Das kann ich nicht!

Liebe Gemeinde, liebe Gäste, liebe Freunde,

ein Mann kommt zu Jesus. Wir erfahren nicht, ob er jung oder alt ist. Reich ist er, das stellt sich bald heraus. Und er gehört offensichtlich zu den Menschen, die in ihrem Leben alles richtig machen wollen. Da wird nichts dem Zufall überlassen. Ein Mensch, der alles richtig machen will, weiß, dass er handeln muss. Etwas tun, Verantwortung annehmen, das Leben gestalten. Es soll doch gelingen.

Jener Mann in unserem Predigttext hat zudem schon begriffen, dass es dabei nicht ausreicht, nur an dieses Leben zu denken. Er hat die Ewigkeit im Blick. Er sucht Bleibendes. Was will man mehr? Solche Leute brauchen wir in dieser Welt. Leute, die mehr wollen, als schon da ist. Die hier ihr Leben in die Hand nehmen und nicht vergessen, dass es nicht nur um immer mehr geht, sondern am Ende ums Ganze: Ewiges Leben, Bleiben bei Gott.

Das ist ja nur konsequent – für einen Menschen, der alles richtig machen will. Es geht dann ja tatsächlich immer um alles, um das Vollkommene schlechthin. Das kann dieses Leben, wie wir es hier erleben, allein nie gewesen sein. Also bleibt ein Rest, für den auch noch gesorgt werden muss. Für den auch noch etwas getan werden muss, wenn man alles richtig machen will. „Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?“

Wer so fragt, geht davon aus, dass man dafür etwas tun kann. Dass es ein Rezept gibt, eine Handlungsanweisung. Man nehme. Und beachte alles peinlich und genau und gebe sich alle Mühe – und am Ende bekommt man, was man wollte.
„Guter Meister…“ Der, der allein in dieser Sache die richtige Auskunft geben kann, ist schon ausgemacht: Jesus von Nazareth, Sohn Gottes, Spezialist in dieser Frage nach dem großen Ganzen.

Guter Meister, was muss ich tun? Fürs bleibende, unvergängliche, bei Gott geltende Leben? Für die 100 Prozent?
Der Fachmann antwortet und irritiert zunächst mit einer Demontage seiner eigenen Autorität: „Was nennst du mich gut!?“ So fragt er zurück. „Gott allein ist gut zu nennen!“
Das erste Mal in diesem Dialog wird ein Abstand festgeklopft. Hier sprechen zwei Menschen miteinander. Und obwohl der eine mehr ist als das, will er den Unterschied markieren: Gut bist weder du, noch ich. Kein Mensch. Gott allein verdient es, so genannt zu werden.

Das muss einen Menschen, der immer alles gut und richtig machen möchte, schon etwas verunsichern.

Umso freudiger wird er vernommen haben, was nun folgt: Eine Zusammenfassung der Gebote, von denen er sein Leben bestimmen lassen soll. Als würde jener Mann, dem so daran liegt, es genau zu nehmen, sie nicht kennen, zählt Jesus sie ihm auf. Und nimmt nur die Gebote, die das Zwischenmenschliche betreffen. Die Gebote des Verhältnisses zu Gott, die ersten vier, bleiben ungenannt. Zufall oder Absicht?
Jetzt ist der (gute) Mann in seinem Element: „Die habe ich alle gehalten!“. Um sicher zu gehen, richtig verstanden zu werden, ergänzt er: Nicht erst seit gestern. Oder seit heute Morgen. Nein, von meiner Jugend an. Schon immer.

Donnerwetter! Wozu Menschen fähig sind, die alles richtig machen wollen. Das nötigt Respekt ab. Da gibt es einen, der hat tatsächlich alle Gebote, alle Einweisungen ins Leben mit allen Menschen um ihn herum befolgt. Es geht! Hut ab.

Jesus kommt nicht umhin, ihn liebevoll anzusehen. Vielleicht war es der Blick, mit dem ein Vater seinen Sohn anschaut. Mit dem eine lebenserfahrene Mutter ihr Kind anschaut, das ihr ebenso naiv wie eifrig seine Weltsicht mitteilt. Ein mitfühlender Blick, wie wir ihn für jene haben, die sich am Ziel wähnen und nach unserer Einschätzung doch noch einen weiten Weg vor sich haben. Weil wir wissen, dass hinter dem Berggipfel, der fast erklommen ist, nur ein weiterer, noch höherer Gipfel auf uns wartet.

Jesus schaut diesen Mann liebevoll an und mutet ihm zugleich viel zu. Er setzt das Gespräch fort und gibt ihm, was er sucht: „Bei aller Liebe, eins aber fehlt dir noch!“

Eins aber fehlt noch! Das ist das Schlimmste für jeden Sammler. Eins fehlt in meiner Kollektion! Das ist der GAU für jeden Perfektionisten. Eins hast du noch nicht. Das ist der Satz, den es im Leben eines Mannes nicht geben darf, der alles richtig machen will.

Und es ist der Satz, den er zugleich dringend braucht! Er muss doch wissen, dass ihm noch etwas fehlt. Und was ihm fehlt. Nur so kann er wieder etwas tun, etwas unternehmen, um die 100 Prozent zu erreichen.

Was ist es, was fehlt noch?

Gleich will ich losgehen und die Sache erledigen. An mir soll es nicht liegen. Ich werde auch das meistern, auch darin vorbildlich sein. Ich habe bisher alles geschafft. Wenn es nur noch diese eine Sache ist, bis zur Vollkommenheit, dann werde ich mir so viel Mühe geben, wie noch nie. Worum handelt es sich? Was soll ich machen?

„Geh hin und verkaufe alles, was du hast!“

Das ist es also, was noch zu tun bleibt. Diese Aufgabe noch erledigen und sich dann endlich am Ziel wissen. Dann hat die liebe Seele Ruh.

Alles verkaufen. Alles den Armen geben. Und dann mit Jesus mitgehen. Gut. Klare Ansage. Aufgabe erkannt.

Aber das kann ich nicht. „Das kann ich nicht!“

Vielleicht ist es das erste Mal im Leben dieses Mannes, dass er etwas nicht kann. Dass er gegen die Wand läuft und es ist keine Tür zu suchen und zu finden, keinen Hebel anzusetzen gibt, kein Umbogen möglich ist. Er kommt an seine Grenze. Und sie ist unüberwindbar für ihn.

Diese Grenze ist nicht die ersehnte letzte, hinter der keine weitere Möglichkeit mehr liegt, keine letzte Herausforderung, keine allerletzte Aufgabe. Es ist die vorletzte Grenze, die ihm zeigt, dass er schon noch etwas können müsste, es aber beim besten Willen nicht vermag.

Diese Grenzen sind es, liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde, die uns richtig wehtun.
An ihnen scheitern wir. Und sind damit so menschlich wie selten sonst. „Ich kann es nicht!“. Das ist ein ganz menschlicher Satz. Für den wir uns schämen. Den wir besser für uns behalten. Den wir deshalb nur noch selten hören in unseren Tagen, wo es allenthalben gilt, gut dazustehen und sich noch besser zu verkaufen.

Bei jenem Mann auf der Suche nach dem Ewigen war es das Geld, der Reichtum, der ihn aufhielt. Golden war die Fessel, der er sich nicht entwinden konnte, die ihn und so viel nach ihm so unerbittlich an die Grenze geführt hat.
Mission impossible. Entmutigt und traurig geht er davon.

Liebe Gemeinde, es gibt – vergessen wir das nicht – eine Traurigkeit über uns selbst, die uns weiterbringt. Einen heilsamen Schmerz, der uns lernen lässt. Den wir brauchen, um uns wirklich zu ändern.

Grenzen, Wände, die Dinge, die wir nicht so hinbekommen, wie wir sollten, machen uns traurig und nachdenklich. Das Scheitern – irgendwann – an der letzten großen Herausforderung. Die uns nicht durchlässt zum Ganzen. Die alles zum Vorletzten macht.
Dieser Schmerz, diese Traurigkeit, sie erinnern uns wieder daran, dass auch alle unsere bisherigen Grenzüberschreitungen, Erfolge und nachweislichen Leistungen gebrochen und unvollkommen bleiben. Gut ist Gott allein, hat der Meister gesagt. Hat Jesus vielleicht diesem Mann, diesem wandelnden Vorbild, bewusst eine Aufgabe gegeben, die dieser nicht lösen kann? Um ihn von seiner Jagd nach dem Ganzen zu befreien?

An den Grenzen merken wir, wie es um uns steht. Wo wir stehen. Vielleicht brauchen wir sie deshalb. Die Wände, gegen die wir rennen, die Dinge, die wir nicht in den Griff bekommen, die Aufgaben, die uns eine Nummer zu groß bleiben.

Also schleichen wir heute traurig, deprimiert und ernüchtert aus diesem Gottesdienst? Vielleicht sogar mit der Botschaft im Ohr, wir könnten sowieso nichts tun, immer und überall, jede Anstrengung ist vergeblich, denn unter uns sei ja doch nichts wirklich Gutes zu finden…?

Das wäre fatal. Gut ist Gott allein, so hat Jesus gesagt. Und dann noch nachgelegt: Bei den Menschen ist es nicht möglich, aber bei Gott durchaus, so belehrt er seine zutiefst entsetzten Nachfolger.

Und da ist er wieder, der Unterschied, der Abstand. Es gibt eine Grenze, hinter die kommen wir nicht. Wir können an den Gitterstäben rütteln und versuchen, das zu sein, was nur Gott allein sein kann: Gut und vollkommen. Es ist vergeblich.
Wir können unser ganzes Leben damit verbringen, uns vor der Wand gegenseitig anzufeuern. Und uns gegenseitig anzuklagen, warum wir da nicht drüber kommen. Wir können uns über unsere Begrenztheit ein ganzes Leben lang grämen. Und dabei bitter werden. Enttäuscht von uns selbst. Und gleich auch noch von Gott, der uns ja diese Grenze gesetzt hat.

Oder wir können uns klarmachen, dass das, was Gott allein ist und kann, auch Gott allein tut und macht. Tatsächlich tut. Und wir es ihm nicht wegnehmen müssen. Und auch gar nicht wegnehmen können.

Das wäre doch eine nicht auszudenkende Entlastung, wenn wir innerhalb unserer Grenzen tapfer unterwegs sind in diesem Leben. Und dabei durchaus unser Bestes geben. Aber dort, wo wir den Schmerz fühlen, wo wir ohnmächtig sind, wieder gelassen einen Schritt zurücktreten können.

Gott sitzt im Regimente, der Platz ist besetzt. Wir sind nicht wie er und müssen es auch nicht sein. Wer sind wir, dass wir Gott den Platz streitig machen wollten?

Man will es nicht glauben: Manchmal muss man von genau diesem Wahn geheilt werden. Unter Schmerzen.

Die Grenze, die Begrenzung als Entlastung verstehen. Das heißt dann, liebe Gemeinde: Ich muss nicht immer alles richtig machen. Das heißt dann auch: Ich darf etwas falsch machen, etwas unerledigt lassen, etwas nicht können, etwas nicht schaffen.

Denn ich bin nicht der Allmächtige. Als gläubiger Nachfolger des Meisters Jesus habe ich aber gelernt, dass es ihn gibt, den Allmächtigen und Barmherzigen, der mich mit den Augen dieses Jesus liebevoll ansieht. Bevor ich scheitere. Und danach auch noch!

So macht mich nicht nur mein Scheitern menschlich. Sondern innerhalb meiner Grenzen dieser liebevolle Blick des Vaters und der Mutter, die mehr sehen und mehr können, als ich mir je vorstellen kann. Deshalb kann ich durchaus traurig davon gehen. Ich könnte aber auch froh darüber sein, das alles so ist, wie es ist. Mit mir. Und mit Gott.

Amen

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