Auf Gottes Güte hoffen

„Ich bin der Mann, der Elend sehen muss“ – mit diesen Worten beginnt das dritte Kapitel der Klagelieder Jeremias. Menschen können das heute noch genau so sagen, Menschen, die von Wirbelstürmen und Überschwemmungen aus ihren Häusern verjagt werden oder die von Terror und Verbrechen betroffen sind. Von der Güte und Barmherzigkeit Gottes (Vers 22) ist in solchen Katastrophen nichts zu erkennen genauso wie in dem Leben mancher Menschen aus unserer unmittelbaren Umgebung.

Die Klagelieder in der Bibel sind entstanden nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 587 vor Christus. Das Volk Gottes hatte aufgehört als Staat zu existieren, auch der letzte Rest, das letzte Aufgebot, die letzte Hoffnung waren gescheitert. Aus der Sicht realistischer Menschen war alles verloren. Das Volk hatte keinen Zukunft und seine Religion auch nicht. Die Oberschicht war weggeführt ins Exil, die einfache Bevölkerung sollte das Land bearbeiten und Abgaben leisten und sich allmählich an die neuen Verhältnisse und die neue Religion anpassen. In diese Situation hinein singt einer ein Klagelied:

[TEXT]

Eigentlich ist dieses Klagelied ein Lobgesang: Die Seele jubelt ein Morgenlied. Mitten in der Klage des Volkes über die Zerstörung Jerusalems 587.

Wir sind nicht gar aus: ein Licht glimmt noch. Es scheint so etwas wie ein Licht am Ende eines langen Tunnels. Ich sehe etwas, aber ich weiß noch nicht , ob ich ihm trauen darf. Ich muss Mühen auf mich nehmen und riskieren und losgehen, um zu sehen, was aus diesem schwachen Lichtschein wird.

Gott sei Dank, ich kann wieder aufrecht gehen, sagen Menschen, wenn sie sich nach einer Phase von Niederlagen und Demütigungen wieder ein wenig erstarkt fühlen. Gott sei Dank, sagt auch der Beter der Klagelieder, obwohl er weiter Demütigungen und Niederlagen aushalten muss. Er lebt wohl im Exil. Er kann lesen und dichten, gehört also zur Oberschicht, die weggeführt wurde und mit dem Spott der Sieger leben muss.

Aber gerade in dieser Situation wird ihm die Zuwendung Gottes bewusst. Und das ist die eigentliche Sensation in unserem Text. Ein Volk hat verloren – das hieß zu jener Zeit konsequenter weise, ein Gott hat verloren. Entweder war der Glaube nichts Wert oder der dahinter stehende Gott. Für die jüdische Gemeinde sowohl im Exil, als auch für die daheim gebliebene Bevölkerungsschicht war das anders. Im Glauben lernte man sich dem Gefühl eigener Schuld zu stellen. Und das hat die Religionsgeschichte auf den Kopf gestellt.

Religion des Judentums war nicht eine Religion der Stärke, sondern ein glaube, der sich der eigenen Schuld stellen konnte und der die Zuwendung Gottes gerade auch dort erkannte, wo sie völlig verborgen blieb. Das hat geholfen – bis nach Auschwitz.

Das kann mir auch heute noch helfen, wenn ich die Texte Israels lese. Dann lese ich in den großen Geschichten der Mütter und Väter, der Könige und Propheten viel von dem Schuldbekenntnis eines Volkes. Da lese ich viele Geschichten, wo von Sünde und Schuld die Rede war, das ein ‚Herrenvolk‘ natürlich leicht den ersten Teil der Bibel abqualifizieren konnte als Geschichte von Viehdieben und Ehebrechern.

Christlicher Glaube aber kann sich ein Vorbild daran nehmen, kann erkennen, dass Leben nur dort funktioniert, wo Menschen ihre Schuld bekennen. Wo ich meine Schuld bekenne und Anderen ihre Schuld vergebe.

Das ist nicht immer einfach. Es ist nicht einfach, meine Schuld zu bekennen. Es ist nicht einfach einem Gott zu vertrauen, den ich nicht sehen kann und dessen Gegenwart mir manchmal so verborgen ist. Das Leben insgesamt ist oft schwer auszuhalten. Die Ungerechtigkeit des Alltags schwer zu ertragen. Vielleicht kann es uns trösten,. Dass da einer, der das alles auch erlebt, seine Klage voller Engagement vor Gott bringt und dann aber auch zu einem Gotteslob kommt, das so ungeheuer stark und empfindungsreich ist. Er sieht das Elend, er sieht sein Elend und das Elend seiner Mitmenschen und legt alles zusammen in Gottes Hände. Und bekennt: Gottes Barmherzigkeit ist jeden Morgen neu.

Dafür arbeitet er auch. Es gehört zu den großen Leistungen, den eigenen Glauben bewahrt zu haben und die Religion gegenwartstauglich zu machen. Man begegnet ja mitunter dem Aberglauben, als wäre Religion seit Jahrtausenden immer das Gleiche. Das mag für den glauben zutreffen, für seine Lebensäußerungen aber nicht. Unsere Liturgien entstammen im Wesentlichen dem 19 Jahrhundert, einer Zeit, in der der preußische König sich wünschte, dass in der Kirche eine Ordnung wie auf dem Paradeplatz herrschte. Da mussten sich Luthers und andere Gottesdienstordnungen schon manches gefallen lassen.

Zu Zeiten des Beters unserer Klagelieder (Sie werden Jeremia zugeschrieben) war die Aufgabe eine Andere. Zum Glauben an Gott gehörte ein Zentrum, ein Mittelpunkt, ein Tempel, zu dem man hin pilgern konnte, an dem man Opfer brachte, wo Gott wohnte. Zu den Haupterrungenschaften gehörte die Synagoge, ein Betsaal, der an jedem Ort stehen konnte, der den Glauben zu den Menschen pilgern ließt und nicht umgekehrt – mit der rabbinischen Weisheit: Gott ist überall dort, wo man ihn einlässt. Es hat den Menschen gerade in der Bedrängnis geholfen, ihren Glauben nun vor Ort zu leben, täglich beten zu können und die Religionsdiener unter sich leben zu haben und nicht in einem abgeschiedenen Tempelbezirk.

So konnten sie im Gottesdienst vor Ort die Treue und Liebe Gottes bekennen.

So bekennen wir auch heute die Treue und Liebe Gottes in jedem Ort. Pilgerreisen sind zu einem schönen Spaß geworden, der nicht notwendig ist. Von diesen kleinen Keimzellen in jedem Ort bahnt sie die frohe Botschaft seinen Weg hinein in den Alltag, bestimmt das menschliche Miteinander, bestimmt politische Entscheidungen genauso wie Kaufentscheidungen, bestimmt familiäres Leben und nachbarschaftlichen Umgang.

Der Beter der Klagelieder ruft uns dazu, an der Güte Gottes festzuhalten und auf sie zu hoffen trotz all des Elends dieser Welt, sei es von Menschen verursacht oder als unerklärliche Katastrophe erlebt. Nur die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit, die in Christus den Tod besiegt hat, kann uns dazu motivieren, gegen Elend und Not anzugehen und sie zu lindern. Heute müssen wir vielleicht ein neues Klagelied anstimmen, das Menschen hilft mit dem Leid fertig zu werden und das uns allen hilft, unseren Glauben zu leben in einer Welt, die sich dauernd verändert, in der sich Religion auch verändern muss, damit der Glaube derselbe bleiben kann.

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