Brot, Kelch, Buch – ein Epitaph und unsere Zeichen für Teilhabe heute

„Anno 1573 am 18. Tage Junii umb 8 Uhr vor Mittage ist sehliglich in Christo entschlaffen der ehrwirdige achtbare und wohlgelarte Magister Simon Mosbach Pfarher und Superintendens alhier zu Sangerhausen. Seines Alters im 49. Jahr. Got der barmheertzige wolle ihm eine froliche auferstehung vorleihen Amen.“
Simon Mosbach ist der vierte Superintendent nach der Reformation in Sangerhausen. Sein Grabstein ist der älteste in der Jacobikirche. Nicht einmal drei Wochen vorher war Hochzeit. Simon und seine Frau Catharina richteten am 1. Juni die Hochzeit ihrer Tochter aus. Mit dabei waren Samuel, ein 16-jähriger Teenager, der schon seit 5 Jahren in Schulpforte lernte, und Salomon. Johann Metze, der Küster, läutete die Glocken und sperrte mit seinem großen Schlüssel die Kirchentüren weit auf. Die Orgel gab ihr Bestes, aber die Reparatur war erst zwei Jahre später geplant. Dann wurde gefeiert.

Für den Superintendenten und seine Frau waren es anstrengende Jahre. Erst 3 Jahre zuvor, 1570, waren sie mit Sack und Pack aus dem Eckartsbergaer Pfarrhaus in die Superintendentur vor der Jacobikirche gezogen. Gleich 1570 / 1571 ordnete das Leipziger Konsistorium Visitation an. In allen Kirchen in und um Sangerhausen wurden Pastoren, Lehrer, Küster examiniert und ihre Tätigkeit bewertet, dazu Immobilien, Einkünfte und Rechtsverhältnisse geprüft. Erstmals mischte ein ehrgeiziger junger Verwaltungsbeamter mit, der mit 2 kleinen Kindern gerade nach Sangerhausen gezogen war und hier zum Sprung nach ganz oben in die Landspolitik ansetzte: Caspar Tryller, der 29-jährige frischgebackene Amtsschösser. Penibel wurde alles aufgearbeitet, Vermögensverzeichnisse erstellt, dicke Akten angelegt, seitenlange Berichte geschrieben. Der Amtsschimmel wieherte fröhlich. Catharina Mosbach, die Superintendentin, musste das Feuer in der Amsstube und im Saal zeitig schüren für all die Besprechungen und Konvente, die sich von 7 Uhr an einfanden. Zum Glück verfügte die Superintendentur über eine Badstube und einen eigenen Brunnen im Hof, so daß sie nicht noch das Wasser von den öffentlichen Brunnen heranschleppen musste. Turbulente Jahre also.

Am 1. Juni 1573, einem Montag, saß die Familie zusammen, die einzige Tochter heiratete. Und da wusste Catharina Mosbach noch nicht, daß sie ihre Lieben nicht einmal 3 Wochen später wieder zusammenrufen müsste – und es war ungewiß, ob den 15-jährigen Samuel in Schulpforta die Nachricht überhaupt rechtzeitig erreichte: Der Vater ist tot. Simon Mosbach starb mit 49 Jahren. Der Trauergottesdienst in der Jacobikirche musste organisiert werden. Hier vorne haben sie ihn beigesetzt.
Das Leben änderte sich mit einem Schlag. Samuel konnte zwar weiter in Schulpforta bleiben, er hatte zum Glück eine Freistelle. Aber Catharina stand ohne Einkünfte da und musste die Dienstwohnung räumen. Vier Jahre später würde sie noch einmal heiraten und in das Eckhaus gegenüber vom Rathaus ziehen. Ihr zweiter Mann war wohlhabend, aber ein stadtbekannter Frauenheld, und er hat sie wohl auch geschlagen.

Jedenfalls: ein Jahr nach Simon Mosbachs Tod, 1574, ist das Epitaph fertig. Es zeigt ihn in seiner Amtstracht, wir können sogar noch den Pelz des Talars bewundern. In den Händen hält er einen Kelch und ein Buch. Das sind seine Zeichen. Bibel und Abendmahlskelch sind typisch im Jahrhundert der Reformation.
Die Menschen aus dem Volk finden sich nicht mehr damit ab, unwürdig und ohne Rechte zu sein. Die mittelalterliche Welt mit ihrer Ständeordnung zerbricht. Die Bibel wird übersetzt, gedruckt, die Leute können sie lesen und selber nachprüfen, was ihnen die Kirche predigt. Sie wird zum Volksgut. Bildung ist ein ausdrückliches Anliegen der Reformation. Die Städte gründen öffentliche Schulen, damit Kinder Lesen, schreiben und den Katechismus lernen können, auch die Mädchen. Simon Mosbach hatte als Superintendent auch die Aufsicht über die Schule und die Bildungsinhalte. Der Buchdruck befördert die Verbreitung der Bibel auch in Privathaushalte. Nach Martin Luther soll die Gemeinde über die rechte Lehre bestimmen und sich selbst verwalten.
Und der gemeinsame Kelch: von ihm hatten Menschen schon lange geträumt, so ähnlich wie wir heute von einem gemeinsamen Abendmahl zwischen Katholischen und Evangelischen träumen. Doch die, die den Laienkelch propagierten und praktizierten wie etwa die Hussiten in Tschechien, wurden verketzert und verfolgt. Mit der Reformation wird dieser Traum wahr.
Die Bibel gehört allen wie auch der Kelch, aus dem nun alle trinken dürfen und nicht nur der Klerus. Bibel und Kelch in den Händen von Simon Mosbach sind Zeichen dafür.

Was ist dein Zeichen? Im Johannesevangelium fragen die Leute Jesus, was sein Zeichen ist und woran sie ihn erkennen können. Jesus spricht vom Brot, das vom Himmel kommt und Leben gibt. Ich bin das Brot des Lebens. Das Zeichen von Jesus ist das Brot, das himmlische, lebensspendende Brot.
Das Brot bei Jesus und Bibel und Kelch bei Simon Mosbach erzählen davon, wie Menschen teilhaben können. Es sind Symbole für Teilhabe. Jesus selbst ist das Brot, öffnet den Himmel für die Menschen. Anderthalb Jahrtausende später stehen Bibel und Kelch dafür, wie Kirche und Gesellschaft die Menschen nicht mehr als unmündig hinstellen können und sie ausschließen, sondern sich öffnen und wandeln.

Was sind unsere Zeichen heute? Was zeichnet unsere Familien aus, unsere Stadt, unsere Kirchengemeinden, unser Land, woran werden wir erkannt? Die Globalisierung segelte mit den abenteuerlichen Schonern des 16. Jahrhunderts in die Neue Welt, nach Afrika und Indien. Sie zerstörte Kulturen und brachte zugleich Kunde von ungeheuren Weiten. Heute schickt das Internet Informationen und Wissen bis in die letzten Winkel der Welt. Wir erleben wie in der Reformationszeit, daß sich Menschen nicht mehr abspeisen lassen, sondern Menschenrechte und ein besseres Leben einfordern. Welche Zeichen setzen wir, wenn es um Teilhabe geht?
Jesus macht es beim Brot vor. Er teilt es aus und öffnet den Himmel weit für die Menschenkinder. Kelch und Buch stehen für unsern Part auf der Erde. Wir öffnen unsere Kirchen und unsere Gesellschaft, setzen nicht auf Abgrenzung, sondern auf Begegnung und Austausch. Das Buch und ein Kelch, aus dem alle trinken, sind nicht die schlechtesten Zeichen.
Aber vielleicht finden wir ja neue Symbole für unsere Zeit. Das gemeinsame Haus Europa etwa oder das Dorf Welt. Oder den Regenbogen, der sich darüber spannt und die unterschiedlichen Farben, in denen wir das Leben sehen, verbindet und zum Leuchten bringt.
Predigtlied: Wenn die Armen, was sie haben, noch verteilen (Weltgebetstag 2011, Chile) oder Kommt mit Gaben und Lobgesang (EG 229)

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