Die Kunst des Unmöglichen II

Liebe Gemeinde,

im Impulspapier „Kirche der Freiheit“ der Evangelischen Kirche Deutschlands, das im Sommer 2006 erschien, wurden 12 Leuchtfeuer angezündet, die der Kirche den Weg ins 21. Jahrhundert weisen sollen. Wieder wachsen wollen gegen den Trend, lautete das Motto. Dies soll erreicht werden durch „Verbesserung der Organisation, Definition der Kernkompetenzen, Intensivierung von Mission, Entdeckung und Aktivierung vorhandener Stärken und Lernen von wirtschaftlichem Denken.“(S.12) Die ganzen Künste des Möglichen eben. Die Kirche soll endlich ihr Möglichstes geben.

Die Diskussion über dieses Papier war heftig. Von den einen wurde es rückhaltlos als längst überfälliges Zeichen des Aufbruchs gewertet. Von anderen wurde es scharf kritisiert. Ein Jahr später kann als Konsens betrachtet werden, was Landesbischof Dr. Johannes Friedrich sagte: „Auf den Zusammenhang von „Kirche der Freiheit“ und „Kirche Jesu Christi“ weise ich auch deshalb hin, weil wir wissen, dass es neben alledem, was wir an notwendigen Anstrengungen unternehmen, auch zukünftig das Unverfügbare gibt und weil wir in Hoffnung damit rechnen, dass Gott für uns, für seine Kirche und deshalb auch für unsere Landeskirche eine Zukunft bereit hält, die zur großen Hoffnung berechtigt. Ohne an diese große Hoffnung zu erinnern sollten wir nicht von der Zukunft der Kirche reden.“ (Korrespondenzblatt Nr.8/9, 2007, S.113ff.)

Recht hat er, der Herr Landesbischof! Eine Kirche, die ihr Möglichstes tun soll und dabei Bäume ausreißen will, kann dies nicht ohne das Unverfügbare, ohne die große Hoffnung, die im Munde Jesu so gar nicht groß daherkommt: Wenn ihr Glauben habt so groß wie ein Senfkorn. Die Kunst des Möglichen kommt in der Kirche nicht aus ohne die Kunst des Unmöglichen, des Unverfügbaren und damit jenseits der menschlichen Möglichkeit Liegenden.

Das darf keine beiläufige Sonntagserinnerung sein. Es ist ein Skandal, wenn die Kirche in ihrem alltäglichen Betrieb die weltlichen Mühlen mahlen lässt: die Mühlen der Wirtschaft, der Verwaltung, der Justiz, der eigenen Projekte und Planungen und vergisst, was sie im Innersten zusammenhält und bewegt. Es reicht nicht, dass am Sonntag oder bei der Andacht am Anfang Gottes Wort gehört wird und dann geht es zu, als ließe man Gott einen guten Mann sein. Dann muss das Senfkorn „das kritische Körnchen in aller immer auch notwendigen Betriebsamkeit“ (Dr. Johannes Block, GPM, 3/2007, Heft 4, S.392) sein und darf ruhig einmal wirken, wie der sprichwörtliche „Sand im Getriebe“ einer Kirche, die so gerne wie geschmiert laufen will. Ja, wo läuft sie denn eigentlich hin?

Bevor die Kirche in ihrem Lauf wie den Sozialismus weder Ochs noch Esel aufhält, gibt Jesus seinen Senf dazu. Und nötigt uns mit seinen Jüngern erst einmal darüber nachzudenken, was Glauben eigentlich ist. Vielleicht haben die Jünger sich an die Begebenheiten erinnert, wo auch Jesus von der Größe des Glaubens spricht. Frau, dein Glaube ist groß, sagt er zu der kanaanäischen Frau, als er sie heilt (Mt 15,28). Vielleicht haben die Jünger gedacht, Glauben könnte man groß und stark machen und trainieren, wie die Muskeln oder die Hirnzellen. Vielleicht haben sie gedacht, es käme nur darauf an „ganz fest“ zu glauben. Wenn sich die Augen und die gefalteten Hände so fest zusammenpressen, dass das Blut aus ihnen weicht, dann muss die Hilfe Gottes kommen. Als wäre der Glaube etwas, mit dem wir Gottes und seiner Hilfe habhaft werden könnten. Herr stärke uns den Glauben. Der Superchrist lässt grüßen.

Daher ist es pädagogisch sinnvoll, dass Jesus den angehenden Superaposteln als Bild für den Glauben etwas wirklich Kleines vor Augen malt. Vielleicht hat Jesus sogar an den schwarzen Senf gedacht. 700 Körner dieser Art gehen auf ein Gramm! Die kann man nicht mal austeilen. Man kann sie nur in die Hand schütten. Man kann sie leicht wegblasen und keiner findet sie wieder. Sie konkurrieren mit gar nichts, was wir in unserer Welt für klein oder vielleicht größer halten. Darum geht es beim Glauben auch gar nicht. Vom Glauben gilt: „Nicht wir haben Gott, sondern Gott hat uns“! (Block, a.a.O.) Der Glaube ist also nicht die Art und Weise, in der wir Gott haben, sondern die Art und Weise, in der Gott uns hat. Deshalb kann der Glaube so winzig sein, wie der Same des schwarzen Senfes. Gott hat uns ganz oder gar nicht. Selbst im winzigsten Körnchen solchen Glaubens, ist der Glaube ganz da. Martin Luther schreibt: „Wenn wir sehen wollen, was Glaube ist, wenn wir unseren eigenen Glauben anschauen wollen, dann treten wir heraus aus uns und unserer eigenen Erfahrung und treten hinein, hinzu zu Christus.“(Block, a.a.O) Oder sagen wir es nochmal anders: Der Glaubende nimmt im Glauben wahr, wie Christus ihn gesucht, gefunden, erlöst, erworben und gewonnen hat.

„Von Till Eulenspiegel wird erzählt, dass er in einem Kölner Wirtshaus schon vom Duft des Bratens satt geworden ist. Als der Wirt sich ärgerte, bezahlte Eulenspiegel ihn mit dem Klang eines kölnischen Weißpfennigs auf der Tischplatte.“ (Block, a.a.O) Überstrapazieren soll man solche Geschichten nicht. Aber auch wir Christen, nehmen am Tisch des Herrn eine kleine Oblate und einen Schluck Wein und werden satt am ganzen Christus für Zeit und Ewigkeit. Wir schmecken und sehen in Dingen, die praktischerweise etwas größer sind als ein Senfkorn, was Glaube ist. Solches kaum der Rede werte Essen und Trinken ärgert Gott, den Gastgeber, nicht. Aber wenn’s ein Dankeschön sein soll, dann dürfen hinterher schon ein paar Münzen klingeln für Brot für die Welt und die Gemeinde darf einstimmen in den Lobgesang mit Herzen, Mund und Händen.

Ein Senfkorn, eine Oblate, ein Schluck Wein, eine Handvoll Wasser, die auch über unsere Köpfe gelaufen und ins Taufbecken getropft ist: Zeichen des Glaubens. Zeichen dafür, dass Gott uns hat, beim Namen gerufen hat, in der Hand hat, uns erlöst hat. Zeichen, dass wir sein sind und bleiben (vgl. Jes.43,1). Unverfügbar, unverdienbar, jenseits unserer Möglichkeiten. Doch welches Gewicht der Hoffnung hat all das gegen das Gewicht der Tonnen von Papier, die in Sorge um die Zukunft der Kirche Jahr für Jahr beschrieben werden! Welches Gewicht der Hoffnung hat das, gegen unsere Ängste und Sorgen!

„Als Paul Gerhardt, von seinem Predigtamt enthoben, im Jahre 1666 Berlin verlassen musste, kehrte er, ohne zu wissen, wohin er sich wenden sollte, in einem Gasthaus ein. Seine Gattin wurde vom Kummer so überwältigt, dass sie sich nicht fassen konnte. Paul Gerhardt redete ihr zu und sagte ihr den Bibelspruch: ‚Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen.‘ Dann ging er in den Garten des Hauses und dichtete das bekannte Lied: ‚Befiehl du deine Wege‘. Als er es eben seiner bekümmerten Frau vorgelesen hatte, traten zwei Abgeordnete des Herzogs Christian zu Merseburg ins Zimmer und kamen mit Gerhardt ins Gespräch. Endlich erzählten sie ihm den Zweck ihrer Reise. Sie wollten nämlich nach Berlin gehen, um einen gewissen abgesetzten Pastor namens Gerhardt nach Merseburg einzuladen. Man denke sich, was die flüchtende Familie, die nicht wusste, wohin sie sich wenden sollte, bei dieser unerwarteten Nachricht empfand. Von dem Herzog zu Merseburg bekam Gerhardt eine Pension, und er erhielt im Jahre 1669 das Archidiakonat zu Lübben in der Niederlausitz.“ (Block, a.a.O., S.394)

So kann’s gehen …

drucken