Der kluge Mann baut vor

Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer,
der erste Satz einer Predigt ist wichtig. Er fesselt den Hörer und tippt schon das Gesamtthema an. Der letzte Satz einer Predigt ist ebenso wichtig. Er fasst zusammen und entlässt den Predigthörer vielleicht mit einer Aufgabe zum Weiterdenken.
Auch Jesus hat so gepredigt. Und der letzte Satz seiner berühmtesten Predigt ist eben genau der letzte des heutigen Predigttextes:

Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.

Mit diesem Satz schließt Jesus seine beste Predigt ab. Die Bergpredigt.

Der erste Satz dieser Predigt lautet übrigens: Selig sind die, die sich vor Gott nichts einbilden, ihnen gehört das Himmelreich.
Und es folgen noch andere „Glücksankündigungen“. Ihr Glück finden, zur Seelenruhe kommen, das Leben meistern werden die, die Hunger nach der Gerechtigkeit haben, die Leid tragen, die reine Herzen haben, den Frieden suchen…

So beginnt die Bergpredigt. Und mit dem Platzregen endet sie. Mit dem Haus, das entweder auf Felsen gebaut ist oder auf Sand. Und je nach dem, wird es, wenn der Regen fällt und der Sturm aufkommt, entweder fallen – oder stehen bleiben.
Und damit nur ja niemand den Schluss der wichtigsten Predigt, die Jesus gehalten hat, willkürlich auslegt, sagt er selbst seinen Hörerinnen und Hörern auch gleich, wie er dieses Bild von den zwei Häusern am Ende seiner Predigt verstanden haben will.

Und genau hier hatte ich mein Aha-Erlebnis:
Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute.

Liebe Predigthörerinnen und -hörer,
da möchte einer, dass das, was er gerade lang und breit gepredigt hat, auch umgesetzt wird. Getan wird. Ins Leben kommt. Den Alltag bestimmt, praktisch wird, sichtbar – real in dieser Welt. Mehr noch, da dringt einer darauf, fast könnten wir ja sagen: Bei Androhung einer Strafe…, dass seine Worte nicht nur Gedanken bewegen und Gefühle hervorrufen, Diskussionen und Vorsätze, Glaubensbekenntnisse oder Statements, sondern zum Handeln anleiten, zum Tun dessen, wovon er geredet hat.

Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.

Alles steht und fällt für die Predigthörer mit dem Tun dessen, was Jesus gerade gesagt hat. Wer die Bergpredigt lebt, der ist der Kluge. Und wer sie nicht lebt, der ist der Dumme.

Blättern wir nur oberflächlich die Seiten der Bergpredigt in der Bibel durch, erkennen wir sofort: diese Aufgabe ist riesig: Salz und Licht für die Gesellschaft sind die, die seine Predigt hören.
Einen Menschen umbringen kann man schon, indem man ihn einen Idioten schimpft.
Die Ehe soll geschützt werden und unsere Rede sei durch ein klares Ja oder ein klares Nein geprägt.
Der Feind kann und soll geliebt werden.
Die Armen dürfen nicht vergessen werden.
Gebetet werden soll in der stillen Kammer, ein Vater Unser reicht.
Vor dem Mammon, dem Geld, sollen wir uns hüten und deshalb auch vor dem Schätze Sammeln. Wir können nur Gott dienen, oder dem Geld. Beides geht nicht. Und keine Sorgen sollen wir uns machen. Überhaupt keine.
Unseren Mitmenschen können wir barmherzig begegnen und uns aller wertenden Gedanken über ihn enthalten. Wollten wir einen Menschen zum Guten verändern, hätten wir mit uns selbst genug zu tun.
Alles was uns fehlt zu unserem Glück, dürfen wir Gott vortragen. Und alles, was die anderen uns tun sollen, das tun wir zuvor ihnen – die Goldene Regel des Zusammenlebens.

Wer diese meine Worte hört, und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute…
Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde,
Jesus schließt seine Bergpredigt, seine Anleitung zur Meisterung des Lebens mit diesem Bild der zwei Möglichkeiten. Beides ist möglich. Er macht sich dabei keine Illusionen, wie die Wahl ausgeht, wie viele Menschen klug sein wollen und wie viele dumm. In einem anderen Bild dieser Predigt sagt er es unmissverständlich: Die Tür ist weit und der Weg ist breit, der zum Tod führt, und es sind viele, die ihn gehen. Und die Tür ist eng und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und es sind wenige, die diesen Weg finden.

Es sind wenige, die tun, was er sagt. Es sind wenige, die seiner Rede zur Frucht in der Welt verhelfen. Ein Baum, so predigt er, der faul ist und deshalb faule Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Und scharf und überdeutlich kann er formulieren: Nicht alle, die zu mir „Herr Jesus Christus“ sagen, werden in den Himmel kommen. Sondern nur die, die den Willen Gottes, meines Vaters – tun.

Tod, Feuer, entfernt sein von Gott, ein zusammengefallenes Haus: In der Jesuspredigt sind das bleibende Möglichkeiten.
Denn es kommt ein Tag, an dem die Belastungsprobe einsetzt. Das mag eine Krise in diesem Leben sein. Da stürzen Gewalten über uns und nehmen unser Lebenshaus auseinander.

Aber es geht dem Bergprediger um mehr. Die Wasserfluten und dazu ein Sturmtief: Das wird auf jeden Fall der Fall der Welt sein. Wenn Gottes Ewigkeit unsere Zeit flutet. Wenn sein stürmischer Schöpfergeistes an allem rüttelt, was je von uns geschaffen wurde. Der Tag des Gerichts, des Prüfens und Wiegens. Das Ende von allem, was wir kennen. Und dann wird sich erweisen, was am Ende Bestand hat.

Will Jesus seinen Hörerinnen und Hörern am Schluss seiner Predigt Angst machen? Will er denen, die ja gern hören wollen, was er sagt, eine unlösbare Aufgabe stellen, von deren Lösung doch zugleich alles abhängt? Das würde ihm doch so gar nicht ähnlich sehen.

Vielleicht hilft es uns zur vorläufigen Beruhigung, dass es Jesus bei näherem Hinschauen nicht um die zwei Häuser geht, von denen das eine im Gericht stehenbleibt und das andere nicht, sondern um die beiden Männer, die sie bauen. Und, das ist ganz offensichtlich: Er mag den Klugen.
Der legt mit der Auswahl des Baugrundes fest, dass am Tag des Gerichts sein Lebenswerk bestehen wird.
Sein Werk. Sein Tun. Sein Leben.

Schauen wir noch genauer hin, liebe Hörerinnen und Hörer: Es sind die Häuser, die fallen, nicht deren Erbauer.
Es geht also um das, was bleibt. Von dem, was wir angefasst haben. Was uns so wichtig war. Von unserem Beschäftigtsein, unserem Planen und Machen, unserer Zeit und unseren Möglichkeiten. Was haben wir getan?
Wird es Sinn gemacht haben, mein Leben, wenn ich einmal davon muss? Hinterlasse ich einen Trümmerhaufen – oder ein Haus, in dem man bei Wind und Wetter wohnen kann? An dem auch Gott am letzten Tag noch seine Freude hat?

Ich bin gefragt. Ich lege fest, was Bestand hat. Ich habe die Wahl. Denn ich wähle die Grundlage. „Wer diese meine Predigt hört…“ Und hört sie nicht nur, und macht dann doch, was alle tun, sondern tut sie auch, der – und nur der – gleicht einem klugen Mann…

Das ist, zugegebenermaßen, immer noch beunruhigend. Aber diese Unruhe ist heilsam. Für mich jedenfalls. Ich habe es inzwischen so erlebt: Der Bergprediger ist geduldig, wenn nicht immer alles gelingt. Aber er traut seinen Hörerinnen und Hörern zu, sich wieder und wieder klug zu entscheiden. Deshalb schließt er seine wichtigste Predigt mit diesem Bild. Das Haus auf dem Fels und das Haus auf dem Sand. Der kluge Mann und die kluge Frau wissen, was sie zu tun haben.

drucken