Glaube bedarf der Pflege, er verwildert sonst

Liebe Gemeinde,

vor 21 Jahren hat der Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl den damaligen ostdeutschen Mitbürgern, „Blühende Landschaften" versprochen. Seine Worte sind unvergessen, doch das „Blühen“ lässt immer noch auf sich warten.

Und wenn der Prophet Jesaja, mit seiner Voraussage, die unseren heutigen Predigttext bildet, hier auf einem Marktplatz auftreten würde, könnte er damit rechnen, mit Eiern und Tomaten beworfen zu werden.

Hören wir das Predigtwort für den heutigen Sonntag aus dem Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 29, Verse 17-24. (aus dem Perikopenbuch vorlesen)

Als ich die heutige Predigt bearbeitet habe, sah ich zwischendurch aus dem Fenster hinaus in den Garten. "Wohl an, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden.“

Der Libanon soll "fruchtbares Land" werden, im Gegensatz zu heute. Der Libanon hat durch jahrhundertelange Rodung nur noch wenig Baumbestand und alles sieht kahl aus. Damals war dieser Landstrich ein dicht bewaldetes Gebiet, in dem kaum Ackerbau betrieben werden konnte.

In diesem Moment dachte ich daran, wie dieser Garten noch vor rund drei Jahren aussah und wie er sich jetzt entwickelt hat. Disteln, Brennnesseln und Goldruten wucherten seit Jahren um die Wette und heute blühen darin Rosen, Dahlien und andere schöne Pflanzen. Gewiss, eine Menge Arbeit liegt noch an, aber es kann werden.

Und wie traurig sieht es um viele unserer Kirchen aus, in denen die Gemeinden immer kleiner werden und es am Engagement zur Werterhaltung und Gartenpflege fehlt.

Ich bin nicht der Prophet Jesaja. So bleibt mir verborgen, worauf sich hier und heute, ganz lokal, eine solche Prophezeiung beziehen könnte: „und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.“

Ehrlich gesagt finde ich es auch viel angenehmer, mich auf den positiven Teil dieses Textes einzulassen. Das wäre wunderschön, wenn Taube die Worte des Buches hören und die Augen der Blinden aus Dunkel und Finsternis sehen könnten. Und wie viel Hoffnung steckt in diesem Satz. „Die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn."

Wann Herr, wann wird das sein? Diese Frage drängt sich auf. Aber ist sie angebracht? Lässt sich Gott von uns drängen? Verständlich ist unsere Ungeduld schon. Vieles ist dem Damaligen sehr ähnlich.

Unsere „Alten“ bekannten sich noch zu ihrer Gemeinde. Allerdings sterben diese langsam aus. Und die wenigen, die noch zum Gottesdienst gehen, werden ausgelacht. Immer noch, 21 Jahre nach dem es ein Ende hat mit dem Tyrannen, um in der Sprache des Textes zu bleiben. Unsere Region leert sich langsam.

Immer mehr junge Leute wandern weg, sie folgen der Arbeit. Es ist schwer, motivierte junge Menschen für die Gemeindearbeit zu gewinnen. Es leben einfach zu wenige hier. Und wenn junge Familien in unseren Sprengel ziehen, haben sie mit Kirche meist „nichts am Hut“. Kirche und Gemeindearbeit wurden ihnen von den „Alten“ nicht mehr vor gelebt. Und somit ist es sehr problematisch sie für unsere Gemeinde zu gewinnen. Ich habe gelegentlich das Gefühl, das um unsere Kirchen doch schon bald alles wuchernder Wald sein wird.

Wie können wir aus dieser absurden Spirale ausbrechen? Ich denke da an unsere Pfarrerinnen und Pfarrer. Immer weniger Gemeindeglieder bedeuten auch immer weniger Arbeitsstellen. Wie soll Gemeinde da wachsen, wenn die Arbeit auf den Schultern ganz Weniger liegt, die das zeit- und kräftemäßig nicht mehr schaffen können.

Die Sprengel und Kirchenkreise werden räumlich immer größer. Distanzen von über 100 Kilometern sind inzwischen schon gängig. Wie soll da ein Hauptamtlicher noch überall vor Ort sein, obwohl dies dringend nötig wäre?

Manchmal drängt sich mir schon die Frage auf: "Gott, wie stellst du dir das vor?" In Gesprächen mit Ordinierten höre ich zunehmend, was alles nicht mehr funktioniert.

Zum Beispiel, Jugendliche für die Konfirmation zu gewinnen. Sie sind jahrelang in die Christenlehre gegangen und entscheiden sich dann doch für die Jugendweihe. Nur weil alle anderen in ihrer Klasse das tun oder weil ihre Eltern es wollen.

Da stirbt eine alte Frau aus der Gemeinde. Und die Angehörigen, die mit Kirche auf Distanz stehen, entscheiden sich kategorisch für eine weltliche Bestattung. Nur, um ja nicht mit Kirche in Berührung zu kommen. Als wenn das eine ansteckende Krankheit wäre.

Wenn ich manchmal in so einer negativen Stimmung bin, dann vergesse ich zuweilen, was an Schönem schon alles passiert ist. Es ist doch wunderbar, dass sich auch nach langen Durststrecken im Lauf der Jahrhunderte in vielen Ländern und Regionen immer wieder Menschen im Namen Gottes und im Namen Jesu zusammengefunden haben. Und egal welchen Repressalien sie ausgesetzt waren und sind, es immer wieder Gemeinden gibt, in denen Gottes Wort tätig gelebt wird.

Wir wissen nicht genau, wann und warum der Text aus dem Jesaja-Buch entstanden ist, ob der Autor Jesaja selbst oder es Jemand aus seinem Kreise war. Als diese Worte vor etwa 2700 Jahren gesprochen wurden, ging es in Israel vielen Leuten schlecht.

Dass Menschen am Leid anderer Schuld tragen, ist auch nichts Neues. Insofern unterscheidet sich die Zeit Jesajas nicht wesentlich von der unsrigen. Wir brauchen schließlich nur die Zeitung aufzuschlagen, den Fernseher an zuschalten, Radio zuhören, im Internet surfen oder einfach nur mit offenen Augen durchs Leben gehen.

Wir wissen alle woran es hapert in unserer Welt, auch bei uns selbst, auch wenn wir da meist ungern hinschauen.

Jesaja ist kein Politiker. Er ist Prophet. Er macht keine Wahlversprechungen, die dann wenige Monate später nicht mehr wahr sind. Aber er verlangt viel von seinen Zuhörern. Er verlangt eine Entscheidung. Sie sollen sich auch angesichts der bestehenden und unbefriedigenden Zustände, auf Gott konzentrieren. Damals standen mehrere Kriege bevor und schlechte Zeiten hatten zu Glaubenskrisen geführt.

Sie sollen Gott zutrauen, dass er persönlich eingreift. Wann das sein wird, das lässt Jesaja offen. Sicher ist er sich allerdings darin, dass Gott helfen wird. Und er wünscht sich sehnlichst, dass die Menschen um ihn herum Gott wieder ernst nehmen.

Gott selbst, so wahr er einst Abraham erlöst hat, will sie und uns aus Taubheit und Blindheit herausholen. Und ihnen und uns anhand der „Werke seiner Hände“ zum Hören und Sehen verhelfen.

Den Irrenden verhilft er zur Einsicht. Wie er einst während der Wüstenwanderung den Murrenden und Frustrierten aufhalf, sich durch Gottes Wirken belehren lassen. Das ist eine Geduldsprobe und ungeduldig waren die Menschen damals, ungeduldig sind wir heute auch.

Wir wollen Veränderungen meistens sofort und weigern uns, zu verstehen, dass manches sehr lange dauern kann und dass manche Zusammenhänge sehr kompliziert sein können.

So finde ich, sind auch wir alle selbst ein bisschen mit verantwortlich dafür, dass unsere Politiker Versprechungen machen, die niemals einzuhalten sind. Und wenn dann das Versprochene ausbleibt, sind wir schnell geneigt die Fronten zu wechseln. Ähnlich wie damals das Volk Israel, das sich mit seiner Bündnispolitik so verhielt, dass Kriege und Vertreibung fast zwangsweise folgen mussten.

Oftmals aber sind wir gar unfähig Veränderungen oder Wandlungen zum Positiven wirklich wahrzunehmen. Wir laufen oft wie blind und taub durchs Leben. Oder unser Blick ist nur auf die Beifall heischenden, negativen Dinge gerichtet, so dass uns positive Veränderungen unentdeckte bleiben.

Ich erwische mich oft selbst dabei, stöhne über einen Berg von unerledigten Dingen und denke über Probleme nach, die mir unlösbar erscheinen.

Vor acht Jahren hatte ich, als Feuerwehrmann, einen Dienstunfall in einem Rettungsdiensteinsatz. Mein rechter Mittelfuß hatte sich zerlegt. Und es stand die Frage im Raum ob und wie der Fuß reparabel sei und ob ich wieder als Feuerwehrmann arbeiten könnte. Es war offen, ob ich wirklich wieder gesund werde, oder an Krücken gehen müsste. Die Ärzte haben eine sehr gute Arbeit geleistet und heute kommt mir meine Gesundheit manchmal selbstverständlich vor.

Vor acht Jahren war mir unbekannt, wie es weitergehen würde mit meiner beruflichen Existenz und ich war am Boden zerstört. Heute habe ich eine andere Tätigkeit bei der Feuerwehr. Meiner Zuständigkeit obliegt, dass die Kollegen ihre Pflichtausbildungen regelmäßig absolvieren. Und das ist für mich heute die 100-Punkte Variante. Das war vor acht Jahren noch unerkennbar. Die Wege des Herrn sind eben unergründlich.

Wenn Sie auf Ihr Leben blicken, stellen Sie vielleicht fest, dass es da neben viel Schmerz und Leid auch solche Fügungen gibt, mit denen Sie nie gerechnet hätten. Es ist heilsam, auf sie zu schauen.

Ich glaube, um sensibel für Glück und Freude werden zu können, müssen wir erst wieder hören und sehen lernen. Wir müssen aufwachen.

"Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen", heißt der Wochenspruch, der im gleichen Prophetenbuch, bei Jesaja, steht. "Ich bin, der ich bin und der ich sein werde", das ist die Übersetzung von Jahwe, dem Gottesnamen. Gott ist und bleibt die Konstante in unserem Leben.

Wir dürfen, ja, wir müssen uns verändern, wenn wir sehend und hörend werden wollen. Aber auf uns allein gestellt würden wir uns im Kreise drehen oder im Labyrinth unseres Lebens die Mitte verfehlen.

Im Psalm 146 lasen wir soeben: "Verlasst euch nicht auf Fürsten, sie sind Menschen, die können ja nicht helfen." Und weiter: "Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist. Der Herr macht die Blinden sehend, der Herr richtet auf, die niedergeschlagen sind."

Gott hat uns als Menschen geschaffen, die zu Entscheidungen berufen sind. Wir stehen als Christen mitten in der Welt. Wenn wir die Verheißung, die uns gegeben ist, ernst nehmen, können wir gelassener, friedlicher und freundlicher mit Anderen umgehen und mit allem, was sie tun.

Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Prädikantin Ursula Schabert in Welbsleben.)

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