War Jesus Pazifist?

Liebe Gemeinde,

„Drei Knaben schreien und traktieren mit Bauchtritten einander, schießen sich mit Zündplättchenpistolen in die Schläfen. In der offenen Brutalität dieser Nachkommenschaft steht unser aller Gewaltverzicht auf dem Spiel. Das tut sie nicht im Kämpfen an sich, sondern nur in den regellosen, enthemmten Formen der Angriffslust. Man hat bei uns jede Moral des Kampfes vernachlässigt, so vor allem auch die, die Würde des Gegners zu achten. Die Quelle des Übels ist Formlosigkeit. Aus formloser Friedfertigkeit ging formlose Gewalt hervor. Man soll den Kindern eben nicht sagen: ihr dürft nicht kämpfen, kämpfen ist unmenschlich. Sondern im Gegenteil, man muss sie so früh wie möglich auf die Gesetzmäßigkeit des Kampfes verpflichten.“ (Botho Strauss, Die Fehler des Kopisten, Hanser, 1997, S.90)

Womit wir mit den Worten des Schriftstellers Botho Strauss einen Kontrapunkt zum geläufigen Verständnis unseres heutigen Predigttextes gesetzt hätten. „Schwerter zu Pflugscharen“, das riecht nach Jutetasche, Jesuslatschen und lila Tüchern. „Schwerter zu Pflugscharen“, das klingt nach moralischer Aufrüstung gegen militärische Aufrüstung, nach Betroffenheit, Entrüstung und Gutmenschentum. Gesichter der Friedensbewegung fallen einem wieder einmal ein: Gerd Bastian und Petra Kelly oder das unverwüstliche und wehrhafte Gewissen der Grünen namens Claudia Roth.

Still ist es geworden um die Friedensmärsche. Längst haben die Geschichtsschreiber notiert, dass der Natodoppelbeschluss den Zusammenbruch des kommunistischen Machtblocks befördert hat. Aus „nie wieder Krieg“ wurde im Munde Joschka Fischers „nie wieder Auschwitz“. Deutsche Soldaten stehen im Kosovo und in Afghanistan, um die elend dünne Decke der Zivilisation notdürftig zusammenzuhalten, notfalls mit Gewalt. In Somalia, wo Menschen verhungern, während der Bürgerkrieg weitergeht, wären sie dringend nötig. „Krieg gegen den Terror“?, das hat schon einen Dietrich Bonhoeffer beschäftigt. Kann man die pazifistischen Hände in Unschuld waschen, während ein Naziregime mit industrieller Präzision Juden zu Millionen ermordet? Pfarrer Bonhoeffer hat dies verneint und dafür mit dem Leben bezahlt?

Vergessen wir nicht den Krieg, der sich hinter dem Begriff „Globalisierung“ versteckt. Ein Krieg, der nicht mit Waffen, sondern mit Geld geführt wird und bei dem Existenzen und Arbeitsplätze auf der Strecke bleiben. Niemand kann verhindern, dass die Welt zusammenrückt und Konkurrenz am anderen Ende der Welt heute wie vor der Haustüre ist. Aber die Einsicht wächst, dass Globalisierung vernichtend wirkt, wenn ihr die Zivilisation, die Regeln des Kampfes fehlen. Genau das ist bis heute der Fall.

„Schwerter zu Pflugscharen“ eine dieser Utopien, die für unsere Welt nicht geschaffen sind? Ist das nicht wenigstens ein biblisches Prinzip, das die Kirche trotzig zu predigen hat, auch wenn sie sich dann in den Augen vieler als weltfremd darstellt? War nicht Jesus der Pazifist schlechthin?

Lesen wir die Worte des Jesaja aufmerksam. Sie erzählen vom endzeitlichen Handeln Gottes, mit dem er seine Herrschaft auf Erden durchsetzt. Ein Ereignis von zunächst geologischer Gewalt. Der Gottesberg Zion ist ja auch zu Jesajas Zeiten ehr ein mickriges Hügelchen und wird schon vom angrenzenden Ölberg überragt. Den Himalaja kannte der Prophet nicht, aber den Berg des Götzen Baal im Norden Ugarits, der bei schlechtem Wetter in den Wolken verschwand. Einmal – sieht Jesaja – wird der Zion das Dach der Welt sein, auf dem Gottes Thron steht, an dem die Völker nicht vorbeikommen. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker.

Wie die Jungs, denen man die Zündplättchenpistolen und Zwillen aus der Tasche zieht und sie anweist, mit ihren Händen etwas Nützliches zu tun. Gott rüstet seine Menschen ab und rüstet sie auf mit Sicheln, Rebmessern und Pflugscharen. Gott reißt das Macht- und Gewaltmonopol an sich und erklärt sich zur alleinigen Supermacht. Gott setzt die Regeln fest. Dabei lässt er den Menschen keine Wahl und die zu seinem Berg kommen, sehen ein, dass sie keine Wahl haben. Gottes Handeln ist von bezwingender Größe und Autorität.

Jesus von Nazareth sieht das nicht anders. Der Theologe Klaus Berger schreibt in seinem Jesusbuch: „Es ist gar nicht ausgemacht …, dass Jesus ein prinzipieller Pazifist war. … Findet sich in der Jesusüberlieferung auch nur ein Hauch der Idee von „Gewaltlosigkeit um ihrer selbst willen“? Was sollen dann all die Aussagen über Gottes Reich, wenn es im Kern nur um das Prinzip einer pazifistischen Autorität geht? Wäre Religion samt der Rede von Gott dann nicht nur überflüssiger Überbau?“ (Klaus Berger, Jesus, Pattloch, 2004, S. 377f.) Und wir fügen hinzu: Genau damit machen all die ernst, die die biblische Botschaft für eine Ansammlung von christlichen Prinzipien und Werten halten und meinen, an die könnten sie sich auch ohne den Überbau des Glaubens halten. Und damit verfehlen sie das Evangelium in seinem innersten Kern.

Die Botschaft Jesu ist nicht an Prinzipien und Werten mit göttlichem Überbau interessiert, sondern allein an der Wahrheit. Prinzipien und Werte kann man sich aussuchen. Es ist ja ein Elend der Postmoderne, dass sie wie ein Ramschladen solcher Werte daherkommt. Jeder holt sich was er will und kann und was ihm in den Kram passt. Die Wahrheit kann man nicht erfinden. Die Wahrheit kann man sich nicht aussuchen. Wahrheit – und wir betonen: nur sie selbst, nicht ihre Vertreter – erhebt notwendig den Anspruch auf Unfehlbarkeit. Eine fehlbare Wahrheit wäre ein Widerspruch in sich selbst. Gott ist die Wahrheit. Und es ist die Pointe des Evangeliums, dass uns Gott als die Wahrheit in Jesus Christus begegnen will: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh 14,6)

Natürlich erhebt diese Wahrheit Anspruch auf Autorität. „Autorität ist die Funktion des notwendigen Anspruchs der Wahrheit auf Infallibilität (Unfehlbarkeit)“. „Autorität wird also stets durch Wahrheit konstituiert, niemals aber Wahrheit durch Autorität.“ (Eberhard Jüngel, Unterwegs zur Sache, 3. Auflage 2000, Mohr Siebeck, S.182)

Auch Jesus lässt keinen Zweifel, dass sich das Reich Gottes und mit ihm die Wahrheit letztlich durchsetzen wird. Freilich nicht autoritär, wie es bei Jesaja den Anschein hat, sondern mit sanfter Gewalt: „die Bitte ist die Autoritätsform des Evangeliums“ (Jüngel, aaO. S.187). Auch darin liegt ein wichtiger Teil der Frohen Botschaft: dass der Christus um unser Einverständnis in Freiheit wirbt und seiner Bitte um Versöhnung mit Gott mehr zutraut als der Gewalt des Allmächtigen. (vgl. 2.Kor. 5/20) Das ist keine Schwäche, sondern eine Gnade Gottes. Seine Geduld schenkt uns Freiheit und Zeit. Wie viel Krieg und Leid entsteht aus unserer Ungeduld und unserer Vorliebe für kurze Prozesse. Gerade am bittenden Christus kann man den Friedensstifter lernen.

Für die Jungs mit den Zündplättchenpistolen tut’s die geduldige und beharrliche Lehre von den Regeln. Jesus übrigens war ein Fan von solchen Regeln, sofern sie dem Leben und den Menschen dienen und nicht umgekehrt. Formlose Friedfertigkeit, die in Wahrheit Feigheit und Gleichgültigkeit ist, ist seine Sache nicht. Martin Luther: Wenn sich die Heiden in ihrer verderbten Natur eine Vorstellung von Gott machen und sich selbst ein Gesetz sein könnten, wieviel mehr kann Paulus oder ein vollkommener Christ, voll des heiligen Geistes, eine Art Dekalog aufstellen und über alles richtig urteilen. [Martin Luther: Die Thesen Luthers für fünf Promotionsdisputationen (1535-1537). Martin Luther: Gesammelte Werke, S. 2873 (vgl. Luther-W Bd. 4, S. 285)]

Also gilt: der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten und wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt erst die gelbe und dann die rote Karte und fliegt vom Platz. Und wenn sie groß sind, werden diese Jungs es hoffentlich besser hinbekommen als ihre Väter: Dass auch im Großen Regeln gelten, die dem Leben dienen. Globalisiertes Recht zugunsten des Lebens. Auch da wären sicher Schwerter übrig für Pflugscharen und Rebmesser. Und alle Engel im Himmel würden sich freuen.

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