Unser Babylon

zu Beginn einspielen: By the rivers of Babylon
Liebe Gemeinde,
by the rivers of babylon von der Gruppe Boney M kennen die meisten. Aber nicht alle wissen, dass es sozusagen ein vertonter Psalm ist. Im Psalm 137 heißt es so:
An den Flüssen Babylons saßen wir und dachten an Zion und weinten….
Ein Klagelied aus der Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Die guten Zeiten Israels waren vorbei, der Tempel zerstört, ein gottloser Lebensstil und eine Regierung, der es nur um Geld und Macht und Wirtschaft ging, hatte den Frieden riskiert. Und da saß man nun an den Kanälen von Euphrat und Tigris Babylons und dachte an vergangene Zeiten. Ich stelle mir vor, dass da ein Vater mit seinem Sohn am Ufer sitzt und von früher erzählt. Vom Anfang des Volkes Israel, von der Hoffnung auf eine gute Zukunft als auserwähltes Volk, von den Bedingungen, die Gott gestellt hatte für ein Leben. Und das Kind fragt, was habt ihr falsch gemacht und kann sich nicht vorstellen, wie das war, als es noch einen Tempel gab. Als es ein Volk gab, dass den gemeinsamen Glauben an den einen Gott hatte. Hier war alles anders.
Vielleicht erinnert sich mancher noch an das Leben in der DDR, Kirche war allenfalls geduldet, erlaubt war, dass wir uns in unseren Räumen versammelten, aber es herrschte eine andere Religion und für viele, die damals älter waren als ich, war es eine fremde Zeit. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das war, Religionsunterricht in der Schule, ich bin mal von der Polizei gefragt worden, warum ich ein kleines Kreuz trage, ich hatte Angst und die anderen wussten nichts. Damals haben die Kirchen auch gefragt nach der Zukunft, wie soll das werden. Ich habe aber auch ein Nachdenken erlebt, warum ist das so gekommen? Warum sind wir wie in der Fremde, war nicht alles früher viel besser? Und mancher sagte dann, ja, es ist vieles schief gelaufen, wir haben eine Schuld auf uns geladen, Deutschland ist von seinem hohen Roß gestoßen worden. Damals haben die Kirchen bekannt:
Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Länder und Völker gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.
Das Kind sagte damals: aber wir sind doch erwählt, Gottes erwähltes Volk. Stimmt, sagte der Vater, aber erwählt sein heißt geliebt sein, aber deswegen nicht besser und nicht größer zu sein. Erwählt heißt, Gott geht auch durch dunkle Zeiten mit. Das haben wir uns in der DDR auch gesagt. Wir haben über das Wort aus Jeremia nachgedacht: suchet der Stadt bestes. Was will uns Gott in der DDR sagen?
Das ist nun schon lange her und die jungen Leute wissen davon nur aus den Erzählungen. Wir müssen auch erzählen, wie das damals war und vor allem, wie sehr unser Leben mit Gott im Zusammenhang steht mit unserem Ergehen. Darüber hat Israel viel nachgedacht.
Und manchmal denke ich, sind wir nicht heute auch in "Babylon"? Wir haben zwar viele Möglichkeiten, wir könnten jetzt einen Gottesdienst an der Aral-Tankstelle halten, wir können in der Schule unterrichten, kein Konfirmand wird benachteiligt. Wir können alles sagen und haben kaum noch was zu sagen. Wir werden weniger und die Welt um uns bedrängender. Die Gefahr sich anzupassen ist größer als je zuvor, der Religion des Konsums können wir uns kaum entziehen, große Gemeinden wie facebook oder twitter oder google plus ziehen die Menschen an sich und junge Leute kommen gar nicht mehr dazu, nachzudenken, welchen Schaden solche total unsozialen Netzwerke in der Seele anrichten.
Ich las gestern, dass Moralvorstellungen durch diese Netzwerke sinken und die Gewalt zunehmen wird. Ist das nicht eine Fremde, eine Gefangenschaft, der sich immer weniger entziehen. Ich kann ein Foto von einem Unfall in Sekunden um die Welt schicken und es mit sogenannten Freunden teilen. Schon die Wortwahl ist teuflisch.
Sitzen wir nicht auch wieder an den Flüssen Babylon und weinen. Klagen wir nicht auch, dass so viel verloren ist?
Wir haben viel, kaufen billig, essen und trinken wie die Weltmeister, wollen alles haben, dafür sind seelische Krankheiten auf dem Vormarsch, wir sind nicht mehr in uns zu Hause, haben keinen Ruhepunkt, ohne den Blick zum Handy kann mancher nicht mehr leben, um es salopp zu sagen: wir schauen mehr in die Werbeprospekte, als in die Bibel.
Was lassen wir mit uns machen – wo ist da Gott? Eine fremde Welt, in der wir eigentlich nicht zu Hause sind.
Gott sagte zu seinem Volk am Anfang: ihr sollt mir ein heiliges Volk sein. Was ist das eigentlich: heilig? Gar nicht so kompliziert. Das wir uns von allen anderen unterscheiden – das ist heilig. Und das ist unsere Lebensaufgabe. Und das ist heute schwerer als in der DDR. Ich habe überlegt, wie das wird, wenn unsere jetzt 7-jährige Enkelin in der Schulbank sitzt und sich über facebook per handy mit ihren Freunden an den Baggersee verabredet. Und wenn sie es nicht macht, ein Stück sich selbst bewahrt? Und mit Susi und Paul einfach nur telefoniert? Wird sie ausgelacht werden, am Rande stehen, out sein. Ist das ein heiliges Leben? Wer lebt mit ihr heilig, um Kraft zu haben, bei sich selbst zu bleiben und nicht unter fremder Herrschaft zu leben? Wer sagt es den jungen Leuten, und wie? Verbieten? Oder ist die Gemeinde nicht der Ort, wo wir wirklich heilig leben, wo Leben sichtbar wird, wo jemand merkt, ich brauche das alles gar nicht. Leben ist mehr als gelebt werden.
Heute ist dem liturgischen Kalender nach der Taufsonntag. Das Lied spricht davon. Und ich habe bei der Vorbereitung gemerkt, wie wichtig die Taufe ist. Das ist doch Erwählung. Das ist doch Gott selber, der da sagt: ich habe dich lieb und gehe mit dir. Das ist doch Gott selber, der uns stark macht, der uns Regel gibt und der will, dass wir heilig leben, dass wir uns nicht anpassen. Aus dem gleichen Grunde wie damals im Volk Isreal: Ihr sollt ein Volk sein, Menschen sein, die selbstbestimmt und hoffnungsvoll leben. Die sich nicht beleidigen lassen, sie wären blöd, wenn sie beim MediaMarkt nicht kaufen. Sondern die denken und wissen, dass sie nicht blöd, sondern von Gott geliebt sind.
Eines Tages, sagt der Vater zu seinem Sohn, werden wir wieder dorthin kommen, worum wir jetzt weinen. Es muß nicht so bleiben wie jetzt. Gott will Zukunft für uns. Dieser Hoffnung dürfen wir uns anschließen. Amen.

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