Die astreine Familiensaga

Eine Familiengeschichte aus sehr alter Zeit.
Eine Familiensaga würde man heute wohl sagen.
Meine Mutter liebt so was – Familiensagas.
Im Fernsehen oder als Roman die Geschichte einer Sippe über mehrere Generationen zu verfolgen,
meist im Zusammenhang des Erlangens und Verlierens von Besitz.
Und weil meine Mutter und ich immer Bücher tauschen,
komme ich dann auch in den Genuss,
dass bei mir drei 1200-Seiten-Wälzer im Bücherschrank stehen.
Sissi ist nichts dageben.
Diese Schinken lese ich dann
Band 1 zum einschlafen,
Band 2 mit wachsender Begeisterung,
Band 3 mit dem Gefühl, dass das doch so ähnlich schon drei Generationen vorher in Band 1 vorkam
und dass mich der Plot doch irgendwie an das Werk erinnert,
dass meine Mutter mir vorletztes Jahr als Urlaubslektüre hatte zukommen lassen.

Eigentlich sind sich diese Familien-Geschichten nämlich immer ganz ähnlich.
Kurz zusammengefasst geht es darum
die eigene Scholle, oder den Familienbetrieb durch die Krisen der Zeit zu bekommen,
und innerhalb der Familie unter den Erben die Spreu vom Weizen zu trennen,
damit nicht alles den Bach runtergeht,
denn natürlich gibt es mindestens ein schwarzes Schaf im Rudel,
und – nicht zu vergessen – geht es in solchen Werken um Liebe und Tod, Hass und Versöhnung – und nicht zu knapp.

Dem steht die Bibel um nichts nach.
Die Vätergeschichten haben alles,
was wir für eine anständige Saga brauchen.
Es ist eine astreine Familiengeschichte,
es geht um Land und Besitz,
es geht um Betrug und Sehnsucht,
um Verrat und Versöhnung,
es geht um die Sorge um den Erben,
da müssen Krisen bewältigt werden und
schließlich – am Ende – wendet sich alles zum Guten.

Kurzzusammenfassung:
Abraham und Sarah verlassen ihr Vaterland, um in ein Land zu kommen, dass Gott Abraham verspricht.
Er will seine Familie zum großen Volk machen.
Tatsächlich wird Sarah trotz hohem Alter schwanger und schenkt Abraham einen Sohn: Isaak.
2. Generation: Isaak heiratet Rebekka, eine Verwandte aus der Alten Heimat der Eltern. Rebekka gebiert Zwillinge: Esau und Jakob,
beide sind sich nicht sehr zugetan. Schließlich muss Jakob vor Esau flüchten, nachdem er seinen Bruder um den Erstgeburtssegen betrogen hat. Wohin? In die alte Heimat zur Familie der Mutter.
3. Generation: Jakob verliebt sich in die Cousine Rahel, dient 7 Jahre für sie, um schließlich von deren listigem Vater mit dessen ältester Lea verheiratet zu werden. Als der Schwindel auffliegt, ist es zu spät.
Nicht so schlimm, schließlich durfte man damals mehrere Frauen heiraten. Jakob darf auch Rahel heirateten, muss aber nochmals dienen.
Die beiden Frauen treten gegeneinander an, jede will Kinder gebären.
Nach damaliger Sitte werden auch die Sklavinnen der beiden Frauen mit einbezogen. Schließlich ist Jakob Vater von 11 Söhnen und einer Tochter. Bei der Geburt des 12. Sohnes stirbt Rahel.
Rahels Söhne sind Jakobs Lieblingskinder, besonders der ältere – Josef – wird nach Strich und Faden verwöhnt.
4. Generation: Josef wird von seinen eifersüchtigen Brüdern nach Ägypten verkauft. Dort gelingt ihm ein sagenhafter Aufstieg vom Sklaven zum zweitmächtigsten Mann im Land,
nachdem er den Pharao vor einer kommenden Hungersnot warnt und Ratschläge zur Rettung des Landes gibt.
Nach Jahren des Hungers kommen auch die Söhne Jakobs nach Ägypten um dort Getreide zu kaufen. Josef erkennt seine Brüder sofort, sie ihn aber nicht.
Josef testet seine Brüder bevor er sich ihnen zu erkennen gibt und die ganze Familie einlädt, bei ihm in Ägypten zu leben, wo es keinen Hunger gibt.
Dort stirbt Jakob, der Vater.
Er wird nach seinem Willen in dem Familiegrab in Kanaan bestattet, das einst sein Großvater Abraham gekauft hatte. Im Land, dass Gott seiner Familie versprochen hatte.
Und nun: Ende gut? Alles gut?
Noch nicht ganz.
Ich lese Ihnen den Schluss der Überlieferung:

15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein
und uns nun alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.
16 Darum ließen sie ihm sagen:
Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:
17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben.
Nun vergib doch diese Missetat uns,
den Dienern des Gottes deines Vaters!
Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten.
18 Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.
19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht!
Stehe ich denn an Gottes statt?
20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen,
aber Gott gedachte es gut zu machen,
um zu tun, was jetzt am Tage ist,
nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.

Liebe Gemeinde!
Im nach hinein kann der Mensch oft klarer sehen,
wo Sinn und Zweck eines Umweges lagen,
den man im Leben vielleicht machen musste und der jede menge Mühe gemacht hat.
So sieht es auch der Urenkel Abrahams – Josef – nach dem Tod seines Vaters. Er hatte viel erlebt.
Er war ein verzogenes und eingebildetes Bürschchen gewesen,
seine Brüder hatten ihn gehasst und verkauft.

Er wurde ins Leben geworfen und musste von einem Tag auf den anderen plötzlich sehen, wie er zurechtkam.
Schnell begriff er, wie die Welt läuft, und hat mit allen Kräften versucht, das beste aus seiner Situation zu machen.
Dabei hat er mächtig rangeklotzt.
Ein Faulpelz war er nicht und Gott segnete, was immer er in die Hand nahm.

Er kommt an die Macht, wird sozusagen Vice-Pharao.
Er nutzt diese Macht, um ein Land am Leben zu erhalten.
Er rächt sich auch nicht, als seine Brüder vor ihm stehen,
auch wenn er sie ängstet. Er will erst wissen, wie sie geworden sind.
Ob sie etwas dazugelernt haben.
Sie enttäuschen ihn nicht, erzählen sogar von ihrer Schuld und von der Trauer des Vaters.
Josef holt sie zu sich – alle, damit sie nicht verhungern – sicherlich – aber auch, damit er seine Familie um sich hat – die er liebt.
Das also war der Zweck,
dafür waren all die Mühen und manche Plage,
damit sie am Ende miteinander und füreinander da sein können.

So übermitteln die letzten Worte Josefs eine wichtige Botschaft.
Lebenswege, Kurven, Abkürzungen und Umwege sind oft mühsam und schmerzhaft,
aber mitunter haben sie einen ganz tiefen Sinn,
auch wenn wir erst viel später verstehen.
Dann verlieren sich sogar die so eindeutig gewähnten Rollen von Gut und Böse.
Gott kann uns in einer bösen Geschichte so führen,
dass wir am Ende vielleicht sagen, dass es eine gute Geschichte gewesen ist,
weil wir ohne den Schmerz oder jenen Verrat vielleicht nicht die Richtige Kurve für unser Leben bekommen hätten.

Josef kann sagen: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen,
aber Gott gedachte es gut werden zu lassen.
Nicht nur für mich sondern für uns alle, denn was mit einer bösen Tat begann ernährt uns heute hier in Ägypten, wohin ihr mich verkauft habt. Diese böse Tat damals hat uns allen das Leben gerettet.“

Josef kann das so sagen, weil er von einem guten Ende auf sein Leben zurückblicken darf.
Trotzdem müssen wir uns enthalten einem Menschen in großem Unglück zu versprechen, dass alles gut wird und dass es sich vielleicht später als Glück erweisen kann.
Das wäre zynisch.
Aber wir können selber daraus lernen,
Geduld zu haben und darauf zu vertrauen,
dass Gott unser Leben in seiner Hand hält,
auch in Zeiten, in denen die Sonne nicht scheint und das Leben zur Last wird.
Glauben – Vertrauen – dass es weitergeht.
Und dass es einen Sinn hat, auch wenn wir ihn nicht erkennen.
Auch wenn wir ihn vielleicht nie erkennen werden.
Vielleicht werden erst unsere Urenkelkinder begreifen.

Und nun: Ende gut? Alles gut?
Noch nicht ganz.
Die sind noch nicht wieder auf ihrer Scholle, in dem Land, das Gott Abraham und seinen Kindern versprochen hatte.

Fortsetzung im folgenden Buch, Buch Exodus,
auch zweites Buch Mose genannt.
Erzählt die spannende Geschichte, wie es viele Generationen später den Israeliten gegen denn Willen des ägyptischen Diktators gelingt, über die Grenze zu flüchten und nach zahlreichen Krisen und Abenteuern in das Land zu kommen, das Gott Abraham versprochen hatte.

Und der Friede Gottes, der höher ist als…

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