Der Hausarzt

Liebe Gemeinde, liebe Freunde, liebe Gäste,

Schaum vor dem Mund – das ist eklig. Ein sich hin- und herwerfender Körper, völlig der Kontrolle entzogen – das löst Entsetzen aus. Ein Mensch, der einer Macht erlegen ist. Der sich nicht mehr in der Gewalt hat und einer unheimlichen Kraft erliegt, die sein menschliches Antlitz verzerrt. Wer schon einmal einen epileptischen Anfall miterlebt hat, weiß, wie man sich da fühlt: Hilflos.

Verzerrte Gesichter, verzerrtes Leben, Verkrampfte Gliedmaßen, verkrampftes Menschsein. Kontrollverlust, gelähmtes Hirn, besinnungsloses Leben.
Menschen sind nicht nur schön und stark. Nicht nur Epileptiker sind hin- und hergeworfen von allerlei Mächten und Gewalten. Gelähmt, geschockt, zu Boden geworfen, krank, nicht Herr ihrer selbst. Zwanghaft, ausgerastet, entmenschlicht.
Wo uns diese Fratzen begegnen, diese geschüttelten Körper, da schauen wir Weg. Da gehen wir einen Bogen.

Manchmal aber müssen wir mit ihnen leben. Wie der Vater, der für seinen Jungen sein Leben lang gesorgt hat. Er fing ihn auf, wenn er krampfte. Er zog ihn fort vom gefährlichen Brunnenrand. Er achtete auf genügend Abstand zu jeder offenen Feuerstelle. Und doch konnte er nicht immer da sein, ihn nicht immer bewahren. Die Narben im Gesicht des Jungen gaben ein beredtes Zeugnis davon, wie oft er fiel. Und niemand war da, der in halten konnte.

Verkrampftes, vernarbtes Leben – und hier und da noch eine offene Wunde. Soll das denn immer so weitergehen?
Sollte man so etwas nicht ausschalten, wegmachen, um die Ecke bringen? Glatt muss alles sein. Und schön. Gepflegt und faltenlos. Ein Mann muss stehen, nicht fallen, seinen Mann stehen und Herr der Lage bleiben. Und eine Frau nicht minder. Wir haben alles im Griff. Da gibt es keine Dämonen, keine Mächte, die mit uns machen, was wir nicht wollen. Das ganze Leben steht zu unserer Verfügung, ist Gestaltungsmasse, und wir sitzen an allen Hebeln. Was krank ist, muss gesund werden, oder es muss weg. Was hässlich ist, muss schön werden – oder es muss weg. Wer nicht Herr seiner selbst ist, muss in die Anstalt oder in die Ecke oder in die Anonymität – in die Welt, die von den Gesunden uns Starken übersehen und vergessen werden kann.

Soll das denn immer so weitergehen? Heilung ist nicht in Sicht.
Oder doch – der Predigttext heute ist ja eine Heilungsgeschichte. Jesus macht diesen jungen Mann gesund. Der Geist, der ihn beherrschte, hat keine Chance. Ein Mensch wird frei. Wie neu geboren steht er am Ende auf.

Also ist alles ganz einfach? Nur ein Gebet für den Mann mit dem entmenschlichten Gesichtsausdruck, nur ein Gebet für die Frau, die nicht mehr Herrin im eigenen Haus ist? Nur eine Bitte, an Jesus herangetragen, wenn wir merken, dass es doch Dämonen gibt: Mächte und Gewalten die die Herrschaft über unser Leben haben?

Reicht ein frommer Wunsch, angesichts der entfesselten Zwänge und Systeme, gegen die kein Kraut gewachsen ist?
Ist es nicht besser auf die Straße zu gehen – zu protestieren: Gegen die Wallstreet-Strategen, gegen die Neonazis, gegen Präsident Assad, gegen die Gewalt des Geldes und die Menschenverachtung der Macht, gegen Rassismus und Intoleranz, gegen Verdummung und Meinungsmanipulation? Gegen alles, was Menschen zwingt, sie zu Boden wirft, ihr Denken lähmt und sie verletzt?

Beten und bitten – hilft das? Ist es nicht besser etwas zu tun gegen die Krankheit, die ganze Gesellschaften zu Boden zwingt, Staaten und Politik wie dumme Jungs herumkommandieren kann, Mächtige und Gewaltige ins Schlingern bringt und wie es scheint, lägst eine totale Herrschaft über Herzen und Hirne angetreten hat?

Aber das ist es ja. Wir können nichts tun. Wir haben es versucht. Und es ist uns nicht gelungen.

Nun, der Vater, der sein Kind liebt, hat es zu Jesus gebracht. Er sucht Hilfe bei einem Arzt der besonderen Art. Alle anderen haben ihm nicht helfen können, nicht einmal die Nachfolger und Nachfolgerinnen des Rabbis aus Nazareth. Nicht einmal wir.
Und Jesus heilt den Knaben tatsächlich. Allerdingst nicht, ohne zuvor seiner Kirche und seiner Gemeinde eine Standpauke gehalten zu haben: Was seid ihr für unfähige Gläubige! Also: Warum habt ihr so wenig Glauben, so wenig Vertrauen in Gott und in das Leben, das er schenkt!?

Glauben also hilft. Glaube ist die Arznei. Gottvertrauen. Gegen die Krankheit, gegen das verkrampfte Leben, die aussetzenden Hirnströme.
Glauben also hilft, liebe Gemeinde, gegen die Epilepsie, den Dämon, den Mammon, die Geister des Immer und Immer – Mehr, gegen die Krankheit, den Wahnsinn, der so viele Menschen das Leben kostet.

Wir sind nicht von allen guten Geistern verlassen. Es gibt noch eine Kraft, die zu einem Dämon sagen kann: Fahre aus! Zur Hölle mit dir. Verschwinde, verlasse die Menschen.
Kein anderer Kampf tobt zurzeit als dieser: Wem gehört die Welt? Den Mächten, die den Menschen am Boden sehen wollen, ertränkt, verbrannt, gedemütigt, ausgegrenzt, verlassen, am Ende.
Oder der Kraft, die einen an die Hand nimmt und sagt: Steh auf. Nimm dein Bett und geh. Wirf die Krücken weg und lauf! Komm heraus aus dem Grab! Und fürchte dich nicht, wenn du siehst, wie viel Leben möglich ist.

Freilich, die Jünger kommen nicht gut weg. Läge es allein an ihnen, also an uns – es gäbe keine Rettung. Zu klein ist unser Glaube. Zu kleingläubig sind unsere Herzen und nicht selten sind wir selbst ein bisschen krank. Hilflose Helfer allemal.
Aber wir können ja das Zauberwort sprechen: Ich glaube!
Wir glauben! Wie gut, wie heilsam. Alle Dinge sind möglich, steht über unserem Satz. Alles ist uns offen. Kein Krampf, kein Zwang kann deshalb das letzte Wort haben. Kein Dämon, keine Krankheit, keine Macht der Welt.

Ich glaube. Ja, ich glaube. Ich habe volles Vertrauen zu meinem Hausarzt. Zum Retter der Welt. An ihn knüpfe ich alle Hoffnung. Auf ihn setze ich meinen ganzen Vertrauensvorrat. Ich glaube.
Deshalb kümmere ich mich ja. Von klein auf. Deshalb ist mir ja die Not der anderen nicht egal, deshalb bin ich ja da, gekommen, mit den vielen, für die ich mich verantwortlich fühle, die ich im Herzen mitgebracht habe. Und mit meinem eigenen kranken Herzen. Hilf, Meister! Erbarme dich, Jesus!
Der Unglaube ist ja auch noch da. Bei mir. Das nicht gelingende Zutrauen. Alle sind besessen – und ich auch.

Ich bin kein Deut besser, ich selbst bin krank und soll andere gesundmachen… Erbarme dich, Jesus. Zuerst über mich. Hilf meiner Unfähigkeit, dir mehr zu glauben als allem Augenschein. Hilf meinem Unglauben, ich glaube daran, dass du mir helfen kannst.
Gebiete dem Dämon, schaffe in mir ein reines Herz und einen neuen, vertrauensvollen Geist.

Mächtig sind sie, die Mächte, die uns heute das Hirn abschalten und die Glieder verrenken. Übermächtig.
Gibt es Chancen, sie loszuwerden? Sie im Zaum zu halten, ihnen das Absolute zu nehmen? Das ist die Frage, vielleicht die Überlebensfrage der Menschheit.

Dieser Mann, liebe Gemeinde, der einen kranken Jungen aufrichtet, will die Welt aufrichten. Und wir sind beteiligt. Mit unseren Glauben und unserem Unglauben. Wir bringen die Kranken zum Arzt und sind dabei selbst Patienten. Aber darum geht es nicht. Darüber sollten wir uns nicht länger beklagen.
Es geht nur um diese eine Frage: Steht einer über der Willkür, über den Spiralen, über den Sachzwängen, über der Geistlosigkeit, der Dummheit, über den modernen Dämonen und über den Abgründen des menschlichen Herzens? Hat einer Macht über die Mächte – oder sind wir verloren? Wir kennen die Antwort:
Jesus hat die Macht, neues Leben zu schenken! Und sagen sogleich dazu: Hilf meinem Unglauben, Jesus!

Auch wenn vielleicht gegenwärtig alles so aussieht, als wäre sie tot, die Hoffnung, als wäre nichts geschehen in dieser Welt, seitdem dieser Eine von den Toten auferstanden ist – er hat die Macht. Auch wenn es so aussieht als ob die Menschheit und die Menschlichkeit am Boden liegt und sich nicht mehr rührt: er wird uns alle bei der Hand nehmen. Und uns aufrichten. Und wir werden in einer Weise umhergehen, wie wir es noch nie in diesem Leben getan haben.

Und – achten wir doch darauf: Immer wieder und immer anders geschieht genau das doch längst. Ich bin gesund geworden. Und du. Und die anderen auch. Noch nicht ganz, noch nicht richtig, noch nicht für immer. Aber dafür reicht es: Nun gehen wir und fangen die auf, die fallen. Und empfehlen ihnen unseren Hausarzt.

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