Wir sollen wieder glänzen!

Liebe Gemeinde, liebe Freunde und liebe Gäste,

Prominente sind Menschen, die andere Menschen prominent finden. Und Prominente haben es schwer.
Denn: das kann schon lästig sein, überall als Promi erkannt zu werden. Sie sind doch … ja, der Schauspieler. Können sie mir ein Autogramm geben, sie sind es doch, oder?
Entschuldigen sie, wenn ich sie einfach so anspreche, aber ich kenne sie aus dem Fernsehen.
Man kann eigentlich nirgendwo mehr hingehen. Man lässt sich fahren, man lässt einkaufen, man lässt eine Mauer um sein Anwesen bauen und zeigt sich nur noch in Talkshows und Illustrierten mit vorher abgesprochenen Interviews.

Prominent – auf Deutsch: Hervorragend, herausragend. Die ganz Hervorragenden bekommen eine Bannmeile um sich herum, wenn sie unter dem gemeinen Volk auftauchen. Wo sie auftauchen, gibt es Sicherheitschecks oder ein Papamobil. Und im Eichsfeld, ich dachte ich lese nicht richtig, werden die Straßen auf denen es fährt, vorher neu gepflastert. Inklusive der Gehwege!
Aber das muss man neidlos – oder doch ein bisschen neidvoll – anerkennen: Die Massen kommen. Sie strömen in die Stadien – zu Benedikt oder Mario Barth, wer auch immer als herausragend angesehen wird.
Während dies früher durch Schönheit oder besonderes Wissen begründet war, genügt es heute, möglichst vielen Menschen bekannt zu sein. Ein Promi ist einer, den möglichst viele Menschen kennen. Menschen also, die aus der Masse der Namenlosen herausragen.

Herausragen! Nun, das ist doch was! Und der heimliche Traum vieler, die endlich einmal etwas Besonderes sein wollen. Casting-shows produzieren mit industrieller Präzision unablässig sogenannte B-Promis. Und C-Promis. Und D-Promis.

Unser Predigttext heute erzählt von einem A-Promi. Der zieht umher, noch ohne Papamobil und Security und heilt quasi im Vorbeigehen einen Leprakranken. Der hatte sich offensichtlich durchgedrängelt, die unsichtbare, natürliche Bannmeile durchbrochen. Leprakranke, Aussätzige hatten zu allen Gesunden Abstand zu wahren. Näherten sie sich einer Menschenmenge mussten sie in gebührendem Abstand stehenbleiben und ihren Makel allen laut zurufen: „Aussatz! Aussatz!“

Dieser Eine hatte offensichtlich die Regel gebrochen. Vielleicht ist er einfach rein in die Stadt und sein Rufen hat ihm eine Gasse gebahnt. Entsetzt sind alle zurückgewichen – man will sich doch nicht anstecken. Jesus schickt ihn nicht weg. Noch nicht. Eine Geste. Ein Wort, nein zwei: „Sei gesund.“ Und er war es auf der Stelle.

Das ist herausragend. Das ist hervorragend. Das macht bekannt. Wie ein Lauffeuer muss sich verbreitet haben, was dieser Mann auf dem Kasten hat. Auch ohne Facebook und Flash Mob machte die Kunde die Runde. Man redete ja noch miteinander, von Angesicht zu Angesicht. Hast du schon gehört? Da heilt einer die schlimmsten Krankheiten! Habt ihrs schon gewusst? Ich weiß, wo er gerade ist, nichts wie hin. Hype würde man das heute nennen. Ein Massenbewegung, die dem Wunderrabbi aus Nazareth hinterherlief. Der kann gesund machen. Wenn das nichts ist.

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
warum laufen wir Menschen eigentlich immer jemandem hinterher? Einem Großen, Bedeutenden, allen Bekannten. Einem, von dem wir uns etwas erhoffen. Einem, der auf jeden Fall größer und bedeutender ist als wir. Ein Herausragender, ein Promi eben. Papst gucken oder wenigsten Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu. Am Freitag war hier in der Nachbarschaft ein Casting für einen Spielfilm mit diesen beiden Schauspielern. Es wurden zwar nur Statisten, Komparsen gesucht, aber es hat die Leute gelockt: wenn ich genommen werde, komme ich vielleicht in ihre Nähe.

Was zieht da eigentlich? Der Leprakranke war wenigstens krank. Was fehlt den Eventbesuchern, den Fans, den Siebzigtausend im Stadion, den Millionen vor dem Bildschirm?

Der Herausragende ist der Andre. Größer. Höher. Und Kontakt mit dem Großen macht mich selber groß. Ich habe sein Autogramm. Ich habe seine Hand geschüttelt. Ich habe ihn gesehen. Ich habe ihn zwar nicht live gesehen, aber im Fernsehen. Ich war dabei. Ich gehöre dazu.
Wir suchen das Größere.

Aber liebe Gemeinde, sind wir denn selbst so klein – oder fühlen wir uns nur so? Und wenn ja, woran liegt das? Die Bibel erzählt uns von der ersten bis zur letzten Seite etwas über unsere Würde und unseren Wert. Über den Glanz, den wir haben. Weil wir in Gottes Augen wertgeachtet und geschätzt sind, geliebt und kostbar. Da spielt Bekanntheit im Volk keine Rolle. Und besondere Leistungen auch nicht.
Warum erfreuen wir uns nicht an unserer herausragenden Originalität und Einmaligkeit? Warum schauen wir auf den da oben, den da vorn, den da im Fernsehen? Und machen Menschen, die genauso essen und schlafen müssen wie wir, zu Idolen? Zu Projektionsflächen für unsere eigenen Sehnsüchte und Wünsche?

Mit einem Idol kommt man nie wirklich zusammen. Man nähert sich ihm nie ganz. Es gibt keine wirkliche Begegnung. Ein Blick hier, eine Unterschrift da, aber der Mensch selbst bleibt uns unbekannt. Und das ist gut so. Andernfalls würden wir sehen, was er ist: Ein Mensch wie wir. Schönheit ist nur etwas für die Ferne. Perfektion lässt sich nur auf Abstand vorgaukeln. Das scheinbar Herausragende wird mit jedem Schritt, den wir darauf zu gehen, kleiner und kleiner. Bis es das ist, was ich bin: Durchschnitt.

Darum halten wir den Abstand auch gern ein. Wir wollen uns das Idol – auf Deutsch: „das Bild“ – nicht kaputt machen lassen.
Warum laufen wir immer jemandem nach? Aber dann eben auch nicht wirklich bis ran, sondern bleiben letztlich doch auf Abstand?

Laufen wir von uns selbst weg, vor uns selbst davon? Und bremsen dann doch ab, je näher wir dem Angebeteten kommen? Aus Angst, enttäuscht zu werden? Wieder nur das zu finden, was wir auch bei uns selbst gefunden hätten: Mittelmäßigkeit.

Wo ist unser Selbstbewusstsein hin, wenn wir so unterwegs sind? Wir sind doch von Gott gemachte Einzelanfertigungen. Wir können vieles nicht – wohl wahr, aber wir haben doch auch unsere Vorzüge, unsere Möglichkeiten, unsere Gestaltungskräfte!

Rennt mir nicht hinterher, sagt Jesus. Ja, er schnauzt seinen neu gewonnenen Fan grob an! Der frisch Gesundete wird davongetrieben. Mach dich davon und sage ja niemandem etwas von dem, was du bei mir erlebt hast! Null Propaganda! Ich tue Gutes und will nicht, dass davon geredet wird. Kein Fanclub, kein Freundeskreis, keine Massenbewegung! Die Quote ist mir Wurscht!
Niemand soll mir nachgehen.

Stop. Jetzt, spätestens jetzt merken, wir, dass diese Geschichte beim Evangelisten Markus uns gegen den Strich geht. Wir bemühen uns hier, einladende Gemeinde zu sein. Das Gute, das in unserer Mitte geschieht, soll anderen zugänglich sein. Wir laden ein zu diesem Jesus!
Und der schickt die Leute weg. Sogar die, denen er Gutes getan hat. Und verbietet ihnen auch noch den Mund.

Ja was ist mit unserer Nachfolge?! Das sind wir doch: Nachfolgerinnen und Nachfolger von Jesus, wir Christen.
Gerade wir wollen ja nicht den Stars und Sternchen nachlaufen, den Promis mit Halbwertzeiten von wenigen Tagen nicht und denen, die bekannt bleiben, egal was sie anstellen, auch nicht.
Gerade wir wollen uns ja nicht auf Menschen verlassen, sondern auf ihn, den Sohn Gottes.
Warum diese brüske Zurückweisung?
Wir laufen ihm doch nicht nach, wie einem Idol.

Oder etwa doch? Ist er der, der alles hat, was wir nicht haben? Ja, irgendwie schon… Ist er nicht in unseren Augen die Summe alles dessen, was wir nie erreichen werden? Der Wundermann, der nicht nur den Einzelnen, sondern die ganze Welt heilt? Irgendwie doch auch das, oder?
Jesus – das ist doch der, dem wir uns ausliefern, dem wir uns unterordnen, für uns der Herausragende, der Promi schlechthin. So ist es doch, liebe Gemeinde.

Aber komisch: Dieser Jesus, so erzählen es Markus und die anderen Evangelisten, dieser Mann liefert sich selbst den Menschen aus. Er lässt sich an ein Kreuz nageln. Das passt ja nun gar nicht. So stellen wir uns das Herausragen nicht vor, dass wir da einen Menschen an ein Kreuz nageln und es anschließend gemeinsam aufrichten. Aber das ist die Geschichte, die Markus erzählt. So erzählt er von diesem Wunderheiler.

Und wenn ich diese Bild betrachte, den gekreuzigten Jesus vor mir sehe, ist alle Prominenz dahin. Seine. Und meine. Ich habe nicht nur Glanz. Ich habe auch Schuld.
Ich kann mit diesem Mann machen, was ich will. Ich kann mit Gott machen, was ich will. Mit dem Glauben. Mit der Schöpfung. Mit meinem eigenen Leben. Alles kann ich ruinieren. Und tue es auch oft genug. Das ist Glanz und Macht und das ist Schuld und Versagen.

Ist es das, was mich davonlaufen lässt? Hin zu den scheinbar Schönen und Großen? Halte ich es bei mir selbst nicht aus? So viel Irrtum, soviel Unvollkommenheit, so viele Missverständnisse. So viel Kaputtes? Und alles haftet mir an wie ein Aussatz?

Was macht der Aussätzige bei Markus, liebe Gemeinde? Er fällt vor Jesus nieder und bittet um Heilung. Und, wie schön, wie vielversprechend: Der Mann wird gesund. Und gut.
Mehr braucht es nicht.
Es geht um den Kranken, der gesund geworden ist. Nicht um den Arzt. Der will nicht wichtig sein.
Der Große, der sich in meine Hände gibt und sich durch meine Hand zerbrechen lässt, heilt mich doch. Was will ich mehr?
Das posaunt man nicht über die Straße, das nimmt man in stiller Freude zur Kenntnis.

Aller Rummel um den Heiland lenkt nur ab von dem, worum es eigentlich geht: Wir sollen gesunden. Wieder strahlen und funkeln. Wieder werden, was wir sind. Herausragend in Gottes Augen. Jeder und jede. Ohne Ausnahme.

Das wirklich Große, liebe Gemeinde, liebe Freunde, ist nicht das Herausragende. Das wird ja immer kleiner, je näher wir ihm kommen.
Das wirklich Große ist das ganz Andere, das Geheimnis, dem wir uns nicht nähern können. Das in unsere Wirklichkeit hereinragt. Heruntergebrochen wird, wie wir an Jesus, dem Gekreuzigten sehen.
Das wirklich Große, wirklich Wahre, der Arzt allen Lebens, braucht keine Promotion. Christus macht kein Tamtam. Er ist da und wirkt. Er reinigt uns, wenn wir zu ihm kommen, von aller Ungerechtigkeit, damit wir wieder glänzen.

Amen

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