Hauptsache gesund!?

Liebe Gemeinde!

Hauptsache gesund! – Beim Thema Gesundheit sind sich fast alle einig: die meisten Menschen sagen, die Gesundheit sei das höchste Gut. Kein Gratulant würde es versäumen, dem Geburtstagskind „alles Gute und vor allem Gesundheit“ zu wünschen. Eine Redensart sagt: „Gesundheit ist nicht alles – aber ohne Gesundheit ist alles nichts!“. – Also Hauptsache gesund?!

Aber die Sache hat auch eine Kehrseite:
Am Thema Gesundheit kommt niemand vorbei. Jeden Tag zeigen uns Fernsehen und Zeitung, worauf es ankommt: Der Tag muss begonnen werden mit dem richtigen Fitness-Drink und für die Pause gibt es dann den „gesunden“ Snack. Mit dem Slogan „gesund“ verkauft sich eben alles besser. Gesunde und fitte Menschen sind „in“. Und deshalb setzt so mancher eine Menge Zeit und Geld ein, um mithalten zu können im Wettbewerb der Gesündesten.

Der Mann, von dem unser heutiger Predigttext erzählt, hätte in diesem Wettkampf nicht die geringste Chance gehabt.
Ich lese aus dem ersten Kapitel des Markus-Evangeliums die Verse 40 bis 45:

(Textlesung)

Hauptsache Gesund?! – Auf den ersten Blick scheint es auch hier nur darum zu gehen: ein Kranker kommt zu Jesus und wird gesund. Aber es geht um etwas noch wichtigeres als die Gesundheit! Der Mann hat Aussatz. Sei es Lepra oder ein anderer schlimmer Hautausschlag. Seine Krankheit ist schlimm. Vielleicht sogar tödlich. Aber – noch schlimmer sind im Moment die seelischen und sozialen Auswirkungen seiner Krankheit. Aussatz bedeutete totale Isolation. Er musste sich fernhalten von allen gesunden Menschen. Keinen Kontakt mehr mit der Familie oder Freunden. Von allen gefürchtet und gemieden. Ja selbst Gott schien ihm den Rücken zugewandt zu haben, denn Aussatz galt als sichtbares Zeichen für die Abkehr Gottes von einem sündigen Menschen.

Viele erleben ihre Krankheit so. Sie sagen: „Seit ich Krank bin gehöre ich nicht mehr richtig dazu. Die Menschen meiden mich. Sie sind beklommen, haben Angst, das Falsche zu sagen. Die Krankheit liegt wie ein schwerer Schatten über meinem Leben.“

Und dann noch die Frage nach der Ursache. Die quälende Frage nach der Schuld. Wie unbarmherzig konnten die Menschen zur Zeit Jesu sein. Sie sagten: „Du bist selber schuld! Hättest du nicht gesündigt!“ – Wie unbarmherzig können die Menschen auch heute sein. Sie sagen: „Du bist selber schuld! Hättest du gesünder gelebt.“ Oder: „Hättest du dich mehr gewehrt. Wenn du nicht allen Kummer runtergeschluckt hättes, dann würdest du nicht mit Magenkrebs hier liegen!“

Krankheiten und überhaupt Schicksalschläge machen uns Angst. Wir suchen schnell nach einer erklärbaren Ursache, etwas, was uns das Leid vom Leibe halten soll. Oft wird dann der Betroffene selbst zum Sündenbock gemacht. „Selber schuld!“, heißt es dann. Wie unbarmherzig – damals und heute!

In dieser verzweifelten Lage kommt nun der Aussätzige zu Jesus. Er wagt es und setzt sein ganzes Vertrauen auf ihn. „Willst du, so kannst du mich reinigen!“ Hauptsache gesund? – Nein, darum geht es dem Aussätzigen in diesem Moment nicht. Sondern darum, endlich wieder dazuzugehören, endlich wieder angenommen zu sein. Hauptsache – mit Gott und mit sich selbst ins Reine kommen. Das ist es, was sich der Kranke sehnlichst wünscht. Und Jesus gewährt es ihm. Jesus berührt ihn und sagt: „Sei rein!“ „Du bist ein Kind Gottes – angenommen und geliebt. Egal, was war und was kommt. Gott hält zu dir.“ Das geschieht alles in dieser kleinen Berührung: der lebendige Gott selbst durchbricht die Isolation und das Tabu der Krankheit und nimmt den, der ausgestossen war, auf in seine Gemeinschaft.

Liebe Gemeinde!
Was braucht man mehr, um leben zu können, als die bedingungslose Zusage Gottes: „Du gehörst zu mir“. Die Zusage Gottes: „Ich bleibe bei dir, auch wenn Freunde dich verlassen.“ Die Zusage Gottes: „Ich steh zu dir, egal was kommt.“
Was braucht man mehr, um leben zu können? – Aber der Aussätzige bekommt noch etwas Anderes: Im gleichen Moment wird der Mann gesund.

Jesus hat nicht alle Kranken geheilt. Aber diesen Mann hat er geheilt. Warum ausgerechnet diesen? Vielleicht wollte Jesus mit dieser Heilung ein Zeichen setzen. Ein Zeichen gegen Krankheit und Tod. Ein Zeichen dafür, wie es sein wird, wenn das Reich Gottes sich endgültig durchgesetzt hat.
Jesus setzte ein Zeichen – aber Zeichen können missverstanden werden. Deshalb befahl Jesus dem Mann, zu schweigen. Es geht nicht um Krankenheilung und Wunderfaszination – sondern die Heilung ist ein Zeichen für das, was noch wichtiger ist: Die Gemeinschaft mit Gott, die Seele und Leib umfasst. Deshalb wird er gesund. „Aber schweige!“, sagt Jesus, damit es die anderen nicht missverstehen.

Hätte der sich daran gehalten, wüssten wir heute wohl nichts von dieser Geschichte. – So aber wissen wir davon. Und so können wir zugleich auch Gefahr laufen, das, was da geschehen ist, in die falsche Richtung zu deuten. Hauptsache gesund? -. Nein! Darum geht es nicht in dieser Geschichte. Es geht nicht um Heilung, sondern um viel mehr, nämlich um Heil!

Hier ist mehr geschehen, als dass ein defekter unansehnlicher Körper wieder gesund und gesellschaftsfähig wurde. Hier ist jemand auf einer wirklich tragfähigen Brücke den Weg ins Leben gegangen.
Seinem Leben ist Heil widerfahren: Isolation wurde durchbrochen, Einsamkeit überwunden. In Jesus Christus hat Gott diesen Menschen selbst angenommen und gesagt: Ich steh zu dir, dein ganzes Leben lang. Du bist Gottes Kind. Nichts kann dich von Gottes Liebe trennen.

Sicherlich: Ja – der Mann wurde geheilt. Und das war wirklich ein großes Geschenk. Aber wer weiß, ob – und wie lange er seine Gesundheit behalten kann. Die Gesundheit ist ein höchst zerbrechliches Gut. Er mag sie erneut verlieren. Aber das, was diesem Mann in den paar Sekunden der Berührung Jesu geschenkt worden ist, nämlich von Gott angenommen und geliebt zu sein, das bleibt. Die ausgestreckten Hände Jesu werden ihn sein Leben lang halten. Sein Leben lang – und darüber hinaus.

Es sind die ausgestreckten Hände Jesu, die uns auch da Heil schenken, wo Heilung möglicherweise ausbleibt. Es sind die ausgestreckten Hände Jesu , die uns liebevoll halten und führen, auch da, wo unser Leben zu scheitern droht. Und es sind die ausgestreckten Hände Jesu, die uns am Ende unseres Lebens sicher nach Hause geleiten.

Liebe Gemeinde! Die Geschichte von der Heilung des Aussätzigen will Mut machen und trösten. Sie will aber auf keinen Fall ver-trösten. Schon gar nicht die, die gerade um Leben und Gesundheit bangen. Natürlich wäre es gut, wenn die Medizin helfen könnte. Und es geschieht ja auch, dass Menschen gesund werden. Oft ist es eine Folge der ärztlichen Behandlung. Und manchmal sprechen sogar Ärzte von einem Wunder. Aber was gechieht da, wo keine Heilung in Sicht ist? Wo die Diagnose unausweichlich scheint oder das Alter seinen Tribut fordert? Gibt es dann keine Hoffnung, keine Hilfe, keine Rettung?
Doch! Denn auch da ist einer, der uns nie aufgibt. Der mit uns bangt und bei uns bleibt, egal was kommen mag.
Auch in allem Bangen und aller Verzweiflung halten uns die ausgestreckten Hände Jesu. Sie erinnern uns daran Gott lässt dich nicht im Stich! Er bleibt bei dir, egal wie es ausgehen wird.

Mir fällt dabei ein Mädchen ein, das seine Mutter bei einem schweren Verkehrsunfall verloren hat. Der Pfarrer kam zum Trauergespräch in die Wohungn der Familie. Beklommenes Schweigen. Da sagte er: „Man fragt sich schon, wo Gott wohl in diesem Moment des Unfalls gewesen sei.“ Da sagte die kleine Tochter der verunglückten Mutter: „Da gibt es für mich gar keinen Zweifel. Gott war in diesem Moment bei meiner Mutter.“

Bei meinen Besuchen in der Klinik erlebe ich Ähnliches. Menschen erfahren, wie Gott sie hält und trägt. Sogar und gerade dann, wenn ihr ganzes bisheriges Leben in den Abgrund zu rutschen droht. Eine Patientin sagte mir mal: Wissen sie, die Liebe Gottes bewahrt uns nicht vor jedem Leid, aber sie führt uns durch jedes Leid sicher hindurch. – Manchmal sind es die Totkranken und Traurigen, die den Pfarrer/die Pfarrerin trösten. Sie schöpfen aus einer Kraft, die außen Stehende nur staunen lässt.

„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder!“ (Röm 8, 14) – Dieses Versprechen aus der Epistellesung macht Gott wahr: Er steht zu seinen Kindern selbst da, wo andere sich davon schleichen. Er hält es bei ihnen aus – auch im größten Leid. Und er schenkt seine Kraft und seine unumstößliche Liebe, egal was kommen wird.

Mir viel dazu ein Mundart-Gedicht von Pfarrer Preß, damals Pfarrer in Hallstadt, ein, das ich ihnen zum Schluss gerne vorlesen möchte. Es hat den Titel „Die Hauptsache“.

Gern gucken die Leut in den Kinderwagen,
erst wird gelacht, dann kommen die Fragen:
„Ja, wem sieht sie denn gleich, die kleine Maus?
Die Nase, die Augen, – der Papa schaut raus.“
Das Ende vom Lied heißt: „Die Kleine ist schön rund,
man sieht ja, der fehlt nix. Hauptsach gesund.“

Aber wenn so a Bobbela einen Herzfehler hat
oder lahme Beine oder der Rücken is net grad?
Wozu wär die Kleine dann auf der Welt,
wenn ihr die Hauptsache angeblich fehlt?
Irgendwas stimmt nicht an der Theorie,
ich denk drüber nach, das macht mir viel Müh.

Die Antwort hab ich bei einem Spaziergang gekriegt,
das war auch so ein Wagen, wo ein Baby drin liegt.
Eine Frau schaut rein, sagt die alten Sachen:
„Hauptsach gesund!“, und was die Zähnchen so machen.
Die Mutter von der Kleinen hat ein wenig überlegt,
und was jetzt kommt, das hat mich bewegt:
„Schön, wenn Kinder gesund sind, das ist keine Frag,
aber die Hauptsach ist doch, wenn sie eins mag.“

Damit kann auch ein behindertes Kind leben,
die Gesundheit können wir ihm nicht geben,
aber die Hauptsach, die kriegt‘s jeden Tag,
wenn nur jemand da ist, der das Kind mag.

(PRESS, H., Für Unbefugte Zutritt geboten. Hintersinniges und Heiteres von Pfarrer Preß, Bamberg 1994. – leicht gekürzt und verändert.)

So können wir leben, weil wir das Leiden nicht verleugnen müssen. Weil wir spüren dürfen, dass da Gottes unvergängliche Liebe ist, die uns alle trägt und hält, egal was kommen mag. Das ganze Leben lang und darüber hinaus. – Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.

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