Quer stehen

Liebe Gemeinde,

Christ zu sein ist nicht immer einfach. Denn Christ-Sein, also in der Nachfolge Jesu stehen, heißt auch immer wieder „quer“ zu stehen zu altbekannten Maßstäben, Traditionen und lieb gewonnenen Gewohnheiten. Denn: Christ-Sein heißt auch „Entscheidung“. Sich entscheiden, auf Gott zu trauen zum Beispiel. Sich entscheiden, mit Liebe zu reagieren, statt Hass walten zu lassen. Sich entscheiden, zu vergeben, statt aufzurechnen. Entscheidung heißt aber auch, sich frei zu machen von den Bindungen, die mich hier begrenzen wollen.

Die Konfirmanden müssen sich dies immer wieder mal von mir anhören: die Konfirmation, die Bekräftigung meines Glaubens ist – sie soll sein: eine freie Entscheidung, Gott und sein Versprechen für mein Leben ernst nehmen zu wollen. Es an einen sehr hohen Platz in meinem Leben stellen zu wollen. Will ich das tatsächlich sagen: „Ich vertrauen für mein Leben auf diesen Gott“? Und eben nicht, liebe Gemeinde, auf mein Geld, mein Aussehen, mein Ansehen, meine Lebens-Leistung, meine Arbeit?

Ich kann Ihnen, liebe Gemeinde, nicht sagen, ob es solche Menschen gibt, die diese Freiheit in sich auf Erden vollständig erreicht haben. Es gibt freilich Immer wieder solche, die in einzelnen Situationen diese Freiheit der Entscheidung hatten. Menschen, die für Gottes Weg eingestanden sind und auch mit ihrem Leben dafür bezahlt haben. Durch solche „Heiligen“, wie wir es als Evangelische ruhig auch sagen könnten: durch solche Vorbilder im Glauben geschehen Änderungen zum Guten hin. Ja ein Stück des Reiches Gottes leuchtet dort in ihrem Handeln auf. Im Großen wie im Kleinen.

Aber Menschen, die immer frei sind – ihr ganzes Leben? Wie gesagt: ich weiß es nicht –mir fällt es schwer, dies vorzustellen. Denn wir sind doch auch immer gefangen in einer Gesellschaft, in einem Gemenge von Meinungen und Vorurteilen, von Deutungen und Zuschreibungen. Wir können es leicht überprüfen, wenn es um unsere Stellung zu Menschen geht, die am Rande der Gesellschaft stehen oder uns fremd vorkommen, aufgrund ihrer Kultur, ihrer Herkunft oder ihrer Veranlagung.

Für mich, liebe Gemeinde, ist dies ein Anzeichen dafür, dass der Mensch auch immer Sünder bleibt – ein Stück dieser Unvollkommenheit bleibt an ihm haften, bis zu seinem Tode.

Jesus aber deutet immer wieder auf diese Bindungen und mahnt zur Entscheidung für Gott, damit Freiheit geschehen kann. Er ist darin radikal und lässt kaum ein Gebiet des Alltags aus. Viele Gleichnisse dieses Themas kennen wir und haben sie vielleicht auch verinnerlicht. Nehmen Sie z.B. das Gebot der Heiligung des Sabbats, des Feiertages. Jesus macht klar, dass auch dieses Gesetz nicht als solches – für sich – besteht, sondern dass es dienen soll dem Wohl des Menschen.

Heute aber hören wir ein Wort, welches uns in seiner Radikalität stärker angreifen wird, denn es zielt auf eine Bastion unserer Wertvorstellung, die wir so verinnerlicht haben, dass es uns schmerzen muss.

Ich lese aus dem Evangelium nach Markus im dritten Kapitel, die Verse 31-35.

[TEXT]

Wie sehr, liebe Gemeinde, muss es doch seine Mutter getroffen haben, dies zu hören: Mutter, Schwester und Bruder – mithin also fast die gesamte Familie ist nicht mehr bestimmt durch Blutlinien, durch Vererbung und biologische Verwandtschaft, sondern nur noch allein durch das Tun des Willen Gottes.

Sicherlich wird nun Jesus damit nicht seine Mutter haben verletzen wollen – schließlich gilt eines seiner letzten Worte am Kreuz dieser Mutter – sondern auf höchst eindringliche Weise klar machen, dass letztendlich auch diese Bindung in der Welt ihre Macht verlieren wird.

Vor Gott – am Ende aller Zeit, wenn es darum geht, dass wir in Verantwortung mit dem konfrontiert werden, was wir getan und gelassen haben – dort spielt es keine Rolle mehr, aus welcher Familie ich stamme und welchen Namen ich dort trug. Es reicht nicht, dass ich etwa aus einer einflussreichen oder ruhmreichen Familie entspringe, deren Name in der Gesellschaft Gewicht hatte. Nein: auf mich kommt es an. Aber auch anders herum: wessen Familie zerstört wurde, wo Eltern keinen guten Grund gelegt haben für ihre Kinder oder gar selbst in Verbrechen und abscheuliche Taten verstrickt waren – auch dort existiert keine Sippenhaftung, sondern der Einzelne zählt vor Gott mit dem, was er getan und gelassen hat.

Schwer zu hören bleibt dies Wort v.a. für jene, die ihre Hoffnung auf die Familie setzen. Soll sie die heile Welt sein, die man nicht in der realen Welt haben kann? Ist sie allein mein Rückzugsort, meine Hoffnung in der Not? Auch diesem Denken erteilt Jesus eine Absage. Die Familie soll keine Ersatz-Religion sein, denn auch sie ist unterworfen all dem Vergänglichen, mit dem wir auf Erden zu tun haben.

Auch hier, liebe Gemeinde, dürfen sie die Worte Jesu gerne hören als Angebot zur Befreiung, nicht als Gesetz. Wer versteht, dass seine Kinder nicht dazu da sind, nur die eigenen Wünsche umzusetzen oder gar, endlich das zu leisten oder zu werden, was man selbst nicht hat erreichen können. Sondern, dass die eigenen Kinder dennoch eigene Menschen sind, kein Besitz und keine Verlängerung des eigenen Ichs. Der wird sie viel eher in Freiheit gehen lassen können und sie respektieren, so wie sie sind und sie nicht benutzen als Mittel zum Zweck.

Dass die Hoffnung auf unser Leben in Fülle und Ganzheit – ein Leben bei Gott – außerhalb all der Möglichkeiten liegt, die wir hier auf Erden haben, ist ein großer Schlüssel zum Verständnis dieser Freiheit.

Denn so mag ich begreifen lernen, dass gleichzeitig nichts in dieser Welt mein Leben bei Gott bedrohen kann. Ich bin nicht weniger wert, wenn ich krank bin. Ich bin nicht weniger wert, wenn ich in der Schule nicht so gut bin. Ich bin nicht weniger wert, wenn ich nicht zu den 100 bekanntesten Personen in diesem Land zähle usw. usf. Denn mein Wert, liebe Gemeinde, wird mir von außen gesetzt und garantiert. Durch Gott selber – weil er sprach, darf ich sein.

Und so liegt die Aufgabe dieser Freiheit, besser gesagt: die Möglichkeit dieser Freiheit darin, dass ich Gott antworten darf in meinem Leben, in meinem Handeln und in meinem Denken. So kann ich gebraucht werden als ein Werkzeug für sein Vollendungswerk. Ich kann ein kleines Licht sein in den Momenten des gelingenden Lebens, welches hinweist auf sein Reich, das zur Vollendung strebt.

Alle Menschen, alle Kreatur, die diesem Willen Gottes entspricht, werden so zu Bruder und Schwester.

Hören wir zum Schluss eine alte hebräische Geschichte von Menschen, die einander Brüder sind:

„Zwei Brüder wohnten einst auf dem Berg Morija. Der jüngere war verheiratet und hatte Kinder, der ältere war unverheiratet und allein. Die beiden Brüder arbeiteten zusammen, sie pflügten das Feld zusammen und streuten zusammen den Samen aus. Zur Zeit der Ernte brachten sie das Getreide ein und teilten die Garben in zwei gleich große Stöße, für jeden einen Stoß Garben. Als es Nacht geworden war, legte sich jeder der beiden Brüder bei seinen Garben nieder, um zu schlafen. Der ältere aber konnte keine Ruhe finden und sprach in seinem Herzen: "Mein Bruder hat eine Familie, ich dagegen bin allein und ohne Kinder, und doch habe ich gleich viele Garben genommen wie er. Das ist nicht recht." Er stand auf, nahm von seinen Garben und schichtete sie heimlich und leise zu den Garben seines Bruders. Dann legte er sich wieder hin und schlief ein.

In der gleichen Nacht nun, geraume Zeit später, erwachte der Jüngere. Auch er musste an seinen Bruder denken und sprach in seinem Herzen: "Mein Bruder ist allein und hat keine Kinder. Wer wird in seinen alten Tagen für ihn sorgen?" Und er stand auf, nahm von seinen Garben und trug sie heimlich und leise hinüber zum Stoß des Älteren.

Als es Tag wurde, erhoben sich die beiden Brüder, und wie war jeder erstaunt, dass ihre Garbenstöße die gleichen waren wie am Abend zuvor. Aber keiner sagte dem anderen ein Wort. In der zweiten Nacht wartete jeder ein Weilchen, bis er den anderen schlafend wähnte. Dann erhoben sie sich, und jeder nahm von seinen Garben, um sie zum Stoß des anderen zu tragen. Auf halbem Weg trafen sie plötzlich aufeinander, und jeder erkannte, wie gut es der andere mit ihm meinte. Da ließen sie ihre Garben fallen und umarmten einander in herzlicher brüderlicher Liebe. Gott im Himmel aber schaute auf sie hernieder und sprach: "Heilig, heilig sei mir dieser Ort. Hier will ich unter den Menschen wohnen."

Und der Friede Gottes, der stärker ist, als es sich die Menschen vorstellen können, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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