Jesus ist und bleibt unser Lebensmittel

Lieber Schwestern und Brüder,

„Sie entgegneten: »Wenn du willst, dass wir an dich glauben, dann zeige uns ein Wunder. Was wirst du für uns tun?“ Jesus hatte die Menschenmenge auf ihr Verhalten angesprochen. Und jetzt drehen einige der Teilnehmer das gesagte um, um Jesus zu prüfen indem sie ihn fragten: „Was wirst du für uns tun?“ Auch wenn wir es als Unanständigkeit oder als Gemein empfinden, ist diese Gegenfrage sehr doch menschlich und vielleicht auch nachvollziehbar. Statt in sich zu gehen, gehen etliche Teilnehmer aggressiv gegen Jesus vor; sie lenken von sich auf einen anderen ab.

Sicher fragen Sie sich: Wieso gibt es immer wieder Menschen unter uns, die nur über andere sprechen, und von sich selbst ablenken? Ich denke, jeder von uns kennt bestimmt eine Person, die über sich nichts zu sagen hat, aber immer am besten über anderen Bescheid weiß. Vielleicht erwischen wir uns da selber. Und sicher gab es Situationen in unserem Leben, wo wir allzu gern von uns ablenkten und den Finger auf andere zeigten. Sich mit sich selbst beschäftigen bedeutet ehrlich zu sich selbst zu sein, auch schmerzhaften Dingen ins Auge zu schauen, Ängste zu überwinden, Schuld und Sünde offen zu bekennen. Und die beste Möglichkeit nicht nach Innen zu schauen, ist nun mal nach Außen zu schauen.

Seien wir ehrlich und offen: die meisten Menschen wollen von sich selber ablenken, weil sie nie gelernt haben, sich selber so zu lieben, so anzunehmen, wie sie eben sind, und selten haben wir in jungen Jahren unsere eigene Fähigkeiten und Talente entdeckt und für gut befunden. Und doch ist in uns eine tiefe Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit. Wir alle sind auf der Suche nach uns selbst und wir lenken nur deshalb von uns ab, weil wir uns nicht trauen, auf uns selbst zu schauen. Und gleichzeitig bitten einige Teilnehmer Jesus um ein Zeichen, er soll seine Behauptung beweisen, dass er der Sohn Gottes sei. So sind wir nun mal – die Menschen, wir wollen zuerst einen Beweis sehen, und dann erst glauben. „Wenn du willst, dass wir an dich glauben, dann zeige uns ein Wunder.“ Aber das sind nicht Gotteswege. Er sagt: „Wenn ihr glaubt, werdet ihr sehen.“

Der Glaube muss immer zuerst kommen. Wie kann man Glauben wagen, wenn man nicht weiß, was damit gemeint ist? Viele Menschen meinen, sie müssten für wahr halten, dass es Gott geben „könnte“. Das nennen sie christlichen Glauben. Damit hat aber der Glaube, von dem uns die Bibel und Jesus berichtet, nichts zu tun.

Das Wort Glaube lässt sich besser mit Vertrauen übersetzen und vertrauen ist ein wichtiger Baustein, der uns immer wieder in unserem Leben täglich begegnet. Ohne Vertrauen wäre kein Leben möglich. Wir treffen Entscheidungen, gehen immer wieder Wagnisse ein, liefern uns Menschen aus, ohne vorher prüfen zu können, ob das, worauf wir uns einlassen, zuverlässig, beständig, tragfähig und nützlich ist. Aber wir können ja auch nicht allem in unserem Leben misstrauen – das würde unser Leben unmöglich machen. Glauben bedeutet also, mit Gott zu leben. Es bedeutet demnach nicht nur, Gott anzuerkennen, nein, sondern sich ihm anzuvertrauen. Und durch ein einfaches Bejahen Gottes wird sich unser Leben nicht verändern. Wer zustimmt, dass es Gott gibt, hat damit noch keine Beziehung zu ihm, und die Gestaltung und Zielsetzung seines Lebens wird dadurch nicht anders. Nun gibt es einige Menschen die meinen: „Ich kann nur an etwas glauben, von dessen Existenz ich überzeugt bin. Wer sagt mir, dass es Gott wirklich gibt? Ich kann mir doch nicht etwas einbilden und das dann Gott nennen!“

Solche Fragen nach der Existenz Gottes kennt jeder von uns und wir wollen wie die damaligen Teilnehmer zu Jesuszeiten sichere Erkenntnisse und Beweise, bevor wir uns auf Gott, auf Jesus einlassen und ihn vertrauen. Was wir uns nicht vorstellen können, darf es nicht geben. Was wir nicht beweisen können, darauf lassen wir uns nicht ein. Wir sind uns dabei selten bewusst, dass es viele Bereiche in unserem Leben und in der Natur gibt, die wir weder begreifen noch beweisen können.

Aber was wäre das für ein Gott, den wir begreifen und beweisen können? Könnten wir einen solchen Gott verehren, achten und anbeten? Wir sehen ihn nicht und dennoch ist er geschaut worden. Wir hören ihn nicht und dennoch spricht er zu uns. Wir können die Wirklichkeit Gottes mit unserem menschlichen Verstand nicht erfassen. Er aber erfasst uns, indem er in uns, an uns, mit uns, aber auch gegen uns, in alledem aber für uns wirkt. „Jesus erwiderte: »Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie wieder hungern. Wer an mich glaubt, wird nie wieder Durst haben.“ Nur in und durch Jesus erkennen wir Gott und wie Gott zu uns ist. Wer an Gott glauben will, braucht Jesus. Er allein ist der Weg zum Vater: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Johannes 14,6).

Auch in unserem Leben beobachten wir immer wieder einen schnellen Wechsel: An einem Tag sind wir glücklich und voller Freude durch eine Gebetserfahrung, und am nächsten Tag sind wir schon wieder voller Zweifel und fragen uns, ob Gott wirklich lebt? Hier spiegelt sich der menschliche Wankelmut und Treulosigkeit. Wären Glaube und die Einladung zur Nachfolge nicht einfacher, wenn Jesus, wenn Gott sich beweisen würde, uns Zeichen geben würde? Die damaligen Hörer wollten gar nicht an Jesus glauben, auch wenn sie es sagten: „Wenn du willst, dass wir an dich glauben, dann zeige uns ein Wunder.“

Die Antwort Jesu enthält zwei wichtige Gedankengänge. Als erstes war es nicht Mose, der ihnen das Manna gab, sondern Gott. Außerdem war das Manna nicht das echte geistliche Brot aus dem Himmel. Es ist die leibliche Speise, was allein für den Leib, für den Körper bestimmt ist und dieses leibliche Manna hat keine große Bedeutung. Jesus spricht hier von dem „wahrhaftigen“ und echten „Brot“, das Gott uns vom Himmel her schenkt und gibt. Es ist Brot für die Seele, nicht für den Leib.

Jesus, das Brot des Lebens, das Brot für die Seele stirbt den Tod, der er nicht verdient hat. In ihm gibt sich Gott selbst für uns. Und in dieser Hingabe des Sohnes Gottes wir die Liebe Gottes offenbar, eine Liebe, die kein Opfer scheut, um das Verlorene wieder dorthin zu bringen, wo es hingehört. Jesus – der Weg, der zum Leben führt. Für Jesus aber gehören „Wunder und Zeichen“ zu seinem Wort und sind ein Mittel, ihn selbst zu entdecken, ihn zu finden, das heißt, ihm zu glauben – und durch ihn Gott. Jesus fordert den Glauben, dass er, Jesus, von Gott gesandt ist, die Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen weiterzugeben durch Wort und Tat. Er fordert den Glauben, dass durch ihn Gott spricht. Wer ihm glaubt, glaubt seine Botschaft, glaubt Gott als die unendliche Liebe, glaubt dem Gott und Vater Jesu. „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“ (Johannes 6,37). Zu Jesus kommen ist eine Entscheidung unseres Willens. Wer Glauben wagt, muss einen klaren, eindeutigen Anfang machen. Wer zu ihm kommt, findest in ihm ausreichende Fülle, um seinen geistlichen Hunger, seine Sehnsucht für immer zu stillen. Wenn wir an Jesus glauben, werden wir entdecken, dass auch unser Durst für immer gestillt wird. Jesus spricht von dem, der „zu mir kommt“ und „an mich glaubt“. Er wirbt also um die Hörer, sowohl um die damaligen als auch um die heuteigen Hörer. Jeder darf kommen und glauben. Das „kommen“ meint das Aufsuchen Jesu, das „Glauben“ und das vertrauensvolle Bleiben bei ihm. Und indem wir uns in Wort und Tat zu Jesus bekennen, werden wir erfahren, dass sein Evangelium in uns in Erfüllung geht.

„Sorgt nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden was ihr reden sollt. Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet“ (Matthäus 10,19.20).

Die Worte Jesu laden uns zum Glauben und zum Leben ein. Wir sollen mit Jesus so eng leben, wie wir Brot essen. Jesus ist und bleibt unser Lebensmittel, unser Mittel, um tagtäglich als Christ zu leben und dieses Leben zu überleben, ewig zu leben. Durch seinen Lebensweg, sein Leiden, Sterben und Auferstehen, sind wir eingeladen, uns Gott anzuvertrauen. „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Johannes 3,16). Die Eingeladenen sind wir, Sie und ich, Menschen, die nichts vorweisen können, die mit Schuld und Sünde beladen sind, sie sich mit Selbstvorwürfen quälen und die nach vielen Irrwegen ihrem Leben keinen Sinn und keine Hoffnung mehr abbringen können. Solche lädt Jesus mit den Worten: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ (Matthäus 11,28). Diese Einladung Jesu gilt allen Menschen zu allen Zeiten. Sie ruft uns zu einem Leben mit Gott. In Jesus sind wir mit Gott versöhnt. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

drucken