Der Mann, der Bäume pflanzte

Lied: O Lebensbrünnlein tief und groß (EG 399,1-3)

Predigt

Liebe Gemeinde,
beim Propheten Jesaja heißt es im 29. Kapitel:

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden…es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten.

Diese Worte waren etwas Besonderes in der Situation, die Jesaja und seine Landsleute erlebten. Dürre, Wüste, karges Leben, Vertreibung, verlassene Heimat.
Woher hatte Jesaja seine Hoffnung, dass es einmal anders sein wird? Die kräftige Vision des Propheten, der in eine tröstliche Zukunft geblickt hat, dass sich die Dürre in neues Leben verwandelt, dass diejenigen, die das Leben zugrunde richten, ihrer unheilvollen Macht enthoben werden.
Eine Zeit der Blüte und des Heils, ein Ende der Tyrannen.
Aber welchen Ausweg gibt es aus der Wüste? Wer gibt den Dürstenden etwas Wasser? Wer hilft gegen die Übermacht der Ausbeuter?
Jesaja hatte kein Wasser, aber er hatte eine Hoffnung, die er weitersagte und die half, dass sich die Menschen nicht aufgaben. Das war der erste Schritt auf dem Weg aus der Wüste.
Bei Jesajas Versen ist mir eine Geschichte eingefallen, die ich vor einer Weile gehört habe. Sie handelt von einem Mann in den Bergen, den Ausläufern der Alpen in der französischen Provence. Ich möchte einmal aus dieser Geschichte des französischen Autors Jean Giono erzählen. Er erzählt vom Beginn des letzten Jahrhunderts, also um das Jahr 1913.

Zu dieser Zeit machte ich eine lange Fußwanderung über die jeglichem Tourismus völlig unbekannten Höhen der sehr alten Alpen, die sich in die Provence hinein erstrecken. …
Zu der Zeit, da ich meine große Wanderung in diesem Ödland in 1200 bis 1300 Meter Höhe unternahm, waren da karge und eintönige Heideflächen. Es wuchs nur der wilde Lavendel.
Ich durchstreifte das Hochland, wo es am breitesten war, und nach drei Tagen befand ich mich in einer trostlosen Lage wie noch nie. Ich kampierte neben den Ruinen eines verlassenen Dorfes. Ich hatte seit dem Vorabend kein Wasser mehr und mußte welches finden. Die wie Wespennester dicht gedrängten Häuser, obzwar verfallen, brachten mich auf den Gedanken, daß es hier einstmals eine Quelle oder einen Brunnen gegeben haben müsse. Es gab auch eine Quelle, aber sie war versiegt. Die fünf, sechs Häuser ohne Dächer, von Wind und Regen zerstört, die kleine Kapelle mit eingestürztem Türmchen, das alles war angeordnet wie in den lebendigen Dörfern; aber alles Leben war daraus entwichen.
Es war ein schöner Junitag, mit viel Sonne, aber in diesen ungeschützten und gegen den Himmel offenen Gegenden blies der Wind mit unerträglicher Gewaltsamkeit. Sein Heulen in den Skeletten der Häuser war das Heulen eines Raubtiers, das bei seiner Mahlzeit gestört wird. Ich mußte aufbrechen.
Nach fünf Stunden Marsch hatte ich noch immer kein Wasser gefunden, und nichts konnte mir die Hoffnung geben, welches zu finden. Überall die gleiche Trockenheit, das gleiche dürre Gras.
Da sah ich in der Ferne eine kleine schwarze Silhouette stehen. Ich hielt sie für den Stumpf eines Baumes. Auf gut Glück ging ich darauf zu. Es war ein Hirte. Etwa fünfzig Schafe lagerten auf der heißen Erde und ruhten sich neben ihm aus.
Er gab mir zu trinken aus seiner Fellflasche, und dann führte er mich zu seiner Hütte in einer Mulde der Hochebene. Er holte ausgezeichnetes Wasser aus einem sehr tiefen natürlichen Erdloch, über dem eine primitive Winde aufgestellt war. Der Mann sprach wenig. Das ist so bei einsam lebenden Menschen; aber man spürte, daß er seiner sicher war und dieser Sicherheit vertraute. Das war ungewöhnlich in dieser Einöde. Er wohnte nicht in einer Schäferhütte, sondern in einem Steinhaus. Man sah genau, wie durch seine Arbeit die Ruine, die er bei seiner Ankunft vorgefunden hatte, ausgebessert worden war. Das Dach war solid und wasserdicht. Der Wind, der daran rüttelte, erzeugte auf den Ziegeln ein Rauschen wie am Meeresstrand.
Der Haushalt war aufgeräumt, das Geschirr gewaschen, der Boden gekehrt, das Gewehr eingefettet. Die Suppe kochte auf dem Herd. Ich bemerkte, daß er frisch rasiert war und daß alle seine Knöpfe gut angenäht waren und seine Kleider ausgebessert mit der peinlichen Sorgfalt, welche die Flicken unsichtbar macht.
Er teilte seine Suppe mit mir. Als ich ihm nachher meinen Tabaksbeutel anbot, sagte er, er rauche nicht. Sein Hund, ebenso schweigsam wie er, war freundlich ohne Unterwürfigkeit. …
Der Hirte, der nicht rauchte, holte einen kleinen Sack und schüttete einen Haufen Eicheln auf den Tisch. Er machte sich daran, sie genau zu untersuchen, indem er die guten von den schlechten trennte. Ich rauchte meine Pfeife. Ich erbot mich, ihm zu helfen. Aber er meinte, das sei seine Sache. Das war es in der Tat. Angesichts der Sorgfalt, die er für seine Arbeit aufwandte, drängte ich mich nicht auf. Damit erschöpfte sich unsere ganze Unterhaltung.
Als er einen ziemlich großen Haufen guter Eicheln auf der Seite hatte, zählte er sie ab in Gruppen zu zehn. Dabei schied er noch die kleinen aus und die mit einem winzigen Riß; er prüfte sie sehr genau. Als er endlich hundert vollkommene Eicheln vor sich hatte, hörte er auf, und wir gingen schlafen.

Die Geschichte erzählt von einer Begegnung mit einem Menschen, der sich in dem rauen Klima der Dürre eingerichtet hatte. Sein Name war Elzeard Bouffier. Er war um die 50 Jahre alt. Er hat sich als Hirte in den Bergen seine Nische geschaffen, in der er und seiner Herde so gut es ging überleben konnten.
Was gibt es in so einer Situation für eine Hoffnung? Was könnte man diesem Mann sagen, was sein Leben in der Einsamkeit und Kargheit aufgemuntert hätte?
Es scheint, er hat sich in seiner Einöde eingerichtet, weidet seine Schafe auf den letzten grünen Flecken, die es noch gibt und zählt abends zum Zeitvertreib Eicheln.
Was hätte er zu der Prophezeiung Jesajas gesagt, der den Hoffnungslosen zurief: Da, wo jetzt Dürre herrscht, wird „fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.“?
Aber was kann ein einzelner Schäfer in den Bergen gegen das allgemeine Klima tun? Wohl nicht viel. Allein schon gar nicht. Viele seine Dorfbewohner haben ihre Entscheidung bereits getroffen, sie sind weg gegangen.
Was würden wir zu Jesaja sagen, wenn er uns mit seinen Worten auf eine Reise in eine heile Welt schickt, von der wir im Alltag doch so wenig sehen. Wie viele Tyrannen in dieser Welt nutzen die Fülle ihrer Macht aus zu Lasten der Unterdrückten? Wie wenig Superreiche stehen so vielen Massen an Armen und Ärmsten gegenüber? Wie viele sind krank an leib und Seele, taub und stumm?
Kann uns Jesajas Vision von Gottes heiler Welt noch erreichen?

Oder sind wir wie der einsame Hirte in den Bergen, der sich in einer Nische eingerichtet hat. Aber was kann ich schon groß ausrichten?
Wie geht es weiter mit dem einsamen Mann in den französischen Bergen? Hält er es noch lange dort oben aus? Oder verkauft er auch bald seine Herde und geht in die Stadt wie die anderen?
Später berichtet der Erzähler, wie er den einsamen Schäfer Elzeard Bouffier wieder im Juni 1945 getroffen hatten, also über 30 Jahre nach der ersten Begegnung. Er war inzwischen ein alter Mann, siebenundachtzig Jahre alt.

Ich hatte wieder den Weg durch die “Wüste” gewählt, aber jetzt gab es, trotz der Zerrüttung, in die der Krieg das Land gestürzt hatte, eine Autobusverbindung vom Tal der Durance ins Gebirge.
Dieser schnellen Beförderung schrieb ich es zu, daß ich die Gegend meiner früheren Wanderungen nicht wieder erkannte. Es schien mir auch, als ginge die Fahrstraße durch neue Ortschaften. Ich mußte den Namen eines Dorfes erfragen, um sicher zu sein, daß ich mich wirklich in der ehemals so verlassenen Gegend befand. Ich stieg … aus dem Bus.
Im Jahre 1913 hatte dieser Weiler von zehn bis zwölf Häusern nur noch drei Einwohner gehabt. Die waren Halbwilde gewesen, die sich haßten, von der Jagd mit Fallen lebten, in ihrer physischen und moralischen Verfassung fast den Menschen der Vorgeschichte vergleichbar. Brennesseln hatten die verlassenen Häuser umwuchert. Die Lebensbedingungen waren hoffnungslos gewesen. Für diese Menschen war es nur noch darum gegangen, auf den Tod zu warten — ein Zustand, der keineswegs die Tugenden begünstigt!
Das alles hatte sich verändert. Sogar die Luft. Statt der trockenen und heftigen Winde, die mich früher empfingen, wehte ein leichtes Lüftchen voller Wohlgerüche. Ein Murmeln, ähnlich dem des Wassers, kam von den Höhen: es war der Wind in den Wäldern. Und das Erstaunlichste: Ich hörte, wie Wasser in ein Becken plätscherte. Ich sah, man hatte einen Brunnen gebaut, der reichlich floß. Und, was mich am meisten rührte: Man hatte vor etwa vier Jahren daneben eine Linde gepflanzt; sie war schon recht stattlich. Das war ein untrügliches Symbol neuen Lebens.
Übrigens gab es im Dorf … Anzeichen eines Wirkens, das nur mit Hoffnung unternommen werden kann. Die Hoffnung war zurückgekehrt! Man hatte die Ruinen weggeräumt, verfallene Mauerreste abgebrochen, fünf Häuser aufgebaut. Der Weiler zählte nun achtundzwanzig Bewohner, darunter vier junge Familien.
Die neuen Häuser, frisch verputzt, waren von Gemüsegärten umgeben, in denen abwechselnd, aber schön gereiht, Gemüse und Blumen wuchsen: Kohl und Rosen, Lauch und Löwenmäulchen, Sellerie und Anemonen. (Es) war ein Ort geworden, an dem man gern wohnte.
Ich verließ (das Dorf) und wanderte zu Fuß weiter. Der Krieg war eben erst zu Ende gegangen und hatte noch nicht wieder das volle Aufblühen des Landes erlaubt. Aber Lazarus war dem Grab entstiegen. In den unteren Bereichen der Bergabhänge sah ich kleine Felder mit auflaufender Gersten- und Roggensaat und am Grunde der engen Täler grünende Wiesen.

Was ist das für eine Geschichte? Wie kann das sein? Aus einer Einöde, einer dürren, leblosen Steppe war eine grünende und blühende Gegend geworden. Kaum zu glauben. Hat etwa ein Millionär dieses Gebiet gekauft und viel Geld investiert, um dieses Gebiet wiederzubeleben? Oder gab es damals schon plötzlich Konjunkturpakate wie aus dem Nichts, um die einheimische Wirtschaft anzukurbeln? Wohl eher nicht. Vergessen wir nicht, dass wir von der Zeit am Ende des Zweiten Weltkrieges reden, wo landaus landein viel Not und Elend herrschte. Aber was hatte dazu geführt, dass die Gegend so eine Verwandlung erlebte. Und überhaupt, was war aus dem alten Schäfer geworden in der Zwischenzeit?
Ich kehre in der Geschichte zu dem Punkt zurück, wo sich die beiden das erste Mal getroffen hatten im Jahr 1913, wo der Schäfer dem durstigen Mann etwas von dem kostbaren Wasser anbot inmitten der Einöde und dann abends am Tisch seine Eicheln sortierte und zählte. Danach gingen sie zu Bett.

Am anderen Morgen fragte ich ihn, ob ich noch den ganzen Tag bei ihm ausruhen dürfe. Er fand das ganz natürlich oder vielmehr: er erweckte den Eindruck, daß nichts ihn stören könne. Ich hatte diesen Ruhetag nicht unbedingt nötig, aber ich war neugierig und wollte noch mehr erfahren. Er trieb seine Herde aus dem Stall und führte sie auf die Weide. Vor dem Weggehen tränkte er den Sack mit den sorgfältig ausgewählten und gezählten Eicheln in einem Eimer Wasser.
Ich beobachtete, daß er anstelle eines Steckens eine Eisenstange mitnahm, so dick wie der Daumen und ungefähr anderthalb Meter lang. Ich tat so, als ob ich mich im Umherwandern ausruhte, und ging auf einem Weg, der parallel zu seinem verlief. Die Weide für seine Tiere befand sich in einer Mulde. Er überließ die kleine Herde der Obhut des Hundes und stieg den Hügel hinan, wo ich dahinging. Ich fürchtete, er käme, um mir Vorwürfe zu machen wegen meiner Neugierde, aber keine Spur davon: dies war sein Weg, und er lud mich ein, ihn zu begleiten, wenn ich nichts besseres vorhätte. Er stieg noch zweihundert Meter weiter auf die Anhöhe.
Als er an einer bestimmten Stelle war, zu der er hinwollte, begann er seinen Eisenstab in die Erde zu stoßen. Er machte Löcher und legte in jedes eine Eichel hinein und machte das Loch wieder zu. Er pflanzte Eichen.
Ich fragte ihn, ob das Land ihm gehöre. Nein, antwortete er. Ob er wisse wem es gehöre. Er wußte es nicht. Er vermute, daß es Gemeindeland sei, oder vielleicht gehöre es Leuten, die sich nicht darum kümmerten. Ihn focht es nicht an, daß er die Besitzer nicht kannte. So setzte er hundert Eicheln mit größter Sorgfalt.
Nach dem Mittagsmahl nahm er seine Sämannsarbeit wieder auf. Ich muß wohl sehr hartnäckig gewesen sein mit meinen Fragen, daß er darauf antwortete. Seit drei Jahren pflanzte er Bäume, hier in dieser Einsamkeit. Er hatte bereits hunderttausend gepflanzt. Von den hunderttausend hatten zwanzigtausend getrieben. Von diesen zwanzigtausend, damit rechne er, werde er noch die Hälfte verlieren durch die Nagetiere oder durch Umstände, die nicht vorauszusehen sind in den Plänen der Vorsehung. Es blieben also zehntausend Eichen, die wachsen würden da, wo es vorher nichts gegeben hatte.
Ich fragte mich, welches Alter dieser Mann wohl habe. Offenbar war er über fünfzig. Fünfundfünfzig, sagte er mir. Er hieß Elzeard Bouffier. Er hatte einen Bauernhof besessen, in der Ebene unten. Dort hatte er sein Auskommen gehabt. Er hatte seinen einzigen Sohn verloren, dann auch seine Frau. So hatte er sich in die Einsamkeit zurückgezogen, wo er Gefallen daran fand, beschaulich zu leben mit seinen Schafen und seinem Hund. Er hatte sich überlegt, daß diese Gegend absterben werde aus Mangel an Bäumen. Er setzte hinzu: Da er doch nichts Wichtiges zu tun habe, sei es sein Plan, hier Abhilfe zu schaffen. …
Ich sagte, daß in dreißig Jahren diese zehntausend Eichen großartig stehen würden. Er entgegnete sehr schlicht: Wenn Gott ihm das Leben erhalte, werde er in dreißig Jahren so viele gepflanzt haben, daß diese zehntausend wie ein Tropfen im Meer seien.
Er studierte übrigens bereits die Aufzucht der Buchen und hatte neben seinem Haus mit Bucheckern eine Pflanzschule angelegt. Die Setzlinge, die er mit einem Gitter vor den Schafen geschützt hatte, standen prächtig. Er denke ebenfalls daran, so sagte er mir, etwas weiter unten Birken zu pflanzen, da es dort ein paar Meter unter der Oberfläche Feuchtigkeit gebe.
Am folgenden Tag trennten wir uns.

Der Erzähler wurde im darauf folgenden Jahr als Soldat in den 1. Weltkrieg eingezogen. Nach dem Krieg kam er zurück. Hat inzwischen den Schäfer schon fast vergessen und wollte einfach in den Bergen ein bisschen wandern. Er berichtet:

Das Land hatte sich nicht verändert. Immerhin, oberhalb des verfallenen Dorfes entdeckte ich in der Ferne so etwas wie einen grauen Nebel, der die Höhen wie ein Teppich bedeckte. Seit dem Vorabend dachte ich wieder an den Hirten, der Bäume pflanzte. “Zehntausend Eichen”, sagte ich mir “nehmen wirklich eine große Fläche ein.”
Ich hatte während dieser fünf Jahre zu viele Menschen sterben sehen, als daß ich mir nicht Elzeard Bouffiers Tod hätte vorstellen können — um so mehr, als man mit zwanzig Jahren fünfzigjährige Männer als Greise betrachtet, denen nichts mehr übrigbleibt als zu sterben. Er war nicht gestorben. Er war sogar gut im Saft.
Er hatte seinen Beruf gewechselt. Er hatte nur noch vier Schafe, aber dafür etwa hundert Bienenstöcke. Die Schafe hatte er abgegeben, weil sie die Baumpflanzungen gefährdeten. Um den Krieg, sagte er mir, habe er sich ganz und gar nicht gekümmert. Er habe — und das konnte ich selber feststellen — unbeirrbar weiter gepflanzt.
Die Eichen von 1910 waren also zehn Jahre alt und höher als ich und als er. Der Anblick war beeindruckend. Ich war buchstäblich sprachlos, und weil er auch nicht redete, verbrachten wir den ganzen Tag damit, daß wir schweigend im Wald herumgingen. Der Wald erstreckte sich, in drei Abteilungen, in seiner größten Ausdehnung elf Kilometer weit. Wenn man sich vergegenwärtigte, daß dies alles von den Händen und dem Herzen dieses Mannes herrührte, dann ging einem auf, daß die Menschen auch in anderer Hinsicht … Macht haben könnten wie Gott, nicht nur im Zerstören.
Elzeard Bouffier hatte seinen Plan weiterverfolgt. Buchen, die mir bis zu den Schultern reichten, bewiesen es; sie hatten sich ausgebreitet, so weit man schauen konnte. Die Eichen standen dicht und waren über das Alter hinaus, wo der Wildverbiß ihnen etwas anhaben konnte. Wenn die Vorsehung dieses Werk zerstören wollte, wäre sie fortan auf Zyklone angewiesen.
Elzeard Bouffier zeigte mir wunderbare Birkenhaine, die fünf Jahre alt waren; sie stammten also von 1915, als ich in Verdun kämpfte. Überall, wo er zu Recht Feuchtigkeit unter der Oberfläche vermutete, hatte er Birken gepflanzt; sie standen zart und fest wie junge Mädchen.
Dieses schöpferische Werk schien übrigens weiterzuwirken. Er kümmerte sich nicht darum. Er verfolgte hartnäckig seine schlichte Aufgabe. Aber als ich in die Dörfer hinunter kam, sah ich Wasser fließen in Bachbetten, die seit Menschengedenken völlig trocken gewesen waren. Es war die großartigste Kettenreaktion, die ich je zu sehen bekommen habe. …
Auch der Wind verstreute manche Samen. Gleichzeitig mit dem Wasser gab es auch wieder Kopf- und Trauerweiden, Wiesen, Gärten, Blumen und eine gewisse Lebensgrundlage.
Die Veränderung ging so langsam vor sich, daß man sich an sie gewöhnte, ohne erstaunt zu sein. Die Jäger, die in diesen einsamen Gegenden nach Hasen oder Wildschweinen jagten, hatten wohl das Sprießen junger Bäume beobachtet, aber sie hatten es irgendeiner Laune der Natur zugeschrieben. So ist es zu erklären, daß niemand das Werk dieses Mannes störte.
Wenn jemand eine Ahnung davon gehabt hätte, wäre es vielleicht verhindert worden. Aber niemand hatte eine Ahnung. Welcher Mensch in den Dörfern unten und in den Verwaltungen hätte sich eine solche Ausdauer in schönster Selbstlosigkeit vorstellen können?
Von 1920 an habe ich mindestens einmal jedes Jahr Elzeard Bouffier besucht. Ich habe ihn nie wanken oder zweifeln sehen. Freilich wer weiß: Vielleicht stand Gott dahinter! Ich habe Elzeard Bouffiers Verdruß nicht nachgerechnet. Man kann sich vorstellen, daß es bis zu einem solchen Gelingen viel Widrigkeit zu überwinden galt. Um eine solche Leidenschaft zum Erfolg zu bringen, mußte er verzweifelt kämpfen. Er hatte ein Jahr lang mehr als zehntausend Ahorne gepflanzt. Sie gingen alle ein. Im nächsten Jahr gab er die Ahorne auf, um auf die Buchen zurückzukommen, die noch besser gediehen als die Eichen.
Um den außergewöhnlichen Charakter dieses Mannes einigermaßen zu erfassen, darf man nicht vergessen, daß sich alles in vollkommener Einsamkeit abspielte. So vollkommen, daß Elzeard Bouffier gegen Ende seines Lebens die Gewohnheit zu sprechen verloren hat. Oder sah er keine Notwendigkeit dafür?
Im Jahre 1933 bekam er den Besuch eines staunenden Forstaufsehers. Dieser Beamte gab ihm die Weisung, doch ja draußen kein Feuer zu machen, um das Gedeihen dieses natürlichen Waldes nicht zu gefährden. Es sei nämlich das erste Mal — so sagte ihm der ahnungslose Mensch , daß man einen Wald ganz von selber hervorsprießen sehe. …
Die Seite, von der wir kamen, war bestanden mit Bäumen von sechs bis sieben Meter Höhe. Ich dachte zurück an den Anblick dieser Gegend im Jahr 1913: nur Wüste…
Die friedliche und regelmäßige Arbeit, die frische Höhenluft, die Genügsamkeit und vor allem die Heiterkeit des Herzens hatten diesem Greis eine schier feierliche Gesundheit verliehen. Er war ein Streiter Gottes. Ich fragte mich, wie viele Hektar Land er wohl noch mit Bäumen bepflanzen werde.
Liebe Gemeinde,
das ist eine Geschichte, so bezaubernd wie unglaublich ist. Sie zeigt, dass aus Wüsten Orte neuen Lebens werden können, auch wenn wir uns das am Anfang nicht vorstellen können. Und sie führt uns vor Augen, ein einzelner kann im Rahmen seiner Möglichkeiten soviel tun, dass sich darunter die Welt verändert.
Es braucht nur eine Hoffnung und viele kleine, aber beharrliche Schritte.
Ich möchte Ihnen mit dieser Geschichte und mit einer kleinen Eichel, die sich mitnehmen können, etwas von Hoffnung mit nach Hause geben, die den Hirten Elzeard Bouffiers getragen hat und die Jesaja schon in alter Zeit seinen Landsleuten zurief. Sie wurde mit der Bibel über die Jahrhunderte weiter getragen wurde bis zu uns:
Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll (karges Land) fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.
Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: O Lebensbrünnlein tief und groß (EG 399,4-5)

(aus: Jean Giono: Der Mann, der Bäume pflanzte, in: Federico Hindermann (Hrsg.): „Sag’ ich’s euch, geliebte Bäume…“. Texte aus der Weltliteratur. Manesse, Zürich 1984, ISBN 3-7175-1672-8.)

drucken