Wie es mit den "reichen Jüngling" weitergeht

Liebe Gemeinde,

Begegnungen mit Jesus Christus lassen uns Menschen nicht unberührt.
Manchmal wird die Wirkung beschrieben: Lahme können wieder gehen, Aussätzige werden gesund.
Heute empfinden wir das meist schwierig, so direkt von den Wirkungen Jesu Christi in unserem Leben zu reden.
Und deshalb war ich zwei Wochen auf einer Fortbildung in der Nähe von München, um zu lernen, wie man von Gott und seinem Wirken in der Welt besser reden kann.

Herausgekommen ist dabei unter anderem folgende Geschichte:

Und als Jesus sich auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?
Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.
Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter.«
Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.
Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!
Er aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.
Und Jesus sah um sich

schaute ihm nach, wie er zwischen den Olivenbäumen verschwand. Die Zweige verdeckten seine Silhouette, so als ob er sich stückchenweise auflöse.

Dotans Schritte aber, die nach der Begegnung mit Jesus zittrig waren, wurden allmählich wieder fester. Hinter den Olivenbäumen begann für ihn vertrautes Gelände. Er konnte von ferne sein Haus sehen, um das ihn seine Nachbarn beneideten. Nicht weil es besonders groß, sondern weil es liebevoll eingerichtet war. Die Möbel hatte er von überall her zusammengetragen. Manche hatte er von Geschäftsreisen mitgebracht. Als Öl- und Weinhändler kam er im gesamten Mittelmeerraum herum. Für andere hatte er extra Handwerker kommen lassen, die ihm empfohlen worden waren. Da war z.B. dieser Zimmermann Joseph aus Nazareth, an dessen Seite er Jesus das erste Mal gesehen hatte. Joseph hatte ihm einen Wandschrank gefertigt, der jetzt Gläser und Geschirr aufnahm. – Essen und Trinken war für Dotan immer mehr als nur Aufnahme von Nahrung. Es war Gemeinschaft, Miteinander und auch Teilen.
Als er daran dachte, begann er sich zu ärgern. – Immer schon hatte er gegeben und mit den Armen geteilt. Natürlich nicht so, dass es für ihn, seine Familie oder für die, für die er sich trotz seiner jungen Jahre verantwortlich fühlte, existenzbedrohend war. Dotan gab von seinem Überfluss, mehr als den Zehnten, ohne dass er sich dessen rühmte. Wenn er es überhaupt einmal in der Synagoge erwähnte, dann nur, indem er still Gott dankte, dass er überhaupt geben konnte.
Dotan stieß die Tür auf und trat vor den Wandschrank. Er öffnete die Türen nicht. Wozu auch. Er wusste, was drinnen war und brauchte im Moment weder Gläser noch Geschirr. Wie der Schrank fühlte auch er sich verschlossen, so als ob er all das, was in ihm ist, im Moment nicht zu gebrauchen wäre.
Er starrte den Wandschrank an und bemerkte dabei gar nicht, dass seine Frau Ruth an ihn herantrat. Er zuckte zusammen, als sie ihm liebevoll die Hand auf die Schulter legte. Doch er drehte sich nicht zu ihr um, sondern blickte weiter zum Schrank.
„Nun – wie war deine Begegnung mit Jesus?“
„So lala. Wir haben eine Diskussion geführt. Und am Ende hat er mich stehengelassen.“
„Wie – stehen gelassen?“
Dotan konnte spüren, wie Ruth ihn anschaute. Sie fühlte, da war noch mehr.
„Na, er wollte, dass ich hier alles aufgebe und ihm nachfolge. Ich weiß, dass seine Jünger das getan haben, doch ich weiß auch, dass diese Radikalität nicht meine ist. Ich versuche das Haus und das Geschäfte ordentlich zu führen, den Knechten ein anständiger Herr zu sein und dir und den Kindern ein guter Ehemann und Vater.“
„So hast du dich entschieden?“
„Ja,“ antwortete Dotan knapp, riss sich vom Wandschrank los, warf ihr ein „Ich gehe in die Stadt. Warte nicht mit dem Essen auf mich.“ zu und trat aus der Tür.

Der Weg nach Jerusalem dauerte eine Stunde. Er schritt durch das Tor der südlichen Vorstadt. Die Kamele mit ihren Händler standen davor und warteten darauf von den Zöllnern abgefertigt zu werden. Er nickte Simon, der heute Dienst hatte, kurz zu, und dieser grinste zurück, so als ob er wisse, wohin Dotan gehen würde.

Und in der Tat, seine Schritte führten ihn zu Maria, seiner Lieblingshure. Eigentlich war sie für ihn weit mehr als das, was man gemeinhin von einer wie ihr erwarten konnte. Oft war es nicht ihr Körper, den er begehrte, sondern ihren Geist. Gerne erinnerte er sich an ihren bitterfrischen Geruch nach einer Zitronenart, deren Namen er sich nicht merken konnte und daran, dass ein Hauch dieses Duftöles dem Tee einen ganz besonderen Geschmack verlieh.
Bei alldem empfand Dotan nicht, dass er seine Frau betrog. Er liebte sie, doch das hier war eine ganz andere Welt, sein Geheimnis, eine Auszeit. Und Ruth blieb er nichts schuldig.
Doch Marias Wohnungstür blieb verschlossen. Ihre Nachbarin, die im gleichen Gewerbe tätig war, sagte ihm: „Du wirst sie nicht mehr antreffen. Sie hat ihren Beruf aufgegeben. Folgt diesem Jesus.“
„Ich wusste gar nicht, dass ein Rabbi auch Frauen unterrichtet.“, entgegnete Dotan blass. Das Zittern in seinen Beinen war wieder zurück gekehrt.
„Dieser schon. – Übrigens, ich bin auch nicht schlecht, “ rief sie ihm hinterher als er wortlos die Haustür schloss.
Ihm fiel das letzte gemeinsame Gespräch ein. Sie hatten sich über Sünde und Gnade unterhalten und ob das, was er täte Ehebruch sei und ob Gott ihm vergeben würde. Er hatte die Position vertreten, dass Gott am Ende der Zeit allen alles vergeben würde, damit niemand verloren sei, anderenfalls wäre seine Schöpfung ja gescheitert.
Maria hingegen redete davon, dass es auch darauf ankäme, Gottes Gnade, wenn sie sich einem zeige, schon zu Lebzeiten zu ergreifen und danach zu leben. Für das Zeigen sei man nicht verantwortlich, wohl aber für das Ergreifen und das Danachleben.
An diesem Tag hatten sie nicht miteinander geschlafen. – War sie damals schon auf dem Sprung?

Aus der Gasse trat er auf einen breiteren Weg. Er führte zur Synagoge und wand sich wie eine Schlange. Warum Wahrheit und Gelehrsamkeit nicht gradlinig sind, fragte er sich zum wiederholten Mal.
Sein Lehrer Akim wohnte gleich neben der Synagoge. Wie oft war er bei ihm gewesen. Seine Studien bei ihm hatte er als Praktikum des Denkens bezeichnet. Nicht immer verstand er Akims gelehrte Argumentation, aber er hatte Gefallen an seinen Gedanken. Sie schienen ihm wie seltene Blumen, die er vorher nie gesehen hatte und wohl eines besonderen Bodens bedürfen.
Unschlüssig stand er vor der Tür als diese sich öffnete. Der derzeitige Jünger Akims sagte: „Der Rabbi erwartet dich.“ – „Wieso?“ – „Was weiß ich? Er sagte nur: öffne die Tür. Er will fragen.“
Rabbi Akim saß mit übereinandergeschlagenen Beinen sinnend da. Sein Kinn ruhte auf der Faust. Sein Blick ging in sich.
„Es ist gut, dass du kommst. Das Äußere will ins Innere.“
Dotan verstand nichts.
„Du bist heute das Äußere. Ich ruhe hier. Schaue. Denke. Doch ein Gedanke will sich mitteilen und wünscht empfangen zu werden.
Du weißt, dass ER – sein Name sei gepriesen – die Gesetze gab, damit wir wissen, was vor seinen Augen wohlgefällig ist. Und doch war ER – sein Name sei gepriesen – immer daran interessiert, wie sie aufgenommen und gelebt werden. ER – sein Name sei gepriesen – obwohl sonst fern, hat Gestalt angenommen im Nahen, damit wir Ihn erkennen.“
Dotan verstand wieder einmal nichts. Und doch fühlte er, dass das, was ihm sein alter Lehrer sagte ihn unmittelbar angeht. – Er rettete sich in eine konkrete Frage: „Was hältst du von Jesus?“
Schweigen.
Dotan war sich über den Grund nicht klar. War es die Nennung des Namens? War es Konkurrenz unter den Rabbinen? Ein Fettnäpfchen? Doch das Schweigen fühlte sich anders an. – Er wiederholte seine Frage, denn er wusste Rabbi Akim würde ihm die Antwort nicht schuldig bleiben.
„Sterne leuchten in der Nacht. Auch im Licht des Mondes gibt es Schatten. Er ist. Aber ich habe ihn noch nicht. Also werden wir erst.“

Dotan spürte, dass Akim diese seine Frage gebraucht hatte. Was er seiner Antwort entnahm, war, dass dieser Jesus irgendetwas zwischen Gegenwart und Zukunft ist, noch unklar, aber in der Tendenz deutlich.

Dotan sehnte sich nach all dem nach Ruhe. In seinem Kopf drehte sich alles. Es zog ihn ans Grab seines Vaters.
„Hier ruhst du. Von dir habe ich alles: mein Leben, den Hof, das Geschäft. – Warst du auch eigentlich so unruhig? Geschäftig ja, das weiß ich, sonst wäre nicht, was wir haben. Ich führe deine Sache gewissenhaft weiter. Und doch fehlt mir was. Ich möchte sehen, erkennen und auch Ruhe finden.“
Und obgleich Dotan schon oft am Grab seines Vaters gewesen war, erblickte er erst jetzt das Kürzel eines Spruches aus der Thora. Dotan erinnerte sich an ihn. Da waren seine Studien mit Akim unbezahlbar: Er – dessen Name geheiligt sei – sprach zu Mose, der ihn sehen wollte: ‚Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.‘
Ob sein Vater Gnade bei Gott gefunden hatte? Hat er sich ihm erst im Tode offenbart? Oder ist ein erfolgreiches Leben nicht auch schon Ausdruck für Gottes Gegenwart und Gnade? Und geschieht Erbarmen und Gnade nur einmal oder gibt es immer wieder die Gelegenheit dazu?
Wieder begann Dotan zu zittern. Sollte er im Gespräch mit diesem Jesus eine Gelegenheit ausgeschlagen haben?
Ach – Quatsch. Schließlich ist dieser Jesus nicht Gott. – Und wenn doch? Etwas auf Gott Durchscheinendes scheint er zu haben.
Dotan wollte nach Hause. Er verließ den Friedhof, nicht ohne auf dem Grabstein einen Kiesel abgelegt zu haben.
„Los, lass dich nicht so hängen. Zurück ins Leben.“ Dotan redete mit sich selber, machte sich Mut.

Und als ob ihn das unbeschwerte Leben wiederhaben wollte, hörte er aus einem Hof Musik. Sein Blick fiel auf den Saitenspieler. Mit welcher Geschwindigkeit er die Saiten anschlug, dem Instrument Klänge und Rhythmen entlockte, die in Ohr, Herz und Bein gingen. – Beschwingt ging Dotan weiter, um abrupt stehen zu bleiben.
„Was ist ein Instrument ohne Spieler? Was ist ein Musiker ohne Instrument? Wer macht den Klang? Welche Saite bringt Gott in mir zum Schwingen? Werde ich von IHM bespielt oder bin dich der Spieler, der ihn zum Klingen bringt?
Und wie gut muss ich als sein Instrument sein, um Wohlklang hervor zu bringen ….?“
Auf einmal schoss es ihm durch den Kopf. Jesus ist ein begnadeter Spieler, in dem Gott klingt. Und es ist nicht klar, ob er Instrument oder Spieler ist, doch seine Lebensmelodie, sein Klang schwingt nach wie ein ‚Ohrwurm‘.

Kurz vor seinem Haus, halb verdeckt von Olivenbäumen sah Dotan noch einmal Jesus und seine Jünger in der Ferne. Eine kleine, staubige Truppe. Er schüttelte über sich den Kopf. Wie hatte er es nur tun können, ihm vor die Füße zu fallen, als ob von ihm das Heil und ewiges Leben zu erwarten wäre …
… und doch klang eine sehnsüchtige Melodie leise in ihm nach …

Amen.

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