Drei Berufene und drei Berufungen

»Du bist Simon, der Sohn des Johannes. Du sollst Kephas heißen.«
»Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.«
Simon genannt Kephas, der Fels. Es ist ein bisschen der Treppenwitz der Evangelien, dass Petrus ausge­rechnet diesen Namen bekommt. Oder eigentlich: dass ausgerechnet Petrus diesen Namen bekommt. Was ist das für ein Name: Ein Spitzname? Soll es ein Ehren­titel sein?
Wenn man sich die Geschichte von Petrus ankuckt, dann könnte man fast meinen Jesus hat sich mit Petrus einen bösen Scherz erlaubt. Schließlich wusste er doch oder ahnte zumindest, was das für einer war.

Das Bild des Felsens ist ja ein Zeichen für etwas Festes, etwas Unumstößliches, etwas Unverrückbares, etwas geradezu Unzerstörbares. „Wie ein Fels in der Brandung“ – damit hat vor einigen Jahren mal eine Versicherung geworben.
Und wenn Jesus zu Petrus sagt „du bist der Fels, auf den ich meine Gemeinde gründen will, du sollst Kephas heißen“, dann heißt dass doch: „Du stehst fest auf dem Boden. Auf dem Boden des Glaubens. Dein Glaube ist unzerstörbar, unumstößlich.“

Aber gerade Petrus‘ Glauben ist je gerade alles andere als das. Er ist einer, der sich ständig überschätzt. Er will sich beweisen und eigentlich geht er jedes Mal damit baden – einmal sogar ganz wörtlich.

Als Jesus auf dem Wasser des Sees geht, will Petrus es ihm nachmachen. Und er schafft sogar ein paar Schritte, doch dann verlassen ihn Mut und Glauben und er sinkt und Jesus muss ihn aus dem Wasser ziehen.

Und als Jesu Gefangennahme unmittelbar bevorsteht, da nimmt er den Mund besonders voll. Verspricht, dass er Jesus immer treu bleiben und, wenn nötig, sogar sein eigenes Leben geben würde. Aber Jesus kennt seinen Freund und sagt gleich: „Nein, sag‘ so etwas nicht. Das schaffst du nicht. Im Gegenteil: Du wirst noch heute Nacht abstreiten mich zu kennen! Du wirst mich verleugnen, dreimal. Noch bevor die Sonne aufgeht, noch bevor der Hahn kräht.“ Und so ist es gekommen. Und Petrus, der Fels, ging hinaus und weinte bitterlich.

Und trotzdem hat Jesus ihn einen Felsen genannt. Und das wird in der Bibel nicht nur einmal erzählt. Nicht nur die eine Erzählung, die sogar im Petersdom in Stein gemeißelt ist: »Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.« Das sagt Jesus zu Petrus.

Im Johannesevangelium wird noch etwas anderes berichtet. Und zwar hat Jesus schon bei ihrer aller­ersten Begegnung gesagt: »Du bist Simon, der Sohn des Johannes. Du sollst Kephas [also: Fels] heißen.«
[Text]

Von Anfang an ist Petrus der Fels. Von Anfang an nennt Jesus ihn so. Und ich bin mir sicher: Jesus wusste genauso auch von Anfang an, dass Petrus eigentlich nicht wirklich zu 100% dem Bild des Fel­sen in der Brandung entspricht. Dass er ein Wackel­kandidat ist. Und trotzdem: „Du sollst Fels heißen. Auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde gründen.“

Aber Jesus hat nicht gescheut Petrus diesen Namen zu geben. Und es ist ein Ehrentitel. Und zwar nicht erst, seitdem die katholische Kirche diesen Satz zur Legi­timierung der Vorrangstellung des Papstes nutzt. Nein, Jesus meint es ernst, wohl wissend der Dinge, die da kommen werden. Er weiß, dass trotzdem auf Petrus zu zählen ist, dass er eben seine guten und starken Seiten hat. Dass er nämlich trotz seines Scheiterns einer ist, der im Herzen immer auf Jesu Seite ist. Der immer treu zu Jesus steht und der anderen gerade dadurch ein leuchtendes Beispiel sein kann:

– „Seht den Petrus an. Ja, er ist im See versunken, weil sein Glaube nicht ausgereicht hat um auf dem Wasser zu gehen. Aber er hat trotzdem geglaubt. Wer von Euch wäre denn überhaupt losgegangen? Wer hätte es denn überhaupt versucht?“

– „Seht den Petrus an. Ja, er hat Jesus verleugnet, denn er hat im Hof des Hohepriesters um sein Leben gefürchtet. Wer würde denn wirklich anders handeln?“

So ist es. Jesus hat Petrus zu seinem Jünger gemacht und er wusste gut, auf was er sich einlässt. Er ist zum Vorbild geworden, dass man trotz Zweifel und Scheitern treu zum Glauben stehen kann. Nein, sogar stehen muss. Und scheitern gehört zum Weg des Glaubens dazu.

In dem kurzen Text, den ich gerade vorgelesen habe. Kommen aber noch zwei andere vor.

Der eine ist Johannes. Johannes der Täufer. »Seht, dieser ist das Opferlamm Gottes!«, sagt er in dem Text. So erleben wir ihn im Neuen Testament.

Er ist einer der großen Namen. Er zählt in der Tradi­tion zu den Heiligen. Nach ihm sind Kirchen benannt.

In der Wunstorfer St. Johanneskirche gibt es eine Darstellung von Johannes dem Täufer, die sehr gut gelungen ist: An der Wand hängt ein Christus. Ein Christus am Kreuz – auch wenn kein Kreuz da ist – die Armhaltung zeigt es. Christus hängt an der Wand.
Und daneben, deutlich kleiner, hängt bzw. steht Johannes und zeigt auf Jesus. Klein ist er. Geradezu bescheiden steht er da. Und seine einzige Aufgabe ist es auf Jesus zu zeigen. Und selbst das tut er unaufge­regt, bescheiden, mit einer ganz einfachen und schlichten Geste. Aber er tut es mit großer Ausdauer. (zu sehen unter: www.st-johannes-wunstorf.de)

Ganz so wie der „echte“ Johannes, der echte Täufer, wie er uns im Neuen Testament begegnet:
Er ist ein Prediger oder wie er selbst sagt: Die Stimme eines Predigers in der Wüste (ein ganz bescheidenes, aber doch ganz kraftvolles Bild!). Und was er predigt, ist ein ganz wichtiger Teil von dem, was Jesus auch predigt: „Kehrt um! Tut Buße! Ändert euer Leben! Lebt so, wie Gott es von Euch fordert! Oder versucht es wenigstens!“

Und er hat Erfolg. Die Menschen laufen in Scharen zu ihm und wollen sich taufen lassen. Wollen sich waschen lassen, wollen das Böse abwaschen. Und er wäre ein leichtes für ihn zu sagen: „Ich bin der Messias.“ Johannes hätte sicherlich ohne Schwierig­keiten seine eigene Gefolgschaft aufbauen können und sie wäre groß gewesen und wäre eine Macht im Lande gewesen und hätte vielleicht – wer weiß – das Potential zur Weltreligion gehabt.

Aber nichts dergleichen! Johannes bleibt seiner Aufgabe treu. Er tut eben das, was Gott von ihm will. Er erfüllt seine Berufung: Er zeigt auf Jesus. Er ebnet ihm den Weg. Er tauft ihn. Als Jesus kommt macht sich Johannes klein. »Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen«, sagt er. Johannes ist sozusagen nur das Werbeplakat, nicht das wofür geworben wird. Und das weiß er und er nimmt diese Rolle an, obwohl er weit mehr hätte erreichen können. Für sich.

Und dann gibt‘s da noch einen. Andreas, den Bruder von Petrus. Von ihm erfahren wir noch weniger. Er war ein Jünger von Johannes. Einer, der sich von ihm hat taufen lassen. Einer, der gehört hat was Johannes über Jesus gesagt hat und der das auch ernst genommen hat. Andreas hat Johannes geglaubt.

»Seht, dieser ist das Opferlamm Gottes!«, hat Johan­nes gesagt, „dieser ist derjenige, der sein Leben für alle Menschen zu geben bereit ist. Das ist der Messias, der Gesalbte, der Christus, der Retter.“ Andreas hat das geglaubt, ohne weiter zu fragen. Kein „Wie kommst du darauf?“, „Woher willst du das wissen?“ oder „Warum gerade der?“ Und Andreas ist zu Jesus gegangen. Das einzige, was er wissen wollte, ist, wo Jesus wohnt.

Klar, Andreas und sein Freund wollten wissen, wo und vor allem wie Jesus wohnt. „Sag‘ mit wo und wie du wohnst und ich sage dir, wer du bist.“ So einfach kann man das übersetzen. Aber es scheint letztendlich doch nicht so wichtig gewesen zu sein. Wie Jesus wohnt? – Wir erfahren es nicht, denn es ist nicht wichtig.
Andreas hat Johannes geglaubt und er hat an Jesus geglaubt. Ohne große Worte, ohne Wunder. Er wusste: Das ist der Messias! Das ist der, der unser Leben verändern, verbessern und uns retten wird.

Und er nimmt seine Aufgabe an: Er trägt die Nachricht weiter, ohne zu zögern. Er geht als erstes zu seinem Bruder: »Wir haben den Messias gefunden!«

– Petrus, der glaubt, fest im Glauben zu stehen, der immer wieder scheitert und zweifelt und der dennoch ein Fels ist, auf dem die Gemeinde Jesu gewachsen ist. Er von vielen.
– Johannes, der Täufer, der weiß, dass sein Ruhm von kurzer Dauer ist und der bereitwillig abtritt und dem wahren Herrn und König den Weg freimacht.
– Andreas, der eigentlich nur Bruder ist, der glaubt, dann zwar doch noch mal hinterfragt, aber schließlich den neuen Glauben annimmt, und dafür sein altes Leben zurücklässt. Der Johannes verlässt.

Drei Gestalten aus dem Neuen Testament. Drei Menschen, die einen Auftrag bekommen haben. Sie alle vertrauen voll und ganz darauf, dass der Weg, den Jesus ihnen zeigt, der richtige ist. Sie haben ihre Fragen und ihre Zweifel, aber sie lassen sich nicht beirren. Jedenfalls nicht wirklich, nicht dauerhaft.
Sie nehmen ihre Berufung an, auch und vielleicht sogar gerade weil sie wissen: Es geht eigentlich nicht um sie sondern um einen Anderen: Jesus Christus. Und dennoch werden sie groß sein. Sind Vorbilder für einen gelebten Glauben.
Ich würde mich sehr gerne wenigstens ab und zu einmal in dem einen oder anderen von ihnen wieder­finden.
Amen.

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