Bei Beersheba wird es grün

Predigt zum 25.9.2011, 1. Mose 28,10-19a , Anlass: Goldene Konfirmation

Liebe Gemeinde, liebe goldene Konfirmanden;

Beersheba. Am Rande der Wüste Negev. Knochentrocken. Staubig, von der Sonne verbrannt. Gottverlassenes Nest dicht vor dem Nirgendwo. Beersheba ist kein gemütlicher Ort. Jakob ist ziemlich erschöpft. Viel zu staubig, viel zu wenig Wasser, viel zu wenig getrunken. Der Kopf pocht, die Augen sind fast blind vom Licht der Sonne, vom Flimmern in diesem Land ohne Schatten, endlich…endlich wird’s dunkel. Endlich wird’s kühl. Endlich etwas schlafen. Ausruhen, ein Stein als Kopfkissen, aber besser als nichts. Man ist ja nicht verwöhnt. Augen schließen. Stille.

Was ist das? Hast Du den Brief gesehen? Die laden Dich ein zur Goldenen Konfirmation. Die von der Kirchengemeinde, die beiden Pastoren, der Kirchenvorstand. Man, bist Du auch schon so alt? 50 Jahre ist das nun her…1961. Zwei Jahre vor den Beatles. Mitten im Adenauer. Eine Ewigkeit vor dem Farbfernsehen. Was waren wir jung damals….! Ach, 50 Jahre ist das her. Ich bin müde geworden. Damals großer Lebensdurst, heute…man gewöhnt sich auch an kleine Gläser. Damals konnte die Sonne nicht hell genug scheinen…heute wird’s Herbst. Zweite Hüfte hab ich schon, im Knie wurde auch schon was operiert, große Sprünge über Stock und Stein, das geht nicht mehr so wie damals. Ob ich da hingehen soll? Man erkennt sich doch gar nicht mehr? Oder doch.? Und will ich wieder in den alten Erinnerungen baden, die alten Geschichten auskramen, die Hanna wieder treffen, in die ich damals so verknallt war, und sie hat das gar nicht gemerkt, die Hanna, die schon mal heimlich Lippenstift und Wimperntusche benutzt hat, heimlich, Pastor, Lehrer, Eltern durften das nicht merken. Ach…ich schwelge ja schon in Erinnerungen…damals, da war das Glas voll, jetzt ists dreiviertel leer. Damals wollten wir nach Amerika oder auf den Mond, heute fahren wir mit dem Wohnmobil an die Mosel. Ich überschlafe das erstmal. Man muss sich ja nicht sofort anmelden.

Augen schließen. Stille.
Und ihm träumte. Du bist gesegnet, Jakob. Ich bin mit Dir. Himmel, siehst Du die Leiter, Himmel, er ist offen, für Dich. Ich will dich nicht verlassen, Jakob. Hier ist die Pforte des Himmels. Hier in diesem staubtrockenem Nirgendwo bei Beersheba am Rande der Wüste. Hier, nicht woanders, nicht im Grün am Jordan, nicht im Blau am Mittelmeer, nicht in der Kühle des Libanon, hier, mitten im Nirgendwo. Jakob ist hellwach auf einmal, ganz aufgekratzt, 50 Jahre jünger fühlt er sich, Gott ist mit mir, Leute, Gott hat mich gesegnet. Mich, den Viehhirten ohne Kopfkissen und ohne feste Adresse. Hier ist die Pforte des Himmels. Das ist ja fast wie Ostern. Nur Jakob weiß noch nichts von Ostern, es ist noch 1000 Jahre zu früh dafür. Aber er kennt das Gefühl, dieses unbeschreibliche Glücksgefühl, wenn der Stein, der auf der Seele lastet, wenn der Stein, der aus Leben Bürde und Mühsal macht, wenn der weggerollt ist, wenn der Himmel aufgeschlossen wird. Traumhaft, traumhaft schön.
Augen auf. Und sich freuen.

Augen schließen. Stille. Ich überschlaf das erstmal. Man muss sich ja nicht sofort anmelden. Und ihm träumte. Der Himmel ging auf. Und Hanna guckte ihn an. Bisschen schnippisch mit heimlichen Lippenstift und getuschtem Augenaufschlag. Eeeh, komm, wir sind noch da. Schwimm durch die Mosel mit mir. Was? Du warst noch nicht in Amerika? Traust dich nicht? Wegen dem Knie und so? Ach, wer noch mit dem Auto an die Mosel kann, kann auch mit dem Flieger nach Amerika. Was, dein Glas ist dreiviertelleer? Aber das, was noch drin ist, ist doch ein guter Tropfen. Genieße ihn. Und auf einmal ist er hellwach. Was war das? Wenn Gott das Leben ist und Gott die Liebe ist, dann hat sich ihm eben der Himmel geöffnet und sich Gott ein wenig gezeigt. Und er spürt Kraft und Lebensmut. Und er spürt Freude und Lust, und er sieht im Herbst die Osterglocken blühen. Was soll das Geklage, das Lamentieren über das was nicht geht, was mal schön war, das Wehmütige, das Selbstmitleidige? Warum nicht aufs Rad, wenn es zu Fuß nicht mehr so geht! Warum nicht an die Mosel und vielleicht doch noch mal nach New York! Warum nicht? 50 Jahre ist es her, da war der Lebensdurst groß. Aber Geschmack am Leben, das hat er ja immer noch. Ein schöner Traum. Traumhaft schön. Wie kam das nur? War da nicht wüste gestern, als er die Einladung zur goldenen Konfirmation fand? War da nicht Grauingrau? Und nun, ich melde mich an. Augen auf. Und sich freuen.

Und Jakob stand auf in der Frühe, nahm den Stein, auf dem er seinen Kopf gelegt hatte, goss Öl drauf und richtete ihn auf und nannte diesen Ort: Beth El. Das heißt übersetzt: Gotteshaus.

Und er ging zur goldenen Konfirmation, lachte Hanna zu, die ihn gleich erkannte. Hanna wusste nichts von dem Traum und ihrer Engelsrolle darin, sie dachte nur: Ach, der Manfred, der mich immer so mochte, was strahlt der heute?
Er dachte: Ach schön, die alten Geschichten, die alten Gesichter, alle mit gutem Tropfen in viertelvollen Gläsern. Und hübsch, hübsch ist die Hanna immer noch mit ihrem Lidschatten und Lippenstift.
Und vor der Figur des alten Christopherus zündet er ein Licht an, in seiner Kirche, seinem Gotteshaus. Denn schwer trägt der Christopherus am Leben, ja, und die Knie tun dem auch wohl mal weh. Aber an seinem Stab, da grünt es, da lebt es. Man trägt sein Leben, aber man lebt, so denkt er. Lobe den Herrn meine Seele, vergiss nie, was er Dir gutes getan hat. Wieso fällt mir das jetzt ein? Ach, ich weiß. Das war, nein das ist mein Konfirmationsspruch.

Beersheba. Am Rande der Wüste. Staubig, heiß und trocken. Aber nicht gottverlassen. Bei Beersheba wird es grün. Amen

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