Berufung beruht auf Begegnung

Jesus war keiner, der einsam durch die Lande zog. Er versammelte Menschen um sich herum, die ihm zuhörten, Fragen stellten, ihn kritisierten und sein Botschaft annahmen. Manche blieben nur kurz bei ihm. Andere blieben fest bei ihm. Jüngerinnen und Jünger blieben bei ihm – folgten ihm nach. Das war schon bei Johannes dem Täufer so. und da gab s auch welche, die von dem Täufer zu Jesus weitergingen.

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Die Geschichte beginnt mit dem Hinweis von Johannes: Das Lamm Gottes. Johannes hat die menschliche Stärke über sich selber hinaus zu zeigen auf den, den er für wichtiger hält. Und er macht deutlich, dass es bei diesem Gesandten Gottes, bei dem, den er so herausragend sieht, um keinen strahlenden Held geht, sondern um ein Opfer.

Das Lamm ist das klassische Opfertier und ein Hinweis darauf, welche Rolle Jesus in unserem Leben spielen will. Er will uns helfen, sich selbst mit seiner Existenz einsetzen, dass unser Leben gelingt. Und einen Beleg dafür, dass er so ganz anders ist, gibt die folgende Szene:

Da ist Andreas. Er hatte zu Johannes gehört, war mit ihm am Jordan und erkannte in Jesus den Messias, den Gesandten Gottes, das sagt er seinem Bruder Petrus. Von diesem Petrus wird beim Evangelisten Johannes nicht viel erzählt. Außer, dass Jesus ihn ansieht und sofort anspricht: Du bist ‚Kephas‘ = der Fels. Wir kennen Petrus aus vielen biblischen Geschichten. Er war nie hart wie Fels, eher wie Sand, geschmeidig anpassend, wicht er dem Druck aus oder machte sich breit, wenn Platz war. Er war derjenige, der den Herrn verleugnete. So ist der Fels, auf dem die Kirche aufbaut. Das Ganze mutete eher an wie eine Fehlkonstruktion.

Aber dieser Fehlbesetzung wohnt ein tieferer Plan inne. Die Kirche Jesus Christi baut nicht auf Stärke und Macht, sondern auf Wort Gottes und Dienst am Menschen. Und so werden Menschen mit Schwächen berufen, weil nur sie wissen, was Menschen brauchen. Kirche Jesu Christi kann nur dort wachsen, wo Menschen zu ihrer Schwäche stehen, wo Menschen nicht aufhören zu suchen nach Sinn und nach dem Willen Gottes in ihrem Leben.

Die erste Frage ist da schon wichtig: Wo ist deine Herberge?

Vielleicht haben sie schon den berühmten Spruch erwartet: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

Den kennt Johannes nicht oder will ihn hier nicht erzählen, vielleicht weil er voraussetzt, dass die Menschen, für die er sein Evangelium schreibt wissen, dass Jesus ohne eigene Herberge war, dass Jesus nur das besaß, was er am Leibe trug und abhängig war von Hilfe. Der Sohn Gottes macht sich abhängig von Menschen. Das ist die Beschreibung, die hier im Geiste ergänzt werden muss. Da ist alles so anders, als wir es gerne hätten, aber zugleich so spannend, weil es Werte verschiebt.

Die Frage nach einer Herberge war wohl auch die Frage nach Heimat, nach Schule, nach Ort, wo Fragen des Lebens diskutiert werden können. Dafür hatten ein Meister Jünger. Dafür hatte auch Jesus JüngerInnen. Aber seine Lehre findet nicht in abgeschlossenen Räumen statt, in akademischer Runde, seine Schule ist das Leben, genauer das Leben der armen Leute. Zu denen geht er sie beobachtet er aus ihrem Leben zieht er den Stoff für seine Gleichnisse und Gottesbilder. Dort soll auch seine Kirche ihre ‚Herberge‘ finden, bei den einfachen Leuten.

‚Was sucht ihr‘ ist die Frage Jesu – an die Beiden und an mich. Zur ersten Voraussetzung der Nachfolge gehört wohl die Suche. Ich muss mich bewegen, meine Sicherheit verlassen, alles richtig zu wissen und richtig zu machen. Ich muss lernen, mich selber auch mal in Frage zu stellen. Die festgefahrenen Ideen und Gedanken sind Feinde der Nachfolge. Wir kennen das aus der Politik, wo neue Bedingungen neue Antworten erfordern. Es gilt aber für viel mehr Fragen des Lebens – auch des christlichen Lebens. Immer neu muss ich mich Lösen aus Sicherheiten und in meiner Welt neue Antworten finden und geben.

Was die beiden Johannesjünger suchen ist die Bleibe Jesu, eine Schule, eines Station, dass sie bei ihm bleiben und hören können. Die Frage ‚wo wohnst du?‘, ist allerdings auch mehr als eine Frage nach der Adresse, es ist die Frage nach Orientierung: Wo dürfen wir dich ansiedeln, wo gehörst du hin? Nachfolge ist so auch einen Ort, eine Orientierung zu finden. Und Jesus gibt die richtige Antwort. Er lässt sich nicht festlegen auf einen Ort, sein Fels ist eher ein Wackelpudding. Bei ihm gibt es keine festen Regelwerke, bei ihm gibt es den Menschen und seine Bedürftigkeit. Die geben den Maßstab.

Vor gut zwei Wochen haben wir einen Höhepunkt parlamentarischer Kultur erlebt. Die Diskussion über die PID. Man kann darüber streiten und man muss darüber streiten, ob die Antwort richtig war. Wichtiger als dieser Streit bleibt aber, dass gewählte PolitikerInnen versucht haben – auch mit Unterstützung der Kirchen, eine Antwort zu finden auf neue Fragen, die dem leben und den Menschen dient.

Dafür ruft Jesus Menschen in seine Nachfolge, erlaubt ihnen Widerspruch und Sprunghaftigkeit. Weil wichtiger als alle Grundsätze und ewigen Wahrheiten bleibt – der Mensch.

Zur Geschichte des christlich-jüdischen Glaubens gehören immer wieder Versuche die Geltung der Gebote unbarmherzig durchzusetzen. Jesus setzt dagegen (oder dazu) den Weg der Liebe. Er geht auf Menschen wie Andreas und Simon zu. Er traut ihnen etwas zu und nennt diesen Wackelpeter Simon Fels – Petrus.

Auf der Suche braucht man Zeit und die Kraft einfach zu hören. Das Ziel zu finden, heißt anderen es zu sagen und sie einzuladen. Berufung beruht auf Begegnung.

Amen.

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