Wie werden Menschen Christen?

Liebe Gemeinde, liebe Gäste und Freunde,

„Wie werden Menschen zu Christen?“
Interessiert uns die Frage? Beschäftigt sie uns? Nicht erst heute Morgen, sondern schon länger? Schon immer? Sind wir mit dieser Frage beschäftigt?

„Wie werden Menschen zu Christen?“
Wir könnten auch klassisch formulieren, in der Kirchensprache: Wie werden sie zu Nachfolgerinnen und Nachfolgern von Jesus Christus?

An welchen Menschen denken wir jetzt, für den wir uns das wünschen: Dass er Christ wird?
Ein Freund, der Ehepartner, der Bruder, der Gesprächspartner, die Kollegin?

Oder wünschen wir uns das gar nicht mehr? Sind wir uns selbst genug? Genug im doppelten Wortsinn?

„Wie werden Menschen zu Christen?“

Der Predigttext aus dem Johannesevangelium gibt uns gleich drei Hinweise, wie das geht, wenn es geht.

1. Durch Begegnung mit dem Fremden.

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ sagt Martin Buber, der große Religionsphilosoph.

In der Geschichte, die der Predigttext erzählt, herrscht ein unübersichtliches Kommen und Gehen. Empfehlen und Wegschicken. Man geht hinterher und stellt Fragen. Schaut sich eine Herberge an, bleibt einen Tag, sucht einen Bruder… Verwirrende Szenen!

Einige Personen werden extra mit Namen genannt, andere bleiben anonym. Orte sind unwichtig, aber die Tageszeit hat Bedeutung. Reden und Fragen – Suchen und Führen. Hier wuselt alles durcheinander, im Gehen, nicht im Sitzen. Man ist unterwegs, hin zu dem Fremden, zu Leuten, die man noch nicht kennt.

Fast mutet es alltäglich an, so wie es uns geht, draußen – im Leben, mit allen den Leuten und den vielen unübersichtlichen Beziehungen!

Wirkliche Begegnung ist immer eine Grenzüberschreitung. Das Eigene, Sichere und Gewohnte wird verlassen. Ich mache mich auf einen Weg. Ich gehe jemandem nach, auf jemanden zu, den ich noch nicht kenne. Ich suche Kontakt.
Anthony de Mello hat dazu eine kleine Geschichte erfunden:

Es war einmal eine gläubige und fromme Frau, die Gott liebte. Jeden Morgen ging sie in die Kirche. Unterwegs riefen ihr die Kinder zu. Bettler sprachen sie an, aber sie war so in sich versunken, dass sie nichts wahrnahm.
Eines Tages ging sie wie immer die Straße hinab und erreichte gerade noch rechtzeitig zum Gottesdienst die Kirche. Sie drückte an der Tür, doch sie ließ sich nicht öffnen. Sie versuchte es heftiger und fand die Tür verschlossen.
Der Gedanke, dass sie zum ersten Mal in all den Jahren den Gottesdienst versäumen würde, bedrückte sie. Ratlos blickte sie auf und sah genau vor ihrem Gesicht einen Zettel an der Tür. Darauf stand: „Ich bin hier draußen.“
(Aus: AMD des Diakonischen Werkes der EKD, Für jeden neuen Tag 34, Stuttgart 2005)

„Wie werden Menschen zu Christen?“ Indem es durcheinandergeht, sich durchmischt, die drinnen sich mit denen draußen treffen. Indem das Vertraute riskiert wird, um das Unbekannte zu entdecken. Indem ein Mensch nach einem anderen Menschen fragt und sich für ihn interessiert.

Wie werden Menschen zu Christen? Eine zweite Antwort könnte sein:

2. Durch Empfehlung.

Jesus laufen Leute nach, die zuvor Johannes, der Täufer in seiner Nachfolge hatte.

Wir fangen nie bei Null an, wenn wir mit anderen über unser Christsein sprechen. Immer ist die Frage nach dem Grund des Lebens schon da.
Es gibt sie, die Interessierten. Die religiös Begabten. Menschen, die das Wesentliche, Wichtige, Bleibende suchen. Die Antworten suchen auf die Frage nach Schuld und Vergebung, Recht und Gerechtigkeit, Hingabe und Verantwortung, eigener Umkehr und Veränderung der Welt.
Die Fragen stellen wollen, wo ihnen alles an der Oberfläche erklärt wird.

Es gibt sie: Menschen, die suchen, die das Geheimnis kennenlernen wollen: Gott in Christus: Der Absolute. Das Beste. Der Richtige. Der Hauptgewinn….

Ihn können wir empfehlen.

Im Predigttext werden die Jünger des Johannes zu Schülern von Jesus.

Ist uns bewusst, dass wir altgedienten Christen ein bisschen die Rolle des Johannes haben: Wir wissen Bescheid. Nicht in dem Sinn, das wir keine Fragen mehr haben. „Alles klar“ ist eine unserer aktuellen Redewendungen, die auf den Glauben nie wirklich zutrifft…

Aber: Wir haben schon viel erlebt, mit Jesus. Wir haben schon viel verstanden, vom Glauben an Gott. Wir kennen die Texte der Bibel, die Gebete, die Lieder, die Traditionen… Wir haben, tatsächlich, einen Wissensvorsprung, einen Glaubensvorsprung. Wir haben mit diesem Jesus schon eine Geschichte. Eine Liebesgeschichte.

Johannes der Täufer erklärt seinen Jüngern, wer Jesus ist. Schwergewichtige Begriffe fallen: Lamm Gottes, Sohn Gottes, Rabbi, Messias… Hier weiß einer Bescheid. Hier kennt einer den Mann aus Nazareth, sieht mehr als alle anderen und gibt seine Empfehlung!

Das können wir immer tun: Mit freundlicher Empfehlung den Menschen begegnen, von denen wir den Eindruck haben, dass sie den Retter für ihr Leben suchen. Und ihnen erzählen. Von dem, den wir lieben. Von dem, was wir von ihm verstanden haben. Von dem, was wir mit ihm erlebt haben.

Menschen werden Christen durch Empfehlung anderer Menschen. Die neugierig machen, die gut von ihrem Christus reden, die sich trauen, zu sagen, was er für sie bedeutet. Solche Leute können wir sein.

Und schließlich die dritte Antwort des Predigttextes:

3. Durch Suchen und Fragen und Antworten Finden.

„Was sucht ihr?“ Das ist eine interessante Frage: Es ist das erste Wort überhaupt, das Jesus im Johannesevangelium spricht! „Es ist offenbar die erste Frage, die an den gerichtet werden muss, der zu Jesus kommt“ (Rudolf Bultmann).
Was willst du mit deinem Leben? Wonach suchst du? Was ist dir wichtig? Was brauchst du?

Auch die, die schon gefunden haben, sind gemeint. Jünger und Jüngerinnen Jesu sind Suchende. Glaubende und Suchende. Und nie lässt sich die Grenze eindeutig ziehen. Vielleicht darf man sogar sagen: Jesus ruft nicht in die Nachfolge, sondern in die Nachfrage.
Und eben nicht nur die anderen, die da draußen, nicht die jüngst Dazugekommenen, die noch keine Ahnung haben, sondern auch uns. Die wir schon so viel wissen und so viel glauben. Uns Altgediente.

Aber das hatten wir ja schon: Wo das „Alles klar“ nicht gilt – in Glaubensfragen -, hat die offene Frage einen hohen Wert. Eben als Glaubensfrage.

Die beiden Interessenten im Predigttext antworten übrigens mit einer interessanten Gegenfrage: „Wo wohnst du? Wo ist deine Bleibe?“

Hier fragt jemand nach dem richtigen Ort. Vielleicht auch, um selbst zu Hause anzukommen. Wer bist du? Wo kommst du her? Wie wohnst du? Wie sollen wir dich einordnen? Interessante Fragen. Für Neuankömmlinge und für uns Alteingesessene.
Wir wollen wissen, wer du bist! Trotz der vielen Jahre, die wir dich schon kennen. Trotz der völligen Unkenntnis der Sitten und Bräuche in einer methodistischen Gemeinde – wir wollen dich kennenlernen, Jesus. Wo wohnst du? Und ein wenig schwingt schon mit: Wir würden mitkommen, mit dir.

Jesus antwortet klassisch: Ein klassische Glaubensantwort: Kommt und seht! Komm und sieh! Komm mit mir mit. Geh mit mir, stell deine Fragen, vertraue mir, lerne mich kennen oder wieder neu und von einer anderen Seite kennen. Probiere es einfach aus, lass dich darauf ein. Und finde deine je aktuelle Antwort. Nur die letzte ist belastbar, die junge, die frische, die neue Antwort.

Wie werden Menschen Christen? Durch Suchen und Fragen. Durch riskiertes Vertrauen. Und echte Antworten.

Nun haben wir die drei Hinweise des Predigttextes beieinander:

1. Durch Begegnung mit dem Fremden
2. Durch Empfehlung
3. Durch Suchen und Fragen und immer neue Antworten finden.

Und dann gibt es im Predigttext noch einen spannenden Nachspann:

Wer einmal mit Jesus zusammengestoßen ist – im positiven Sinn angeeckt ist, begeistert, entflammt wurde, der geht los und tut die eben erwähnten drei Dinge. Begegnen, empfehlen und bekennen: ich habe gefunden, was ich gesucht habe! Einer der beiden „Neuen“, Andreas, „beruft“ seinen Bruder Simon: „Und er führte ihn zu Jesus!“

Aber das allein ist noch nicht das Spannende. Viel interessanter ist, wie Jesus auf den interessierten Bruder des Andreas reagiert: Er sieht ihn nur an, den Simon, und gibt ihm schon eine neue Identität: Du wirst der Fels sein, du heißt Petrus…!

Einer, der vielleicht nur mal gucken wollte, bekommt plötzlich einen neuen Namen und das bedeutet, eine Lebensaufgabe, einen Platz, eine Wichtigkeit.
Der Fels, auf dem die Kirche gebaut werden soll, kommt aus der zweiten Reihe! Von draußen. Wurde durch Empfehlung geworben. Wäre ohne seinen Bruder nicht dabei…

Was bedeutet das für unsere Frage: Wie werden Menschen zu Christen? Zu Jüngern und Jüngerinnen?
Antwort: Durch das Zeugnis eines anderen Menschen – ganz klar. Und zugleich und erst recht: durch das Ansehen, das Jesus ihm schenkt. Und nie sind diese beiden Gründe klar auseinanderzuhalten.

So geht das, mit dem Christwerden, liebe Gemeinde, liebe Freunde, wenn es geht.

Gibt es Fragen? Natürlich… Aber: Es geschieht, das Christwerden, seit den Tagen des Andreas und des Simon bis auf den heutigen Tag. Sonst wären wir nicht hier.

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