Am Ende hat die Güte kein Ende

Unendlich ist allein die Freundlichkeit Gottes, sein Mitfühlen ist ohne Ende, jeden Morgen ist es frisch und neu, groß ist seine Zuverlässigkeit. Gott ist mein Lebenselixier, das sagt mir mein Herz, darum setzte ich alle Hoffnung auf ihn. Er ist freundlich jedem, der sein Vertrauen auf ihn setzt und es ist etwas besonders Schönes, darauf zu warten, dass er hilft. Denn Gott zieht sich nicht für immer von uns zurück, sondern kommt und hilft, weil er in seiner Mitmenschlichkeit nicht anders kann.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Der diesjährige Sommer ist nun wohl endgültig vorbei, dieser Gottesdienst wird in einer guten halben Stunde vorüber sein. Die weltweiten Ölreserven sind irgendwann einmal aufgebraucht, die europäischen Gletscher verschwunden und die Griechen haben demnächst wahrscheinlich keinen einzigen Euro mehr, den sie noch ausgeben könnten. Mein Auto und mich wird wahrscheinlich schon bald der TÜV scheiden und die Zeit, in der ich ohne Lesebrille leben konnte, ist endgültig an ihr Ende gekommen. Steve Jobs ist gestorben und ich werde es auch einmal sein. Gestorben. Dann „ist es alle“ – wie der Erzgebirger zu sagen pflegt. Ja selbst die Sonne wird einmal nicht mehr strahlen und in unserem Sonnensystem wird eines Tages das Licht ausgehen. Alles hat ein Ende.

Nur die Güte Gottes nicht – so unser Predigttext. Die hört nicht auf, will einfach nicht aufhören. Seine Barmherzigkeit ist jeden Morgen neu. Seine Freundlichkeit, seine Menschensymphatie ist einfach nicht totzukriegen, wie wir ja als Christen wissen, die wir nach dem Auferstandenen benannt sind.

Gottes Güte reicht, so weit der Himmel ist, das Universum, der Kosmos. Bis an die Enden der Zeit und darüber hinaus. Wie sollte es auch anders sein. Wäre sie begrenzt, wäre Gott selbst begrenzt. Ein Gott aber, dem irgendwann das Licht oder die Luft ausgeht, ist kein Gott.
Alles hat ein Ende, nur der nicht, der Anfang und Ende umfängt. Der Ewige begegnet uns mit nicht enden wollendem Wohlwollen.

Liebe Gemeinde, darum feiern wir Gottesdienst. Wir lassen wahr sein, was so gar nicht in diese Welt passt: dass es ein zeitloses Feuer gibt, eine Liebe, die für jeden Menschen brennt. Die selbst dann nicht verlischt, wenn nur noch wenige diese leidenschaftliche persönliche Zuwendung bemerken.

Wir bemerken sie, darum sind wir hier. Wir halten an ihr fest, wir glauben ihr. Und wir feiern sie. Staunend. Denn unter uns hat alles ein Ende. Die Geduld. Das Mitgefühl. Der Tag. Die Toleranz. Die Nacht. Die Liebe. Das Leben.

Gottes Freundlichkeit ist ewig. Was sollte sie als göttliche Kraft auch sonst sein. Begrenzt? An Bedingungen gebunden? Auf Gegenleistungen angewiesen? Sollte sie einen Preis haben, den man zahlen müsste – wer könnte seine Höhe ermessen? Wer wäre in der Lage, Gott das Wasser zu reichen?

Der Höchste verschenkt sich. Unaufhörlich strömt seine Lebendigkeit in alles Tote. Holt uns zurück aus den dunklen Sackgassen. Hilft uns wieder auf die Beine nach den kleinen und großen Katastrophen. Spricht uns das gute Wort zu, das wir uns nicht selber sagen können. Weist uns unseren Platz an – für die kurze und schöne Lebenszeit, die er uns zumisst.
Die Güte des Herrn hat kein Ende.

Und ich? Was mache ich jetzt und hier und heute Morgen mit diesem Satz, der so wahr ist, so richtig und so groß?

Wie ist es eigentlich um meine Freundlichkeit bestellt? Nicht die aufgesetzte, nicht das „Rollenlächeln“. Viele müssen ja heute von Berufs wegen dauerlächeln, Verkäuferinnen und Verkäufer aller Art, vielleicht auch gute Christen, die den Glauben an den Mann und die Frau bringen müssen. Vielleicht auch Pastoren. Wie in dem kleinen Witz:
Die Kinder im Auto nach dem Gottesdienst zum Vater, dem Pastor der Gemeinde: „Papi, du kannst aufhören zu lächeln, der Gottesdienst ist vorbei…“

Was ist ein ehrliches Lächeln wert! Es rekrutiert sich aus einem ehrlichen Umgang mit sich selbst. Wie freundlich bin ich zu mir selbst? Wie pfleglich behandele ich meine Ressourcen, meinen Körper, meine Seele? Wie viel Hochachtung habe ich vor mir und dem, was ich bin und kann und nicht kann?
Wie barmherzig bin ich mit mir selbst? Wie gütig bin ich mir selbst gegenüber?
Belastbare Güte kommt aus einem Herzen, das mit sich selbst im Reinen ist. Wie geht das?

Der Beter des heutigen Predigttextes kennt den Königsweg: Wenn Gott mich freundlich anschaut, was berechtigt mich dann noch, mich selbst nicht ebenso anzuschauen wie der, aus dessen Werkstatt ich komme?
Wenn der, der alles an mir kennt, zuverlässig zu mir steht, warum sollte ich, der ich nur einen Bruchteil von mir selbst verstehe, dann vor mir selbst davon laufen? Wenn er mich nicht im Stich lässt, warum sollte ich es tun?

Gottes Güte stellt uns aufrecht, gibt „standing“. Standpunkt, Wurzel und Flügel. Und wer „standing“ hat, der kann auch andere stehen lassen. Wer sich selbst als barmherzig Umarmter verstehen kann, der hat ein großes Herz und einen weiten Geist. Beides ist ihm zugewachsen, geschenkt worden.

Gottes Güte hinterlässt Spuren unter uns. Dazu ist sie ja letztlich da. Deshalb mischt sich der Ewige ein in unsere kurzlebigen Dinge. Damit sie etwas Ewigkeit atmen. Damit wir über uns hinauswachsen oder wenigstens unsere Spielräume nutzen. Damit wir uns nicht selbst um das Schönste bringen und uns mit weniger zufrieden geben, als er bereitgelegt hat.

Ein zufriedener Mensch. Ein Mensch im Frieden. Was könnte es Schöneres geben.
Gut das Gott ohne Ende denkt. Und unbegrenzt für uns da ist. Da ist so immens viel Zuverlässigkeit für unser hin- und hergeworfenes Leben.

Aus unserer Perspektive sieht das ziemlich oft ganz anders aus. Aussichtslos.
Wir kennen Gott-ferne Zeiten. Und mitten in der Verzweiflung, in der wir stecken, kann uns der schrecklichste aller Gedanken kommen: Alles was geschehen ist, ist geschehen, weil Gott sich abgewandt hat, mich vergessen hat, weil er die Augen gesenkt hat und sein freundlicher Blick mich nicht mehr trifft. Ich bin verloren, heißt das. Manchmal kommen wir auf solche Gedanken, solche dummen Gedanken und wir bekommen sie einfach nicht los. Dann ist es gut, im Gottesdienst wieder daran erinnert zu werden, was wirklich gilt. Auch dann, wenn ich selbst es gerade nicht gelten lassen kann.

Die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes haben kein Ende. Er schenkt ohne Grund. Er schafft das Neue so neu, dass das das Alte darin vorkommen darf. Er rettet. Er befreit. Er macht mir guten Mut – gegen alle Schwermut.

Steve Jobs ist für allerlei interessante Hosentaschen-Technik berühmt geworden. Und für einen Vortrag, den er vor Studenten der Stanford-Universität gehalten hat (2005). Ich zitiere: „Mich daran zu erinnern, das ich bald tot sein werde, ist das beste Mittel, das ich jemals entdeckt habe, um die großen Entscheidungen in meinem Leben zu treffen. Weil fast alles – alle Erwartungen anderer, jeder Stolz, jede Angst vor Scham oder Scheitern – nichtig wird angesichts des Todes. Dann bleibt nur das wirklich wichtige. Sich daran zu erinnern, dass man stirbt, ist der beste Weg, den ich kenne, die Falle zu meiden, zu denken, dass man etwas zu verlieren hätte. Man ist schon nackt. Es gibt keinen Grund, nicht seinem Herzen zu folgen.“

Liebe Gemeinde, man ist schon nackt. Es gibt keinen Grund, nicht seinem Herzen zu folgen. So kann man das Leben auch sehen, wenn nicht der Tod der Antreiber für ein selbstbestimmtes und wagemutiges Leben ist, sondern das Leben – genauer: der lebenschaffende Gott selbst. Die Kraft, die auch noch den Tod umfängt.
Im Angesicht der ewigen Güte Gottes sind wir nackt, Bettler, haben nichts und wieder nichts zu verlieren.

Steve Jobs hält den Tod für die beste Erfindung des Lebens. Das finde ich beachtlich.
Wer den gütigen Gott Morgen für Morgen gelten lässt, ist ebenfalls nackt. Der hat ebenso nichts zu verlieren, da er ja alles geschenkt bekommt. Wie wäre es, liebe Christenmenschen, wir könnten damit so ernst machen, dass bei uns, die wir an das Leben des Ewigen glauben, derselbe Effekt eintritt, für den der verstorbene Apple-Erfinder den Tod rühmt: „Es gibt keinen Grund, nicht seinem Herzen zu folgen!“

Freilich ist das immer ein Wagnis. Ein Warten. Aber um nichts anderes geht es ja, wenn wir als Gläubige beisammen sind: Glauben, dass sich das Warten lohnt. Weil Einer da ist, der gar nicht anders kann und nicht anders will, als sich um uns zu kümmern.

Anglauben gegen den Tod und seine Vorboten. Die Hände und den Mut nicht sinken lassen. Die Hoffnung hochhalten, dass es noch einmal anders werden kann. In meinem Leben und mit der ganzen Welt. Denn am Ende hat die Güte Gottes immer noch kein Ende.

Amen

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