Dankbarkeit – Freigiebigkeit – Heilung

Jedes Jahr im Herbst muss der Kirchenvorstand jeder Kirchengemeinde in unserer Landeskirche einen Kollektenplan verabschieden. Einen Kollektenplan für jeden Gottesdienst im nächsten Kirchenjahr. Manche Sachen sind da von der Landeskirche festgelegt und manche Sachen kann ganz ganz frei entscheiden und bei manchmal kann so ein bisschen wählen.

In den ersten Jahren, die ich hier in Rottorf war, haben wir immer gesagt: „Erntedankfest – das ist gut. Da kommen viele Leute. Da sammeln wir die Kollekte für die eigene Gemeinde. Da kommt was zusammen. Rottorf ist eine kleine Gemeinde, wir brauchen jeden Cent.
Vor zwei oder drei Jahren hat sich was geändert. Da war das Erntedankfest zum ersten Mal mit einer sog. Pflichtkollekte versehen. Seit dem ist das immer so. Das heißt, da können wir im Kirchenvorstand nichts mehr ändern. „Brot für die Welt“ ist seit dem immer Erntedank der Kollektenzweck. Wie übrigens auch Heiligabend. Also immer wenn die Kirche voll ist, dürfen wir nicht für die eigene Gemeinde sammeln.

Und das ist gut so! Es ist absolut richtig, dass wir gerade an diesem Tag nicht in die eigene Tasche wirtschaften, sondern für andere etwas geben. Heute ist der Tag, an dem wir danken, dass es uns gut geht.

Jetzt sagt sich der eine oder die andere: „Mit geht‘s aber gar nicht gut.“ Das mache ich jetzt mal nicht zum Thema. Natürlich geht es vielen Menschen auch schlecht. Aus welchen Gründen auch immer: Krank­heit, wenig Geld, Streit in der Familie, Trauer. Solche und noch ganz andere Dinge beschäftigen sicherlich viele von Ihnen. Und sie haben ihren Platz und ihre Zeit in der Kirche, im Gottesdienst, im Glauben, bei Gott.
Aber heute/jetzt/hier ist die Zeit auf die guten Dinge zu schauen, die wir erleben und die uns geschenkt sind:
– Da ist natürlich zum einen die Ernte an sich, die unsere Bauern eingefahren haben, die viele von Ihnen in ihren Gärten eingebracht haben. Dieses Jahr war diese Ernte nicht so gut. Insbesondere die Getreideernte war eher eine Katastrophe. Aber trotzdem: Auch für diese Ernte können wir dankbar sein. Die Menschen in früheren Zeiten könnten uns von noch ganz andere Ernten berichten. Dankt Gott dafür, dass wir keine Hungersnot erleiden müssen.
– Wir können danken, dass es uns in unserem Land gut geht. Auch wenn wir unter Umständen den lächerlichen Betrag von 211 Milliarden Euro an Griechenland zahlen müssen, es geht uns (jedenfalls jetzt zur Zeit) gut. Die Arbeitslosenzahlen sind so niedrig wie seit 15 Jahren nicht mehr. Dankt Gott dafür, dass so viele Menschen bei uns wieder eine Arbeit gefunden haben.
– Wir können danken, dass wir ein gutes Gesundheits­system haben. Ja, es ist reformbedürftig. Es muss geändert werden. Aber dennoch: Bei uns teilen sich nicht 40.000 Menschen einen Arzt, wie in Afrika! Bei uns mussten nicht 30% aller Beschäftigten im Gesundheitssystem entlassen werden wie in Lettland! Dankt Gott dafür, dass wir doch immer noch so gesund leben können.

Heute ist der Tag, an dem wir dankbar sein können und dürfen und sollen, dafür, dass es uns so gut geht. Der Tag, an dem wir das Gute betrachten, was wir im Leben haben. An dem wir die schönen Dinge in der Natur sehen. Der Tag der Blumen und des Sonnenscheins, der Tag der fröhlichen Musik und des Tanzens. Eigentlich müssten wir heute im Gottes­dienst tanzen.
Heute ist der Tag, an dem wir auch gut und gerne an andere denken.
Brich dem Hungrigen dein Brot – so habe ich diesen Gottesdienst überschrieben. Und das nicht von unge­fähr. Frau Diekmann hat es vorhin schon vorgelesen. Wir haben es schon gesungen. Im Jesajabuch steht dieser Vers.

[Text]

Brich dem Hungrigen dein Brot – man kann das natürlich sozusagen auf dem moralischen Ohr hören. „Nun brich dem Hungrigen doch endlich mal dein Brot! Sei doch nicht immer so knausrig! Los jetzt, mal ‘n bisschen großzügig jetzt! Hast doch schließlich genug!“
Da fühlt man sich aber so unter Druck gesetzt und das ist eigentlich nicht gut. Das ist keine gute Grundlage für echte Freigiebigkeit und wirklich freiwilliges Engagement. Jesus hat gesagt: So lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut. (Mt 6, 3) Und das klappt nicht unter Druck.

Aber: Mit Dankbarkeit klappt das. Dieser Text ist nicht ohne Grund dem Erntedankfest zugeordnet. Wer wirkliche Dankbarkeit empfindet, der kann viel besser einfacher auch helfen und geben. Der fragt nicht so schnell nach Sinn und Nutzen.

„Mir ist so viel Gutes begegnet in meinem Leben, mit dem ich nicht gerechnet habe, für das ich noch nicht mal was kann, warum sollte ich dann nicht auch mal anderen helfen.“ Das kann ein Rückblick sein auf eine gute Zeit, die man hatte, oder auch auf ein ganzes erfülltes Leben.
Es können aber auch ganz kleine Momente sein: Ich hoffe, Sie und Ihr alle habt dieses Gefühl im Leben schon erlebt: diese Mischung aus Über­raschung, Freude, tiefem Glück und eben Dankbar­keit. Diese Mischung, die einem fast die Tränen in die Augen treibt, weil das Leben gerade so schön ist. Und wenn das Gefühl nur für eine Minute da ist und danach sofort wieder der graue Alltag über einen hereinbricht. O Augenblick, verweile doch, du bist so schön.
Wir erleben solche Momente leider viel zu selten und bei manch einem sind sie vielleicht schon lange her. Aber es lohnt sich zu erinnern. Oder beim nächsten Mal diesen Moment festzuhalten und im Herzen fest einzuschließen, damit die Erinnerung an dieses Gefühl tiefer Dankbarkeit immer da ist. Das ist eine ungeheure Bereicherung für das Leben.
Und es ist der Schlüssel – oder vielleicht auch nur ein Schlüssel – zu einer gewissen Gelassenheit, die es braucht um wirklich freigiebig mit den eigenen Qualitäten und Fähigkeiten zu sein. Um helfen zu können ohne sich selbst im Wege stehen. Um dem Hungrigen das Brot brechen zu können.

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.
Die Propheten im Alten Testament neigen zu einer blumigen Sprache. Manchmal macht es das schwer die Texte zu verstehen, aber hier nicht. Diese Worte sprechen für sich. Brich dem Hungrigen dein Brot. Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgen­röte. Dankbarkeit, echte tiefe Dankbarkeit lohnt sich. Sie lehrt uns loszulassen. Und alles was, wir geben, kommt zu uns zurück. Aber rechnen wir nicht nach. Wiegen wir nicht auf. Das funktioniert nicht. Gottes Gerechtigkeit ist anders. Sie wird jedem gerecht.

Leider – ich gebe es zu – klappt dieses Denken bei mir angesichts eines Kollektenplans nicht immer so ganz. Vielleicht sollten wir wirklich mal, keine einzige Kollekte für die eigene Gemeinde bestimmen. Aber ich glaube, so mutig werden wir auch in diesem Jahr wieder nicht sein. Und ich glaube auch, das wäre wieder zu einfach gedacht und zu berechnend. Wie gesagt: Gottes Gerechtigkeit ist ganz anders. Aber ganz wunderbar.
Amen.

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