und Vergebung, kommen von außen auf uns zu. Sie befreien und sie verunsichern zugleich. Sie befreien uns zum Leben, zum Neuanfang. Über den Anfang kommen wir nicht hinaus. „Wir sind Bettler“, soll der sterbende Martin Luther gesagt haben.

Keiner fragt nach dir?

Womit an den Punkt gekommen, unserem Evangelium eventuell zu widersprechen. „Jedermann sucht dich“, hatte Petrus gesagt, als Jesus sich zum Gebet zurückzog.

Ist es richtig, wenn ich hier widerspreche? Und schon spüre ich, wie die Jammer-Dämonen ihre Chance erkennen, endlich wieder reden zu dürfen um mitzusingen beim Klagelied über Unkirchlichkeit, fehlenden Glauben, Vereinzelung der Menschen, grenzlose Habgier u. dgl. mehr. Freilich ist es auch notwendig, das zu benennen, was dem Evangelium entgegen steht. Das Evangelium aber ereignet sich nicht in der Anklage.

Von Dennis Kelley, einem zeitgenössischen englischen Dramatiker, gibt es ein Stück mit dem Titel „Die Götter weinen“. Das Stück ist ein beklemmendes Zeitgemälde, das von Machtbesessenheit, Gewalt und Habgier erzählt. Im Mittelpunkt steht ein rücksichtsloser Geschäftsmann, dessen Rückzug aus dem Alltagsgeschäft einen zum Weltkrieg führenden Machtkampf heraufbeschwört, in dem die Menschen sich und ihre Welt verlieren und zerstören. Jeder der Mitspieler ist nur auf seinen Vorteil auf. Der Geschäftsmann aber, der sich gewissenlos gab und auch so handelte, wird in der letzten Szene gerettet. Seine Retterin ist eine junge Frau, deren Familie und Leben er einst zerstört hatte und die auch ihr Leben verliert. Die Moral dieses finsteren Gemäldes ist schlicht: Rettung und Zukunft hat unsere Welt nur dort, wo Vergebung wirksam wird und Feindesliebe stark wird, so schwer sie der jungen Frau in diesem Theaterstück auch fällt.

Wir kommen über den Anfang nicht wirklich hinaus. Das müssen wir aushalten. Mit den Worten Martin Luthers gesagt:

Unser Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber in Gang und im Schwung. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.

Wir klingeln an der Tür

Auf vielfältigste Weise geschieht das, was ich eingangs erzählte. „Wir klingeln an den Türen dieser Welt“. Mehr kann und mehr muss unsere Kirche im Dienst des Evangeliums nicht tun. Uns trägt das Evangelium und wir tragen es in diese Welt. Das ließe sich nun sehr gut belegen. Ich könnte auf Diakonie und all die vielen kirchlichen Institutionen verweisen, die hier bei uns oder gar weltweit tätig sein. Das aber will ich nicht tun, denn da könnte ein falscher Eindruck entstehen, als sei das Evangelium deswegen gut, weil es sich als sozial, als nützlich erweist und evtl. sogar pädagogisch sinnvoll ist.

Das Evangelium kommt zu uns wie ein Besuch. Da tritt ein anderer, das tritt Jesus in unseren Lebenszusammenhang und auf einmal müssen all die Dämonen schweigen. An dieses Ereignis von Liebe und Vergebung glauben wir. Darin wollen wir leben. Wir kommen über den Anfang nicht wirklich hinaus. Das dürfen wir aushalten in voller Gewissheit, am Ende doch stärker zu sein als alle Dämonen dieser Welt. Das dürfen wir aushalten als Menschen, die aus der Vergebung neu atmen und leben lernen, leben wollen.

drucken