Überwindung unses Sofaglaubensmentalität

Gnade sei mit euch, und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus!

Die Szene ist so anschaulich, dass man das Gefühl hat, man lausche Petrus bei seinen Erzählungen. Jesus, der sich wieder auf den Weg machte – das Ziel seines Weges ist die Passion in Jerusalem.

Diese Geschichte gibt mir immer wieder zu denken: Sollte ich vielleicht doch alles zurück lassen? Sollte ich radikal arm leben? Sollte ich alles stehen und liegen lassen? Sollte ich aus dieser kapitalistischen und leistungsbezogenen Gesellschaft entfliehen und ein armes und ein bescheidenes Leben führen, was Gott gefällig ist? Diese Fragen fordern mich heraus, mein Leben kritisch zu überdenken. Gleichzeitig sagt mir der Text aber noch etwas Anderes. Auf diesen anderen Aspekt möchte ich näher in dieser Predigt eingehen.
Als der Mann als Anrede für Jesus guter Meister wählt, erwidert Jesus etwas Eigenartiges: „Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen.“ Wenn niemand außer Gott gut ist, was können wir dann für das ewige Leben überhaupt tun? Dann sind ja alle unsere Taten schlecht! Ohne Zweifel bringt Jesus hier zum Ausdruck, dass jeder Mensch böse ist.

Jesus sagt nicht, dass die Anrede „Guter Meister, Rabbi“ falsch sei. Nein, er verweist nur daraufhin, dass sie im Grunde keinem Menschen zukommt und zusteht! Aber deutet er damit nicht zugleich an, dass er, Jesus selbst, „Gott“ ist und dass ihm deshalb diese Anrede sehr wohl zukommt?

Diese Reaktion zeugt von Jesu unglaublichem Sendungsbewusstsein. Er weiß genau, wer ihn geschickt hat und er vergisst es auch nicht, nur weil ihm jemand gerade schmeichelt. In seiner Antwort verweist Jesus ebenfalls gleich auf Gott. Er zitiert die Gebote, die Gott den Menschen gegeben hat. Mein spontaner Gedanke war, ich nenne dich Jesus deshalb Gut, weil ich mich auf dich verlassen kann“. Und nun kommt die Kardinalsfrage: „Guter Meister, Jesus, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen, zu erlangen?“ Gibt es eine wichtigere Frage im Menschenleben? Eins muss man auf jeden Fall festhalten: Diesen jungen Mann war das „ewige Leben“ wichtiger als seine Karriere, wichtiger als sein Ansehen und wichtiger als das viele Geld! Und wenn irgendjemand Auskunft über das „ewige Leben“ geben kann, dann ist es Jesus. Jesus antwortete: „Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter!“ Der junge Mann erwiderte ihm: „Meister, Jesus, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt.“

Nachdem Jesus erfährt, dass der Mann diese Gebote ohnehin sein Leben lang befolgt hat, gibt er ihm ein weiteres Gebot: Sein Geld an die Armen zu verschenken. Dieses Gebot zeigt, wie Jesus sich die ideale Nachfolge vorstellt. Wer erkannt hat, welchen Schatz er an Gott hat, braucht keine materiellen Reichtümer mehr, sondern ist befreit zu einem Leben in Liebe und Barmherzigkeit.

„Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“

Mit seiner Antwort wollte Jesus bei diesem jungen Mann das Bewusstsein seiner Sünde erwecken. Denn wie dieser junge Mann so leben auch wir in einer Illusion, dass wir das „ewige Leben“ erben und erlangen können, wenn wir etwas „gutes“ tun. Jesus zitierte ihm die fünf Gebote – „Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter!“ – die sich in erster Linie mit unserem Verhältnis zu unseren Mitmenschen beschäftigen. Aber liebte er seinen Nächsten wirklich wie sich selbst? Und wer ist denn mein Nächster? Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", lautet das Gebot von Gott. Gerne wird es immer wieder zitiert, doch oft bleibt es nur bei einer Floskel. Wie erfüllt man die Forderung tatsächlich im Alltag? Jesus gibt ein treffendes Beispiel. Keine Frage, Nächstenliebe klingt gut, sie sollte jeder praktizieren. Wenn es jeder ist, habe ich ja den ganzen Tag lang nichts anderes zu tun, als mich um alle in meinem Umfeld zu kümmern? Dafür habe ich keine Zeit, auch wenn ich wollte! Wie so oft findet man eine Antwort bei Jesus Christus. Zur Verdeutlichung erzählte er eine Geschichte, nachzulesen in der Bibel im Lukasevangelium, Kapitel 10, Verse 29 bis 37: Es ist die Geschichte des barmherzigen Samariters – jeder kennt diese Geschichte!

Der Nächste ist also einer, der uns in einer misslichen Lage begegnet und unsere Hilfe benötigt. Natürlich erfordern auch Familie, Freunde, Verwandte einen gewissen Pflegebedarf, was man meistens ja auch sehr gerne tut, da sie einem "nahe" stehen. Doch "Erbarmen" erweist man an solchen, um die sich sonst keiner kümmert, welche unbeachtet bleiben oder ausgeschlossen werden. Manchmal braucht es etwas Mut, um sich denjenigen anzunehmen, welche die Gesellschaft bereits abgehakt hat.

Im heutigen Alltag kann der Nächste etwa ein Außenseiter in der Schule sein, eine einsame alte Dame im Wohnblock, ein Bettler auf der Bahnhofstrasse etc. Doch bedeutet Barmherzigkeit nun, dass wir einfach jeden überall aufsammeln und glücklich machen müssen? Nein, das wäre unrealistisch, neben allen anderen Aufgaben, die man privat und beruflich zu erfüllen hat, unmöglich. Doch jeder kann nach seinen eigenen Möglichkeiten und Ressourcen handeln: Den Außenseiter zur Geburtstagsparty einladen, mit der alten Dame einen Spaziergang unternehmen und mit dem Bettler einen Kaffee trinken gehen – das kostet nur Überwindung und etwas Zeitaufwand.

Warum sollten wir das überhaupt tun? Ist nicht jeder sich selbst der Nächste? Wenn das so wäre, würde eine Gesellschaft nicht funktionieren können. Die Bibel schreibt, dass wir jeden so behandeln sollen, wie wir auch behandelt werden wollen. Jeder braucht Liebe und Aufmerksamkeit, alle kommen irgendwann mal an den Punkt, wo sie Hilfe benötigen. Gegenfrage: Warum sollten wir nicht helfen, wenn die Mittel, Möglichkeiten und Zeit vorhanden sind oder noch mit verantwortbarem Aufwand aufgetrieben werden könnten? Es gibt keinen plausiblen Grund, "untätig" zu bleiben.

Der junge Mann erwiderte ihm: „Meister, Jesus, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt. Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ Ja, wenn dann sollte er beweisen, indem er seinen Besitz verkauft und es den Armen abgibt. Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. Jesus meinte mit seiner Aufforderung nicht, dass der junge Mann hätte gerettet werden können, wenn er seinen ganzen Besitz verkauft und das Geld für wohltätige Zwecke gespendet hätte. Es gibt nur einen Weg zur Errettung und zur Heilung: Der Glaube und das Vertrauen an Jesus! Wenn wir zu Jesus kommen, dann werden wir alles haben, was wir zum wirklichen Leben brauchen, nämlich, das Heil und das ewige Leben. Der Schatz, das Vermögen und Wohlhabenheit ist irdisch und so sterblich, aber Jesus schenkt und gibt uns das „ewige Leben“, das höher und größer ist als das was wir irdisch besitzen. Jesus sah diesen jungen Mann an und sagte: „Eines fehlt dir, du hast noch nicht dein ganzes Leben Gott hingegeben.“ „Wir sollen Gott von ganzem Herzen lieben“.

Aber um gerettet zu werden, müssen wir alle einsehen, dass wir Sünder sind und die heiligen Gebote und Anforderungen Gottes nicht erfüllen können. Jesus verweist und zitierte die 10 Gebote, um den jungen Mann und uns allen seine und unsere Sündhaftigkeit vor Augen zu halten und zu zeigen. Dass der junge reiche Mann sich weigerte, seine Reichtümer zu teilen, zeigt, dass er seinen Nächsten nicht wie sich selbst liebte. Er hätte sagen sollen: „Jesus, wenn das verlangt wird, dann bin ich ein Sünder. Ich kann mich durch eigene Anstrengungen nicht retten. Deshalb bitte ich dich: Rette mich durch deine Gnade“. Aber, der junge reiche Mann liebte seinen Reichtum, sein Besitz zu sehr. Er war nichts willens, ihn aufzugeben. Er weigerte sich, alles aufgeben zu müssen. Als Jesus dem Mann sagte, er solle alles verkaufen, sagte er ihm nicht, damit er auf diese Weise Errettung erlangen sollte. Er zeigt dem jungen Mann, dass er das Gesetz Gottes gebrochen und deshalb Rettung nötig habe.

Nicht immer hat Jesus die Aufgabe des gesamten Besitzes verlangt. Aber in dieser Geschichte war es seelsorgerlich nötig.

Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. Diese Geschichte hat kein Happy-end. Sie gehört zu den traurigsten Geschichten des Evangeliums. Der junge Mann ist unglücklich! Dieses Vermögen, dieser Reichtum hielten ihn davon ab Jesus nachzufolgen. Sie hinderten ihn, das erste Gebot zu befolgen. So ist er schon am ersten Gebot gestrauchelt. Jesus sagt auch zu uns: „Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach“? Jeder von uns muss hier selbst die Antwort finden, aber ehe er es tut sollte, sollte er sein Leben, seinen Glauben und seine Nächstenliebe überdenken und hinterfragen. Wie der junge Mann, so können und dürfen auch wir frei entscheiden! Wollen wir, will ich auf das „ewige Leben“ verzichten? Jesus will uns retten und heilen. Jesu Liebe eröffnet uns alle Möglichkeiten. Wenn wir Jesus begegnen, steht es uns also wirklich frei, das Heil anzunehmen oder auch abzulehnen.

„Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Sie aber erschraken noch mehr und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich.“

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus!
Wer diesen Satz, diese Antwort Jesu richtig erfassen will, darf ihn nicht in einen soziologischen oder politischen Satz umwandeln, als wäre es Jesus um eine soziologische oder politische Stellungnahme gegangen! Nein, es geht ihm um die Seelsorge an den Menschen. Da sieht er – und die Begegnung mit dem reichen jungen Mann hat es wieder akut werden lassen – dass der Mammon, der Geldgötze, oft den lebendigen, wahren Gott verdrängt. Jesus Antwort ist bitter: „dass das, was menschlich unmöglich scheint, bei Gott möglich ist“. Es ist für Reiche besonders schwierig, gerettet zu werden, weil diese Menschen dazu neigen, ihren Reichtum mehr als Gott zu lieben. Sie geben eher Gott als ihr Geld auf! Sie vertrauen auf ihren Reichtum mehr als auf Jesus. Solange diese Menschen das tun, das Geld mehr lieben als Gott und Jesus, können sie nicht gerettet werden. Jesus deutet daraufhin, dass nicht das Ausmaß des Reichtums entscheidend ist, sondern an das Hängen und festhalten am Reichtum. Insofern kann schon ein Armer, der sein Fernsehgerät oder Motorrad über alles stellt, oder auch ein geistig Besitzender, der z. B. stolz auf seine Karriere und auf seine Kultur blickt, darunter fallen.

„Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“

Der Reiche, den Jesus mit dem Kamel vergleicht, ist einer, der seinen Reichtum ausschließlich als sein persönliches Eigentum betrachtet, er ist seine Lebensbasis, auf ihm ruht seine Sicherheit. Gibt er ihn preis, bricht sein Leben zusammen. Was ihm nach Jesu Worten fehlt, ist für ihn ja deshalb unerreichbar, weil er, wenn er es erlangen will, das preisgeben muss, was für ihn vor allem anderen nicht fehlen darf: den Reichtum!
Mit dem Kamel ist eine Mutation geschehen! Aus einem Reichen, der einst mit Macht an seinem, ihm allein gehörenden, Reichtum festhalten musste, ist ein Mensch geworden, der sich öffnen kann für die Bedürfnisse seiner Mitmenschen und ihnen nun in Liebe zugewandt ist.

Unser Besitz, unser Reichtum muss von unserem Thron im Herzen gerissen werden, und man muss vor Gott als Bettler stehen. Gott muss uns wichtiger sein als unser Reichtum und Besitz. Das müssen wir begreifen und diese Veränderung im Herzen herbeizuführen, ist einem Menschen nicht möglich. Das kann nur Gott! Ja, die Frage ist berechtigt: welcher Mensch kann überhaupt in das Reich Gottes kommen? Die Aussage Jesu ist hart: „Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich.“ Kein Verdienst reicht dafür aus, keine anständige Lebensführung, kein Doktortitel des Pfarrers, keine stille, lebenslange Hingabe reicht dafür aus, in das Reich Gottes zu kommen. Nur Gott allein kann die Rettung und Heilung im Herzen schaffen, nur er kann das ewige Leben ermöglich – „denn für Gott ist alles möglich.“ Auf die Gnade Gottes sind wir alle angewiesen, alles hängt allein an Gottes Gnade.

Jesus verdammt nicht den Reichtum an sich, sondern die Geldliebe. Wer Gott weniger vertraut als auf seinen Reichtum, macht Götzendienst. Und wer Gott an erster Stelle setzt, so trifft ein, was in Matthäus 6.33 steht: „Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit! Und dies alles wird euch hinzugefügt werden.“ Jesus hat uns nicht nur alle unsere Sünden weggenommen, alle unsere Krankheiten geheilt. Er will auch, dass wir alles haben, um ein Leben in Gottesfurcht zu leben und alle nötigen Mittel, dass sein Reich gebaut wird. Er will, dass wir reich sind, um den anderen zu geben. Jesus, der Sohn Gottes, sagte: „Geben ist seliger als Nehmen“ Apostelgeschichte 20.35.

Die Begegnung mit Jesus lässt den Jüngling erkennen, dass Jesus ein „Sofaglauben" nicht genug ist. Auch wir erfahren und erleben hier in diesem Gottesdienst eine Jesusbegegnung im Wort und in dem Sakrament des heiligen Abendmahles. Wie dem Jüngling sagt uns Jesus: „Geh dahin, wo es weh tut!" Und wenn wir anfangen unsere „Sofaglaubensmentalität" zu überwinden, werden wir merken, wie spannend und faszinierend auf einmal das Leben aus dem Glauben wird. Auf einmal ist der Alltag des Glaubens nicht mehr fad, sondern ein tägliches Abenteuer. Die kleinen unscheinbaren Verzichte aus Liebe zu Gott können das Leben so spannend machen. Wir können durch das Nadelöhr in das ewige Leben gelangen, wenn wir lernen, zu besitzen, ohne am Besitz zu kleben, wenn wir lernen, die Dinge dieser Welt zu genießen, ohne unser Herz von diesen Dingen und dieser Welt abhängig zu machen, denn dann werden wir der Verheißung unseres Herrn gemäß einen bleibenden Schatz im Himmel haben.

Amen.

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