Worte gegen die Angst, Pt. II

Liebe Gemeinde!
Angst ist ein mächtiges Wort. Dabei ist Angst nicht generell schlecht oder gut. Angst zu haben ist zunächst einmal nichts schlechtes. Angst ist ein Schutzmechanismus. Evolutionsgeschichtlich hat die Angst die wichtige Funktion in tatsächlichen oder vermeintlichen Gefahrensituationen ein angemessenes Verhalten ein zu leiten.
Schlimm und bedrohlich wird es für uns, wenn diese Angst, die eigentlich dem Lebenserhaltungstrieb das Wort spricht, manipuliert und ausgenutzt wird.
Wir halten fest: Die Angst ist ein Gefühl, welches für sich genommen nicht schlecht ist. Angst zu empfinden ist eine natürliche Reaktion des Körpers. Angst zu haben schützt uns in vielen Situationen davor riskante Dinge zu tun. Angst ist also ein Schutzmechanismus, der unserem Körper in gefährlichen Situationen z. B. zur Flucht anleitet.

Angst hat aber auch ein anderes Gesicht. Sie kann beklemmend sein und den Menschen lähmen. Solches Verhalten hat unsere Epoche nicht erfunden, wohl aber zu einem bedeutsamen Höhepunkt geführt. Wie ein Kinderspiel nimmt sich heute dagegen die Eintreibung der Ablässe vor nun beinahe 500 Jahren aus, im Vergleich zu den Manipulationen durch und mit der Angst, die es heute gibt.

In dem sehr lesenswerten Buch von G. Di Lornezo und A. Hacke mit dem Titel „Wofür stehst Du?“ aus dem Jahr 2011 schildern die beiden Autoren, wie in unserer Zeit der Begriff der Angst gefüllt wird. Dabei berufen sie sich auf den englischen Soziologen Frank Furedi, der in seinem Buch von einer „Culture of fear“, einer Kultur der Angst, spricht. In seinem Buch fragt der Soziologe, woher die in unserer Zeit wohl typische und häufig vorkommende „tiefsitzende Verunsicherung des Einzelnen kommt, die fast jeder von uns täglich spürt. Furedi zufolge ist ihre Ursache ein Verlust von Kontrolle über das eigene Leben, zusammen mit dem Schwinden traditioneller, Sicherheit gebender Sozialstrukturen, Werte, Verhaltensnormen.“ Wie wir diesem Wegfall von hilfreichen Geländern begegnen beschreibt Furedi so: „Dafür suchen wir ständig Ersatz: Ratgeber, Therapeuten, Coaches. Der Einzelne traut dem eigenen Empfinden nicht, weil er kein eigenes Empfinden mehr hat. Die Angst, so Furedis Kernthese, habe in unserer Gesellschaft ihr Verhältnis zur Erfahrung verloren. Die Folgen: Ständige Delegation von Verantwortung, permanente Irritation, dauerhafte Überforderung. Furedi beobachtet zudem, dass in unserer fragmentarischen Gesellschaft, […] ohne alte soziale Bindungen und auch ohne einen Konsens darüber, wohin sich unsere Gesellschaft entwickeln soll, die letzten verbindenden Elemente eben Angst, Pessimismus und Scheu vor riskanten Entscheidungen sind.“ (Übernommen aus „Wofür stehst Du? G. Di Lorenzo/ A. Hacke, 2011, S.111ff.)

Auch ich beobachte eine „jederzeit hysterisierbare Gesellschaft“ (Ebd.,S.110.) Beispielen aus der jüngsten Vergangenheit helfen dabei, sich zu erinnern: Denken Sie z. B. zurück an die Vogelgrippe. Welcher Medienwahn, welches Feuerwerk an Horrormeldungen wurde damals abgebrannt. Wie viel Angst wurde so erzeugt um die Menschen fast schon panikartig reagieren zu lassen. Tatsächlich gab es damals Hamsterkäufe eines Arzneimittels. Und am Ende war wahrscheinlich auch nur der Hersteller dieses Mittels Gewinner dieser unbeschreiblichen Angst-Kampagne. Man hatte sich erfolgreich der Angst bedient.

Die Gesellschaft, die Medien – alle reagierten völlig überdreht. Mahner wurden als unseriös gebrandmarkt. Nun, es ist dies ein trauriges, aber gutes Beispiel dafür, wie mit unseren Ängsten gespielt wird.

Auch zu Jesu Zeiten wurde mit der Angst der Menschen wirksam gespielt. Und es galt, damals wie heute, zwischen den Dämonen zu unterscheiden

[Text]

Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.
Anscheinend hatte Jesus damals den Nerv der Zeit getroffen, denn, so schildert es der Text, eine ganze Stadt war auf den Beinen und lagerte sich vor dem Haus in dem er war und hoffte auf ein Zeichen des Lehrers. Und Jesus entzog sich der Menge zunächst nicht. Er heilte viele und vertrieb manch bösen Geist.

Ein böser Geist, ein Dämon, das ist etwas wirkmächtiges. Das ist etwas, das uns besitzt, nicht wir ihn. Ein Dämon beherrscht. Ich stimme Karl Barth nicht zu, wenn er sagt, dass die Dämon nur unwesentlich seien. Dem ist nicht so: Die Dämonen, die Ängste, die bösen Geister, die uns manchmal reiten sind nämlich weder zu verharmlosen noch sind sie zu übersehen, denn allein der Schaden, den sie verursachen ist kaum unwesentlich zu nennen.

Die gesunde Angst ist manchmal ein guter Ratgeber. Die ungesunde Angst ist das nicht. Ich habe das ja zu Beginn schon dargestellt. Wer Angst hat, ist manipulierbar. Wer Angst hat, ist leichter steuerbar. Es ist darum absolut wichtig, dass wir unterscheiden können, zwischen der richtigen und der falschen Angst. Fast könnte man sagen, dass Jesus in der Markusgeschichte so etwas wie ein Angst-Aufklärer ist. Jesus kommt, er ist da, er predigt das freimachende Wort und befreit.
Jesus will keine ferngesteuerten Menschen.
Jesus will auch keine überhitzen Gemüter, die von der einen Abhängigkeit in die nächste fallen.
Jesus will freie, selbst denkende und selbstverantwortlich handelnde Geschöpfe. Warum sonst sollte er sich der Menge entziehen? Eine ganze Stadt hatte doch nach ihm verlangt. Jesus geht, weil er alles getan hat, was er tun kann: Er hat das freimachende Wort Gottes gepredigt und geheilt. Jetzt hat diese Stadt alles gehört, was sie braucht um selber weiter machen zu können.
Er hat die Dämonen vertrieben und so eine gute Grundlage geschaffen. Er hat den Menschen wieder eine Perspektive ohne falsche Angst gegeben.

Nun, liebe Gemeinde, ein Mittel gegen die Angst kennen und benennen, das ist die Aufgabe, der wir uns heute auch gegenübersehen. Wie wir das gegen eine wirkmächtige Lobby tun sollen? Das ist eine gute Frage. Gegen eine Panikmache par excellence können wir uns kaum wehren und wohl auch kaum entziehen. Aber wir können lernen zu unterscheiden, was hilft und was schädigt, was nützt und was nicht hilft. Und wir haben einen Richtungsanzeiger, der uns sagt, welchen Weg wir gehen sollen. Seine Predigt des Wortes Gottes stützt die Menschen, richtet sie auf. Oder anders gesagt: Der Mensch, der sich Gott ausliefert kann berechtigterweise darauf hoffen, angenommen zu werden. Aller Zerrissenheit „allen Drohungen der Existenz“ zum Trotz ist Jesus da und stellt uns wieder auf die Füße. „Dieses Sich ausliefern nennen wir Glauben!“ (Vgl. P. Tillich, Die neue Wirklichkeit, S. 100).

Um die falschen Ängste zu vertreiben bedarf es eines mächtigen Wortes. Es ist uns schon gesagt worden. Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

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