Wie kann ich satt werden?

Liebe Gemeinde,
hören wir das Predigtwort bei Johannes im 6. Kapitel, Verse 30-35.

Liebe Gemeinde, zu diesem Text passt sehr schön ein Gedicht von Eugen Roth:
Ein Mensch gelangt mit Müh und Not,/ vom Nichts zum ersten Stückchen Brot./ Vom Brot zur Wurst geht’s dann schon besser, der Mensch entwickelt sich zum Fresser/ und sitzt nun, scheinbar ohne Kummer/ als reicher Mann bei Sekt und Hummer./ Doch sieh, zu Ende ist die Leiter./ Vom Hummer aus geht nichts mehr weiter./ Beim Brot so denkt er, war das Glück./ Doch findet er nicht mehr zurück.

So reimt der Dichter Eugen Roth und gibt damit Antwort auf die Frage, warum es uns manchmal so schlecht geht, obwohl es uns doch so, sehr gut geht. Warum das Unglück wächst, inmitten des Wohlstandes, und der Verbrauch an Psychopharmaka zunimmt. Dieses Medikament soll beeinträchtigte Menschen beruhigen und deren Seele aufhellen. Warum trotz des Überflusses, so viele Menschen mutlos in die Zukunft schauen und für sich keine Perspektive mehr sehen.

Nein, Herr, wir brauchen nicht alle Tage Manna vom Himmel. Unsere Kühlschränke sind gefüllt, unsere Lager und Kühlhäuser platzen aus allen Nähten. Viele Bedürfnisse sind heute gestillt. Aber der Hunger nach Glück, der Lebenshunger ist geblieben.

Nein, um Brot und Wurst, um Wasser und Sekt brauchen wir dich nicht zu bitten, anders als die Menschen damals. Eher haben wir einen Überfluss zu beklagen. Viele Menschen haben verlernt, so zu essen, dass es Leib und Seele gut tut. Und so mancher frisst und säuft sich zu Tode, weil ihm nur Essen und Trinken bleibt um sein Unglück zu vergessen und seinen Lebenshunger zu stillen.

Obwohl wir längst am Ende der, von Eugen Roth, erwähnten Leiter stehen, spornt uns eine raffinierte Werbung an, noch eine vermeintliche Sprosse höher klettern zu sollen. Glück durch Essen und Trinken: von dem Eis, das die Sinne erfrischt, bis zu den überglücklichen Leuten in diversen Kochstudios, wird uns vieles offeriert. Schauen sie sich diese Werbungen einmal ganz bewusst an. Auch und besonders jene, in denen mit raffinierten und überteuerten Diätgerichten das wieder ausgebügelt werden soll, was die übermäßige Trostsuche am Kühlschrank angerichtet hat.

Das ist doch echte Not, wenn sich das Leben nur noch in dem festgelegten Kreislauf ums Essen bewegt, Zunehmen und unter Qualen wieder Abnehmen. Und dass, das bei vielen Menschen der Fall ist, ist hinreichend bekannt. Sogar manches brave Haustier teilt inzwischen auf diesem Gebiet die Probleme seines Menschen. Doch findet auch das erst recht nicht mehr zurück.

Liebe Gemeinde, Jesus war kein Asket. Kein Verächter der leiblichen Genüsse. Auch keiner von denen, die Essen und Trinken nur unter dem Aspekt der Ernährung ihres Körpers betrachten. Oft ist es ja gerade dieses gehetzte, gedankenlose, lieblose, einsame Essen, das uns krank macht.

Unser Herr Jesus war ein Freund der gepflegten Tischgemeinschaft mit seinen Jüngern und mit Zöllnern und Sündern. Viele entscheidende Dinge hat Jesu bei Tisch gesagt und getan. Zum Abendmahl lädt er uns an seinen Tisch, vergleicht das Himmelreich mit einem Festmahl und malt schließlich das Bild vom fröhlichen Essen und Trinken in der Ewigkeit.

Die Suche nach Glück durch Essen und Trinken ist die eine Sache, die Verwahrlosung und Zerstörung unserer Tischgemeinschaften ist eine Andere. Was soll da bei Tisch noch Sinnvolles geschehen, wenn das Essen und Trinken möglichst schnell, möglichst rationell, sogar noch mit Zeitung lesen nebenher vonstatten geht? Manche Familien treffen sich überhaupt nicht mehr an einem Tisch, sondern jeder bedient sich, je nach Appetit und Geschmacksrichtung, aus Kühlschrank und Mikrowelle selbst. Wie soll Essen da noch Leib und Seele zusammenhalten? Und wie soll Jesu Worte vom Brot des Lebens bei uns Fuß fassen, wenn wir das Essen unseres täglichen Brotes so gering schätzen.

In der Bibel wird Essen und Trinken als Inbegriff allen Glücks dargestellt und im realen Leben geschieht es in so trostloser Form, das es uns überhaupt nichts mehr geben kann. Beides wollen wir heute bedenken als lebenshungrige Menschen die wir sind und ein Leben lang bleiben. Essen und Trinken soll uns geben, was es kann.

Und ich bin sicher, Jesus wäre sehr traurig, wenn er sähe, wie lieblos wir oft damit umgehen und was wir aus dieser guten Gabe Gottes machen. Denn Gottes Gabe war das Manna, das für das Volk Israel in der Wüste vom Himmel fiel und Gottes Gabe ist auch der Überfluss an Essen und Trinken. Deshalb soll die Mahlzeit auch wertschätzend begangen und gefeiert werden: „Als Gottes Gabe, als Gottes Geschenk!“.

Aber Nahrungsaufnahme stillt eben nicht allen Hunger. Lebenshunger bleibt, auch wenn der Magen voll ist. Und davon können wir Wohlstandsmenschen ein Lied singen. Auch noch mehr und noch raffinierter Essen und Trinken kann diesen Lebenshunger nicht stillen. Und deshalb haben gerade wir Christen ein besonders offenes Ohr wenn Jesus sagt: „Ihr braucht Brot des Lebens“. Vielleicht sind wir bereits durch eigene schmerzliche Erfahrungen zu dieser Einsicht gekommen. Wahrscheinlich ahnen wir längst, dass unsere Probleme an ganz anderen Mängeln fest zu machen sind.

„Ich bin das Brot des Lebens“, sagt Jesus. Und lädt uns ein bei ihm zu suchen, was unseren Mangel, was unseren Lebenshunger stillen kann. Gute Worte gehören dazu. „Du hast Worte des ewigen Lebens“, sagt Petrus zu Jesus. „Du hast Worte von denen wir leben können“.

Haben wir einen Menschen, der gut zu uns redet? Der nicht fortwährend fordert und schimpft und lamentiert. Haben wir einen Menschen, der zu uns sagt: „Ich hab Dich lieb.“? Das sind Worte, wie Jesus sie für uns hat. Obwohl wir oft mühselig und beladen sind. „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Fang noch einmal von vorn an. Haben wir Menschen an unserer Seite, die sagen können: „Ich verzeih Dir“? Das sind Worte, wie Jesus sie spricht.

Haben wir einen Menschen, der bei uns ist, wenn wir krank, alt und gebrechlich sind? Seht, wie Jesus sich hinunter beugt zu denen, die leiden. Haben wir einen Menschen der bei uns ist in Not und Gefahr? Jesus steht den Jüngern bei, im Boot auf dem stürmischen See. Er beruhigt die Wellen und die Jünger verlieren ihre Angst. Haben wir einen Menschen der bereit wäre sein Leben zu geben um unseres zu retten? Nichts anderes hat Jesus getan.

Haben wir eine Aufgabe, für die es sich zu Leben lohnt? Wir hörten, wie Jesus seine Jünger sandte, selbst Salz und Licht und Brot der Welt zu sein.

„Ich bin das Brot des Lebens“, sagt Jesus und entfaltet diesen Satz durch sein Reden und Handeln. Als Einladung, dass wir mit unserem ganz persönlichem Mangel und Lebenshunger nicht an der falschen Adresse suchen. Christus bietet uns den Reichtum seines Evangeliums. Dort darf ER als der gesucht und gefunden werden, der unseren Hunger stillt. Und bestimmt lernen wir auf diesem Weg auch unseren Lebenshunger besser zu verstehen. Besser zu verstehen, was unser Leben in Wahrheit reich und lebenswert macht. Essen und Trinken gehört dazu. Aber auch Gemeinschaft, Glaube, Hoffnung, Liebe, Barmherzigkeit, Geduld und Gelassenheit, offene Augen und Ohren und ein offenes Herz. Alles Dinge, an denen unter uns oft so elend Mangel herrscht, während sich unsere Tische vom Überfluss biegen.

Jesu Wort vom Brot des Lebens nötigt uns auch zum Nachdenken und Umdenken in vielen Bereichen. Es gibt unserem blinden Lebenshunger offene Augen für das, was wir wirklich brauchen. Für das, was wir im Grunde unseres Herzens und unserer Seele wirklich suchen, um Mensch zu sein und zu bleiben.

„Wir finden oft nicht mehr zurück“, um noch einmal mit dem Dichter Eugen Roth zu sprechen. Das ist das Problem unserer Menschheit! Und wir bleiben ohne Antwort auf die Frage, was wir für andere Menschen sein können. Oft genug sind wir für sie eher Stein des Anstoßes, als Brot des Lebens.

Darum sollen wir auch am wahren Brot des Lebens Maß nehmen, an Jesus Christus selbst. Dort lasst uns bleiben, bei seinem Wort und Sakrament. Für dieses Brot des Lebens wollen wir uns Zeit nehmen. Wer es nur achtlos und nebenher herunter kaut, den wird es nicht satt machen, nicht stark, nicht mutig, nicht weise. Auch das wahre Brot des Lebens, will genossen sein.

Und der Friede Gottes, der unseren Tisch so reichlich deckt und uns so wunderbar beschenkt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Pfarrer Johannes Taig in Hof.)

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