Starrheit oder Wahrheit?

Liebe Gemeinde,
sie können heute nach Hause gehen und überrascht davon erzählen, dass das Christentum doch keine Wohlfühloase ist. Sie können nach Hause gehen und erzählen, dass wir Radikale sind und jenseits alle Vorstellungskraft operieren. Sie können nach Hause gehen und erkennen, das Christsein auch immer eine Entscheidung von einem fordert.

Sie können davon berichten, dass nichts von der vermeintlichen Milde zu hören war, mit der ich und meine Schwestern und Brüder sonst sonntags angeblich immer daher kommen. Nichts profanes, nichts, dass Ihnen nach dem Mund geredet hat, nur von der reinen Wahrheit, der Umkehrung der Verhältnisse, der Durchbrechung der gegebenen Umstände war zu hören. Anders als in den Feuilletons der ZEITungen behauptet gab es keine „harmlosen, unverbindlichen, kindischen, fast schon blasphemischen Wohlfühlsätze“i, denn der auszulegen der Text gab diese nicht her.

[Predigttext]

Geht’s noch verstörender? Der Jesus, in dessen Namen doch Ehen geschlossen, Kinder getauft und dem bei wichtigen Familienfesten gedacht wird, zieht hier so eine Anti-Familiennummer ab.
Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern sind draußen und fragen nach dir. Und er antwortet: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Was so harmlos daher kommt ist eine der radikalsten Stellen im Neuen Testament. Unheimliches Potential liegt in diesen Zeilen. Nicht nur, dass Jesus hier erst einmal allen vor den Kopf stößt, nein, er durchbricht auch alle gesellschaftlichen Grenzen.

Liebe Gemeinde,
es ist erschreckend, was uns hier geboten wird. Eugen Drewermann nennt das die „Energie der Feindschaft, die Wucht des Zusammenpralls und die Unverzüglichkeit mit der die Dinge auf der einen wie auf der anderen Seite klargestellt werden.“ii
Jesus sprengt hier ein System und er tut dies relativ uncharmant und unverblümt: Alle Ordnung wird durchbrochen. Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? fragt Jesus obwohl seine leibliche Familie vor ihm steht.

Jesus bricht damit aus einem System aus, dass ihn nicht mehr fassen kann. Er wählt Freiheit, er kennt nur diese, und benutzt die Geschichte mit seiner Familie dafür als Rahmen. Und jetzt denken Sie bitte nach: Wo liegen die Systeme, die Handlungsstränge, die Mechanismen, die sie in die Unfreiheit zwingen und dabei das Kunststück vollbringen, ihnen diese aber als Freiheit zu verkaufen?

Sie glauben, ein leichter Kredit, ein easy Credit, verheißt Ihnen Freiheit? Keineswegs, denn auch wenn Sie sich den Urlaub, das Auto, den PC oder wo nach immer Ihnen der Sinn steht leisten können, es ist auf Pump gekauft und sie sind nicht frei. Denn wenn die erste Rate fällig wird, merken Sie, wer mit ihrem Wunsch nach Freiheit wirklich was verdient.

Sie glauben, ein tiefer Schluck aus der Flasche, abends vor dem Fernseher, bringe Erleichterung angesichts der Schmerzen, die einem das Leben verursacht? Vergessen Sie`s. Wenn Sie an diesem Punkt sind, sind sie schon nicht mehr frei.

Sie glauben, sie können die Zusammenhänge dieser Welt erklären und verbreiten ihre Theorie, dass das „einzig Wichtige im Leben, der wirkliche Klebstoff der menschlichen Beziehungen und der internationalen Zusammenarbeit das Geld sei“iii dann werden alle denken, meine Herren, er hat aber seine gesellschaftskritischen Hausaufgaben gemacht. Denkt man weiter und sieht, dass man selber ein Sklave dieses Klebstoffes ist, mag einem das schlaue – und schon beinahe zynische Reden – im Halse stecken bleiben.

Wenn man also beginnt, an dem, „was alle ringsum für normal halten, zu leiden“iv, dann hat man schon eine Menge von dem verstanden, worum es Jesus ging und geht. Ihm war klar, dass die „vertraute, ganz normale, gewöhnliche Welt eine einzige Hexenküche ist“v. Und das, was in dieser Hexenküche gebraut wird, ist ein Cocktail aus Angst. Und diese Angst hält uns besetzt, wie ein Dämon. Diese Angst gaukelt uns Freiheit vor ohne dieses Versprechen einlösen zu können, ohne dieses Versprechen je einlösen zu wollen, denn diese Angst lähmt und steckt an.

Und Menschen, die Angst haben, kann man gut kontrollieren, gut beeinflussen und lenken. Die Angst ist dann ein Kontrollmechanismus. Der gerne erzeugt wird, um ihm beim anderen zu benutzen.

Jesus muss kopfschüttelnd vor diesen Zwängen gestanden haben, denn er hat diese Angst nicht befriedigt. „Was denken jetzt bloß die anderen, wenn ich meine Familie hier so bloß stelle?“, war sicherlich keine Frage, die er sich gestellt hat. „Ach, macht euch doch keine unnötigen Sorgen! Verstehet ihr denn nicht, dass das die wahre Freiheit ist?“ Jesu Versuche, die Menschen aus ihren Mechanismen zu befreien, war immer gekoppelt mit dem Angebot der Freiheit. Und diese Freiheit spiegelt sich genau in diesem einen Angebot wider: Man kann beginnen, an Gott zu glauben. Übe deinen aufrechten Gang! Sei das, wozu du geschaffen bist. Ein freier Mensch, der niemandes Knecht ist.

„Es muss ein Ende damit haben, das der andere über dich verfügt!“vi All die Vokabeln mit denen wir einander klein halten: „Richtig, falsch, vernünftig, dumm, erfolgreich, blamabel, tüchtig, ein Versager und dazu „die Schablonen der Unterdrückung.“vii Die Herabsetzung, das in Schach halten des anderen – damit war nach Jesu Meinung sofort Schluss zu machen. Denn es gab dafür ja keinen Grund. Es gibt ja Gott.

Sie haben die Radikalität dieser Sätze gehört und verstanden? Wunderbar, dann brechen sie aus. Sagen sie „ich“ und meinen sie es auch. Vertrauen sie ihrem Selbst und sehen sie zu, dass die Dämonen der Angst ihre Macht über sie verlieren.
„Die Macht der Dämonen ist immer die Menge, die Vielzahl, das Kollektiv und wie man darin untertaucht, um sich selbst zu entweichen.“viii

Was bringt es, Beziehungen zu unterhalten, die sich einzig und allein dadurch legitimieren, weil sie so gegeben sind.
Was, wenn diese gegebenen Beziehungen uns aber schaden und uns nicht gut tun.
Was, wenn uns diese Beziehungen nicht glücklich machen, sondern uns nur unglücklicher werden lassen?
Muss man das dann aufrecht erhalten um der Fassade willen? Aus der Angst heraus, die Leute könnten ja anfangen zu reden? Nein!
„Es gibt viele Formen, die Menschen zusammenschweißen, und fast immer sind die terroristischen die scheinbar erfolgreichen. Man kann den Terror predigen im Namen der Familie. Die Kinder haben zu sein, wie die Eltern wollen!“ix Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst … usw.!
Versuchen sie einmal, sich dagegen zu wehren. Es ist schon schwierig, alte Gewohnheiten abzulegen, aber es ist fast noch schwieriger aus lange eingeübten Verhaltensmustern auszubrechen.
Und genau hier bietet Jesus einen Schnitt an. Er träumt von einer „Zusammengehörigkeit von Menschen, gegründet auf nichts weiter als auf die Evidenz der Liebe, auf die Freiheit des Denkens“x, fernab aller einschränkenden Muster.

Woran man glaubt, wovon man überzeugt ist, darauf kommt es an, das zählt. Wir machen als Christinnen und Christen mitunter viel zu viele Kompromisse und Zugeständnisse: Sonntagsarbeit – kein Problem. Über einen anderen lästern und nicht einschreiten? Passiert ja nicht so oft. In die Kirche gehen, sich Christ nennen und NPD wählen?

Ich sag es mal klarer: Es gibt im Himmel später keinen Preis dafür, dass man immer den leichteren Weg gegangen ist. Stellen sie sich vor: Jesus hätte Simon von Kyrene nicht nur das Kreuz auf dem Weg tragen lassen, sondern ganz bis zum Schluss. Wir kommen um eine Entscheidung für oder wider Gott nicht drum herum. „Gott oder Gold. Die Wahrheit oder die Starrheit (des faktisch Gegebenen). Die Institution des Herzens oder die Institution der Angst.“xi

Liebe Gemeinde! Sie können später nach Hause gehen und erkennen, das Christsein auch immer eine Entscheidung von einem fordert. So habe ich es anfangs formuliert. Sie haben es gehört, Starrheit oder Wahrheit. Das ist die Frage, der wir uns zu stellen haben.
AMEN!

i Evelyn Finger: Schluss mit dem Geschwätz! Früher war die Predigt eine Kunst. Heute liefern die meisten Pfarrer nur Seelenwellness, in: Die Zeit vom 16.12.2007. www.zeit.de/2007/51/Predigt
ii Vgl.: E. Drewermann: Zwischen Staub und Sternen, Predigten im Jahreskreis, München 1995, S. 63ff.
iii A.a.O., S. 64.
iv Ebd.
v A.a.O., S. 65.
vi A.a.O., . S. 65.
vii Ebd.
viii Ebd.
ix A.a.O., S. 66.
x A.a.O., S. 67.
xi Ebd.

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