Das Leben neu gestalten

Israel wurde von Gott aus Ägypten befreit, weil es ein ganz besonderes Volk war. Das Volk, das er sich auserwählt hatte. Gottes Bevollmächtigter war Mose, den wir gerne darauf reduzieren, dass er Findelkind im Körbchen war oder, dass er Gebotsempfänger war, der Gebote unter dem Arm zornig auf das Goldene Kalb sah.

Das alles war er, und noch mehr. Er war wie ein Sohn am Hofe Pharaos, er war jähzorniger Bestrafer, als ein Israelit geschlagen wurde und ängstlicher Flüchtling. Aber dann ging er doch zurück nach Ägypten, weil der Ruf Gottes ihn getroffen hat mit der Klaren Botschaft an den Pharao: Lass mein Volk ziehen. Dabei werden ihm die Knie weich geworden sein, aber er bleibt stark, auch als 9 Plagen, die das ägyptische Volk erleidet ohne Wirkung bleiben.

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Dieser Mose, der so viel erlebt hat, tritt nun vor seinen Gott. Schweigsam, weil er spürt, dass er nichts zu sagen hat, vielleicht auch weil er beeindruckt ist von der Kraft und der Liebe dieses Gottes, der nun zu ihm spricht. Vielleicht auch weil er weiß, dass nichts angemessen ist, dieser Begegnung gerecht zu werden.

Am Ende der Geschichte erhält Mose die 10 Gebote, diese berühmten Tafeln und sie sind wohl auch das Ziel der Rede Gottes.

Aber erst einmal stellt dieser Gott sich vor als der Gott Israels. Als der, der sich aus freiem Willen ein Volk berufen hat, das er bewahren will. Er bietet seinem Volk einen Bund an, einen Vertrag, der beide Seiten bindet. Dieser Vertrag hat etwas mit Erfahrungen zu tun. Die Menschen kennen diesen Gott, haben ihn kennengelernt durch Überlieferungen und durch die Tat der Befreiung. Sie haben Befreiung erfahren aus der Sklaverei. Aber sie haben auch bitter erfahren müssen, dass Freiheit nicht grenzen- oder schrankenlos ist. Freiheit heißt auch erst einmal frei von Absicherungen.

Die Zeit in Ägypten war hart und ich weiß nicht, ob einer von uns eine solche Sklavenarbeit lange aushalten könnte. Aber es gab wohl doch ein Minimum an Lebenssicherheit, regelmäßiges (wenn auch karges) Essen, das erst die Erinnerung aufwertet zu ‚Fleischtöpfen Ägyptens‘.

Aber Freiheit bedeutet auch die Freiheit, selber zu sehen, wovon ich morgen satt werde. Unsoziale Staaten wie die USA predigen solche Freiheit als Freiheit jedes Einzelnen, der auch das Recht behalten muss, zu verhungern, krank zu werden und ohne wirkliche soziale Absicherungen zu leben. Gottes Wille ist etwas Komplizierter: Er will, dass sein Volk zusammenlebt in Freiheit, aber auch mit Rücksicht mit gegenseitiger Verantwortung füreinander. Damit das gelingt schenkt er seinem Volk 10 Gebote: Regeln, dass Miteinander gelingen kann, dass Rücksicht aufeinander Platz gewinnt.

Das Wesentliche: Gott hält seinen Bund. Er bindet sich an sein Volk Israel und steht zu ihm, auch in den Zeiten, wo es selber versagt hat. Das tatsächliche Verhalten Israels passt nicht zu diesem Bund. Gott aber passt zu sich selber: Er hält sein Wort, er hält seinen Bund. Politisch ist sein Volk gescheitert nach 100 Jahren Staat-Sein, religiös hat es seinen eigenen Glauben immer wieder verraten, aber Gottes guter Geist bleibt bei seinem Volk.

Daraus hat auch die christliche Gemeinde, die sich von genau diesem Gott berufen fühlte, Kraft und Selbstbewusstsein gesogen. Sie hat gespürt, dass auch sie diesem Gott so viel wert ist, dass er auch dort noch zu ihr hält, wo sie selbst Fehler macht. Sie fühlten sich trotzdem wie es in der Zusage heißt: getragen wie auf Adlerflügeln.

Beides ist wichtig, dass wir die Zusagen Gottes gegenüber seinem Volk Israel nicht einfach übernehmen, als seien sie für uns gemeint. Aber dass wir lernen, dass wir in einer gemeinsamen Tradition mit dem Volk Gottes stehen.

Wir sind nicht das Volk Gottes, aber wir haben seinen Sohn als unseren Heiland erkannt und darum glauben wir auch an die Solidarität Gottes auch mit uns.

Wir dürfen sicher sein, dass Gottes guter Geist bei uns ist und uns begleitet. Wir dürfen uns darauf verlassen, dass wir auch dort nicht alleine sind, wo wir es verdient hätten. Aber wir dürfen auch hören auf den Willen Gottes, der den Wunsch hat, dass wir seine Regeln halten, dass wir sie für uns annehmen, weil es keine autoritären Gesetze sind, sondern weil die Gebote eine Urkunde sind, ein Angebot des Gottes, der Freiheit will – für alle Menschen, und der Freiheit eine Grenze setzt dort wo andere Menschen Schaden nehmen könnten.

Darum verbietet sich jedes Töten – nicht nur das leibliche auch das Töten des guten Rufes und das Töten von Beziehungen (‚der ist für mich gestorben‘). Darum verbietet sich jeder Diebstahl, jeder direkte, jeder Versicherungs- oder Steuerbetrug, aber auch jede Politik, die drauf aus ist, dass Arme immer ärmer werden, dass Menschen Lebensgrundlagen entzogen werden, nur dass Reiche immer reicher werden. Eigentum verführt zu Diebstahl von Lebensgrundlagen. Dem können wir widerstehen – wenn wir wollen.

Die Gebote Gottes regeln menschliches Miteinander, wo sie Neid und Zerstörung von Beziehungen verbieten. Sie wollen aber auch Mut machen, Gottesdienst zu feiern, Gott ernst zu nehmen, seinen Namen genauso heilig zu halten wie die Freiräume, die er geschaffen hat mit dem Feiertag.

Immer wieder eine besondere Rolle spielt für mich das Verbot der Abbildung Gottes wie der Menschen. Das ist schon komisch, davon zu reden in einer Kirche voller Bilder. Aber es ist richtig. Weil es um die Bilder im Kopf geht, um die Vorurteile, mit denen wir Gott und die Menschen festlegen. Da sind wir schnell bei dem alten Mann mit Bart, der immer verzeiht und nur noch lieb ist. Vielleicht ist Gott ja eine junge schwarze Frau, die auch giftig werden kann. Die Bibel nennt alle Menschen Abbild Gottes.

Vorurteile töten. Mit ihnen töten wir Gott und Menschen. Die Vorurteile über Juden, die Bilder im Kopf, haben den Massenmord unterstützt. Das dürfen wir nie vergessen, wenn wir unsere eigenen Vorurteile sehen und mit ihnen umgehen. Jeder Mensch auf der Erde ist Abbild Gottes und darum liebenswürdig: Würdig, geliebt zu werden. Nichts anderes will uns Gott nahelegen. Damit können wir Leben neu gestalten.

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