Versöhnung und Vergebung

Liebe Gemeinde!


Wer solche Brüder hat braucht keine Feinde! Verraten und verkauft haben sie ihren Bruder Josef, im wahrsten Sinne des Wortes: Sie haben ihn gekidnappt, an Sklavenhändler verkauft und ihrem Vater vorgelogen, dass Josef von einem Löwen gefressen worden wäre. Und der arme Mann hat schwer getrauert über den Tod seines Lieblings.

Gut, Josef war als Kind ein kleines Ekel. Er ist mit Geschenken überhäuft worden und wurde nach Strich und Faden verwöhnt. Vom Vater wurde er behandelt wie ein kleiner Prinz. Das war ungerecht vom Vater. Aber dazu kann doch das Kind nichts! Allerdings hat ihn das arrogant werden lassen, der Kleine hielt sich für den Größten und hat das seine Brüder spüren lassen. Und er hat sie verpetzt wo es nur ging.

Dass man da nicht gut zu sprechen ist auf den eigenen Bruder, ist verständlich, aber die Brüder sind eindeutig zu weit gegangen. Haben sie eigentlich eine Vorstellung was ihr Bruder als Kind während sie ihn gefangen hielten und auf dieser langen Reise nach Ägypten durchgemacht hat: Angst, Heimweh, schlechte Behandlung…

Josef wurde Haussklave in Ägypten. Das ging lange verhältnismäßig gut, bis ihn die Chefin fälschlicher Weise eines Verbrechens beschuldigt hat. Natürlich wurde der Herrin geglaubt und nicht dem Sklaven: er landete im Gefängnis.

Wie durch ein Wunder kam er da wieder raus: Er konnte als einziger die merkwürdigen Träume des Pharao deuten. Er sagte für Ägypten und die ganze Region kommt 7 Jahre mit sehr guten Ernten, alles im Überfluss, aber dann kommen 7 Hungerjahre! Und er hatte gleich noch einen Vorschlage wie man Vorräte anlegen konnte für die 7 schlechten Jahre. So hat er Ägypten gerettet und wurde ein mächtiger Mann am Hofe des Pharao.

Und dann standen sie plötzlich wieder vor ihm, aber sie erkennen ihn nicht, aber er weiß gleich, wer da vor ihm steht und um Nahrung bittet: Seine Brüder: abgemagert und hungrig. Ob Josef nicht all die Jahre von Rache geträumt hatte? Und so gibt er sich nicht zu erkennen, sondern fordert den jüngsten Bruder als Pfand, weil er die ganze Familie sehen will. Und er jagt ihnen noch einen gewaltigen Schreck ein, weil er sie des Diebstahls beschuldigt. Zumindest einmal sollen sie zittern und Angst haben.

Was hätte er nicht alles aus Rache mit Ihnen tun können! Wer weiß wie oft er darüber nachgedacht hat. Er müsste nicht mit ihnen reden, er hätte sie auch einfach in ihre Heimat zurückschicken können, ohne Nahrung. Zurück zu dem Vater, der ihn so verzogen hat, der die Lügen geglaubt hat und nicht nach ihm suchte. Zurück in den Hunger, sollen sie doch sehen wie sie zurecht kommen, ihnen war es ja auch egal, was aus ihm wurde. Verraten und verkauft haben sie ihn. Wer solche Brüder hat, braucht keine Feinde.

Stattdessen lässt er sie reden und hilft ihnen sogar, er lässt sie nur ein bisschen zappeln. Schließlich hilft er ihnen sogar, statt sich zu rächen.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Josef ist der Überzeugung: Wäre er nicht in Ägypten die rechte Hand des Pharao geworden, hätte er seine Familie nicht vor dem Hungertod bewahren können. Es hat also einen guten Sinn bekommen, was ihm angetan wurde, und schließlich ist es ja auch für Josef gut ausgegangen. Josef sieht darin Gott am Werk: Auch böse Pläne kann Gott in etwas Gutes verwandeln.

Und als Josef dann sein Vater umarmen kann, vertragen sich alle wieder. Die ganze Familie zieht nach Ägypten. Und es geht ihnen dort gut.

Haben sie das verdient? Scheinbar sind die Brüder selbst der Ansicht, dass sie Strafe verdient hätten, denn so ganz trauen sie dem Frieden nicht. Nach dem Tod des Vaters befürchten sie das Schlimmste. Jetzt, wo es den Vater nicht mehr belasten kann, hätte Josef freie Hand, sich an ihnen zu rächen. Haben sie nur Angst oder haben sie auch ein schlechtes Gewissen? So ganz deutlich wird das nicht. Aber sie greifen mal wieder zu einer Lüge um sich zu schützen: Sie behaupten, der Vater habe auf dem Sterbebett gesagt: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben.

Das ist schon dreist. Andererseits schaden sie keinem damit. Es geht ja nicht um Geld und Gut, das sie sich ergaunern wollten, sondern um Frieden. Den Frieden, den sie eigentlich schon seit Jahren genießen. Haben sie überhaupt einen Anlass sich zu fürchten?

Sie erfinden einen letzen Willen, vermutlich weil sie von sich auf andere schließen: Wenn sie an Josefs Stelle wären, dann würden sie jetzt zuschlagen und Rache üben für das erfahrene Unrecht.

So ist Josef aber nicht. Trotz des Unrechts, das er hinnehmen musste, trotz Sklaverei und ungerechter Behandlung ist aus ihm kein verkniffener, bitterer Mann geworden. Er könnte der verlorenen Heimat hinterher trauern. ER könnte sich über seine verloren Jugend beschweren und unzufrieden sein, weil ihm seine Brüder so übel mit gespielt haben.

Wie viele Menschen können ein erlittenes schweres Schicksal nicht verwinden. Wie viele Menschen bleiben so in der Vergangenheit und dem was sie verloren haben gefangen, dass sie keinen Blick für die Gegenwart haben, immer unzufrieden sind, allen und jedem nur argwöhnisch begegnen können. Es blockiert sie so sehr, dass sie keinen wirklichen Neuanfang schaffen.

Aber all das tut Josef nicht. Im Gegenteil er freut sich über das, was er in Ägypten erreicht hat, freut sich über sein Glück und ist zufrieden. Alles ist gut ausgegangen, er ist gesund und hat sich ein gutes Leben erarbeitet. Josef sieht keinen Grund sich zu beschweren oder zu jammern. Er kann sogar großzügig auf seine Familie zugehen und sie aufnehmen und beschenken. Seine Seele hat keinen Schaden genommen. Er kann sein Leben in die Hand nehmen und in die Zukunft blicken. Das ist vielleicht die eigentliche Gnade. Gott bewahrt ihn vor Verbitterung und Rachsucht. Er schenkt Josef die Fähigkeit zu vergeben und einen Neubeginn zu wagen. Die Vergangenheit hält ihn nicht gefangen, deshalb ist er frei für Gegenwart und Zukunft.

Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern hätte auch anders ausgehen können.

In Schweigen, Verbitterung und Einsamkeit, wie in vielen Familien. In Rache und Tod, wie zwischen vielen Völkern. Dann hätte es nur Unheil für alle gegeben.

So aber, durch die Versöhnung und die Vergebung gibt es Frieden und Gemeinschaft für alle. Wer solch einen Bruder hat, hat den besten Freund.

Amen.

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