Heilung ist möglich

Krankheit und Tod stehe ich manchmal fassungslos gegenüber. Da muss doch etwas zu machen sein, wenn ein Mensch noch so dringend gebraucht wird. Da müsste doch jemand Halt schreien, wenn ein Leben in Elend zu Ende geht.

Der Tod ist ein Ende. Krankheit gehört zum Leben dazu. Aber akzeptieren kann und will ich das nicht. Ich möchte Kräfte haben, gesund zu machen, Kräfte Leben zu erhalten. Aus diesem Grund werden manche Menschen Arzt oder Ärztin, früher auch Pfarrer. Vielleicht auch, weil die Geschichten von Jesus nahe legen, fromme Menschen müssten das können – Krankheiten heilen. Und natürlich haben das zu allen Zeiten auch Viele versucht und manche auch geschafft. Aber Vielen ging es wie den Jüngern in dieser Geschichte:

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Unsere Geschichte spiegelt die Hilflosigkeit der Menschen, die Jesus nachfolgten. Sie ist ein Spiegel der Erfahrungen der frühen Gemeinde, die sich nicht in der Lage sah, so zu heilen, wie Jesus es tat. Sie empfand das als schmerzlichen Makel und versuchte das zu verarbeiten. Diese Geschichte konnte ihr helfen zu lernen, mit der eigenen Erkenntnis von Unglauben zu leben.

Unsere Geschichte hält uns auch genauso einen Spiegel vor, weil wir manchmal verzweifeln möchten an unserer Unfähigkeit zu helfen an unseren zu schwachen Versuchen Leiden zu mindern. So sehr, dass wir manches Mal gar nicht mehr erkennen, wie viel wir doch tun können – oder könnten.

Der kleine Satz ‚Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.‘ hat sich verselbständigt und dann eine unselige Tradition begründet. Mit diesem Satz wurde der Glaube von Menschen kaputt geredet, ein Urteil über sie gesprochen. Du musst nur genug glauben, dann klappt schon Alles.

Jesus sagt das aber so nicht. Er wendet sich den Menschen zu in ihrer konkreten Not. Und darum hört er auch den Notschrei eines verzweifelten Vaters: ‚Ich glaube – hilf meinem Unglauben‘ ist der heimliche Mittelpunkt der Geschichte. Es ist wie ein Offenbarungseid: Er hat wirklich begriffen, dass seinem Glauben geholfen werden muss.

Wir wissen heute nicht mehr genau, um welche Krankheiten es da geht, vermutlich eine Mehrfachbehinderung. Wir ahnen aber die Gefühle der Betroffenen. Wer so viel Leid sieht, will helfen. Wer direkt betroffen ist, wie der Vater, ist verzweifelt. Ein Gefühl von Wut und Hilflosigkeit kommt auf.

Ich selber bin bei dieser Geschichte immer wieder fasziniert von der Reaktion Jesu, die diesen Hilferuf ernst nimmt, nicht abtut als Verzweiflungstat eines Ertrinkenden, der nach einem Halm sucht, sondern ernst nimmt als Ruf eines Menschen, der gerne glauben will, aber nicht kann.

Wie viel Spott und Hohn muss ein Mensch unter uns Menschen manchmal ertragen, weil er mit seinem schwachen Vertrauen immer noch hofft, dass ihm irgendjemand hilft: ‚Herr Doktor, ihre Medizin ist zwar ein Dreck, aber machen sie mich trotzdem gesund.‘ Wer so ankommt, hat schon schlechte Karten. Da musst du einfach dran glauben, sagen ihm die Freunde. Manchmal auch ein ‚Da hilft nur noch beten‘ aus dem blanker Zynismus spricht: du hast ja keine Chance, aber strampel dich ruhig ab.

Jesus nimmt diese etwas andere Aussage kommentarlos hin: Ich glaube, hilf meinem Unglauben! Da gibt einer zu, dass er Hilfe braucht, um Vertrauen zu können. Und Jesus reicht dieses dünne Glaubensbekenntnis. Er macht ihn stark. Du bist gut, gut genug, dass wir dich nicht abspeisen mit billigem Trost.

Mit dieser Heilung macht er nicht nur einen Jugendlichen gesund. Er macht den Seinen Mut, das Ihre zu tun und den Rest in Gottes Hände zu legen. Er macht uns Mut, das Unsre zu tun und den Rest in Gottes Hände zu legen.

Ob ich jemals den Glauben erlangen werde, der Kranke heilen kann, weiß ich nicht. Aber dass ich ihm vertrauen darf, dass er will, dass Kranke gesund werden, das weiß ich. Und dass er mir zutraut, Kranken zu helfen, aus ihrer beengenden Situation herauszufinden, das weiß ich auch. Das ich auch Ostern machen kann – mit seiner Hilfe. Dass Menschen aufstehen können, wo ihnen das Evangelium gesagt und gelebt wird, das ist die Verheißung Christi.

Alles ist möglich, dem, der da glaubt. Dieser Satz Jesu ist ein Geschenk, das ich unverdient erhalte. Er ist keine Verpflichtung: wenn du nur alles glaubst, ist dir auch alles möglich, aber eine Einladung. Mit dem Vertrauen auf diesen Herrn darf ich losgehen und Menschen in ihrer Not begegnen und ihnen helfen, so viel ich kann und den Rest in Gottes Hände legen.

Heilung ist möglich – aber nicht zwingend. Die Gemeinde nach Ostern spürt, dass die Kräfte Jesu nicht nahtlos auf sie übergegangen sind. Aber sie spürt auch Kräfte, die sie hat, um Menschen in ihrem Leiden zu begleiten, um sie zu trösten und ihnen Lasten abzunehmen. Das ist manchmal erschreckend wenig und lähmt mich. Aber es ist eine Gabe, die ich nicht gering achten soll.

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