Licht ist dein Kleid (Psalm 104,2)

Predigt zum 11.9.2011
Stadtkirche Heiligenhafen
„Licht ist Dein Kleid“ Psalm 104,2

Liebe Gemeinde;
Eine Predigt zum 11. September -und sie handelt nicht über Terror und Islamismus, sondern über „Licht“, ein Thema, das sich ja schon durch Lieder, Musik und Lesungen des ganzen Gottesdienstes zieht. Nun – alle reden dieser Tage über den 11. 9., ist es da nötig, dass auch ich Ihnen die eintausenfünfhunderzwanzigste Betrachtung zu diesem Thema liefere?
Nur soviel dazu am Rande: der 11.9. ist auch eine Anfrage an Religion. Es ist die dunkle Seite der Religion: Fanatismus. Da Religion ja immer auch mit göttlicher Wahrheit zu tun hat, kann sie dazu verführen, im Namen Gottes diese Wahrheit mit Gewalt und Blut durchsetzen zu wollen. Leider ist in der Kirchengeschichte ebenfalls davon etwas zu sehen: die Religionskriege des 16. und 17. Jahrhunderts, die Kreuzzüge im Mittelalter, Augustins berühmter Satz: „Außerhalb der Kirche ist kein Heil. Darum zwingt sie einzutreten.“ Das alles ist die finstere Seite der Religion.
Aber „Licht ist Dein Kleid“ heißt es im Psalm 104. Um Religion als Erleuchtung des Lebens soll es uns heute gehen, nicht um Religion als Rechtfertigung für Tod und Gewalt.
Braucht mein Leben überhaupt Erleuchtung? Na ja, wenn es mehr sein soll als eine bloß tierische Existenz, dann wohl schon.
Erleuchtung aus dem Gebrauch der Vernunft, wage zu denken. So hieß das Schlagwort des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Goethe, Lessing, Leibniz, noch mehr Voltaire, sie alle brauchten keine Religion mehr. Das war etwas Dunkles, finsteres Mittelalter, Ammenmärchen, wage zu denken, dann erleuchtet sich Dir die Welt. Erstaunlich zählebig sind diese Ideen, sie sind bis heute weit verbreitet und Allgemeingut vieler, sog. gebildeter Kreise.
Ganz anders empfanden es die Romantiker zu beginn des 19. Jahrhunderts. Hölderlin, Novalis, Eichendorff, um nur einige zu nennen. Auch die Maler wie Caspar David Friedrich. Wenn er die Kreidefelsen Rügens malt, dann malt er dort keine geologische Formation, sondern göttliche Ewigkeit. Wenn der Komponist Smetana die Moldau vertont, dann ist das nicht einfach, wie man vernünftig meinen könnte „ein Gewässer“, es ist Gottes Geist, der aus den Wassern murmelt. Wenn die Dichter den Frühling besingen, dann nicht als Jahreszeit der Aussaat und der länger werdenden Tage, sondern dann ist das der liebliche Maien, dann flattert das blaue Band durch die Lüfte, dann wird Gottes Lebenslicht erfühlbar. Um Fühlen geht es.
Besonders tief geht es bei Hölderlin.
Er fühlt es förmlich, wie die ganze Vernunfteuphorie, die Welt nicht hell, sondern dunkel werden lässt. Dunkel, weil das göttliche Licht ausgesperrt wird. Die Vernunft, sie baut schnurgerade Strassen, kanalisiert die Flüsse, plant Städte im Schachbrettmuster, baut glatte Flächen und viereckige Hochhäuser, sie – und das geht über Hölderlins Zeit weit hinaus – sie plant den Menschen entweder in Umerziehungslagern, oder – was ja viel moderner ist – im Reagenzglas. Aber all das ist tot, eine Plattenbausiedlung oder Autobahn ist toter Stein, ein Kanal ist totes Gewässer, eine Reißbrettstadt ist tote Atmosphäre, ein designter Mensch ist toter Roboter. Tot, obwohl dort welche leben, tot, weil ohne Gefühl, ohne Liebe, ohne Himmel, ohne blaues Band, ohne hohle Gasse, ohne klappernde Mühle am rauschenden Bach, ohne Licht des Lebens.
Licht ist Dein Kleid. Und Licht ist erfühlbar und erspürbar, liebe Gemeinde. Aus den krummen Mauern alter Kirchen und Gebäude spricht das Licht der Ewigkeit. Aus der Stimme der Amsel das Licht des Lebens. Aus dem Lächeln des Gegenüber das Licht der Liebe, aus dem Ton der PaulGerhardLieder das Licht der Weisheit, aus dem Strahl der Sonne flüstert das Himmelslicht und scheint in die Finsternis. Und all das sieht nicht unser Verstand, sondern mit dem Herzen sehen wir es. Mit dem Herzen sehen wir: Licht ist Dein Kleid. Mit unserem Herzen sehen wir im Morgenrot den ersten Tag der welt: Und Gott sprach, es werde Licht. Mit dem Herzen sehen wir in der Weihnachtskrippe den lieben Morgenstern, der in unsere ach so vernünftige, schön geplante, klinisch reine Finsternis strahlt und uns Leben und Lieben erfühlen lässt.
Wir sagten vorhin: Es geht uns heute um Religion als Erleuchtung des Lebens. Jetzt, so glaube ich, wissen, oder spüren Sie, was ich damit meine. Es wäre ein armes, ein tristes, ein kaltes und empfindungsloses Leben, wenn wir Menschen nur und einzig auf die Vernunft angewiesen werden.
Die Dimension Gottes, die Grundhaltung, das ich nicht alles kann, weiß, bin und etwas von außen auf mich einwirken kann, sich mir mitteilt am Verstand vorbei direkt zum Herzen redend, bereichert mein Leben ungemein. Der Glaube, das nicht alles plan und machbar ist, sondern das es wächst, dass sich manches entwickelt, das vieles kommt wie es kommt, und das alles so geschieht wie es soll und sich zum Guten kehrt, dieser Glaube, das Licht sein Kleid ist, gibt unserem Leben Tiefe und Gelassenheit. Ja, auch Geborgenheit.
Und zum Ende – mit Seitenblick auf dem 11. September – liebe Gemeinde: Diese Art von Religion vergisst die Liebe nicht, weil sie fühlt, sie wird darum nicht fanatisch und wirft keine Bomben auf die, die es anders sehen. Ihre Wahrheit wächst und gedeiht übers Herz, sie muss nicht erzwungen werden. Amen

P.Carsten Sauerberg (Heiligenhafen)

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