Friedensreich

Gegenwart ist oft etwas Trostloses. Wir ertappen uns selbst dabei, dass wir die großen Träume unserer Jugend begraben haben. Dass wir nur noch an unsere Rente oder das nächste Auto denken, dass wir zufrieden sind, wenn nichts weh tut und wir mit unserem Geld hinkommen. Vielleicht erinnern wir uns, dass wir mal Träume vom Leben hatten, Träume von Gerechtigkeit, von Frieden, von Liebe und Gemeinschaft.

Ich weiß nicht, welche Ihrer Träume Erfüllung fanden und bei meinen bin ich mir auch nicht so ganz sicher. Ich weiß aber, dass es zwei Möglichkeiten gibt mit der Erinnerung an meine Träume umzugehen. Ich kann staunen, wie aus großen Ansprüchen kleine Wirklichkeiten geworden sind. Oder ich kann resignierend feststellen, dass da nichts gewachsen ist. Dann doch lieber zufrieden bleiben mit dem, was geworden ist und Ehrgeiz entwickeln, dass aus den Ansätzen noch mehr wird.

So kann ich auch die Visionen in der Bibel lesen. Da ist die Rede von Bildern, die Propheten gesehen haben, von Bildern, die phantastisch sind und zu Träumen Anlass genug geben. Aber eben auch Bilder, die immer wieder geerdet werden müssen, in die Jetzt-Zeit hineingelesen werden. Eines der bekanntesten Bilder steht in unserem heutigen Predigttext:

[TEXT]

Diese Vision haben beide Propheten: Jesaja und Micha und es gibt sogar noch einen Gegenvision beim Propheten Joel: 3,10 Macht aus euren Pflugscharen Schwerter und aus euren Sicheln Spieße! Der Schwache spreche: Ich bin stark!

Diese Verkehrung allerdings ist bittere Ironie: Ihr könnt aufrüsten bis zum geht nicht mehr, ihr könnt euch immer stärker machen. Ihr werdet doch am Ende verlieren. Weil ihr immer wieder vergesst, dass ihr Euer Leben und euer Schicksal nie ganz allein in die eigenen Hand nehmen könnt.

Jesaja sagt im Grunde das Gleiche: In seiner großartigen Vision vom zukünftigen Friedensreich erzählt er, dass die Menschen der ganzen Erde sich um das Wort Gottes scharen werden. Dass sie in einer gigantischen Umkehr von ihren bisherigen Lebenszielen umkehren in den Tempel Gottes. Und das sie anfangen alle ihre Kraft, alle ihre Phantasie nicht mehr einsetzen um Leben zu zerstören, sondern um Lebensgrundlagen zu schaffen. Das waren vor über 2500 Jahren landwirtschaftliche Geräte. Heute können wir in anderen Bahnen denken. Am Ende wird sicher auch die Erkenntnis stehen, dass wir nicht alles erreichen können, was Inhalt der Visionen ist.

Es geht Jesaja schließlich um eine Vision vom zukünftigen Friedensreich, das Gott schaffen wird. Wir müssen nicht Gottes Werk tun. Über die Kooperation von Menschen wir hier erst einmal nichts gesagt. Aber auch nicht, dass Menschen die Aufgabe haben, Gott im Wege zu stehen. Mindestens soweit müssen die Menschen mitarbeiten, dass sie umkehren und kommen, den Frieden zu erleben, den Gott schaffen will. Dazu gehört die Vision der Völkerwallfahrt zum Zion und die Vision von der militärischen Abrüstung und Aufrüstung für die Ernährung der Menschen.

Das Heil ist kein exklusives Heil für Fromme oder für Zöllner und Sünder, sondern sie alle werden zusammen kommen auf dem heiligen Berge Gottes.

Es geht um eine Vision, um Zukunft, die an unserer so ganz anderen Gegenwart anknüpft und alles verändert. Diese Zukunft ist Werk Gottes. Diese Zukunft bedeutet Umkehr von Werten und Wichtigkeiten. Sie bedeutet auch, dass alle zum Berg Gottes kommen. Wir müssen uns bewegen, die Völker werden sich bewegen.

Die Zukunft Gottes ist eine Bewegung. Menschen lassen sich von Gottes Willen in Bewegung bringen. Da kommen Erinnerungen hoch, Erinnerungen an die Friedensbewegung der DDR, die aus der Ansage der Zukunft einen Impuls für die Gegenwart machten. Sie erkannten die Einladung Gottes, schon heute an der Zukunft mitzuarbeiten mit Aufnähern und Schweigemärschen und einfach dadurch, dass sie da waren und die Herrschenden irritierten. Ähnliche Phänomene blitzen immer dort auf, wo Denkschemata überwunden werden, wo Gruppen versuchen Frieden zu machen, in Ruanda oder Südafrika, wo Fronten aufgebrochen werden um der Menschen und ihrer Versöhnung willen. Aber es sind schwache Leuchttürme, die uns trotzdem helfen können.

Vielleicht können auch wir uns zu solchen Leuchttürmen entwickeln, die miteinander das Mahl feiern, Kinder taufen und den Menschen erzählen vom Willen Gottes in seiner Welt. Wir müssen ja nicht alles machen, aber kleine Schritte können und dürfen wir tun.

Vielleicht müssen wir gar nicht zu einem heiligen Berg pilgern, sondern zu dem Heiligen, das Gott geschaffen hat, hinein ins Leben. Dort wo Menschen leben mit ihren Sorgen und Ängsten, dort dürfen wir hingehen und Frieden stiften, Liebe zeigen und konkreten Menschen konkret helfen. Vielleicht ist der Heilige Berg gerade in Somalia, vielleicht aber auch gerade um die Ecke.

Gott wird den ewigen Frieden schaffen, aber wir Menschen dürfen uns aufmachen, den Weg dahin schon mal vorbereiten, Frieden schaffen und den Menschen das Evangelium erzählen.

Amen.

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