Empört euch!

Das erste Jahrzehnt im neuen Jahrtausend begann mit einem Paukenschlag: Terroristen verübten einen abscheulichen Angriff auf das Weltfinanzzentrum in New York und mehr als 3000 Menschen mussten sterben. Was dann geschah haben wir noch alle gut vor Augen. Zwei Kriege und knapp zehn Jahre später ist der Drahtzieher des Anschlags getötet worden und die Welt hat sich verändert. Muslime standen für eine lange Zeit unter Generalverdacht, oder stehen sie noch?, und womöglich hat die Koalition der Willigen, den Weltlauf entscheidend bestimmt.

Allerdings war der Ertrag dieser Aktionen kein fruchtbares Land. Vielmehr schauen wir in unseren Tagen auf viel verbrannte Erde. „Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.“
Wir sind wohl weit davon entfernt. Denn statt der verheißenen Tauben und Bibliotheken regiert immer noch der Terror im Irak. Oder glauben Sie, nur weil nicht mehr jeden Abend aus dem Krisengebiet berichtet wird, ist die Lage entspannt? Das gleiche gilt für Afghanistan. Wieso überhaupt, wurden diese beiden Länder mit Krieg überzogen? Warum konnte man ein ganzes Land, eine ganze Bevölkerung, in Sippenhaft nehmen – nur um einen einzigen Mann zu fangen? Den Terror hat man so jedenfalls nicht besiegt, eher im Gegenteil.

Wie so oft steht die Wahl der Mittel in keinem Verhältnis zum Ertrag. Der 11. September 2001 war ein schwarzer Tag: Für die Amerikaner, für die westliche Welt, aber auch für die vielen Muslime auf der Welt. Fortan gab es nur noch schwarz und weiß, gut und böse, grau gab es gar nicht mehr. Und ein religiös verblendeter Präsident, der seinen Feldzug göttlich legitimiert sah, war doch im Rückblick nicht von anderen religiösen Fundamentalisten zu unterscheiden, gegen die er doch eigentlich seinen Krieg gegen den Terrorismus ausgerufen hatte! Rückblickend hat der 11. September 2001 viel Unheil gebracht, viel Leid angerichtet und noch mehr Schaden verursacht als wir das auf den ersten Blick hätten begreifen können.
Jesaja prophezeit dagegen: Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten. Und tatsächlich: Es hatte ein Ende mit vielen Tyrannen, aber ist die Welt dadurch besser, gerechter, friedlicher geworden? Nein, denn das Problem ist immer noch das gleiche, wie vor dem 11. September.

Es gehört schon eine große Portion Ignoranz dazu, wenn man ernsthaft glaubt, ein Krieg könne eine adäquate Antwort auf einen Terrorakt sein. Mir ist schon bewusst, dass die amerikanische Administration nicht anders konnte, als zurück zu schlagen, aber unter welchen Vorzeichen? Und: Macht es das besser, wenn wir wissen, dass es innenpolitische Zwänge gab, das man mit Lügengeschichten vor die UNO gezogen war, um die Koalition der Willigen gegen die Achse des Böse zu schmieden? Nein. Denn die Hausaufgaben wurden vorher nicht gemacht.
Und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. So heißt es bei Jesaja.
Es ist wohl unbestritten. Ein Drittel der Welt besitzt, verwaltet und verbraucht zwei Drittel aller Ressourcen. Lebt man im westlichen Teil dieser Welt kann einem das relativ egal sein, denn schlimme Entbehrungen kennen wir nicht. Wir genießen Meinungsfreiheit, Wahlrecht, Demonstrationsrecht, uns wird eine Würde zugesprochen, wir leben in einer befriedeten Zone. Uns geht es gut. Aber es gibt andere Flecken auf dieser Welt, da sieht es ganz anders aus. Da leben die ärmsten der Armen, die unzufrieden sind mit ihrer Situation. Oft fehlt Arbeit, und wenn es sie gibt, reicht das Einkommen nicht. Nur ein Beispiel: Während der Modekonzern H&M Millionengewinne einfährt, im letzten Jahr waren es 522 Millionen Euro, kippen in den Fertigungsfabriken reihenweise Näherinnen um, weil die Arbeitsbedingungen miserabel sind. Darüber hinaus arbeiten die Frauen bis zu 14 Stunden am Tag – sieben Tage die Woche. Mit dem Niedriglohn von 30 Cent die Stunde können sie kaum überleben. Glauben sie mir, die Zahl der Menschen, die auch was ab haben wollen vom großen, süßen Kuchen, aber nicht dran können, weil wir von sicheren Drittstaaten umgeben sind., wird größer und damit auch die Frustration.

Das Bundesamt für politische Bildung beschreibt das so: „Die weltweite mediale Vermittlung westlichen und für viele Länder unerreichbaren Wohlstandes via Fernsehen und Internet kann zudem in Entwicklungsländern Aggressionen und Migrationsbereitschaft wecken. Gelänge es in der Zukunft nicht, diese skizzierten Polarisierungsdynamiken zu stoppen, könnte das globale Ungleichheitssyndrom zu einem Sprengsatz für das internationale System werden. Auch wenn von Armut und zunehmender Ungleichheit keine direkten Wege zu Staatenzerfall, Bürgerkriegen oder gar transnationalem Terrorismus führen, schaffen sie doch ein Klima der Frustration und Hoffnungslosigkeit, in dem unterschiedlichste Formen der Gewalt gedeihen und ihre Wirkung entfalten können.“

In so einem Klima gedeihen dann solche verrückten Pläne wie wir sie am 11. September 2001 gesehen und erlebt haben. Kein Krieg der Welt kann so etwas verändern, wohl aber ein aufrichtiges „salem aleikum“, ein „Friede sei mit dir“, der arabische Friedensgruß, vermag es, diese Dinge zu ändern.

Vielleicht fühlt sich dann auch der unterprivilegierte schwarze Südafrikaner wahr- und ernstgenommen, der in manchen Landesteilen Südafrika immer noch die Straßenseite wechselt, wenn ein weißer ihm entgegenkommt. Denn auch hier gilt ein falsches oben und unten, dass durch einen Sprachkolonialismus erster Güte geprägt wird. Wer lernen will, kann das nicht ins einer Muttersprache tun. Er muss erst mal eine andere Sprache lernen, um überhaupt an den Stoff zu kommen. Das vielen diese Leistung nicht gelingt, weil eine weitere Hürde auf dem Weg, ist deutlich. Aber wer braucht in Südafrika schon gebildete Schwarze? Wer geht denn dann in die Minen und holt die Metalle aus dem Gestein, die wir für unsere Laptops, Smartphones und
ipads brauchen?

Liebe Gemeinde, bleibt es dabei? Strafen wir Jesaja lügen und erinnern uns 2011 knapp vierzehn Tage auf allen Kanälen und in allen Zeitungen und Magazinen an ein schreckliches Ereignis und sind auch nach der 1000 Wiederholung dieser furchtbaren Bilder immer noch betroffen und erkennen, auf dem Sofa sitzend, wieder das Unglaubliche der Ereignisse und wie die Welt in einen Krieg hineingeführt worden ist?
Aber: War es das dann auch? Haben wir uns mit all dem abgefunden und arrangiert? Haben wir uns abgefunden mit denen, „die auf die Gräber ihrer Opfer spucken“, wie es Johannes Taig schreibt, und sich öffentlich darüber freuen, dass ein Mensch gezielt getötet worden ist? Haben wir uns mit einer Welt arrangiert, in der die Thesen, die wir eigentlich vertreten: Glaube, Liebe und Hoffnung, eigentlich ein ungedeckter Scheck sind oder zumindest von vielen so behandelt wird?

Hören wir doch noch einmal auf Jesaja: Darum spricht der HERR: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

Ist das jetzt nur fromme Rhetorik oder ein frühes: „Empört euch!“ so wie es der Philosoph Stepahen Hessel formuliert hat: „Neues schaffen heißt Widerstand leisten! Widerstand leisten heißt Neues schaffen!“ Das alte Muster von Auge um Auge und Zahn um Zahn hat doch schon lange ausgedient und unser Neues ist auch gar nicht mehr so neu. Immerhin hat die Geschichte um Jesus ja schon einiges auf dem Buckel. Wir müssen nicht beschämt dastehen und als Spinner abgetan werden, wenn wir mit unseren Vorschlägen zu einer neuen Weltordnung daher kommen: Es braucht keine Gewalt und keine weitere Ausbeutung und schon gar nicht das eine auf dem Rücken des anderen.

Jesaja hat ein Bild davon gemalt, wie es sein könnte, wenn… Ja, wenn wir uns nicht dem Diktat der Zeit ergeben, sondern den anderen Weg gehen würden. Einen Weg, der die Spötter verachtet und die Tyrannen von morgen heute gar nicht erst entstehen lässt, weil die Welt von morgen eine andere ist. Liebevoller, hoffnungsvoller, warmherziger. Denn das ist die Alternative zu einem Leben, zu einer Welt, wie wir sie kennen und dann ist das „Wohlan, es ist noch eine kleine Weile“, kein ungedeckter Scheck mehr, sondern schon bald Realität.
AMEN!

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