Verrückt – oder bei Trost?

Liebe Gemeinde, liebe Freunde und Gäste,
wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. So hat es einmal Altbundeskanzler Helmut Schmidt formuliert.
Der Blick des Visionärs wird schnell diskreditiert: Trüb sei er und realitätsfern. Das Leben sei kein Wunschkonzert. Es gilt vielmehr, die Realitäten glasklar anzuschauen, das jeweils Machbare optimal umzusetzen. Und Politik ist immer die Kunst des jeweils Möglichen, das sich zwischen Vernunft und Akzeptanz einpendelt. Reiner Pragmatismus, der sich jeden Tag neu bemüht, die jeweiligen Möglichkeiten auszuschöpfen. Da gibt es keinen Platz für vollständiges Heil und allumfassenden Frieden. Das Ganze ist nie zu haben, freuen wir uns über Teilerfolge!

Wir nicken vielleicht leise. So ist es. Bis in unser persönliches Leben hinein: das Ganze ist nie zu haben.
Und doch träumt der Prophet im Alten Testament einfach so seinen Traum. Von dem einen Berg, der wie ein riesiger Magnet die Völker anzieht.

Und dieser Berg ist kein beliebiger, es ist der Berg des Gottes, auf den er vertraut. Der Wohnsitz dessen, der ausgerechnet sein kleines Völkchen erwählt hat. Der Hausberg also, der Heimatberg, der Mittelpunk des Eigenen wird seltsam erhöht werden und eine Macht entfalten, der sich alle ringsum nicht entziehen können.

Zu uns werden sie kommen. Zu uns werden sie strömen – wir werden einst der Mittelpunkt der Welt sein.
Spinnt er, dieser Jesaja?
Spricht hier ein größenwahnsinniger Verrückter? Einer von denen, die immer nur sich selbst und das Eigene im Mittelpunkt des Geschehens sehen müssen? Ist auch er jemand, der zur Absicherung der eigenen überragenden Wichtigkeit Gott ins Feld führt, das beste Argument, sich selbst groß und bedeutend vorzukommen. Allen anderen überlegen zu sein?

Wer kommt am Ende zu wem, das ist doch die Frage. Wer wird am Ende bleiben dürfen, wo er immer stand und wer muss sich bewegen, mit leeren Händen hingehen zu dem, der doch schon immer Recht hatte?
Die Völker werden zu Israel strömen – dem Mittelpunkt der Welt – ja spinnt er, der Prophet?

Kennen wir nicht ähnliche Visionen zur Genüge, von verkannten Größen, die uns bei jeder Gelegenheit zeigen, wie sehr sie darunter leiden, dass niemand erkennen will, wie entscheidend wichtig sie sind? Für die Weltgeschichte oder wenigstens für ihre unmittelbaren Mitmenschen?
Und sind solche Geschichten mit solchen Leuten nicht zugleich allesamt Unheilsgeschichten geworden? Mit Millionen Opfern, in der Geschichte der Völker vergangener Zeiten – und bis in unsere Tage hinein?

Wer darf es sich herausnehmen zu behaupten, er hätte Gott festgemacht an einem Ort. Auf seinem Berg. Bei sich. In seiner Mitte? Und nur hier wäre nun die Wahrheit und alle andern werden noch irgendwann zu Kreuze kriechen? Am Ende, ihr werdet schon sehen… Und ich sehe es schon heute so kommen. Ihr werdet alle kommen. Zu uns!
Dieser Visionär, ein Verrückter?

Aber ein bisschen verstehen wir ihn auch. Ihr werdet alle kommen – zu uns. Das ist auch unser Traum. Es sind auch heute Morgen noch viele Plätze frei, hier in unserem Tempel, in dem wir denselben Gott verehren, von dem schon der Prophet in Israel sprach.

Was fühlen wir, wenn die Vision – auf unsere Verhältnisse zugeschnitten – lauten würde:
Es wird zur letzten Zeit der Kassberg, da des HERRN Haus – die Friedenskirche – ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Chemnitzer Heiden werden herzulaufen, und viele Sachsen, Thüringer und sogar Bayern werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von der Friedenskirche wird Weisung ausgehen….
Ich breche ab.

Das wäre doch was. Und ich wage zu behaupten, viele christliche Gemeinden frönen tatsächlich dieser Vision.
Man wird dadurch zu etwas Besonderem. Zum Mittelpunkt eben. Zum Höhepunkt. Herausgehoben über alle anderen. Das wertet zwar die anderen ab, aber es tut gut.
Für die Friedenkirche, liebe Gemeinde, wünsche ich mir diese Vision nicht. Jedenfalls nicht so.
Wie dann?

Gehen wir noch einmal zurück, zu dem Seher, dem Propheten.
Er schaute die Zukunft in einer Gegenwart, einer politischen Realität, die seinen Visionen nicht deutlicher widersprechen könnte. Genau das ist gerade gar nicht zu sehen: dass die Völker kommen, um nach Gott zu fragen, „dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen…“.

Das Gegenteil ist der Fall: Alle Völker haben ihre eigenen Götter. Und schlimmer noch: Nicht einmal Gottes eigenes Volk fragt nach ihm! Niemand will etwas von ihm wissen.
Das Gottvertrauen, die entscheidende Kraftquelle, war versiegt. Das kleine Völkchen mit seinem heiligen Berg war ein Spielball der politischen Großmächte geworden. Ständig zogen die Könige Israels zu den umliegenden Bergen, um mit den Königen der Nachbarvölker mehr oder weniger erfolgreiche Bündnisse oder Intrigen zu schmieden.

Um im Bild zu bleiben: Der Zion, der Heilige Berg in Jerusalem, ohnehin schon nicht sehr hoch, war vor Scham darüber im Boden versunken.

Gott hatte niemanden etwas zu sagen. Weil nur noch ganz wenige auf ihn hören wollten.
Und es herrschte Krieg. Die Kunst der Politik, das jeweils Machbare, die Kompromisse und Verhandlungen, führten nicht zum Frieden. Israel versank in den Gruben, die es eigentlich für seine Feinde gegraben hatte.

Liebe Gemeinde, wer am Boden ist, dessen Träume handeln vom Aufstehen. Vom Wieder – groß – Werden. Da geht es nicht um Größenwahn, sondern um Rettung. Um Weiterleben, um das Überleben.

Und jetzt sind wir auch bei dem, was uns zutiefst betreffen kann, an den Visionen des altisraelitischen Propheten:
Dieser Mann ist nicht verrückt. Nein, er ist im wahrsten Sinne des Wortes ganz und gar bei Trost.

Glasklar sieht er, was in dieser Situation der Verstrickung, der politischen Hilflosigkeit und der Gottvergessenheit überhaupt noch helfen kann. Woran allein man noch glauben und seine Hoffnungen hängen kann:
Gott selbst macht aus dem Hügel einen Berg. Gott selbst redet sein Volk und alle Völker so deutlich an, dass sie magisch angezogen werden. Gute Worte sind es, entwaffnende Worte, wesentliche Worte.
Die Schwerter werden nicht mehr benötigt, das Gerangel um den Mittelpunkt der Welt ist beendet. Nicht weil der Zion dieser Mittelpunkt ist, dieser Berg in dieser Stadt, in diesem einen kleinen Volk. Nein, es geht ganz und gar nicht um irgendein menschliches Vorrecht.

Liebe Gemeinde, liebe Freunde, alles ändert sich an einem Ort, wenn Gott dort auftaucht, erscheint, sich zeigt. Unmissverständlich und klar.
Das allein kann noch helfen. Er allein kann noch retten. Diese Sicht auf die Welt und die Geschichte konzentriert alles auf Gott! Von ihm erwartet sie alles, überhöht, letztgültig, am Ende alles und jeden überzeugend.

Er ist nicht verrückt, der Prophet. Und er muss auch nicht zum Arzt gehen. Er behält in höchster Not den Durchblick und sieht den, der allein allen Schaden heilen kann. Der am Ende auch alle politische Initiative übernimmt, und Weisungen ausspricht und Gericht hält und Frieden macht.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste, die Fragen des Propheten sind keine anderen als unsere Fragen:
Lohnt denn aller Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden? Wird nicht die Gewalt immer das letzte Wort behalten? Ist nicht letztlich alles vergeblich?

Ist es nicht umsonst, dass wir wenigen immer noch dem Gott Jakobs und Vater Jesu Christi die Treue halten, wo doch so viele vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben?

Und ist es nicht zutiefst verstörend, dass es auch unter uns Christen nur etwas friedlicher zugeht, nur etwas gerechter und menschlicher, aber eben auch nicht wirklich anders? Dass auch wir das Ganze nicht zustande bringen? Obwohl wir auf Gott unser Vertrauen setzen?

Liebe Gemeinde, Gott selbst ist der Magnet, der zieht.
So gesehen finde ich die Vision des Propheten im Jesajabuch unendlich tröstlich. Gott selbst zieht. Mich. Und dich. Und mehr oder weniger wohl alles und jeden. Anders wäre er nicht Gott.
Er zieht ein Menschenleben, er zieht die Völker. Er zieht die Geschichte. Er zieht die Fragen auf sich. Er zieht die Zeit durch die Ewigkeit. Er zieht zur Rechenschaft und zur Verantwortung. Er ist das Subjekt des Handelns.

In Situationen der Verwirrung, der Hilflosigkeit und der Verzweiflung ist dieser Trost uns stets am deutlichsten.
Und so schließt der heutige Predigttext mit einer Antwort auf die Vision des Propheten:
Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!

Also kommt, nun ihr von der Friedenskirche auf dem Chemnitzer Kassberg, lasst uns wandeln im Licht des Herrn. Im Magnetfeld Gottes.

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