Heile Welt am 11. September

Liebe Gemeinde, liebe Gäste und Freunde,
die Christen sind eben doch Leute, die mit dem Kopf in den Wolken leben. Dieser Predigttext ist dafür wieder einmal Beweis genug: „Alles wird gut.“ Ach wie schön! Und in einer kleinen Weile auch noch… gleich eben, ihr werdet es sehen…
Wie alt ist der Text? Altes Testament – also noch weit vor Christi Geburt. Ein jüdischer Text also, gar kein christlicher – träumen sie also mit den Juden gemeinsam, die Christen. Träumen von der großen Veränderung, der großen Wende aller bösen Dinge zum Guten.
Und nichts passiert hier unten, auf dem Boden der Realitäten.
Ausgerechtet am 11. September, so ein Text für die Predigt! Vor 10 Jahren schlug wieder einmal die volle Wucht menschlicher Tötungsmacht unter uns ein, fernab von uns selbst zwar und doch Mitten ins Herz der Zivilisation. Und die Reaktionen auf diesen Einschalg waren oft nicht weniger unzivilisiert. Die Welt ist eine andere geworden, so sagen wir es seither unter uns weiter – als sei es vorher je anders zugegangen auf Gottes lieben Erdboden.
Aber die Christen träumen, gemeinsam mit den Juden. Von der heilen Welt, ohne Gewalt und Betrug. Ohne Tod und Geschrei. „…und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten…“.
„Was schaut ihr beim Loben immer nach oben – schaut mal zur Seite, dann seht ihr die Pleite!“ Aber solche Spötter werden ja dann auch nicht mehr sein, so haben wir es gerade gelesen und gehört…

Liebe Gemeinde,
der christliche Glaube, eine Vertröstungsreligion? Ganz ähnlich der jüdischen? So verrückt und durchgeknallt, im Angesicht unablässigen Tötens und Betrügens, im ständigen Erleiden von Gewalt und Willkür eine andere Welt zu erwarten, in der es alles das nicht mehr gibt? In der das Leben unversehrt bleibt und der Arme und Elende aus dem Staub erhoben wird?
Was machen wir mit solchen Texten? Unser Predigttext des Propheten Jesaja ist ja nur einer von vielen, im Alten und im Neuen Testament.
Sollten wir sie endlich vergessen, als realitätsfern und diskreditierend einfach nicht mehr erwähnen? Sie überblättern, überlesen, nicht mehr predigen?
Wieso haben sie überhaupt so lange überlebt? Wer hat sie da immer wieder abgeschrieben, weitererzählt, durch die Jahrhunderte getragen?
Unser Text heute, der ja anhebt mit „…nur noch eine kleine Weile…“ – warum haben ihn die Enttäuschten und umsonst Wartenden nicht in der Luft zerrissen, damals schon, im Alten Israel. Als nichts besser wurde – im Gegenteil, nur noch schlimmer?
Wolkenkuckucksheime und Opium fürs Volk – sind wir Christen gemeinsam mit den Juden weltflüchtige und naive Sonderlinge? Nicht ernst zu nehmende Verdrängungs-Junkies? Die sich einlullen lassen in schönen Geschichten von der heilen Welt? Die sich in Parallelwelten aus dem Staub machen, weil sie die Realitäten dieser Welt nicht ertragen? Die sich etwas vormachen, um sich so selbst den Schmerz zu lindern?
Warum sind Texte wie unser heutiger Predigttext noch immer da. Stehen heute Morgen wegen der Predigtordnung auf der Tagesordnung? Ganz unpassend, wie wir meinen?
Nun, es gibt dafür wohl nur einen einzigen Grund.
Weil alle diese Texte nicht von uns reden, nicht vom Menschen und seinen Möglichkeiten, sondern von Gott.
Wenn es anders wird, dann nicht, weil der Mensch ein anderer geworden ist. Nicht weil die Zeiten anders sind, besser oder schlechter, nicht weil der wissenschaftlich – technische Fortschritt die große Wende bringt oder die moralische Stabilisierung, die neue Gesellschaftsordnung oder die rettende politische Idee. Nicht weil der Mensch zur Vernunft kommt oder die Gleichgültigen endlich aufwachen.
Gar nichts wird anders wegen uns. Die große Wende ist Gottes Sache.
Wenn überhaupt noch etwas anders werden kann, dann weil Gott es anders macht.
Liebe Gemeinde,
da ziehen wir den Kopf ein, verlassen die Wolken und fühlen uns den Spöttern und Skeptikern um uns herum auf einmal sehr verbunden: Wie jetzt? Alles ohne unsere Beteiligung? Wir geben uns schließlich allerhand Mühe. Mit der Moral und so… Und für die Gerechtigkeit. Und für die Verbesserung der Welt und der Verhältnisse. Und für das Gute sind wir auch. Und für den Frieden sowieso.
Jetzt gehen diese Texte von Gottes neuen Welten auch uns ein wenig auf die Nerven: Wir sollen dabei gar nichts zu schaffen haben? Das soll ganz ohne uns funktionieren? Ja mehr noch: Wir würden es sowieso nie auf die Reihe kriegen?
Liebe Gemeinde, das ist kränkend.
Geben wir es nur zu, wir sind in unserem Stolz verletzt. Wer wenn nicht wir wird die Welt verändern – und wir bringen einige Opfer. Wir lassen uns unseren Einsatz für das Gute in der Welt etwas kosten. Und dann reden diese „Es – gibt – noch – einmal – etwas – anderes – Texte“ wie unser heutiger Predigttext davon, dass wir nur das Immerselbe in immer anderer und doch bekannter Gestalt hinbekommen. Das wir uns aus den Spiralen der Gewalt und der Lebenszerstörung nicht selbst befreien können. Zugespitzt: Dass wir unter uns und mit uns allein verloren sind.
Jetzt sind wir eigentlich endgültig dafür, dass solche Texte verboten gehören. Oder wenigstens nicht gepredigt. Oder wenn gepredigt, dann anders ausgelegt…
Die große Wende – Gottes Sache. Und wir schauen nur zu?
Ja, was gibt’s denn zu sehen, lieber Gott? Wo ist sie denn, deine neue Welt?
Aber beruhigen wir uns, jedenfalls ein bisschen:
Kühl beobachtet stellen wir fest, dass fast alle dieser biblischen Texte, diese Visionen und Utopien, die das Neue und Helfende ganz von Gott und nur von ihm erwarten, in geschichtlichen Zusammenhängen entstanden sind, wo die menschlichen Möglichkeiten ausgeschöpft waren. In Situationen, wo nichts mehr ging. Es gibt solche Augenblicke, wo wir zutiefst wissen: jetzt sind wir verloren. Mehr haben wir nicht. Hier reagieren wir nur noch – wenn überhaupt. Jetzt ist es aus. Der Tod hat den Sieg davongetragen.
Ich erinnere mich noch gut an den Tag genau vor 10 Jahren, als von den Fernsehbildschirmen, von denen aus mir sonst immer die gesamte Welt erklärt wurde, die sonst immer in unablässiger Geschwätzigkeit den Jahrmarkt menschlicher Eitelkeiten präsentierten, das erste Mal Schweigen ausging. Bilder ohne Ton, wieder und wieder dieselben Bilder in einer Endlosschleife. Hier und da versuchte sich ein krächzende oder sich überschlagende Stimme mit einem holprigen Kommentar. Das Elend war groß. Die Fernsehmaschinerie holperte. Es hatte eingeschlagen – das, wozu wir Menschen fähig sind. Das, was wir Menschen leiden müssen. Und alles das, was die einen zu Tätern und die anderen zu Opfern gemacht hat.
Am Ende heißt die Frage: Ist dann, wenn wir nicht mehr können, alles aus? Ist dann, wenn wir am Ende sind – wohlgemerkt mit allem unserem guten Willen – ist dann alles zu Ende?
Und letztlich steht die noch größere und endgültige Frage dahinter: Wird es denn immer so weitergehen? Oder kommt doch noch einmal etwas grundsätzlich anderes. Eine heile Welt – nicht als Vertröstung für die kaputte, sondern als Ziel und Sinn für diese.
Da hätten wir schon zwei Gründe, warum Texte wie der heutige Predigttext von den Gläubigen und Generationen vor uns gehütet wurden wie kostbare Lebensmittel:
Sie reden vom Sinn – mitten im Unsinn. Von Lebenskraft mitten im Sterben. Von dem Anderen, Unvorstellbaren, Menschenunmöglichen, das möglich ist, weil Gott es schaffen wird. Und sie geben damit unserem Engagement den letzten Sinn.
Und sie reden davon, dass es deshalb auch schon jetzt, in der unsinnigen und mörderischen Welt von heute möglich ist. Gebrochen und unvollständig, aber da. Jeder neue Tag ist ein Angeld. Jedes Neugeborene, jeder Friedensvertrag, jede Liebesgeste, jede nicht verschossene Patrone und jeder Herzschlag.
Wir haben den Kopf mitnichten in den Wolken. Das Kreuz, an dem unser christlicher Meister zugrunde ging (ein Jude), hing nicht von den Wolken herab. Es gründete auf der blutgetränkten Erde. Und das Blut des Gottessohnes vermischte sich mit dem seiner Geschöpfe. Damit nur ja nie wieder jemand von Rausch und Opium, von Weltfremdheit und Verdrängung reden kann, wenn es um Christus geht.
Und dann wird uns wieder eine dieser unglaublichen Geschichten erzählt: Auferstehung, neues Leben. Der Tod – überwunden, sein Stachel, verschlungen in den Sieg – schon errungen und zugleich für alle sichtbar erst verheißen. Eine kurze Weile. Wartet nur. Es kommt noch, das andere. Das ist unser christlicher Glaube.
Also, liebe Gemeinde, liebe Freunde, wie gut, dass wir solche Texte haben. Solche Visionen, solche verrückten Geschichten, die viel näher dran sind an der Wirklichkeit, als alle unsere vermeintlich realistischen Bilder. Was wissen wir schon von der Wirklichkeit, den Wirklichkeiten? Wir haben unsere begrenzten Perspektiven. Gott hat den Durchblick. Durch die Zeiten und Welten und Realitäten hindurch. Und lässt davon offensichtlich immer mal schon ein wenig gucken…
Vertrauen wir ihm und gehen wieder an unsere Arbeit: Engagement für das Leben in allen Facetten und Spielarten – was denn sonst.

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