Menschenfischer oder Aquarienverwalter?

[Am 24.07. werden bei uns im Gottesdienst im Grünen (und: hoffentlich nicht im Feuchten) die neuen Konfirmanden vorgestellt. Ich meine: Eine leichte Sommerpredigt ist dran. Ich habe Lust, eine Geschichte zu erzählen … oder mehrere, ein kleiner Querschnitt durch das Evangelium.]
Johannes 1 35 Johannes der Täufer und zwei seiner Jünger waren am nächsten Tag wieder an dieser Stelle, 36 als Jesus vorüberging. Da zeigte Johannes auf ihn und sagte: »Seht, dies ist Gottes Opferlamm!« 37 Als die beiden Jünger das hörten, folgten sie Jesus. 38 Jesus drehte sich zu ihnen um, sah sie kommen und fragte: »Was sucht ihr?« Sie antworteten: »Wo wohnst du, Meister?« 39 »Kommt mit und seht selbst, wo ich wohne!«, sagte Jesus. Es war ungefähr vier Uhr nachmittags, als sie mit Jesus gingen; und sie blieben bei ihm bis zum Abend.

40 Einer der beiden, die Jesus auf das Wort des Johannes hin gefolgt waren, hieß Andreas, der Bruder von Simon Petrus. 41 Wenig später traf er seinen Bruder Simon und erzählte ihm: »Wir haben den Messias gefunden, den von Gott versprochenen Retter!« 42 Dann nahm Andreas seinen Bruder mit zu Jesus. Der sah ihn an und sagte: »Du bist Simon, der Sohn des Johannes. Du sollst Petrus heißen!«

Da sitzen sie, die beiden alten Männer, das Gesicht von der Sonne gegerbt und vom Leben gezeichnet: Andreas und der Andere. Sitzen auf einem angeschwemmten Baumstamm drunten am Ufer von Kafarnaum.
Es ist Morgen. Am Ufer arbeiten Fischer an den Booten, einige, die von fern eingelaufen sind, bergen noch ihren Fang begleitet von den kritischen Blicken der Anderen, wieder andere sind schon dabei, die Netze aufzuhängen, auszubessern. Daneben haben Kinder einen Damm gebaut, junge Fische gefangen und in ihren kleinen See eingesetzt.
Vor den beiden der See, spiegelglatt und im Dunst gegenüber der Golan.

*

„Das waren noch Zeiten, damals, vor ein paar Jahren mit Jesus“, meint Andreas.
„Ja, kaum zu glauben, dass das schon wieder so lange her ist: spannende Jahre waren das. Weißt Du noch? Damals auf dem See?“ Er deutet hinaus.
„Der Sturm? Ja. Das war heftig. Ich habe keinen Schekel mehr für mein Leben gegeben. Und dann Jesus, steht auf, brüllt in den Sturm – und das ganze Getöse bricht in sich zusammen. Und uns hat er dann gefragt, weshalb wir so wenig vertrauen haben …“
„Vertrauen – Glauben. Ja, das war immer wieder sein Thema. Warum vertraut ihr nicht? Mir. Gott. Dem Leben. – Irgendwie hat er ja recht gehabt.“
„Irgendwie?“
„In Ordnung, ja: Rumeiern hilft ja nichts: Er hat recht. Und wir mit unserem bisschen Glauben standen am Ende beschämt da.“
„Aber Er hat’s uns nie spüren lassen. Spannende Jahre, die mit Ihm.“
„Ja. Als er uns zu sich gerufen hat, hatte ich keine Ahnung, was auf uns zu kommt. Losziehen, mit Ihm, einfach so und nichts dabei als das Allernötigste. Und am Morgen nicht wissen, was der Tag bringt und schon gar nicht, wo wir am Abend sein würden …“
„Und trotzdem hat das immer wieder geklappt, jeden Abend.“
„Hm, ja – Die Abende und die Tage, als die vielen Menschen zu Ihm kamen. Mir scheint, dass er immer nur ein Thema hatte „Das Reich Gottes ist nahe.“ Ändert Euch – lebt so, wie das vor Gott und vor dem Menschen um Euch richtig ist. Manchmal denke ich: Da, wo er war, da war das Reich Gottes war mitten unter uns.“

„Die können sich freuen, die Frieden stiften. Und die, die jetzt Leid tragen. Die, die Unrecht erleiden müssen …“ Der andere wiederholt Sätze Jesu aus der Erinnerung. „Und das: Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Kraft und all Deinem Verstand – und Deinen Nächsten wie Dich selbst.“

„Und da waren die Menschen, deren Leben er wieder in Ordnung brachte: Der Zachäus, dieser Kerl, den niemand leiden mochte, weil er von morgens bis abends betrog. Der ist bei Jesus ein anderer Mensch geworden, fing an zu teilen, dass es mir ganz unheimlich wurde. Und die Leute konnten mit ihm und seiner Familie wieder was anfangen. Und entsinnst Du Dich, als wir nach Gadara kamen und dieser Wilde da auf uns zukam – völlig durchgeknallt, Steine in der Faust und hätte uns am liebsten erschlagen. Und dann Jesus, der Mann fällt vor ihm nieder, schreit, verstummt dann – und wird von seinem Wahnsinn geheilt.“

„Möchte wissen, wie er das gemacht hat.“
„Das weißt Du doch: Erinnerst Du Dich an den Morgen in Kafarnaum als wir aufwachten und keine Spur von Jesus? In den Weinbergen hinter der Stadt haben wir ihn gefunden. Er hat gebetet. Laut. Innig. Immer wieder mit Pausen, als ob er in sich, auf Gott hörte. Ein richtiges Gespräch. – Das war doch seine Kraftquelle: Ganz nah bei Gott und ganz nah bei den Menschen.“

„Ja. So kams wohl auch, dass er die Vielen heilte ..“
„… ja – und sogar Tote wieder ins Leben rief: Das kleine Mädchen, „Talita kumi“ – „Kleine, steh auf“ hat er nur gesagt. Und den jungen Mann schon auf dem Weg zum Totenacker. Und den Lazarus.“
„Das hat ihm dann auch das Genick gebrochen. Seltsam – gerade dass er das Leben leben ließ, das hat dafür gesorgt, dass die Hohepriester ihn festsetzen liessen und am Ende ans Kreuz brachten.“
„Ja, die! Die hatten doch nur Angst um ihr eigenes Ansehen, vor Aufruhr, vielleicht sogar vor Leben, richtig lebendigem Leben.“
Wir waren damals ziemlich fertig. Was sollte jetzt werden. Dabei hätten wir wissen können, dass das Kreuz nicht das Ende ist. Hat er doch schon vorher gesagt.“
„Das war schlimm damals, das ging unter die Haut und hat weh getan. Aber als wirs kapiert haben, da sind wir auch auferstanden. Auferstanden aus unserer kleinen Welt und unserem kleinen Vertrauen – hinein in das große Vertrauen in Gott. Ob es immer solche Nagelproben fürs Vertrauen braucht? Und ob die immer so weh tun?“

„Weiss nicht. Hoffentlich nicht. – Aber dann zum Abschied hat er uns den Auftrag gegeben da weiter zu machen, wo Er aufgehört hat: „Geht hin … sagt weiter, was Ihr gehört und erlebt habt … lehrt Menschen so zu leben wie ich, aus dem Vertrauen in Gott … tauft sie.“
„Damals habe ich gedacht: Daraus wird nie etwas – wir so wie er? In alle Welt? Das kann nicht gut gehen.“

„Aber dann Pfingsten und Sein Geist ganz nah – und wie wir gegangen sind und wie es geklappt hat trotz allen Widerständen.“
„Und wie weit. Bis nach Rom. Aber da ist Petrus umgebracht worden. Das war nicht er Einzige. Petrus ist nicht auferstanden.“
„Petrus? Ach ja: Petrus. Da oben sind wir groß geworden.“ Andreas zeigt schräg hinter sich auf die kleine Stadt. „Erinnerst Du Dich noch an die Geschichte mit seiner Schwiegermutter?“
„Ja, bei Euch waren wir abends gut versorgt. Und dann der Abend, an dem wir eintreffen und „Nein, heute nicht. Sie ist krank. Und Jesus geht trotzdem hinein, legt ihr die Hand auf und im Nu ist das Fieber weg. Wunderbar – Er eben.
Aber stimmt: Petrus ist nicht auferstanden. Jedenfalls nicht für uns und nicht wie Jesus damals. Aber er ist sicher doch auferstanden – mitten hinein in Gottes neue Welt.“

*

„Da sitzen wir jetzt mit unseren Erinnerungen und lassen nus die Sonne auf den Bauch scheinen. Ob das für die nach uns genau so abenteuerlich weiter geht wie für uns? Dass von Christus sprechen und von Gottes neuer Welt und vom anders leben, schwesterlich, brüderlich, so lebensgefährlich bleibt wie es ist?“
„Weiss nicht. Aber was weiß ich schon.“ Er kichert in sich hinein, zeigt hinüber zu den Kindern an ihrem kleinen See mit den jungen Fischen drin: „Kommt darauf an, ob sie Menschenfischer bleiben oder nur ihr Aquarium anschauen und verwalten.“

*

Kommen wir zurück nach Goldscheuer. „Kommt darauf an“, hat er gesagt. „Kommt darauf an, ob wir Menschenfischer oder Aquarienverwalter sind.“

Christus:
Ich will Euch zu Menschenfischern machen. Kehrt deshalb um, ändert Euch. Lebt, wie es in Gottes neuer Welt sein soll. Nicht nur gemütlich freundlich, Vielmehr schwesterlich, brüderlich. Jeden Tag. Denn Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie sehen, wo ihr bisschen Leben Sinn, Halt und Ziel hat.“ Amen.

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