Eine lange Reise

Liebe Eltern, liebe Mütter, liebe Freunde der Täuflinge
liebe Paten, verehrte Taufgemeinde!

Als Taufpredigt möchte ich eine kleine Geschichte erzählen. Sie handelt vom Aufbruch einer kleinen Kinderschar zu einer langen Reise. Zwei Mädchen und zwei Buben. Vier aus den ersten Jahrhunderten des Christentums.
Und was ist los, wenn zwei auf eine Reise aufbrechen?
„Hast du alles, was für deine Reise notwendig ist“. Na, wer fragt das? Das fragt immer die Mutter. „Hast du an alles gedacht?“ Und dann fragt die Mutter eine lange Liste ab: „Ist die Zahnbürste eingepackt? Hast du ein Handtuch mitgenommen? Ist der Schlafanzug dabei? Und die Unterwäsche? Und hast du genügend Hosen? Auch einen Pullover, wenn es kalt wird?“ Immer wieder kommt nur eine kurze, knappe Antwort: „Ja, Mama! Ja! Ja!. Ich habe an alles gedacht“.
Nun soll es eine lange Reise werden, zu der die vier aufbrechen. Die Koffer sind groß und prall gefüllt mit Kleidung. Aber ist Kleidung alles, was Menschen brauchen, wenn es gilt, eine lange Reise zu bewältigen? Nein, natürlich nicht. Da fehlen noch einige Dinge. Das Brot z.B., denn schon am Mittag meldet sich der Hunger. Jeder bekommt eine Semmel. Und natürlich auch etwas zu trinken.
Ist das nun alles, was zur Reise notwendig ist?
„Ade, nun geht die Reise los“, sagen die vier voller Aufregung. Man umarmt sich und gibt sich Küsschen. Oma, Mutter und Tanten weinen ein bisschen und die Männer tun so, als könnten sie es nicht.
„Halt, halt“, rief auf einmal eine Stimme. „Geht noch nicht, ihr habt das Wichtigste vergessen“.
Mit schnellem Schritt nähert sich der alte Priester. „Wartet, wartet!“, ruft er. „geht nicht! Eines fehlt euch, und ich will es euch geben.“
Die vier schauen einander ratlos an.
„Nun frag du nicht auch noch nach Zahnbürste, Schlafanzug und Geld, “ wehrt eines der Mädchen ab, „unsere Taschen sind voll und es ist kein Platz mehr darinnen“. Sie hatte nämlich Angst, der Priester wolle ihnen ein dickes Buch noch in den Koffer stecken, das sie dann mitschleppen müssten.
„Wir brauchen kein Buch“, rief die andere und vorsichtshalber stimmten die Buben zu. Frauen zu widersprechen, hatte sie schon gelernt, ist mühselig.
„Wieso denkt ihr an ein Buch?“ fragte der Priester. „Nein, ich gebe euch kein Buch. Das, was ich euch gebe ist keine Last, aber es hilft euch Lasten tragen. Was ich euch gebe, hat kein Gewicht und ist gewichtiger als alles, was ihr in euren Koffern habt. Was ich euch gebe, könnt ihr nicht in Taschen oder Koffer stecken. Ihr könnt es nicht einmal berühren, aber es berührt euch. Was ich euch gebe, könnt ihr nicht sehen, aber es öffnet euch die Augen“.
„Genug, genug mit deinen Rätseln“, sagt das Mädchen, „gib uns dein Abschiedgeschenk und dann lass uns unsere Reise beginnen.“
„Kniet nieder“, befahl der Priester. Und weil die vier ihre Ruhe haben wollten, knieten sie nieder. Und dann bekamen sie das Geschenk des Priesters. Es war ein Segen, und der ging so:

Der Herr segne euch und behüte euch
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig
Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden

„Na, Gott sei Dank, es ist kein Buch“, stellten die Reisenden erleichtert fest. Sie richteten sich auf. Nun konnte ihre Reise beginnen.
Tag um Tag wanderten sie über Straßen und Wege. Sie aßen ihr Brot, sie tranken das Wasser. Sie wuschen sich und wechselten die Kleidung. Bis dieser Tag kam: Das Brot war aufgebraucht, das Wasser leer getrunken, die Kleidung zerschlissen, unansehnlich und alt.
Nun waren sie arm geworden und besaßen nichts mehr. So gingen sie auf einen Bauernhof, der am Wegesrand lag. Dort erbaten sie etwas zu essen und die Erlaubnis, über Nacht im Stroh zu schlafen.
„Ja,“ sagte der Bauer, „gerne helfe ich euch auf euerer Reise.“
„Welch ein Segen“, riefen die Mädchen und auch die Buben freute sich.
In der Nacht sprachen sie untereinander: „Hast du bemerkt, mit welchem Wort du dich über die Hilfe des Bauern gefreut hast?“ Du hast „welch ein Segen gesagt““.
Da fiel ihnen das seltsame Abschiedsgeschenk des alten Priesters zum ersten Mal wieder ein.
So geschah es oft auf ihrer Reise. Da hatten sie sich verlaufen auf ihrem Weg und wussten nicht mehr weiter. Ihre Herzen wurden von großer Angst gepackt. Wo soll es weitergehen und wo ist der richtige Weg? Da kam aber ein Wanderer vorbei und nahm sie mit und führte sie aus dem dunklen Wald hinaus auf den richtigen Weg. „Welch ein Segen“, dankten sie.
Später wurden sie gar als Diebe verdächtigt und verhaftet. Ein Richter aber erkannte, dass sie guten Herzens waren und unschuldig. Und wieder sagten sie im Chor: „Welch ein Segen“.
In einem bitteren und kalten Winter erkrankten die vier auf schlimmste. Aber ehe Böses geschehen konnte, kamen Ärzte vorbei und retteten ihre Gesundheit. „Welch ein Segen“, sagten sie.
Und als die vier in die Gesellschaft finsterer Gestalten gerieten und mit ihnen stehlen sollten, da gaben sie zur Antwort: „Nein, das tun wir nicht. Uns ist soviel Segen widerfahren auf unserer Reise. Es wäre eine Sünde, wollten wir diesen Segen in Fluch verwandeln.“ Die Mädchen und die Buben verstanden das seltsame Rätsel des Priesters: „Was ich euch gebe, könnt ihr nicht sehen, aber es öffnet eure Augen“.
Was sie alles noch erlebt haben? Das zu erzählen würde sehr lange dauern und ich verschiebe es auf einen anderen Tag.
Man sieht sich ja wieder hier im Haus Gottes am Tag der Konfirmation oder zur Hochzeit. Da kann man dann weiter erzählen von den Erlebnissen auf der Reise durch das Leben.
Und nun fragen die Eltern vielleicht, ob sie auch in der Geschichte eine Rolle spielen? Ja, die Eltern sind einmal die Bauern, die für Nahrung und Heimat sorgen. Die Eltern sind wie Wanderer, die um den richtigen Weg wissen und auf ihn zurückführen und so der Angst begegnen. Die Eltern sind auch wie Richter, die ihre Kinder im Gewissen formen und das Gute in ihnen hervorrufen. Eltern sind dann auch wie Ärzte, die Leben beschützen. Die Eltern so könnte ich auch sagen, sind die Werkzeuge des Segens, den Gott über das neue Leben stellt.
Noch viele andere Aufgaben und Pflichten kommen den Eltern zu. Es sind so viele, dass sie dazu der Paten als Hilfe bedürfen. Die Paten nun hat noch eine ganz bestimmte, ganz eigene Aufgabe. An ihnen liegt es, den Kindern vom Segen zu erzählen, der über dem Anfang ihres Lebens gesprochen wurde. Die Pate und Patin sind Zeuge des Geschenks der Segnung. Sie bewahren das Geheimnis in ihrem Gedächtnis und erzählen dem Patenkind davon auf der Reise durch das Leben.

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