Berührung durch Gott

„Hauptsache gesund!“, das höre ich immer wieder, wenn ich Menschen besuche. „Gesundheit“, sagt ein älterer Herr zu mir, „Gesundheit, das ist doch das wichtigste!“ Denn gesund zu sein bedeutet mobil sein und beim Leben dabei sein. Und es fällt ja schwer zu merken, dass das vielleicht nicht mehr so uneingeschränkt geht, wie ich es gerne hätte. Wahrscheinlich könnten sie alle da eine Geschichte davon erzählen.

Unser heutiger Predigttext erzählt eine kurze Geschichte von einem Mann, der nicht dabei sein konnte beim Leben, weil er nicht gesund war. Aufgeschrieben ist die Geschichte im Markusevangelium, gleich in Kapitel 1 in den Versen 40 bis 45…

[TEXT]

„Hauptsache gesund!“ Auf den ersten Blick könnte man sagen, dass unsere Geschichte heute darauf hinausläuft. Doch das Wissen um die große Bedeutung der Gesundheit für uns Menschen ist sicherlich nicht – wenigstens nicht nur – der Grund dafür, dass Markus uns diese Geschichte gleich im ersten Kapitel erzählt. Jesus ist gerade als Getaufter aus dem Jordan gestiegen und hat seine ersten Jünger gefunden. In Kapernaum am See Genezareth heilt der die Schwiegermutter von Petrus. Natürlich spricht sich das wie ein Lauffeuer herum: Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Die ganze Stadt war vor dem Haus versammelt (Mk 1,32). Und Jesus heilt sie und hilft vielen.

„Hauptsache gesund!“ Doch der Evangelist Markus weiß noch nichts vom heutigen Gesundheitswahn. Er verfolgt einen anderen Gedanken. Aber um dem auf die Spur zu kommen, da müssen wir unseren Text noch ein bisschen drehen und wenden…

Der Mann, der Jesus anspricht ist ein Aussätziger, ein lepros – so steht es im griechischen Text. Ob diese Hautkrankheit identisch ist mit dem, was wir heute als Lepra kennen, ist nicht ganz klar. Sicher ist, dass unser namenloser Mann gezeichnet war von einem Hautausschlag. Schon zu alttestamentlichen Zeiten war die Krankheit bekannt. Und im 3 Buch Mose ist deshalb festgeschrieben (Lev 13,45f): Wer nun aussätzig ist, soll zerrissene Kleider tragen und das Haar lose und den Bart verhüllt und soll rufen: Unrein, unrein! Und solange die Stelle an ihm ist, soll er unrein sein, allein wohnen, und seine Wohnung soll außerhalb des Lagers sein. Ein Sicherheitsmaßnahme, denn die Krankheit galt als ansteckend.

Doch für die Kranken war das schlimmer als ihre eigentliche (übrigens nicht tödliche) Krankheit: Ausgeschlossen aus der Gemeinschaft, der Familie. Ohne Kontakte. Sie waren isoliert vom täglichen Leben, von Arbeit, aber auch von allem Religiösen. Aussätzige waren unrein, sie durften deshalb an keinerlei Gottesdiensten oder Feiern teilnehmen, geschweige denn den Tempel betreten. Es also schwer zu sagen, was wohl schlimmer war: Die Krankheit an sich mit den unangenehmen Ausschlägen oder diese absolute Ausgeschlossenheit und Isolation. Nicht von ungefähr nennt das Alte Testament Aussätzige auch „am lebendigen Leibe Tote“ – vernichtend.

Und dazu kommt, dass die Menschen damals die Ursache für eine Krankheit oft bei den Kranken selber gesehen haben. Bei so einer Krankheit, da muss eine schwerwiegende Schuld da sein. Wer aussätzig ist oder krank, der muss gesündigt haben – oder zumindest seine Eltern. Krank, sozial isoliert und dann auch noch selber schuld daran – ein Todesurteil auf der ganzen Linie; ein Mensch von den Menschen und Gott abgestraft. In unserer Geschichte nicht einmal eines Namens würdig. Er ist, was er hat: Ein Aussätziger – mehr gibt es nicht zu sagen.

„Hauptsache gesund!“ Für den Aussätzigen in der Geschichte muss das nur ein vager Traum gewesen sein. Geheilt zu werden, gesund zu sein, das würde bedeuten wieder zu leben.

Die Menschen, die damals um Jesus versammelt waren und auch alle die, die es gelesen haben, denen muss das Blut in den Adern erstarrt sein: Der Aussätzige hält sich nicht an die auferlegten Regeln. Von Weitem hätte er warnen müssen und rufen. Doch was tut er? »Wenn du willst, kannst du mich rein machen!« All seine Hoffnung setzt er auf diesen Wanderprediger. Er setzt alles auf eine Münze. Und tatsächlich: Von tiefem Mitleid ergriffen, streckte Jesus die Hand aus und berührte ihn. »Ich will es«, sagte er, »sei rein!« Doch damit nicht genug: Jesus kennt natürlich die Regelungen der Thora. Er weiß, dass der Mann erst dann vollständig wieder geheilt und gesellschaftlich rehabilitiert ist, wenn ein Priester die Heilung bestätigt.

Liebe Gemeinde, Markus erzählt Heilungsgeschichten als Eröffnung seines Evangeliums. Und er erzählt sie deshalb, weil er uns als Lesern damit etwas Bestimmtes sagen will, weil er ein Prinzip erklären will: Seht her, sagt er. Dieser Jesus von Nazareth hat die Macht, Menschen gesund zu machen. Aber nicht nur das. Da, wo Menschen ihm vertrauen[1] und ihre ganze Hoffnung auf ihn setzten, da geschieht es: Menschen werden neu in die Gemeinschaft aufgenommen; sie werden heil an Körper und Seele; da, in diesem Moment, da berühren sich Himmel und Erde. Aus diesem Reich Gottes, das da gerade auf- und anbricht, da soll keiner ausgeschlossen sein.

Weil das alles aber erst nach Ostern so richtig zu verstehen ist, deshalb verbietet Jesus dem Geheilten strengstens, davon weiterzuerzählen. Es würde ein falscher Anschein entstehen. Die Leute würden Jesus als den Wunderheiler verehren und nicht als den Sohn Gottes. Doch der frisch Geheilte kann gar nicht anders, als zu erzählen und zu jubeln – vielleicht ja sogar mit unserem Wochenpsalm: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. (Ps 103,2). In diesem Sinne ist unsere Geschichte auch eine Missionsgeschichte…

Markus erzählt uns diese Geschichte aber nicht nur als Heilungs- oder Missionsgeschichte, sondern auch als eine Geschichte von Grenzüberschreitungen. Zwischen ihm, dem Aussätzigen und Unreinen und Jesus, dem Gesunden und Reinen, ist eine unsichtbare Grenze. Ein Graben, der eigentlich nicht zu überwinden ist – schon gar nicht für den Aussätzigen. Und doch: Er wagt diese Grenzüberschreitung. Und Jesus macht mit! Er streckt die Hand aus und berührt ihn. Beides im Grunde undenkbar und unfassbar. Es geschieht einfach. Da ist eine Grenze gefallen, einfach so, weil zwei Menschen neu aufeinander zugehen. Weil sie Vorurteile fallen lassen.

Liebe Gemeinde, eine schöne Geschichte, finden sie nicht auch? Zufrieden könnten wir uns jetzt zurücklehnen und gemeinsam mit dem ehemals Aussätzigen dankbar das Predigtlied singen.
Doch dann hätten wir nicht verstanden, was Markus uns auch sagen will. Denn es geht auch um uns und um unsere Grenzen und es geht auch um unsere Aussätzigkeiten.

Unsere Dörfer und auch unsere Gemeinden sind durchzogen von Grenzen. Sie sind unsichtbar und doch respektieren sie die meisten. Ich glaube, oft ist uns das gar nicht so bewusst. Da sind die, die einen Menschen verloren haben. Ob man wohl hingehen kann und fragen, wie es geht? Oder besser nicht? Bevor man was Falsches sagt, sagt man lieber nichts – eine Grenze entsteht. Da sind die, die neu zugezogen sind. Wo die wohl herkommen und ob sie wohl zu uns passen? Weiß einer was über sie? – eine Grenze entsteht. Da sind die Kinder, die nicht aus vordergründig wohl behüteten Familien stammen, die auffallen. Also, da soll mein Kind nicht daneben sitzen – und schon entsteht bei den Kindern eine Grenze. Da sind vielleicht die, die ihre Arbeitsstelle verloren haben oder die irgendwie im Leben gestrauchelt sind. Die jetzt nicht mehr mithalten können mit Kleidung, Unternehmungen – eine Grenze entsteht auch durch Armut. Da sind die, die krank sind, manchmal sichtbar, manchmal unsichtbar. Aber oft wissen wir ja darum. Ob man wohl einen Besuch machen sollte? Aber was dann sagen? „Die Leute wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen und bleiben lieber weg“, sagt eine Frau zu mir, „das macht mich traurig!“ – eine Grenze entsteht.

Vielleicht können wir ja lernen von den beiden in unserer Geschichte. Da macht der eine den Anfang und wagt einen ersten Schritt und der andere streckt die Hand aus. Da kommen plötzlich zwei in Kontakt miteinander. Und dann entsteht Heil, dann können vielleicht auch Wunden beginnen zu heilen und aussätzige Stellen wachsen zu. Weil eben keiner draußen bleiben soll aus dieser Gemeinschaft im Reich Gottes.

„Hauptsache gesund!“, liebe Gemeinde, so haben wir unser Nachdenken heute ja begonnen. Ich glaube, heil zu sein, das bedeutet nicht immer unbedingt gesund zu sein. Manches lässt sich eben auch durch modernste Medizin nicht wieder reparieren – Menschen sind keine Maschinen. Nicht alles lässt sich heilen – eine mehr als bittere Erfahrung. Und doch können Menschen heil sein an ihrer Seele. Heil, weil andere da sind, weil eine Gemeinschaft da ist und weil da nicht nur Grenzen sind. Heil, weil klar ist, dass diese Gemeinschaft im Reich Gottes nicht nur etwas für die ist, die gesund und erfolgreich und leistungsstark sind. Sondern weil da gerade die ihren Platz haben, die Schwächen haben und aussätzige Stellen. Und manchmal kann ich meine verloren gegangene Gesundheit besser ertragen, wenn mich einer berührt und mir die Hand reicht und wenn wir so die Grenzen überwinden. Ich kann heil sein, weil ich mich mit mir und meiner Geschichte versöhnt habe.

Noch eines will ich zu unserer Geschichte sagen: Markus erzählt dort: Von tiefem Mitleid ergriffen, streckte Jesus die Hand aus und berührte ihn. Das ist wohl der Schlüssel: Mitleid, Mitgefühl, sich jammern zu lassen und nicht unberührt von dem anderen zu bleiben. Markus zeigt uns, wie wir miteinander umgehen könnten – vielleicht ja gerade als Christen. Aber er zeigt uns im Hintergrund seiner Geschichte vor allem den, um den es eigentlich geht: Diesen einen unvergleichlichen und menschgewordenen Gott. Den es eben jammert, leidende und ausgeschlossene Menschen zu sehen. Menschen ohne Chancen und ohne Hoffnung und ohne Würde. Einen, der mit uns Menschen mitgeht und der unsere Geschichten mitträgt. Der ein Gott für und mit uns Menschen ist (der Immanuel!!), der ganz altmodisch gesagt „Erbarmen“ mit uns hat. Und der so einen neuen Anfang gesetzt hat für uns alle, der unser Leben in Bewegung bringt und ihm einen beschwingten Takt gibt. Jochen Klepper hat versucht, diese Berührung durch Gott und sein Erbarmen so zu beschreiben:

Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand,
ohne Gott bin ich ein Tropfen in der Glut,
ohne Gott bin ich ein Gras im Sand,
und ein Vogel dessen Schwinge ruht.
Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft,
bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft.

Amen.

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