Das Unmögliche beginnt – und wir mitten drin

(1)
Ungewöhnliches geschieht mitten unter uns. Begonnen hat es vor ein paar Wochen. Plötzlich neue Gesichter im Gottesdienst, mehr, immer mehr. Ob es an der Kirche liegt? Sie ist schön. An der Gemeinde? Am Ende an mir? Nein – glaub ich nicht. An Gott? Ja. Und es kommen immer mehr. Der Kirchengemeinderat führt – zunächst vorübergehend – wöchentliche Gottesdienste ein, die Empore ist mittlerweile gefüllt, Herr Stader stuhlt am Samstag schon den Mittelgang auf. Und immer mehr Menschen – heute morgen Autos, die von der Bushaltestelle bis zum Friedhof parken. – Und nicht nur hier: In Schutterwald, Hesselhurst, Goldscheuer, Kehl, am Ende im ganzen Land das gleiche.
Mehr: Die Zeitung schreibt darüber und wundert sich, was da los ist. Die Kehler Zeitung titelt „Gott ist voll im Trend“ und hat dabei vom Spiegel abgeschrieben, dessen letzte Ausgabe „Gott: der neue Trend?“ auf der Titelseite hat.
Alle, alle fragen nach Gott?

Die seltsamen Nachrichten häufen sich: In Berlin habe eine Jugendgang ihr Unwesen aufgegeben und würde Kinder einer Kindertagesstätte stattdessen in Basketball trainieren. Besetzte Häuser in Hamburg werden kampflos armen Menschen überlassen. Die Besetzer hätten die Häuser sogar instand gesetzt und die Eigentümer ihr Stillhalten für die nächsten 5 Jahre zugesagt.
Dann wieder neue Meldungen: Ganze Nationen beginnen mit der Abrüstung: Landminen und Streubomben, Interkontinentalraketen und Maschinengewehre – wozu haben wir die eigentlich früher gebraucht? – gehen durchs Feuer, werden umgeschmiedet in Pumpen für das Sahel, Traktoren und Pflüge für das mittlere Afrika, Bangladesh …

Unmöglich? Zu viel Phantasie, Herr Pfarrer? Nicht in hundert Jahren das: Menschen, die ganz neu nach Gott fragen. Schwerter und Speere, die durchs Feuer gehen. Zu Pflugscharen werden. Das soll gehen? Nie – unmöglich!

(2)
Unmöglich, das?
Unmöglich sagen auch Jephta und Shimon. Als junge Leute haben sie die Heimat verlassen – verlassen müssen: Babylon ist über Israel hergefallen wie ein Wolf über ein Lamm – oder doch eher wie über einen störrischen Bock? Und Israel störrisch, weit weg vom Leben mit Gottes Gebot und Er, der Ewige, gepriesen sei Sein Name, hat sie den Völkern preis gegeben?
Aber wie sollen sie das wissen, jung, wie sie damals waren, das gilt: Mit gegangen, mit gehangen.

Über die Jahre sind sie älter geworden, haben in der Fremde eine Familie gegründet, sich redlich von ihrer Hände Arbeit ernährt, die Kinder groß, aus dem Haus, haben selber Familien gegründet.

Da sitzen sie, an den Ufern von Babylon, hängen ihren Gedanken nach:
„Wir werden das nie mehr erleben, wir nicht. Wir werden in der Fremde sterben.“
„Und die Jungen“, setzt Schimon hinzu, „die wissen schon gar nicht mehr, wie gut es war, damals, zu Hause.“
Ein Seufzer in den Abendhimmel indessen sich die Dämmerung senkt.

Joschua kommt vorbei, auf dem Weg nach Hause, sieht die beiden Alten. Er kennt sie schon sein ganzes Leben lang; auch er, wie viele, schon in der Gefangenschaft geboren.
„Kommt Ihr mit ins Dorf? Heute Abend soll er kommen, der Profet, der, der Gutes ansagt und Hoffnung und Zukunft …“
„Ach der … – der hat doch gut reden. Der hat doch die langen Jahre hier nicht mitgemacht: Was soll sich hier noch ändern? Für uns? Komm, vergiss es …“

Die Angelrute zieht Jephta hinter dem Baumstamm vor auf dem sie sitzen: „Lieber eine fette Brasse – da weiß ich, was wir morgen zu essen haben. Aber der …“
„Du meinst, der sei ein Träumer? Hast Du ihn denn schon einmal gehört?“
„Nein, das nicht – aber …“ Sorgsam prüft Jephta den Haken, die Schnur, zieht den Köder vor.
„Ach komm, lass uns gehen – es wird sowieso schon kalt.“ Schimon fröstelt schon, stupst dem Freund in die Rippen:
„Na los, komm schon.“

Brummelnd steht Jephta auf. Er verstaut sein Angelzeug sorgsam hinter dem Stamm.
Alle drei machen sich auf den Weg ins Dorf, einfache Hütten, zwanzig, dreißig vielleicht am Ufer des Euphrat, langsam, wie alte Männer gehen.
Der Dorfplatz füllt sich. Ein Feuer von Mist und Holz glost in der Mitte und sie finden einen Platz im Kreis der anderen, die schon warten. Und dann kommt der Junge, der aus der Heimat, Gottes Land, ein einfacher Mann, jung, irgendwo in den Dreissigern. Er setzt sich zu ihnen in den Kreis.

„Komm, Seher, erzähl uns von zu Hause, erzähl uns, welches Wort Dir Gott gegeben hat.“
Der schließt die Augen, öffnet sie wieder, schaut in den Kreis, schaut jedes einzelne Gesicht an, schließt die Augen erneut.In leisem Singsang spricht er sein Wort:

„Am Ende der Zeit wird der Berg, auf dem der Tempel des Herrn steht, alle anderen Berge und Hügel weit überragen. Menschen aus allen Nationen strömen dann herbei. Viele Völker ziehen los; sie rufen einander zu: »Kommt, wir wollen auf den Berg des Herrn steigen, zum Tempel des Gottes Israels! Dort wird er uns seinen Weg zeigen, und wir werden lernen, so zu leben, wie er es will.«
Denn vom Berg Zion aus wird der Herr seine Weisungen geben, dort in Jerusalem wird er der ganzen Welt seinen Willen verkünden. Gott selbst schlichtet den Streit zwischen den Völkern; unter den Nationen spricht er Recht. Dann schmieden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen um und ihre Speere zu Winzermessern. Kein Volk wird mehr das andere angreifen; niemand lernt mehr, Krieg zu führen.
Kommt, ihr Nachkommen Jakobs, wir wollen schon jetzt mit dem Herrn leben. Er ist unser Licht!

(3)
Schweigen im Kreis. Ruhiges Schweigen, ungläubiges Schweigen, ablehnendes Schweigen, feindseliges Schweigen auch.

„Jerusalem, der Zionsberg, der Tempel: weißt Du noch?“ Schimon seufzt.
„Ist das Dein Wort, Seher? Hast Du es von Jahwe, gepriesen sei Sein Name?“ fragt Jephta.

Eine kleine Pause. Der Seher wendet sich Jephta zu, schaut ihm in die Augen, ein klarer, ungebrochener Blick. „Nein, nicht mein Wort. Ich habe es von einem gehört, dem ich traue, von Jesaja, dem Sohn des Amoz. Und ich habe es Euch mitgebracht zum Trost.“
„Und das soll man glauben?
Völker, alle Völker auf dem Weg zum Zion? Wollen sich Rat holen, Weisung? Bei Jahwe?
Ein Traum, ein schöner Traum. Ich kann’s nicht glauben … hier …“
In weitem Bogen weist er um sich, auf die Hütten, den Dreck, die armselige Umgebung in der sie hausen.

„Ja. Kaum zu glauben“, pflichtet der Seher bei. „wenn Jahwe ein Mensch wäre, ausrechenbar in Seinem Tun und Denken – aber wäre das Gott, unser Gott?
Doch: Wenn Er, gepriesen sein ewiger Name, wirklich Gott ist, der Gnädige, der Liebende, der Allmächtige – sollte Er’s nicht können?“

„Möglich – unmöglich: Natürlich ist das möglich. Aber für uns? Friede für uns? Womöglich Freiheit, keine Stiefel mehr, die nachts aufs Pflaster treten dass die Kinder aufwachen vom Schritt und weinen? Keine Gewalt mehr. Und aus den Schwertern werden Sichelmesser geschmiedet und Pflugscharen …
Möglich, schon möglich, sicher.
Aber wann?
Und wem?
Und wie?
Und wo?
Uns etwa?“

(4)
Sie sitzen noch lange zusammen, diskutieren, reden sich die Köpfe heiß bis eine der Mütter aus der Hütte kommt, ihnen zuruft: „Ruhe jetzt – ist doch schon der neue Tag. Oder wollt Ihr die Kinder wiegen, wenn sie von Eurem Geschrei wach werden? Mach doch morgen weiter und kommt jetzt …“

Einer erhebt sich, dann noch einer.
Sie gehen.

Auch Schimon: „Natürlich ist’s möglich. Und gut möglich, dass wirs erleben.“ „Um des Allmächtigen willen: Du glaubst aber auch alles, was man Dir erzählt …“ „Eben: Das ist es. Glauben. Vertrauen. Was traust Du dem Höchsten zu? Für uns?“ – Und der Seher ruft ihnen leise nach „Die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft, dass sie laufen wie die Jungen, das sie auffliegen wie die Adler. Und es soll nicht geschehen durch Kraft oder Heer, sondern durch meinen Geist …“

Jephta schüttelt den Kopf. „Unverbesserlich, der da … – und Du? Du bist auch nicht besser“ Und Schimon? Als ob sein Schritt leichter geworden wäre, hakt seinen alten Freund unter, zieht ihn mit. „He, he, he: Langsam – was ist denn in Dich gefahren?“ protestiert Jephta und geht mit, schmunzelnd.

(5)
Unmöglich? Wirklich unmöglich?
Es ist möglich. Gottes Friede ist Mensch geworden, hat gezeigt – Gott selbst hat gezeigt – wo der Friede anfängt, ganz klein, wie er sich anfühlt, aussieht und wie er endet: Im Leben – bei Gott. – Und Er, Gottes Mensch gewordener Friede, Jesus aus Nazaret, lädt uns in Seine Spur ein, damit das Unmögliche immer wieder neu möglich wird. Frieden. Versöhnung. Nicht irgendwann, heute und hier.
Frieden? Frieden ist mehr als die Sehnsucht danach. Frieden heißt aufbrechen, neu, anders, in Seinem Namen.
Frieden ist möglich. Hat schon begonnen, mit kleinen Schritten, beginnt immer wieder und geht weiter in Gottes Namen mit Dir und mit mir. Und Er, unser Friede, ganz nah, wo wir bei Seiner Sache sind.
Gehen wir los, nachher, bald, so wie Schimon und Jephta.
Und wen hakst Du unter? Amen.

Lied: Ins Wasser fällt ein Stein …

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