Wunderbar!

Liebe Gemeinde,

unser heutiger Predigttext lädt uns ein, auf uns zu schauen, wie auf ein Wunder. So wie Paulus das tut im Blick auf die Gemeinde in Thessaloniki. So wie Paulus das tut, wohlgemerkt!

Es geht ja auch anders: Ein Wunder, dass es Euch noch gibt, sagen die, die das Ende der Kirche für beschlossene Sache halten. Ein Wunder, sagt das professionell geschulte Kirchenmanagement, das ihr überhaupt noch ein Gemeindeleben habt, bei der kopflosen Organisation, bei der miesen Öffentlichkeitsarbeit, bei den unreflektierten Angeboten, bei dem orientierungslosen Gemeindeaufbau, bei den zufälligen Sozialkontakten, bei den unqualifizierten Mitarbeitern! Ein Wunder, sagen sie, dass überhaupt noch jemand kommt und euch zuhört, wo ihr euch so wenig darum kümmert, was Menschen heute wirklich (!) denken und welche Bedürfnisse sie wirklich (!) haben. Ein Wunder, sagen sie, dem wir abhelfen müssen mit repräsentativer Umfrage und Unternehmensberatung, mit Kundenfreundlichkeit und Nachfrageorientierung …

Und da merken wir schon, liebe Gemeinde, dass hier eine recht graue Fraktion redet, die sich ein Überleben der Kirche nur vorstellen kann, wenn sie zum Handlanger der frommen Bedürfnisse der jeweils "modernen" Menschen wird, eine abgehetzt-melancholische oder aufdringlich-fröhliche Drückerkolonne in Sachen kirchlicher Vorschläge für ein besseres Leben, die ihr "Produkt" von Tür zu Tür trägt und dessen Wichtigkeit bei Menschen nachweisen muss, denen alles längst gleich wichtig oder unwichtig geworden ist: "Ist dein Gott tot? Nimm meinen!"

Auch Paulus schaut auf die Gemeinde in Thessaloniki wie auf ein Wunder. Aber ganz anders: Wir danken Gott allezeit für euch alle und gedenken euer in unserm Gebet und denken ohne Unterlass vor Gott, unserm Vater, an euer Werk im Glauben und an eure Arbeit in der Liebe und an eure Geduld in der Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus.

Ein einziges großes "Wunderbar!" erschallt da über die Köpfe der Gemeinde in Thessaloniki und wir dürfen unsere Köpfe getrost in den Schall dieses Ausrufs hineinhalten. Denn dieses "Wunderbar" ist ja kein Eigenlob, sondern ein himmlischer Schall. Er kommt über uns und die Gemeinde in Thessaloniki – und ihre genauso verdutzten Gesichter!

Thessaloniki war nicht Korinth mit seinem selbstbewussten, blühenden und oft auch überblühenden Gemeindeleben, mit seinen Stars und Sternchen. Thessaloniki, das war ehr ein Häuflein von Christen, die sich vom Götter- und Göttinnenkult um sich her abgewandt hatten, und die den anderen nicht erklären konnten, warum ihr Glaube an den einen Gott ihnen nicht, wie jeder erwarten würde, schönere Vorteile brachte, sondern auch Hohn und Spott und "große Bedrängnis" (Vers 6). Die Thessalonicher hatten längst erfahren, das der Glaube an Christus nicht darin seine Wahrheit erweist, dass er mehr Glück bringt und besser gegen die zahlreichen Übel und Leiden des Lebens wirkt, als das Opfer für die Götter, oder das Amulett, oder die heilenden Steine, oder die Sprüche der Wahrsagerin, oder das günstig Horoskop, oder schwarze und weiße Magie oder sprechende Gläser und Tischchen und was sonst auch heute noch Menschen tun, um ihr Schicksal in günstige Bahnen zu lenken.

Und doch sind die Thessalonicher geblieben. Und doch sind wir heute hier zum Gottesdienst versammelt! Obwohl heute kein Chor eine Kantate singt und keine Kinder etwas aufführen. Obwohl heute kein Wunderheiler auftritt und kein Oberkirchenrat. Obwohl wir heute keine Band aufbieten, keinen Ringelpiez mit Anfassen und auch kein christliches Hundeturnen.

Wir sind heute vor allem um das Wort Gottes, um die Predigt des Evangeliums versammelt. Die Wichtigkeit dieses Evangeliums kann und muss nicht erwiesen und nachgewiesen werden. "Wir glauben nicht an Christus um des geschriebenen (tollen, überzeugenden) Wortes willen, sondern wir glauben dem Wort um seines Christus willen", hat der Theologe Martin Kähler treffend formuliert. Das Evangelium erweist seine Relevanz, seine Wichtigkeit aus sich selbst in der Kraft des Christus, den es verkündet, d.h. in der Kraft des Heiligen Geistes! Es bringt herbei, wen es ruft und es macht, was es sagt! Es ist Ursprung, Mitte und Ziel der Gemeinde und der Christenheit – und mit ihr der ganzen Welt!

Darum hört, liebe Schwestern und Brüder, wir wissen, dass ihr erwählt seid, denn unsere Predigt des Evangeliums kommt auch zu euch nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft und in dem heiligen Geist und in großer Gewissheit! (V 5) Denn der Heilige Geist weht, wo er will, und das Evangelium wird gepredigt, wo der Geist es will, und wenn es zu euch kommt, dann seid ihr erwählt, dann seid ihr dabei; und weh dem, der sich dem Heiligen Geist in den Weg stellt mit seinen kleinlichen Bedenken, mit tugendhaftem Dünkel und seinen Eintrittspreis von euch verlangen will! Hier handelt Gott, hier erwählt Gott und ihr könnt euch dem nur fröhlich ergeben …

Euch fröhlich dem ergeben, der Lahme wieder gehen lässt, Kranke wieder gesund macht, Tote wieder leben lässt und Blinden die Augen öffnet für das, was ER für seine Welt tut, die deshalb und Gott sei Dank trotz aller ausweglosen Finsternis, trotz allem Leid auf dem Nachhauseweg ist! Davon predigt das Evangelium.

Der Glaube wird und soll deshalb die Augen vor der Welt nicht verschließen. Aber er wird und soll dazuschauen, was Gott tut. Nur so kann er "in großer Bedrängnis mit Freuden" (V6) leben. Deshalb sind die Thessalonicher dabeigeblieben und konnten, was auch wir im Glauben können: Das Evangelium, das wir empfangen – ausüben!

Gott liebt diese Welt, wie könnten wir sie dann hassen? Der Christus gibt sein Leben für diese Welt, wie könnten wir uns dann von ihr abwenden? Gott gibt die Hoffnung für keinen auf, wie könnten wir dann andere abschreiben? Wer das Evangelium im Blick hat, kann der Welt seinen kleinen und endlichen Liebesdienst nicht versagen, auch wenn die Lieblosigkeit unendlich scheint. Der muss ein Leuchtfeuer der Hoffnung bleiben, wie gewaltig die Nacht auch werden mag. Der muss ein Handwerker der Zuversicht und des Vertrauens bleiben, wenn um ihn die Angst schreit. Der wird mitten in der Hölle den Vorgeschmack aufs Himmelreich auf der Zunge haben.

Das ist es, was Paulus an den Thessalonichern gesehen hat. Das ist es, worüber er sein himmlisches "Wunderbar!" erschallen lässt. Und wir dürfen unsere Köpfe getrost in den Schall dieses Ausrufs hineinhalten. Denn schließlich ist es kein Eigenlob, sondern ein Lobgebet. Loben auch wir Gott, dass sein Evangelium bei uns gepredigt wird, nicht allein im Wort, sondern in der Kraft seines Heiligen Geistes. Dieses Evangelium hat uns beim Namen gerufen und hierher gebracht. Es bringt herbei, wen es ruft und es macht, was es sagt! Was es noch mit uns tun wird, lassen wir uns gerne gefallen.

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