Survival of the fittest

Liebe Gemeinde:

„Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ – So lautet das biblische Votum aus dem Epheserbrief für die heute beginnende Woche. Die Menschen, die die Heilige Schrift geschrieben haben, gehen also davon aus, dass sich der Mensch mit Gott verändern kann. Dass er nicht bleiben muss, wie er ist, sondern dass etwas Besseres möglich ist. Freilich muss man das „Bessere“ auch erst in Begriffe fassen. Es ist kein „besser“, wie wir es im Biologieunterricht gelernt haben. Dort heißt es „besser“ im Sinne von überlebensfähiger, stärker, angepasster, gesünder. „Survival of the fittest“ – das Überleben wird gesichert durch einen Vorsprung, den man gegenüber den anderen, den Konkurrenten, hat. Der Mensch mit Gott aber geht anscheinend einen anderen Weg. Die „Kinder des Lichts“ sind keine Übermenschen, die im Kampf um die besten Plätze den anderen zur Seite drängen und ihn sozusagen „aktiv“ überleben! Dieses „besser“, welches der Epheserbrief für uns heute formuliert, beschreibt nicht den Kampf untereinander, sondern die Möglichkeit, miteinander zu leben. „Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit“ sind die zentralen Begriffe, die uns als Gotteskinder auszeichnen sollten.

Wir alle wissen, liebe Gemeinde, es braucht hierzu nur ein kurzes Nachdenken, um zu erkennen, dass wir keineswegs so leben. „Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit“ fehlen all-überall, in jeder Gemeinschaft, die ich kenne, in jedem Kreis und in jeder Gruppe – und sei sie noch so bemüht und noch so eifrig. Es ist vielmehr ein Hoffnungsbild, welches die Heilige Schrift uns vor Augen malt und es reiht sich damit ein in die anderen Hoffnungsbilder, die wir kennen. Ein ebenfalls sehr bekanntes Hoffnungsbild liegt unserem Predigtwort von heute zugrunde. Wir lesen es im Propheten Jesaja im zweiten Kapitel, die Verse eins bis fünf:

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Ja, liebe Gemeinde, der ein oder andere von Ihnen wird noch das Bild der Friedensbewegung dazu vor Augen haben: „Schwerter zu Pflugscharen“ – beides Male totes Eisen, einmal aber gebraucht zum Kampf und zum Töten, das andere Mal aber zur Erzeugung von Nahrung für die Menschen. Es ist dies Doppelseitige, mit welchem wir im Thema „Religion“ immer umgehen müssen. Ein Lehrer von mir hat es so ausgedrückt: „Religion ist wie ein scharfes Messer: man kann es zum Brotschneiden verwenden aber auch um jemanden zu verletzten.“ Dass darin aber eine Kraft liegt, ist wohl unbestritten. Im Moment halten uns v.a. die Medien die Bilder vor Augen, die den negativen Aspekt betonen: Menschen, die sich um ihres Glaubens willen – so wie sie ihn verstehen – in die Luft sprengen und andere damit töten. Ja, darin kann man die Kraft der Religion spüren, freilich aber in eine falsche Richtung gelenkt. Es liegt aber die gleiche Kraft darin, wenn man in die andere Richtung geht: Das Leben erhalten, Gemeinschaft suchen: „Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit – Schwerter zu Pflugscharen!“ In diesen Hoffnungsbildern liegt die gleiche Kraft der Religion, unseres Glaubens. Eine Kraft, die tatsächlich fähig ist, mit Mut und Ausdauer immer wieder anzugehen gegen all das, was in diesem Leben zerstören und töten will. Die Christen sind von daher Visionäre, aber keine blinden, sondern vielmehr sehende, denn sie verschließen nicht die Augen vor dem, was die Welt in vielen Dingen so schwer macht.

Die Taufe von kleinen Kindern zeigt, dass wir die Augen nicht zumachen oder weggucken. Denn in der Taufe soll der neue Anfang sinnbildlich geschehen. Nicht durch uns, sondern durch Gott selbst, dem wir diese Kinder anvertrauen und sie auf seinen Namen nennen. Ein Christ kommt aus dem Taufwasser, nicht primär, weil er sich selbst dazu entschieden hat, sondern weil wir hoffen, dass Christus dieses Kind einordnet in seinen Machtbereich. Und wir nennen es dann tatsächlich so: das Alte und Böse dieser Welt, was jedem von uns von Geburt an anhaftet – wiederum ohne unser eigenes Zutun – dieses Böse soll sterben, untergehen im Wasser der Taufe und es soll ein neuer Mensch entstehen, dem dieses Böse in seiner Seele, in seinem Menschsein vor Gott nichts mehr anhaben kann. Und das Wasser dient uns dabei als Verstehenshilfe: das Wasser zum Sterben des Alten Adam, wie ihn Luther nennt: wir haben die Kraft des Wassers gerade in der letzten Zeit wieder eindrücklich erlebt. Aber auch das Wasser als das Element, was wir unbedingt zum Leben brauchen – auch das sehen wir mit Schrecken über unsere Fernsehschirme, was passiert, wenn das Wasser ausbleibt. Und schließlich das Wasser zur Reinigung: Ablegen, was uns behaftet und unrein macht. Durch Gott selber werden wir zu neuen Menschen.

Das aber muss wachsen. Denn wir haben keinen magischen Vorgang hier bei der Taufe, kein Fingerschnipsen und unser kleiner Täufling ist ein anderer, sondern ein Wachsen und Reifen – Luther sagt: bis zum Tod hin wird dieser neue Mensch. Und deswegen ist unsere Gemeinschaft so wichtig, die Erziehung in diesen Hoffnungsbildern des Jesaja und des Epheserbriefes und all der anderen Worte der Schrift. Deswegen die Verantwortung der Eltern, deswegen die Verantwortung der Paten, deswegen die Verantwortung der Gemeinde. Und vor allem: das Leben des Glaubens! Setzen Sie sich diesen Bildern und Worten der Schrift aus, diesen Hoffnungsbildern für ein gelingendes Leben, auf dass diese Ihr Denken und damit auch Handeln durchdringen. Und vertrauen Sie dabei auf die Hilfe dieses Gottes, der für uns in den Tod gegangen ist, damit dieser Tod und alle seine Mächte keine Macht mehr über uns haben! Der kleine xxx wird heute getauft unter einem Wort aus dem ersten Johannisbrief, im dritten Kapitel, dem 18. Vers: „Lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“ Viel besser kann man das Thema unseres Sonntags heute nicht zusammen fassen.

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es jetzt sehen können, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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