Erwählt

Liebe Gemeinde, liebe Gäste und liebe Freunde,

erwählt zu sein, das hat was. Ausgewählt aus allen anderen. Als Einziger in eine Position gebracht, die andere nicht haben. Die sie niemals haben werden, weil sie eben nicht herausgenommen wurden aus dem Durchschnitt, dem Gewöhnlichen. Nicht zum erwählten Kreis gehören.

Und von Gott erwählt zu sein, das ist, wenn man die Größe Gottes ernst nimmt, das „non plus ultra“. Gott selbst, der Ursprung aller Dinge, hat die Wahl getroffen und alle anderen links und rechts liegen gelassen. Du sollt es sein – du ganz allein. Mein Augapfel, mein Liebling, du und nur du…

Wer so erwählt wurde, wer sich so verstehen kann, sich selbst so sehen kann, der ist dann auch anders als die anderen. Der steht über denen, auf die die Wahl nicht gefallen ist. Der ist dem Herzen Gottes näher, als der Rest der Welt. Was kann einem je besseres geschehen? Mehr Wert, mehr Größe, mehr Bedeutung kann einem niemand verleihen.

Auf der anderen Seite: Jetzt ist man etwas Besonderes. Jetzt fällt man auf, ob man will oder nicht. Jetzt werden alle Regungen und Bewegungen von den anderen genauestens beobachtet. Man will sehen, worin denn nun das Besondere besteht, der Beweggrund der Wahl. Die anderen wollen es zur eigenen Beruhigung wissen: Was denn bei den Auserwählten nun anders ist, als bei ihnen, den Verschmähten, an denen Gott vorübergegangen ist. Plötzlich steht man unter einem besonderen Anspruch, unter Dauerkontrolle.

Und es kann sogar noch schlimmer kommen. Wer einmal eine Million gewonnen hat, wen nicht eindeutig Gott, aber auf jeden Fall das Glück erwählt hat, der weiß davon ein Lied zu singen: Freunde sind jetzt eigentlich nur noch im gleichen finanziellen Milieu möglich, sagte einer von ihnen. Sonst kommt entweder Neid auf, oder man wird auf sein Geld reduziert…

Und Gerhard Schöne dichtete im grauen DDR-Alltag:
Als mein gelber Wellensittich aus dem Fenster flog,
hackte eine Schar von Spatzen auf ihn ein,
denn er sang wohl etwas anders und war nicht so grau wie sie,
und das passt in Spatzenhirne nicht hinein.

Erwählt Gott Menschen, indem er ihnen ein anderes Denken schenkt, die Möglichkeit, die Welt anders, zutreffender zu deuten als die Mehrheit oder die jeweils Mächtigen?

Immer sind die so Ausgesuchten, Herausgenommenen, Extra-Gewürdigten nun „Extra“. Und oft allein. Wir könnten die Beispielreihe lang und breit fortsetzen:
Die genialen Wissenschaftler, die kaum noch Gesprächspartner finden, die ihren Gedanken folgen können.
Die einsamen Idole der Popkultur, die im schlimmsten Fall eines Tages tot in ihrem Hotelzimmer gefunden werden.
Die Eliten der Wirtschaft, die am normalen Alltagsleben nicht mehr teilnehmen.(„Kennen sie überhaupt noch die aktuellen Supermarktpreise?“ – „Ich habe so viel mit Aktien, Fonds und Anleihen zu tun, dass ich beim besten Willen nicht sofort parat habe, was in dieser Woche ein Supermarkt kostet…“)

Aber da sind auch die selbsternannten Superhelden und Weltenretter, bei denen die Grenze zwischen Menschenverachtung und Geisteskrankheit unscharf wird. Das, was die Welt zurzeit nach Norwegen schauen lässt, ist dann das Schlimmste: Wenn der vermeintlich Besondere und Erwählte andere Menschen in den Tod reißt, um seine ideologische Mission zu erfüllen.

Solche Erwählung hat eine lange Tradition. In Deutschland wurde vor 70 Jahren von der Vorsehung geredet. Vorsehung – ein anderes Wort für Erwählung.

Aber nun ist das Objekt der Erwählung – im Text der heutigen Predigt – Israel. Ein kleines Völkchen, damals wie heute.
Die selbsterwählte Vorsehung sah die Vernichtung dieses Volkes vor. Unermessliches Leid und Tod der wirklich Erwählten war die Folge. Und das kleine Volk hat es bis heute schwer, mit seinen Nachbarn im Frieden zu leben. Und lebt dennoch noch immer. Aber wie: Selbst mit Wunden übersät und anderen Wunden zufügend. In sich zerrissen zwischen Ultraorthodoxen und völlig unreligiösen Menschen, die doch Juden sind. Nach wie vor gefährdet und gefährlich. Und nach wie vor zerstreut rund um den Erdball.

Bliebe man vielleicht doch besser un-erwählt? Normal, gleich, durchschnittlich, unauffällig? Wäre das nicht einfacher, weniger einsam, weniger tödlich? Ein Gleicher unter Gleichen?
Hat man nicht nur Ärger mit dem Anspruch, der nun wie eine Last auf denen liegt, die das Besondere sein sollen? Im Predigttext ist er deutlich hörbar:
Haltet die Regeln ein! Lebt so, wie Gott es will! Dann wird auch die Erwählung Bestand haben.

Was aber, wenn die „Extra-Truppe“ nur Durchschnitt bringt? Wenn diejenigen, die sich „Gottes Volk“ nennen dürfen, viel lieber den Göttern und Mächtigen der anderen Völker nachlaufen – und ihren erwählenden Liebhaber vergessen?
Dann fällt der Bund zwischen dem aussondernden Gott und den Ausgesonderten hin.

Fällt er? Liebe Gemeinde?

Gälte diese Regel, Israel wäre aus der Geschichte verschwunden. Nicht erst in jüngster Vergangenheit. Schon zu der Zeit, als unser Predigttext seinen Platz innerhalb der Thora, der fünf Bücher Mose fand. Und schon lange vorher.

Und liebe Gemeinde,
vielleicht haben wir es längst bemerkt: Wir verhandeln hier ja gar nicht die Geschichte Israels allein. Es geht genauso um unsere Geschichte.
In Christus, so unser christlicher Glaube, ist für uns ja nichts anderes geschehen, als mit dem kleinen Volk, das Gott erwählt hat, weil er es liebt.

Das ist die Ungeheuerlichkeit der christlichen Religion: Zu behaupten, die Auswahl Gottes bliebe eben nicht allein auf ein Volk beschränkt, sondern wäre nach der Predigt des Mannes aus Nazareth nun ausgeweitet auf die ganze Menschheit. Wer diesem Jesus Glauben schenkt, der stimmt genau dem zu: Alle Welt – von Gott geliebt.

Machen wir uns klar, was die ersten Christen sich trauten, als sie mit dieser Botschaft durch die Lande zogen:
Wenn alle erwählt sind, dann gibt es kein „Extra“ mehr. Dann ist niemand mehr etwas Besonderes. Es gibt niemanden mehr, der herausgestellt wird und nun über die anderen ragt. Kein oben und unten mehr, kein mehr und weniger, vielleicht nicht einmal mehr ein besser und schlechter.

Das musste zu Konflikten mit denen führen, die exklusiv dachten: Wir sind dabei und die anderen sind draußen. Wir sind bei Gott und alle anderen nicht. Für uns der Himmel und die anderen fahren zur Hölle. Dieser christliche Universalismus führt zu Konflikten, bis heute.

Ausgerechnet innerhalb des Christentums gab und gibt es einen unsterblichen Hang zum Exklusiven: Die Kirche habe die Erwählung Israels beerbt, so lehrte man über Jahrhunderte hinweg. Israel, das Volk Gottes hat seine Erwählung an die Christenheit abgetreten. Gott hat es sich anders überlegt. Wir sind drin, und die anderen sind draußen: Im schlimmsten Fall sterben sie dann, die anderen, durch die Hand derer, die vermeintlich allein dabei sind. Und so kam es ja dann auch…

Die neue christliche Lehre aber war inklusiv. Das gab es bisher nicht: Jeder ist erwählt. Du bist dabei, auch wenn du es noch nicht weißt. Ja, einige christliche Theologen gingen sogar soweit, zu sagen: Du bist sogar noch dabei, wenn du dich gegen deine Erwählung entscheidest.

Und als Beleg für diese radikale Sicht dient eben jenes kleine Volk, dass die Liebe dessen, der es erwählt hatte, so oft verraten hat. Und seinen „Erwähler“ dennoch nie los geworden ist – und deshalb erwählt bleibt bis zum heutigen Tag.

Nicht anders geht es den christlichen Kirche und uns, den Christen.
Wenn wir uns der Erwählung erst würdig erweisen müssten, damit diese Bestand hat, sie wäre hinfällig. Dass wir, die wir jetzt Gottesdienst feiern, erkannt haben, wie es um uns steht und bis heute dabei geblieben sind, ist schlicht ein Wunder. Und wer weiß, wem noch alles die Augen geöffnet werden…!

Dennoch, liebe Gemeinde, liebe Freunde, zwei Probleme bleiben. Zwei Fragen: Wenn unsere Erwählung unverlierbar ist – ist es dann also ganz und gar egal, was wir tun und wie wir leben? Moral und Ethik sind dann Felder, die diese Erwählung nicht aufheben können, zumal wir hier ohnehin nie Gottes Willen genügen können?

Nein, ganz im Gegenteil: Ein Mensch, der von Gott so geadelt wurde, dass er bedingungslos zu ihm gehören soll, der wird mit dem Tag, an dem er dem zustimmt, auch beginnen, das zu tun, was Gott freut. Gelassen und gebrochen, mit Fehlern, aber in der Haltung klar: Es gibt keine besseren Verhaltensregeln, als seine. Damit fängt die Erwählung dann an, sich im Leben niederzuschlagen. Lebensfördernd und schöpferisch. Dazu ist sie ja da. Soviel zur ersten Frage.

Und die zweite, die vielleicht schon manchen bewegt: Wenn alle gemeint sind, was ist dann mit denen, die Gott ablehnen? Mit denen, die beim besten Willen nicht zu ihm finden? Und mit denen, die einen anderen Gott verehren?

Es gab Denker unter den Christen, die eine schnelle Lösung parat hatten: Gott selbst habe eben diese Zweifler und Ungläubigen doch nicht erwählt. Sie könnten machen was sie wollen, Gott will sie nicht haben. So hatte Jesus nie gepredigt, aber man hatte eine gute Erklärung.

Einer der ersten, der unsere zweite Frage tiefgründig durchdacht hat, war der Heidenapostel Paulus. Der hat an das Volk gedacht, aus dem er stammte, den erwählten Augapfel, das geliebte kleine jüdische Volk. Und hat nicht verstanden, warum die Seinen nicht alle – so wie er – Christen werden. Warum die Juden nicht verstehen, wo sie doch schon das erwählte Volk sind.

Warum die Mehrheit den Schritt nicht schafft, dem zuzustimmen: alle Welt ist von Gott geliebt – das Kreuz ist dafür das Zeichen in dieser Welt. Warum sie ihm antworten: Wir sind schon die Erwählten, warum sollte sich für uns etwas ändern? Und wer dazugehören will, der kann doch Jude werden – so werden, wie wir schon sind.
Paulus rang um diese Frage: Warum Gott nicht ein Wunder tut, und seinem erwählten Volk die Augen öffnet, für die neue Lage, die mit Christus nun in der Welt ist.

Der Apostel hat keine befriedigende Antwort gefunden und stattdessen nach seinem Gedanken – Parcours ein Loblied angestimmt. Inhalt: Du Gott, wirst wissen, was du tust. Ich weiß es nicht.

Mehr bleibt auch uns nicht als Antwort.

Aber etwas bleibt uns unbedingt, klar und konkret: Das Thema Erwählung noch einmal zu durchdenken, zu Herzen zu nehmen. Im Blick auf uns selbst und die anderen.

Je nach dem, wen wir im Blick haben – in der kommenden Woche und überhaupt. Wie wäre das, sich vorzustellen: Der ist schon dabei. Sie ist eingeschlossen, in Gottes Liebe. Gott hat sie ausgesucht, Gott hat sie erwählt, so wie mich…Sie wissen es nur nicht.

Vielleicht noch nicht.

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