Gott gedenkt es gut zu machen

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde, liebe Gäste,
ein Junge weint nicht. Und ein Mann erst recht nicht. Und ein mächtiger Mann, der zweite Mann im Staate, schon gar nicht.
Und nun hat Josef Tränen in den Augen. Sie rinnen ihm über die Wangen und er schämt sich nicht. Ab und an zieht er das kostbare Taschentuch hervor und wischt sich die Augen aus, um die Männer vor ihm wieder klar sehen zu können.

Diese elf Männer, die da in der Weite des Palastsaales vor seinem Thron stehen, klein und gebückt, wie Bittsteller. Männer ohne Stolz. Männer ohne Rückgrat. Die Kopfe demütig gesenkt.
Wie klein sie sich machen, denkt er. Viel kleiner, als sie sind. Warum tun sie das? Warum schauen sie mir nicht in die Augen? Warum können sie mir immer noch nicht ins Gesicht sehen, nach allem was war?

Schon einmal standen sie hier vor ihm. Schon einmal musste er alle Kräfte aufbieten, um nicht die Fassung zu verlieren. Und er hatte sich dann doch nicht in der Gewalt. Er hatte geweint, laut und ohne alle Hemmungen, im ganzen Palast war es zu hören.

Damals hatte er diesen elf Männern gesagt, wer er ist: ihr Bruder. Der zweitmächtigste Mann im Staate Ägypten, ihr Bruder Josef. Ihr Bruder Josef, den sie eigentlich töten wollten und dann „nur“ an Sklavenhändler verkauften.
Er war die vielen Stufen hinuntergestolpert und allen der Reihe nach um den Hals gefallen. Und hat bei jedem von ihnen seinen Tränen freien Lauf gelassen. Er hatte sie wieder. Seine Brüder. Nach allem, was war.
Als Mächtiger hatte er ihnen gegeben, was in seiner Macht stand und was sie dringend brauchten: Korn und damit Brot, Überleben und Zukunft.
Kein Gedanke daran, sie zu bestrafen, keinerlei Rachegefühle hatten ihn bestimmt. Er hatte seine Brüder wieder und damals nur noch einen sehnlichen Wunsch: den alten Vater wiederzusehen. Jakob. Dessen Lieblingssohn er war, die ersten 17 Jahre seines Lebens. Und so schickte er die Brüder nach Hause, den Vater holen.
Das ist jetzt fast 20 Jahre her.

Jakob kam und er in seiner Position tat dem Vater alles erdenklich Gute. Bis zu seinem Tod.
Josef muss schlucken. Der Vater – tot. Inzwischen begraben bei seinen Vätern im Lande Kanaan in der Höhle auf den Feldern bei Machpela, die Abraham gekauft hatte. Mit der ganzen Familie sind sie nach Kanaan gezogen, alle mussten mit. Sogar seine Regierungsräte und Staatssekretäre. Und er führte den Zug an, gemeinsam mit seinen Brüdern.
Das letzte, was Jakob in seinem Leben tat, war das Segnen seiner Söhne. Allen Zwölfen legte er die Hände auf. Alle hat er gesegnet. Die Elf da unten und ihn.

Und nun haben seine Brüder noch nicht einmal den Staub aus ihren Kleidern geschüttelt und stehen wieder vor ihm. Da unten. Wie damals. „Josef, Vater hat gesagt!“ Sie sagen das mit einem trotzigen Unterton, es klingt wie: „Vater hat angewiesen… du musst. Du musst seinen letzten Willen erfüllen.“
Sie stehen da, wie in die Enge getriebene Tiere. Er sieht die Furcht in ihren Augen, wenn sie kurz den Blick erheben.
Seine Brüder. So voller Angst. Nach allem was war. Hatte er ihnen nicht geholfen? War er nicht stets freundlich zu ihnen. Hatte er seinen Tränen nicht freien Lauf gelassen, an jeder einzelnen Brust geschluchzt und geweint? Sich gezeigt, sich geöffnet, sich zu erkennen gegeben – Offenheit riskiert?

Warum kommen sie ihm jetzt mit diesem Trick. Mit dieser geborgten Autorität. „Vater hat gesagt…“
Vater hat nichts davon gesagt. Er hat sie gesegnet. Er hat sie gesegnet, alle! Und als wäre das nichts, haben die Elf da unten Angst um ihre Zukunft. Trauen ihrem Bruder tatsächlich zu, sich jetzt noch zu rächen und ihnen Böses anzutun. Jetzt noch. Immer noch! Nach allem, was war.

Die Tränen schießen ihm erneut in die Augen. Enttäuschung und tiefe Traurigkeit füllen ihn aus.
Wird denn dieser Unterschied zwischen ihnen immer bleiben? Dass sie so anders denken, als er. Dass sie so kurzsichtig sind, und eigentlich immer Angst haben, zu kurz zu kommen.
So war es schon immer. Er war der Lieblingssohn, der Sohn der einzig geliebten Frau seines Vaters. Seine Brüder hatten andere Mütter, bis auf Benjamin. Immer gab es diese unsichtbare Trennlinie zwischen ihnen. Er hatte diese Träume. Die kamen, ohne dass er sich dagegen wehren konnte. Alle verbeugen sich vor ihm, so träumte er. Er war so naiv, allen davon zu erzählen. Damals wurde dieser Spalt tiefer.

Und nun stehen sie da unten vor ihm und seinem Thron, wie damals vor 20 Jahren, mit gebeugtem Rücken, als sie um Korn bettelten für ihre Familien. Wie in seinem Traum: Als sich elf Garben vor der zwölften verneigten.
Wie seltsam hat sich diese Prophezeiung erfüllt.
Warum können nicht alle Garben aufrecht stehen? Warum erniedrigen sich seine Brüder, mit allerlei Hilfskonstruktionen seine Gnade zu erreichen. Mit einer Lüge seine Freundlichkeit zu befehlen? Ihr Überleben zu sichern? Seine Liebe zu gewinnen? Die haben sie doch schon immer. Die steht doch außer Frage. Trotz allem, was war.

Josef trauert. Tief sitzt der Schmerz. Er trauert immer noch um den verlorenen Vater. Und dazu nun noch um seine immer noch verlorenen Brüder. Warum lernen sie nichts dazu. Warum finden sie keinen Ausweg aus ihrem ewigen schlechten Gewissen? Vielleicht wollen sie da gar nicht raus? Oder können sie es nicht? Vielleicht geht das ja auch gar nicht, sich selbst so etwas vergeben können.
Aber er hatte sich doch deutlich geäußert. Er, das Opfer, der einzige, der das Recht dazu hat. Er hatte ihnen vergeben. Schon damals.
Ist denn nichts davon bei ihnen angekommen? In all den Jahren? Er hätte nicht mehr tun können, um ihnen gut zu sein. Warum vertrauen Sie ihm immer noch nicht? Ist es seine Machtposition, seine Rolle, die den Riss nicht heilen lässt? Oder ist der Riss selbst so tief, dass er nie wirklich heilen kann? Dieser beinahe Brudermord – unverzeihlich für alle Zeit?

Als würde die Autorität des Familienoberhauptes noch nicht ausreichen, fahren die Elf nun noch schwereres Geschütz auf, um ihn, den scheinbar Übermächtigen, zu besänftigen. Zorn zu tilgen, den er gar nicht hegt. Rache abzuwenden, an die er nicht denkt.
„Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!“
Als letzte entwaffnende Waffe wird nun auch noch Gott herangezogen. „Wir dienen demselben Gott wie dein Vater. Du wirst doch diesen Gott nicht erzürnen wollen, den Gott deines Vaters. Vergelte nicht Böses mit Bösem – um Gottes Willen…“

Josef schießen wieder die Tränen in die Augen. Was wisst ihr vom Gott unseres Vaters. Vom Gott unserer Väter.
Wieder dieser Unterschied: Für Euch ist er ein Hilfsmotor, den ihr anwerft, wenn es nicht so läuft, wie ihr es euch wünscht. Eine Autorität, hinter der ihr euch versteckt, wenn ihr Angst habt. Warum versagt ihr mir euer Vertrauen und stellt stattdessen Gott zwischen uns?
Ja, denkt Josef weiter, warum bietet ihr diese allerletzte und allerhöchste Instanz auf, um mich zu beeinflussen? Seht ihr mich so weit oben, so mächtig, dass mich allein Gott noch bremsen kann? Seht ihr am Ende mich in der Rolle Gottes, in der Rolle dessen, der über Leben und Tod entscheidet?

Da werfen sich die Männer vor Josefs Thron auf den Boden und rufen gemeinsam: „Wir sind deine Sklaven!“ – Jetzt weiß Josef, dass er Entscheidendes sagen muss.
Sorgsam wählt er seine Worte. Sie bereiten ihm Mühe, die Kehle ist ihm wie zugeschnürt.
Aber er will noch ein letztes Mal Offenheit riskieren. Einblick in sein Herz geben. In sein Denken, dass seine Brüder schon immer nur so schwer verstanden haben. Er will versuchen ihnen zu erklären, dass er alles, was geschehen ist, aus einer ganz anderen Perspektive sieht. Und dass er, der vermeintlich Große in Ägypten, sich selbst und sein ganzes bisheriges Dasein in einer anderen Rolle sieht.

Und so stellt er klar:
Bin ich denn an Gottes Statt?
Warum seht ihr Euer Schicksal in meinen Händen und fürchtet meine Vergeltung? Liegt doch der Grund für Euer Leben und euer Überleben nicht bei mir, sondern in Gottes Händen. Und sein ist auch die Rache, wenn er sie denn hegen würde.
Aber auch Gott will euch nichts Böses. Er will euch Gutes. Er gedachte und gedenkt, es gut zu machen. So sehe ich das.

Warum fürchtet ihr euch vor mir? Wenn, dann müsstet ihr euch vor dem Allmächtigen fürchten. Aber auch diese Furcht wäre – o Wunder – umsonst. Gott gedachte es gut zu machen.
Indem er so spricht, ahnt er, welche Ungeheuerlichkeit er da ausspricht: Ihr gedachtet es böse zu machen. Klar und ohne Beschönigung wird benannt, was geschehen ist. Und über diesem menschlichen Treiben, über den Riss hinweg, trotz Angst und Abstand, trotz Mordabsicht und Verrat, hat Gott seinen Plan durchgesetzt. Seinen Rettungsschirm aufgespannt. Nun stehen sie vor ihm. Seine Brüder. Nach zwei Hungersnöten lebendig mit ihren Familien.

Wäre er, Josef, der spätere Große im Staate Ägypten, damals von seinen Brüdern ermordet oder im Brunnen, in den sie ihn warfen, verdurstet, die Geschichte des Volkes Gottes wäre zu Ende gewesen. Die Verheißung an Abraham, er werde ein großes Volk begründen, sie wäre buchstäblich mit ihm gestorben.
So aber hat Gott alles gut geführt. Und dabei so viel Böses zugelassen, so viel Schlimmes eingewoben, so viel Schuld hingenommen, so viel Angst nicht verhindert. Er hat gelitten. Und seine Brüder leiden immer noch. Bis hinein in diesen Augenblick.

„Fürchtet euch nicht…“ noch einmal und noch einmal kommen diese Worte über Josefs Lippen.
Wenn ihr schon Angst haben wollt, dann nicht vor mir. Aber, ihr seht es, auch Gott will euch Gutes. Dass Gott euch gut ist, erkennt ihr an meinem Verhalten. So viele Jahre habe ich mich um Eindeutigkeit bemüht. Damit ihr an meinem Umgang seht, wie Gott mit euch umgeht. In diesem Sinne stand ich an Gottes Statt. Und doch: ihr habt immer noch Angst. Vor mir. Und eigentlich vor Gott.

Josef ist immer noch zum Heulen. Aber er geht noch einmal auf seine Brüder zu, geht ihnen entgegen und redet freundlich auf sie ein, wie man verängstigte Kinder tröstet. Er spürt den Abstand und will doch bei seinen Brüdern sein. Er versteht nicht, warum sie seiner und der Güte Gottes nicht vertrauen können und umarmt sie dennoch herzlich und innig. Wie damals. Jeden einzelnen. Bei Benjamin angefangen.
Gott gedachte es gut zu machen. Gott gedenkt es gut zu machen. In allem, was war. Seltsam, ihn, das Opfer, tröstet dieser Gedanke unendlich.

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