Wenn Glaube blind macht

Liebe macht blind, sagt der Volksmund. Das nüchterne Urteil ist getrübt vom Überschwang der Gefühle. Das darf ja auch mal sein. Und wer sich an solche Zeiten erinnert, schmunzelt vielleicht, weil wenigstens das an der Teeniezeit richtig romantisch war neben anderem eher Schwierigem.

Aber auch der Glaube kann blind machen. Wenn er ohne Liebe ist. Wenn sich die Rechthaberei durchsetzt, und auch die größten Opfer in Kauf nimmt. Was das für Folgen haben kann, haben die Menschen zu spüren bekommen, die vor 10 Jahren in den Zwillingstürmen in der New Yorker City zur Zielscheibe von Kamikazefliegern wurden. Aber nicht nur mit dem Koran, auch mit der Bibel in der Hand haben Menschen großes Unheil angerichtet. Im letzten Gottesdienst für Jedermann haben die Konfirmanden anschaulich gemacht, wie einst der Apostel Paulus mit fanatischem Eifer die Christen gejagt hat.

Wenigstens gab es dabei eine Wende zum Guten. Jesus hat eingegriffen. Er hat den Bösen aufgehalten. Er hat ihn aus seiner Verblendung erlöst. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen, diese Redensart stammt übrigens genau aus dieser Geschichte.

Können wir uns vorstellen, dass genauso wie dem fanatische Glaubenseiferer Saulus die Augen geöffnet wurden für Jesus Christus, dasselbe auch viele Muslime heute erleben könnten. Die meisten werden von uns werden das nicht für möglich halten. Das hielten auch die meisten Christen in Damaskus für unmöglich, als sie von der Lebenswende ihres Verfolgers erfuhren. Das ist eine Tarnung, er will das wir uns outen und dann schlägt er zu, erzählten sie sich. Wir haben nur Schlechtes gehört von ihm und seinen Leuten. Wieviel Böses er den Christen angetan hat.

So denkt heute mancher über Muslime generell. Die sind böse. In den Berichten der Tagesschau hören und sehen wir fast nur Böses von ihnen. Anschläge auf Synagogen, Moscheen und Kirchen. Auf dem Markt. Ohne Rücksicht auf Verluste. Heimtückisch. Gnadenlos. Die sind gewaltbereit. Die sind fanatisch. Auch wenn sie hier im Westen nicht weithin erkennbar sind mit Turban und Vollbart, keinen Sprenggürtel um oder Kalaschnikow im Arm. Das sind vielleicht Schläfer. Spione. Wenn die freundlich reden, dann ist das hinterlistig wie bei den Präsidenten Assad oder Achmanidschad. So dachten die Christen in Damaskus über Paulus. Aber da war einer unter ihnen. Ein einfacher Mann. Hananias mit Namen. Der lässt sich nicht blenden von den Vorurteilen, den berechtigten Vorurteilen. Der geht in die Stille. Der sucht Gewissheit bei Gott. Meint es dieser Mann ehrlich. Hat Jesus wirklich sein Leben verändert? Und dann geht er zu Saulus und spricht mit ihm darüber, was er erlebt hat. Er bringt ihn in Kontakt mit der Gemeinde. Er bürgt für ihn. Und hilft ihm bei den ersten Gehversuchen als junger Christ.

Als Hananias selbst noch ungewiss war, wer ist der Saulus? Meint der es ernst? Ist der auch ehrlich? Da hatte ihm ein Wort geholfen, dass Gottes Geist ihm geschenkt hat. Hananias hatte die Beauftragung verspürt, zu vermitteln, als Gott zu ihm mit diesen Worten gesprochen hat: Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde.

Denn siehe, er betet. Gerade Muslime sind Menschen, die beten. Fünf mal am Tag, so ist es ihnen aufgegeben.
Heute, wie inzwischen üblich am zweiten Septembersonntag, ist Tag des offenen Denkmals. Historische Gebäude öffnen ihre Pforten. So mancher betritt an diesem Tag nach langer Zeit wieder eine Kirche. Da werden dann alte Gemälde bestaunt, Orgelprospekte bewundert, Türme bestiegen. Die gastgebende Kirche widmet sich aufmerksam ihren Besuchern, wird sie ihnen deutlich machen, was typisch ist für dieses Gebäude. Das ist dann hoffentlich nicht nur der Hinweis auf den Baustil oder die berühmtesten Pastoren.

Das zuerst wichtige ist doch wohl der Hinweis: Hier treffen sich Menschen, die beten. In alle Synagogen, Moscheen, Tempeln, Kirchen zieht es von je her Menschen mit ihren Wünschen, mit ihren Dank, mit ihre Schuld. Seit Jahrhunderten kommen sie mit dem, was hier der Prophet Jesaja aufzählt: Die Elenden, die Ärmsten unter den Menschen. Die leiden unter Tyrannen, die ihr Recht nicht bekommen. Die an einer Krankheit leiden. Und, das wird offen gesagt: Die im Irrtum stehen. Die groß geworden sind mit einer falschen und unzutreffende Meinung darüber, wer Gott ist und wie sie ihm gefallen können.
Wenn ich als Christ sage, die sind im Irrtum, oder anders gesagt, die suchen mit bewundernswertem Ernst und Hingabe, aber an der falschen Stelle. Dann erhebe ich mich nicht besserwisserisch über eine andere Religion oder Kultur. Vielmehr rühme ich vor Gott zusammen mit der Gemeinde, die in das Glaubensbekenntnis einstimmt, dankbar und immer noch mit Erstaunen dieses Vorrecht, dass sich Gott in Jesus offenbart hat. Endgültig. Unüberbietbar. Uns ist geschenkt, wovon Jesus einmal gesagt hat: Viele Propheten und Gerechte haben begehrt, zu sehen, was ihr seht. Und haben´s nicht gesehen. Und zu hören, was ihr hört. Und haben´s nicht gehört.

Und dann sage ich nicht im Blick auf die Gläubigen mit anderen Auffassungen: Die sind unbelehrbar. Oder die sind prinzipiell gefährlich. Sondern ich rechne damit, dass an vielen von ihnen die Prophezeiung hier geschehen kann: Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen.

Julyan Lidstone war ein junger Student in England. Sie trafen eine bewusste Entscheidung, ihr Leben mit Jesus zu führen. Julyan erinnert sich: „Es kam mir so unfair und falsch vor, dass man in Schottland so einfach von Jesus erfahren kann. In vielen anderen Ländern ist es so schwer.“

Nach seinem Studium geht Julyan für 4 Jahre mit dem Missionwerk OM (Operation Mobilisation) nach Indien. Während dieser Zeit spürt er den Ruf, unter Muslimen zu arbeiten.

Im Sommer 1976 legte das Bücherschiff Logos, das zu OM gehört, in Glasgow an. . Zur gleichen Zeit arbeitete Lenna Lidstone als Grundschullehrerin in der Stadt. Sie hilft an Bord mit. Im Jahr darauf melden sich beide an einer Bibelschule in Glasgow an. In einer Gebetsgruppe für den Nahen Ost lernen sich die beiden kennen. Sie entscheiden sich füreinander und für einen gemeinsamen Dienst in der Türkei.

„Anfangs war es schwer“, sagt Lenna. Nur wenige Wochen vor unserer Hochzeit wurde ein befreundeter Missionar in der Türkei erschossen. Es war nicht leicht für uns, und doch hatten wir das starke Gefühl, wir müssen seinen Platz einnehmen.“
1980 ziehen sie in die Türkei. Lenna fällt das Einleben schwer. Ihr sprachbegabter Mann kommt schnell voran. Bereits nach einem Jahr beginnen sie eine Bibelgruppe in ihrer Wohnung. Er kann auf Türkisch beten und sogar predigen. Bei ihr gibt es auch nach 2 Jahren kaum Fortschritte. Sie wird mutlos.
Da merkt sie sich den Satz eines Redners auf einer Konferenz: Sprache lernen ist Beziehungen zu leben. Sie erinnert sich: „Gott ermutigte mich, in Beziehungen zu investieren. Ihm dienen heißt nicht nur, von ihm zu erzählen!“

Sie lernt Ehefrauen kennen und trifft sich regelmäßig mit ihnen. Bevor wir in die Türkei kamen, sagte ich Gott in meinen Gebeten oft, ich möchte ihm und den Türken dienen. Nie hätte ich erwartet, dass er meine Worte so wörtlich nehmen würde!“
Wenn sich in diesem Land Freundschaften entwickeln, dann ist das in den seltensten Fällen zu einer einzelnen Person. Mit dem neuen Freund, der neuen Freundin wird man Teil ihrer ganzen Familie und ihres Freundeskreises. Wenn eine Freundin zu Besuch kommt, bringt sie ihre Freundinnen mit. Ein Besuch ist eine Ehre.

Lenna und Julyan mussten immer auf einen Besuch vorbereitet sein. Das war zwar schön, aber nicht einfach. Unsere beiden Kinder Emma und Sammim großziehen und gleichzeitig eine gute Gastgeberin zu sein, hat mich sehr herausgefordert. Aber ich lernte: Ein fröhliches Dienen ist die einzig angemessene Antwort darauf, was Jesus für mich getan hat.

15 Jahre lang waren die Lidstones in der Türkei. Sie erlebten Niederlagen. Sie sahen aber auch, wie Gott seine Gemeinde baut. 1988 wurde Julyan verhaftet und war eine Woche im Gefängnis. „Gott war mit uns und gebrauchte diese Zeit für einen großen Durchbruch in der Gemeinde“, erinert er sich. „Immer wenn wir Verfolgung erlebten, erfuhren wir Gebetserhörungen und eine tiefe Gemeinschaft mit anderen Christen.“

Wie gut, dass sie drei Jahre später noch im Land waren. Nach dem ersten Golfkrieg kamen viele kurdische Flüchtlinge aus dem Irak in den Osten der Türkei.

Die Lidstones und andere aus der Gemeinde verbrachten viel Zeit mit den Kurden. Sie halfen und schlossen Freundschaften.
Inzwischen sind die beiden wieder in Schottland. Er ist zweiter Pastor in der Gemeinde, die sie einst ausgesandt hat. Sie leiten ein Anlaufzentrum für Asylbewerber und Migranten, darunter viele Türken. (Vgl. OM-Nachrichten GLOBAL Aug. 2011)
Heute ist Wahlsonntag. Für uns etwas gewohntes. Die Regierung wird uns nicht vorgesetzt, sie wird gebildet je nach Ergebnis.

Viele Muslime haben das nie erlebt. Auch den Glauben können sie nicht wählen. Der Glaube wird ihnen vorgegeben. Muslim wählen ihren Glauben nicht, sie treffen keine Entscheidung dafür. Sie gehören zu ihrer Glaubensgemeinschaft, weil die Eltern Muslime sind. Sie kennen nichts anderes und lernen normalerweise auch nichts anderes kennen. Die Welt des Christentums, wie es ihnen erscheint, begegnet ihnen in westlichen Fernsehserien mit Sex und Crime, in Gestalt von Nato oder US-Soldaten und vielleicht in Mitarbeitern einer Hilfsorganisation. Sie sind für die Worte des Buches, für die Bibel, blind und taub. Nicht aus Verblendung, sondern weil sie es so vorfinden.

Ist uns noch bewusst, wie privilegiert wir sind? Nicht bloß, weil wir in einem Staat leben, wo Recht und Gesetz herrscht und Strom und Wasser verlässlich fließen. Sondern vor allem, weil diese Kirche nicht nur an einem Tag des Denkmals, sondern täglich offen steht. Wir können hier immer kommen und beten und müssen nicht befürchten, dass ein Sprengsatz durchs Fenster fliegt. Hin und wieder kommen einige Kerzen weg, nicht schön, aber auf diesem Niveau liegen unsere Gefahren.
Wem verdanken wir das? Wir verdanken es denen, die damals nach Sachsen zogen und die ersten Holzkirchen erbauten. Viele von ihnen kamen wie das Ehepaar Lidstone aus England. Mönche waren es. Die hielt es nicht hinter Klostermauern. Sie trugen das Evangelium von Jesus Christus, dem Mann am Kreuz, zu den Sachsen und Friesen. Winfried, später Bonifatius, Apostel der Deutschen, genannt, war einer der Pioniere unter ihnen. Der Mut und die Entschlossenheit, der innige Glauben dieser Leute weckte Erstaunen. Die ersten ließen sich taufen und sagten ihrem Glauben an Götzen und Geister ab. Sie fanden aus ihrer Dunkelheit heraus.

Wir stehen also in einer Tradition derer, die wie der Prophet sagt, irre gingen, der Belehrung bedürfen. Darum ist der Tag des Denkmals kein Anlass, stolz die Steine und Bauten und Kunstschätze zu präsentieren, sondern bescheiden und dankbar auf das Kreuz da vorne zu schauen. Ort von Schmerz und Leiden. Wo Jesus sich verausgabt hat. Damit wir herausfinden aus dem Dunkel. Und das bleibt unsere Aufgabe: Den vielen das Kreuz zu erklären, vom Mann am Kreuz erzählen. Wo wir es selbst nicht vermögen, Leute auszubilden und auszusenden. Damit sie es alle erfahren, die an Allah oder Buddha oder an gar nichts glauben, den Namenschristen, ob nah oder fern. Dazu segne uns Gott.

drucken