Andreasdienst

Kaum eine Woche vergeht, ohne dass wir uns an neue Ausdrücke gewöhnen müssen. Wer sie aufgebracht hat, weiß keiner so richtig. Aber man wird vermehrt darauf gestoßen. Stresstest ist so ein Wort. Ein Kraftwerk oder ein Bahnhof werden geprüft, was sie auszuhalten vermögen, wenn es richtig dicke kommt. Oder Eurobonds. Das ist nichts zum Lutschen aus dem Fischer-Süßwaren-Sortiment. Das sind Geldanleihen, mit denen klamme Staaten aus der Bredouille kommen sollen.

Muss man sich diese neuen Ausdrücke merken? Viel wichtiger für Menschen, die sich am christlichen Glauben ausrichten wollen, finde ich die speziellen Ausdrücke aus der Bibel. Die eben verlesenen Verse aus dem Johannesevangelium beschreiben eine Tätigkeit, die man früher Andreasdienst genannt. Überlegen Sie mal, was könnte das sein, Andreas-dienst. Ein Andreaskreuz kennen wir vorm Bahnübergang, aber Andreasdienst? Das hat zu tun mit dem, was von Andreas hier berichtet wird. Kaum dass er sich entschlos-sen hat, Jesus nachzufolgen, sucht er seinen Bruder Petrus. Ergebnis: (Vers 42) „und er führte ihn zu Jesus.“

In diesem Abschnitt im Johannesevangelium wird der Anfang der Laufbahn des Petrus aus der Familienperspektive gezeigt. Es gibt noch einen anderen Bericht. Vom Evangelisten Lukas. Der war vorhin bei der Evangeliumslesung dran. Lukas beschreibt die Berufung von Petrus aus einer Perspektive, wie Männer das gern betrachten. Männer interessieren sich für die Arbeit, für das Praktische. Der Bericht vom Fischzug erzählt, wie Petrus von der Arbeit müde heimkommt. Hat nichts gefangen. Da kommt die Gelegenheit für einen Nebenjob. Am Ufer, wo der Petrus seine Fischerhütte hat, hat sich eine große Menge versammelt. Sie lauscht der Rede des Zimmermannes aus Nazareth. Es wird eng und unübersichtlich, vom Wasser aus ginge es viel besser. Das Boot von Petrus wird zur Kanzel umfunktioniert. Nach dem Ende der Veranstaltung kümmert sich Jesus um den Bootsbesitzer. Jetzt lädt er zu einer Bootstour ein. Petrus soll noch mal fischen. Gegen alle Erfahrung willigt Petrus ein. Es wird ein Superfang. Petrus ruft weitere Kollegen hinzu, damit sie die Rekordmenge an Land bringen. Es endet mit einem seelsorgerlichen Gespräch. Petrus bittet um Vergebung, wofür wissen wir nicht. Jesus beruft ihn mit den Worten: Von nun an wirst du Menschen fangen.
Dasselbe Ereignis, völlig unterschiedlich erzählt. Wir sehen zwei Seiten einer Münze, aber es ist dasselbe Ding. So ist es nämlich, wenn Jesus Menschen in seine Nachfolge ruft. Auf der einen Seite ist das allein die Aktion von Jesus. Wenn einer zum Glauben kommt, ist das ein Wunder, Gott macht das einfach. Er sucht sich seine Leute aus, wen er will, wann er will.
Auf der anderen Seite müssen Menschen aktiv werden. Die Kirche wächst nicht von alleine, sondern die schon Christen sind, müssen andere einladen, dazu gewinnen, Jesus sagt: fischen: Von nun an wirst du Menschen fangen.

Im Bericht des Lukas vom wunderbaren Fischzug führt Gott selbst die Fäden. Jesus ist der Aktive. Er steuert das Geschehen. Direkt.
Im Bericht des Johannes hängt alles von dem Bemühen der Menschen ab. Damit Leute zu Jesus finden, müssen andere vermitteln. Johannes und Andreas sind es, die alles veranlassen. Sie führen den Freund bzw. den Bruder zu Jesus. Dann ist da noch ein Jünger. Ein No-Name Jünger. Sein Name scheint nicht so wichtig zu sein. Er hat keinen zu Jesus geführt. Wir wollen von den beiden anderen lernen.

Dazu drei Gesichtspunkte: 1. Was Johannes tat. 2. Was Andreas tat. Was sich in der Familie getan hat.

Zunächst: Was Johannes tat

Gemeint ist Johannes der Täufer. Er ging in die Geschichte ein, weil er ein typisches Prophetenschicksal erlitten hat: Den Mächtigen die Gebote Gottes vorgehalten und dafür einen Kopf kürzer gemacht. Johannes lebte extrem einfach, alternativ sozusagen, Selbstgemachter Kleidung, biologische Ernährung: Heuschrecken und wilder Honig.
Er stellt sich nicht selbst ins Rampenlicht, er weist hin auf einen anderen:
"Und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm!"
Viele haben damals Jesus vorübergehen sehen, mit der Erklärung des Johannes im Ohr, wer da an ihnen vorbeigeht. Aber sie haben ihn passieren lassen, haben sich ihm nicht angeschlossen, haben seine Nähe gescheut. "Wer weiß, was mich da erwartet? Vielleicht geht es da genau so streng zu wie beim Bußprediger Johannes? Wer weiß, was ich da alles aufgeben muß? Ich halte lieber Abstand!"
Wo stehst du? Wie nahe bist du bei Jesus? Welche falschen Vorstellungen hast du von ihm? Er will dir doch gar nicht das Leben langweilig machen, dir deine Freuden wegnehmen. Er lädt dich ein: Komm und sieh. Trau dich eine Zeit in meine Nähe und entscheide dann, ob du bleiben willst."

So gewinnt er den Andreas und seinen namenlosen Gefährten. Sie kamen und sahens und blieben den ganzen Tag bei ihm.
Es war keineswegs so, daß die beiden vorher finstere Heiden waren. Es waren sehr religiöse Leute. Sie schätzten die Bibel und versuchten nach den Geboten zu leben. Aber sie kannten Jesus nicht als das Lamm Gottes, der meine Sünden vergibt. Zwei mal berichtet sogar der Täufer Johannes fast traurig in den Versen vorher: "Und ich kannte ihn nicht!" Aber dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

Zugleich kündigt sich in dieser Geschichte an, daß die Laufbahn des Johannes ihren Höhepunkt überschritten hat. Der Heiland, von dem Johannes sagte, einer kommt nach mir, der ist größer als ich, der ist nun erschienen. Johannes weiß, er wird ihm das Feld überlassen müssen. So gibt er zwei seiner Freunde, es heißt hier: zwei seiner Jünger ab.

Nun zu dem, was der Andreas tut. (V 40-42 a lesen)

Gerade erst hat er einen flüchtigen Eindruck von Jesus bekommen. Schon geht er los und erzählt anderen davon. Und wie er das macht! Dem erstbesten, den er trifft, erzählt er von Jesus.
Was so etwas bewirken kann, sieht man im Leben von Festo Kivengere. Dem Bischof in Uganda. Den hab ich vor Jahren mal begegnet. Morgen kommt der neue hannover-sche Bischof in unseren Kirchenkreis. Er hält abends einen Gottesdienst in Diepholz und bleibt anschließend zum Anfassen, also zu Gesprächen. Einem richtigen Bischof hautnah begegnen ist für viele sicher etwas Besonderes.

So ging es mir damals mit dem Bischof Festo. Das war damals der berühmteste Christ aus Uganda. Er bot dem Diktator Idi Amin die Stirn. Bischof Festo war zu Gast in Großalmerode in dem Freizeitheim, wo ich als Zivi tätig war und meine spätere Frau auch. Sie bügelte seine Hemden, ich hatte Handlangerdienste für einen Vortrag von ihm in der größten verfügbaren Halle in Kassel, das war eine Viehhalle.

Also dieser Bischof erzählte, wie er als Student vom Glaubensweg abgekommen war. "Einige Jahre später, als Student, verließ ich diesen Weg mit Jesus. Ich vergaß meine Erfahrung, die ich in der Schule gemachte hatte, wie so viele andere junge Leute auch. Ich traf Menschen, die nicht an Jesus glaubten. Und meine eigene Natur brachte mich dahin, von Jesus wegzulaufen. Drei Jahre lebte ich wieder ohne ihn. Ich war aufleh-nend, angefüllt von meinem Ich, und trotzdem hat er mich nicht fallen lassen. Ich war erst 19 Jahre alt, nur mit mir selbst beschäftigt, innerlich leer, aber voller Stolz. Da kam Jesus zu mir. Wie kam er? Durch einen anderen Afrikaner. Jesus sendet Menschen, er begegnet uns durch andere Menschen. An jenem Tag kam ich sehr, sehr stolz von einem Trinkgelage. Da traf ich einen persönlichen Freund, der auch so jung war wie ich und Lehrer war. Er hatte gerade 3 Stunden, bevor er mich traf, zu Jesus gefunden. Wir begegneten uns auf der Straße, und er sprach mich wie einen Freund an. Er schaute mir dabei voll ins Gesicht und erzählte von seiner neuen Erfahrung mit Jesus Christus. Sehr ruhig und bestimmt sagte er: "Vor wenigen Stunden wurde Jesus für mich zu einer lebendigen Wirklichkeit. Mein Leben ist jetzt ganz anders gewor-den." Dann kam er auf unser Verhältnis miteinander zu sprechen und sagte: "Vergib mir, bitte."

Es gab nämlich 3 Dinge, die zwischen uns geschehen waren, und wegen dieser Dinge bat er mich um Vergebung. Während er zu mir sprach, bemerkte ich das Leuchten in seinen Augen. Es kam aus der Freude an Jesus. Ich sah ihn an und habe nur meinen Kopf geschüttelt. Zu mir selbst sagte ich: "Ich habe das nicht. Ich fühle mich leer. Mein Freund ist voll, ich bin wie ein Schatten." Mein Freund lebte wirklich, und ich ging ärgerlich weg. Als ich zu Hause war, kniete ich nieder und öffnete mein armes Leben Jesus. Und er kam hinein.

Das ist es, was man Andreasdienst nennt. Den Nächsten zu Jesus bringen. Wir meinen oft, nur besonders gut vorbereitete Leute, religiös aufgeschlossene, freundlich wirken-de, die seien auf den Glauben hin ansprechbar. Der Andreas geht zum ersten besten. Wir aber fürchten, das gibt nur Widerworte, da kommen Fragen, die ich nicht beant-worten kann, nur Unannehmlichkeiten. Und wir schweigen lieber. Oder legen uns eine fromme Ausrede zurecht. Es sei doch genauso wertvoll, wenn wir in der Stille, nicht mit aufdringlicher Anmache, auf Christus hinweisen.

Also ich habe da meine Zweifel, ob unsere christliche Lebensführung ein genügend deutlicher Hinweis auf Jesus ist. Wir haben ja auch unsere Schattenseiten. Dinge, die uns selbst gar nicht so auffallen, anderen um so mehr.
Was der Andreas für ein Typ war und ob seine Lebensweise überhaupt vorbildlich war, zum Glauben einladend, das spielt hier überhaupt kein Rolle. Er weist einfach mit wenigen Worten auf Jesus hin. Ganz schlicht. Er vollbringt gar nichts großes. Er hält keine Laienpredigt. Er verteilt keine Schriften. Er macht nur seinen Bruder auf Jesus aufmerksam und läßt die beiden dann allein. Das wenige, was er kann und tut, hat einen durchschlagenden Erfolg! Wir können ja keinen Menschen zu Jesus führen, wir können das nur in Gang bringen. Den Rest und die Hauptsache macht der Geist Gottes.

Kommen wir zum letzten und damit zu einem besonders heiklen Punkt: Was in der Familie passiert ist.

Der Andreas hat ja seinen Bruder Petrus zu Jesus geführt. Das geht nicht immer so erfolgreich zu. Aus der Bibel selbst stammen diese Erfahrungswerte: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause. Was weißt du, Frau, ob du den Mann retten wirst? Oder du Mann, ob du die Frau retten wirst?

Christliche Eltern sind traurig, wenn ihre Kinder andere Wege gehen, Umgekehrt können nichtchristliche Eltern das oft überhaupt nicht einordnen, wenn ihre Kinder den Glauben entdecken und auf einmal jeden Tag in die Gemeinde wollen. Hier läuft es in der Familie ganz harmonisch. Das ist selten genug. Andreas erzählt seinem Bruder begeistert von seinen Glaubenserfahrungen, und der tippt sich nicht an die Stirn, sondern bekehrt sich in der nächsten Stunde. Das geht nicht immer so. In manchen Familien verhärten sich die Fronten, wenn einer mit dem Glauben ernst macht. Aber es geschieht auch immer mal wieder das Wunder in manchen Familien, daß eine Offenheit wächst. In der Familie Jesu war es so. Da war erst eine große Skepsis, und viel später betreten auch die Brüder wie der Jakobus den Weg des Glaubens. Es ist so wichtig, daß wir niemand als verhärtet abschreiben.

Darum will ich zum Schluss noch von einer Familie berichten, wo sich etwas getan hat. Das ist lange her. Christoph Kurz war 15, als Anfang der 30er Jahre in den CVJM in Rosenberg/ Franken ein neuer Leiter kam. Der ließ die Jungs exerzieren. Das gefiel dem Christoph gar nicht, er mischte sich ein. Mit dem Erfolg, daß der neue Leiter ging und er selbst die Jungschar übernehmen mußte. Mit 66 Jungs. Das Programm in dem CVJM dort war Sport, Spiel, Spannung, und am Schluß kam grundsätzlich eine Andacht. Das machte dem Christoph Spaß.
Aber sein Gewissen sagte ihm: „Du kannst nicht Leiter sein, wenn´s bei dir selber nicht stimmt.“ Eines Tages begleitet ihn seine Cousine zum Bahnhof. Unvermittelt fragt sie: "Sag mal, hast du Jesus lieb?" Er erinnert sich: „Ja,ja,ja, war meine verlegene Antwort. Ich war heilfroh, dass ich bald in meinem Zug saß. Jetzt hatte ich 4 Stunden Bahnfahrt vor mir, aber an diesem Abend konnte ich nicht schlafen. Damals waren die Schienen noch nicht verschweißt, nur zusammengeschraubt. Das Eisen zog sich zusammen, deshalb waren zwischen den Schienen kleine Zwischenräume. Wenn die Räder darüberrollten, gab es ein regelmäßiges Rum-pum-pum-pum. Ja, und dann fingen die Räder plötzlich zu fragen an, hast du Jesus lieb, hast du Jesus lieb? Hatte sich denn alles gegen mich verschworen?

Allein auf meiner Bude kniete ich mich hin: Herr Jesus, du hast mich heute gefragt, ob ich dich lieb habe. Ich übergebe dir von dieser Stunde an mein Leben, und ich ver-spreche, du bringst mich nie wieder los. Von der Stunde an wurde ich ein fröhlicher Mensch und bin´s bis heute geblieben. Es ging nicht immer auf Rosen dahin, aber die Freude am Herrn blieb meine Stärke."
Und alles hatte angefangen mit der schlichten Frage seiner Cousine. So dürfen auch wir damit rechnen, dass Gott an Familien Wunder tut, in Familien Wunder tut. . Und wir dürfen uns selber wie der Andreas Gott zur Verfügung stellen, andere hinzuweisen auf das Lamm Gottes.

Lasst uns beten: "Lieber Vater im Himmel. Du kennst mich. Du kennst meine Familie, meine Geschwister. Du weißt, wie die einzelnen zu dir stehen. Bei welchen das noch jahrelang so bleiben wird, wie es jetzt ist. Bei welchen sich bald etwas ändert. Wir bitten dich: Gib uns Hoffnung für unsere Geschwister. Gib uns Hoffnung für die anderen, die uns nahe stehen. Gib uns den Mut, dass wir uns klar auf deine Seite stellen. Überwinde unsere Scheu und unsern Kleinglauben, damit auch heute Menschen zu Jesus finden. Darum bitten wir dich von Herzen. Amen."

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