Grenzgänger gesucht

Liebe Brüder und Schwestern,
Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Wussten Sie´s, wusstest Du´s schon?

Heute werden Grenzgänger gesucht.

Grenzgänger.

Wären Sie, wärst Du gern einer?

Was man macht als Grenzgänger?

Nun,
man lebt und wirkt an verschiedenen Orten,
Orte,
die durch eine Grenze voneinander getrennt sind.

Vielleicht kennt der eine oder andere ja so einen Grenzgänger,
z.B. jemand, der in Polen oder Tschechien wohnt,
aber in Deutschland arbeitet.

Solche Grenzgänger sind gar nicht so selten.

Aber die sind es gar nicht,
die heute gesucht werden.

Gesucht werden Grenzgänger,
die andere Grenzen überschreiten.

Was für andere Grenzen?

In der Schule,
da gibt es die,
die sind immer mittendrin,
die wissen,
was angesagt ist,
die haben coole Handys,
coole Klamotten,
feiern die besten Partys.

Aber es gibt auch die Stillen,
die die nicht schon 1000 Facebookfreunde haben,
und nicht `ne Jeans für 150 €uro tragen,
aber gern mit wenigen zusammen sind,
quatschen und rumspinnen.

Zwischen ihnen ist eine Grenze.

Oder die Nachbarn im Dorf.
Da gibt es die,
die am Wochenende ins Theater fahren,
die sich gern über ein gutes Buch unterhalten
und öfter mal extravagant kochen.

Vielleicht nur einen Steinwurf entfern leben welche,
die hören gern Volksmusik,
die werkeln am liebsten am Wochenende im Garten
und grillen abends.

Zwischen ihnen ist eine Grenze.

Da gibt es diesen Mann,
vor einiger Zeit ist seine Frau verstorben,
seitdem ist sein Leben ganz anders geworden,
auch er ist anders geworden,
hat sich verändert.

Seine alten Bekannten und Freunde stehen mit ihren Partnern noch mitten im Leben.
Was es heißt,
allein klar kommen zu müssen,
sie können es nur ahnen.

Zwischen ihnen ist eine Grenze.

Oder die kranke Frau.

Als sie krank wurde,
da kamen noch vielen,
haben „hallo“ gesagt,
gefragt, wie´s ihr geht,
doch jetzt,
nach so vielen Monaten,
kommt kaum noch jemand.

Die Krankheit ist da,
das Leben bewegt sich in einem eng abgesteckten Terrain,
die anderen haben sich daran gewöhnt.
Was soll man noch fragen?

Und die Frau?
Was kann sie noch sagen?

Zwischen ihnen ist eine Grenze.

Es gibt eine Vielzahl solcher Grenzen.

Welche Grenzen kennen Sie, kennst Du?

Für Grenzen werden heute Grenzgänger gesucht!

Doch wieso sollte gerade ich so ein Grenzgänger werden?
Und wie sollte ich einer werden?

Ein Erlebnis,
das Jesus hatte,
will ich erzählen.
Es ist ein Erlebnis von zwei Grenzgängern,
die sich auf der Grenze begegnen.

Vielleicht kann uns dieses Erlebnis helfen,
eine Antwort darauf zu finden,
ob und wenn ja wie ich zu einem Grenzgänger werden kann.

Der Evangelist Markus hat es aufgeschrieben.
Es steht im ersten Kapitel seines Evangeliums (40-45).
Dort wird erzählt:

„Es kam zu Jesus ein Aussätziger,
der bat ihn,
kniete nieder
und sprach:
„Willst du,
so kannst du mich reinigen.“
Und es jammerte Jesus
und er streckte die Hand aus,
rührte ihn an
und sprach zu ihm:
„Ich will´s tun;
sei rein!“
Und sogleich wich der Aussatz von ihm
und er wurde rein.
Und Jesus drohte ihm
und trieb ihn alsbald von sich
und sprach zu ihm:
„Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst;
sondern geh hin und zeige dich dem Priester
und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat,
ihnen zum Zeugnis.“
Er aber ging fort
und fing an,
viel davon zu reden
und die Geschichte bekannt zu machen,
sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte,
sondern er war draußen an einsamen Orten;
doch sie kamen zu ihm von allen Enden.“

Zwei Grenzgänger.

Auf der einen Seite Jesus,
einer der sich in der Gesellschaft frei bewegen kann,
der unterwegs ist,
um zu predigen,
um den Leuten die neue Zeit anzusagen,
und ihnen den Weg zu zeigen:
„Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen.“
Das Leben soll heilen!
„Tut Buße und glaubt an das Evangelium, an die frohe Botschaft!“

Auf der anderen Seite ein Aussätziger,
ein Kranker,
einer,
der sich nicht frei bewegen darf,
der die Gesellschaft der anderen meiden muss,
so die Vorschrift,
ein Unreiner.

Er macht über die Grenze,
denn:
er geht zu Jesus.

Er überschreitet die Grenze,
die ihm die Gesellschaft gezogen hat,
weil er sich als Unreiner einem Reinen nähert.

Eine mutige Tat.

Und man ahnt,
wie er alles auf eine Karte setzt,
ahnt,
wie schwer dieser Schritt ist
und wie tief die Angst in den Knochen steckt,
abgewiesen, weggeschickt zu werden,
und wie groß doch anderseits seine Sehnsucht ist.

Man ahnt es durch die Art und Weise,
wie sich der Unreine,
der Ausgegrenzte nähert.

Er kommt,
er bittet,
er kniet nieder.

Und der auf der anderen Seite,
der,
so könnte man sagen,
Sonnenseite,
Jesus?

Es jammert ihn.
Er hat Mitleid.

Es geht nicht an ihm vorüber,
was er sieht.

Und weil es nicht an ihm vorüber geht,
weil es ihn nicht kalt lässt,
geht er nicht vorüber.

Sondern er streckt die Hand aus,
rührt ihn an.

Eine Berührung,
eine Verbindung zwischen Getrennten entsteht.

Und mit der Berührung,
mit dem Schritt über die Grenze,
öffnet sich die Grenze
und löst sich auf.

Der Unreine wird rein,
das Trennende verschwindet.

Als die Grenze überschritten wird,
heilt das Leben.

Wer die Erzählung der Begegnung dieser Grenzgänger noch im Ohr hat,
wundert sich vielleicht,
warum Jesus dann so schroff wird,
dem andern sagt,
dass er niemandem etwas erzählen soll,
sondern nur opfern und zum Priester gehen soll,
der ja die offizielle Instanz ist,
um jemanden für rein und damit gesellschaftsfähig zu erklären.

Das liegt,
nur am Rande bemerkt,
an der Theologie des Erzählers,
an Markus.

Er wollte seinen Lesern und Hörern damit verdeutlichen,
dass es wichtig ist,
in Jesus nicht nur einen Wunderheiler zu sehen,
sondern dass da noch mehr hinter steckt.

Doch zurück zu den beiden Grenzgängern.

Dass Jesus weiterhin Grenzen überschritten
und durchlässig gemacht hat,
kennt man aus dem,
was uns andere weitererzählt haben.

Und der andere,
der Reingewordene?

Auch beim ihm ist es nicht bei diesem einen Mal geblieben,
dass er die Grenze überquert
und damit durchlässiger gemacht hat.

Auch er ist ein Grenzgänger geblieben,
denn er fing an,
von seiner Begegnung zu erzählen.

Und das hat er gewiss nicht nur auf der Seite gemacht,
auf der er sich nun dank seiner Heilung wieder bewegen konnte.

Sondern er wird´s auch auf der Seite erzählt haben,
auf der er als Ausgegrenzter stand.

Denn – wie wird weiter erzählt? –
es kamen daraufhin viele zu Jesus,
von allen Enden,
viele Kranke,
die er heilte.

Heute werden Grenzgänger gesucht!

Doch wieso sollte ich einer werden?

Als wir am Anfang der Predigt darüber nachgedacht haben,
was es für Grenzen im Leben gibt,
wo Menschen voneinander getrennt sind,
da sind jedem gewiss eigene Grenzen eingefallen,
in denen er oder Menschen in seinem Umfeld festgehalten sind.

Vielleicht bin ich ja einer von den Coolen in der Schule,
der sich nicht traut,
mit dem Stillen ein Wort zu wechseln,
obwohl er doch ganz nett ist
und interessant
und nicht so oft so oberflächlich.

Vielleicht sitze ich gern abends bei zünftiger Musik
und grill mir `ne Wurst
und würde gern auch mal den Nachbarn einladen,
bei dem ich sowas selten sehe,
weil ich mich über gute Nachbarschaft freuen würde,
doch ich traue mich nicht,
über den Zaun zu sagen:
Komm doch mal rüber.

Vielleicht bin ich,
seitdem ich meine Liebe verloren habe,
seltsam geworden
und die anderen wirken so fern,
so weit weg.

Vielleicht kenne ich jemanden,
der seit längerem krank ist,
und weiß nicht,
wie ich ihm begegnen soll.

Vielleicht lebe ich auch in ganz anderen Grenzen.

Doch wenn ich die Sehnsucht spüre,
diese Grenze zu überschreiten,
sollte ich da nicht einen Weg suchen?

Sollte ich es nicht wagen,
zum Grenzgänger zu werden?

Es riskieren,
die Grenze zu überschreiten,
ohne zu wissen,
wer mir da begegnet?

Wer innerlich die Sehnsucht spürt,
neues Terrain zu betreten,
der sollte dieser Sehnsucht nachgehen,
denn nur wenn man sich auf den Weg macht,
und sei es auch rein innerlich,
nur wenn man sich auf den Weg macht,
kann sich etwas verändern,
kann Leben auch heil werden.

Der Aussätzige sehnte sich danach
und er machte den ersten Schritt.

Und auf der Grenze begegnete er einem,
den diese Sehnsucht ansteckte,
einem,
der mitfühlte
und der die Hand ausstreckte,
nach ihm Griff.

Und in dieser Begegnung,
in diesem Moment,
in dem sich zwei Welten berührten,
heilte Leben.

Wären Sie, wärst Du nicht auch gern so ein Grenzgänger,
einer, durch den das Leben ein Stück heiler wird?

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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