Suchen und finden

Liebe Gemeinde,

ich freue mich, dass Sie heute in diesen Gottesdienst gekommen sind. Ich sehe, dass sich viele von uns in besonderer Weise darauf vorbereitet haben, z.B. indem sie tatsächlich die Sonntagskleidung angezogen haben – auch, um damit Alltag und Feiertag zu unterscheiden.

Was würde nun passieren, wenn in unsere Mitte plötzlich Menschen dazu kommen würden, die nach unseren Maßstäben all diese Vorbereitung auf den Sonntag nicht geteilt haben. Vielleicht ein paar bockige Jugendliche, bewusst in einer Kleidung, die sogar provozieren soll? Oder ein Gestrandeter der Gesellschaft, der von seinem Aussehen, von seiner Haltung, vielleicht sogar von seinem Geruch her so gar nicht in unsere Reihen passen will? Oder ein Spötter, ein Zweifler, von dem wir meinen zu wissen, wie sehr er sich über das lustig macht, was wir hier versuchen?!

Sie ahnen, was hinter diesen Überlegungen steht, nämlich die immer gleiche Frage, ob wir es uns denn nicht zu sehr einrichten, in dem, wo wir stehen. Unsere Gruppen und Kreise – sollte das nicht immer alles möglichst so ablaufen, wie wir es gewöhnt sind? Sind wir nicht froh über die Ruhe, die uns auch durch bewährte Abläufe und einmal gewonnene Einsichten gewährt wird?

Ich bin mir sicher, dass wir auf viele dieser und ähnlicher Fragen mit einem bekennenden „Ja“ antworten müssen: „Ja, wir haben es uns eigentlich doch ganz gut eingerichtet – und sind auch froh, dass nicht allzu viel und allzu schnell wieder eine Änderung kommt.“

Hören wir dazu das Predigtwort für den heutigen Sonntag aus dem Evangelium nach Lukas im 15. Kapitel, die Verse eins bis elf:

[TEXT]

Die Heilige Schrift, liebe Gemeinde, besitzt einen unendlichen Reichtum an Bildern und Symbolen, wenn sie uns erzählen und darin bekennen will, welcher Art dieser Gott ist, auf den wir unser Vertrauen werfen sollen. Viele davon fallen Ihnen auf Anhieb ein: Er ist der Vater (und die Mutter, wie es Hosea sagt), er ist der Hirte, er ist Richter und barmherzig, er ist allmächtig und stirbt doch einen ohnmächtigen Tod am Kreuz. All dies kennen Sie. Heute aber begegnet uns ein Bild, welches nicht so im Vordergrund steht. Gott ist ein Sucher, ein Suchender. Er geht dem nach, was verloren scheint. Wie der Hirte aus unserem Predigtwort das eine Schaf sucht und dafür 99 zurück lässt. Oder wie die Frau, die ihr Haus komplett auf den Kopf stellt, nur weil ein Silbergroschen fehlt.

Ist das nicht völlig absurd? Beim Silbergroschen mag man noch einwenden, es kommt eben darauf an, wie nötig man dieses Geld hat. Einer, der viel hat, wird sich nicht wegen eines Groschens, der möglicherweise in einer Ritze verschwunden ist, abtun. Aber bei den Schafen? Das ist doch Leben in den Händen des Hirten. Wie kann er 99 zurücklassen und wer weiß welchen Gefahren aussetzen, nur um ein verlorenes zu suchen? Würde ich etwa als Vater, wenn ich ein Kind unterwegs verloren hatte, meine anderen drei um der Suche nach dem einen willen alleine lassen? Oder darf ich so gar nicht vergleichen? Ich weiß: Ich müsste etwas organisieren, einen Helfer oder mehr; meine anderen Kinder in Obhut geben oder, oder, oder. Alles andere wäre selbstverständlich völlig gegen die Vernunft.

Und doch bricht es auch an dieser Stelle auf: Gottes Handeln lässt sich nicht fassen mit den Maßstäben der Vernunft dieser Welt. Ja, wahrscheinlich darf man es tatsächlich so sagen: Gottes Handeln ist unvernünftig!

Damit bleibt es aber eine gute Beschreibung dessen, was Gott für uns ausmacht: Er sucht tatsächlich die Verlorenen. Tatsächlich die Kranken (und nicht die Gesunden). Tatsächlich die Sünder (und nicht die Gerechten). Er will tatsächlich das Leben, welches gebrochen scheint, wieder aufrichten.

Gott sucht also den Menschen, er geht ihm nach, er freut sich über jede Umkehr und Rückkehr, genauso, wie wir es eben auch in der Lesung gehört haben. Wie der Vater den verlorenen Sohn aufnimmt und in dieser Freude ein großes Fest ausrichtet, so freut sich Gott über jeden Menschen, der auf Gottes Suche mit einem Ja antwortet.

Und was ist nun mit den 99 Schafen, mit dem Bruder, der zu Hause geblieben ist? War sein Dienst nicht umsonst? Ist das nicht ungerecht, so wie es ungerecht erscheint bei den Tagelöhnern im Weinberg, dass die, die zuletzt kommen, genauso viel bekommen, wie die ersten?

Ja, liebe Gemeinde, in unseren Welt-Augen ist dies so! Denn hier bei uns „muss sich Leistung wieder lohnen!“, denn hier bei uns muss der Unfolgsame bestraft werden und die Braven belohnt werden. Hier bei uns scheint der Mensch solcherlei Anreize zu brauchen, damit er gut und verträglich handelt. Gott aber hat einen anderen Blick auf seine Geschöpfe. Er sieht, wie verletzt wir sind, wie sehr wir leiden. Er geht uns nach, spricht uns an und hat die Hoffnung, dass wir ihm antworten.

Ganz so einfach freilich, liebe Gemeinde, wie ich am Anfang einen Gegensatz konstruieren wollte, ist es nun doch nicht. Denn wir wissen nicht, wo wir selber stehen. Sind wir nun die Gerechten, wie es die Pharisäer aus dem Predigtwort sicherlich von sich meinten? Oder gehören wir zu den Sündern, zu den verloren gegangenen Schafen, um die sich Gott ganz besonders müht. Luther hatte eine Antwort für dieses Problem: „Wir sind beides zugleich!“, sagt er und umfasst damit das Gefühl, das Sie auch kennen werden. Dass es Situationen gibt in meinem Leben, in denen ich durch Gott selbst gebraucht werde, um für einen Anderen zum Wegweiser zu werden. Aber eben auch, dass es genügend Begebenheiten gibt, an denen ich mein eigenes Versagen sehen kann. Deswegen ist es nicht damit getan, zum meinen Anfangsbeispiel zu sagen: „Ich ertragen jeden in der Kirchenbank neben mir!“ Manches schaffen wir eben nicht, manches können wir nicht. Und darüber brauchen wir auch nicht zu verzweifeln oder zu zerbrechen. Noch sind wir nicht Teil einer perfekten Welt. Gleichzeitig aber sollen wir nicht überheblich werden und meinen, wir hätten schon alles und seien schon dieser Wirklichkeit enthoben. Vielmehr dürfen wir hören, wie Gott sich als Suchender müht, die ganze Zeit, und ab und an hören wir in seinem Rufen auch unseren Namen klingen. Dann wissen wir, wir haben uns verlaufen, wie das eine Schaf und sind in eine Spalte gerutscht, wie jener Groschen. Aber das ist nicht das Ende – er wird uns finden und wir dürfen antworten, uns freuen, jubeln und ihm danken.

Wie das sein kann mit dem Suchen und dem Finden, verdeutlicht uns jene Geschichte:

„Rabbi Eisik war nach Jahren schwerer Not, die sein Gottvertrauen nicht erschüttert hatten, im Traum befohlen worden, in der Stadt Prag an der Brücke, die zum Königsschloss führt, nach einem Schatz zu suchen. Als der Traum zum drittenmal wiederkehrte, machte sich Rabbi Eisik auf und wanderte nach Prag. Aber an der Brücke standen Tag und Nacht Wachtposten, und er getraute sich nicht zu graben. Doch kam er jeden Morgen zur Brücke und umkreiste sie bis zum Abend.

Endlich fragte ihn der Hauptmann der Wache, auf sein Treiben aufmerksam geworden, freundlich, ob er hier etwas suche oder auf jemand warte.

Rabbi Eisik erzählte, welcher Traum ihn aus fernem Land hergeführt habe. Der Hauptmann lachte: "Und da bist du armer Kerl mit deinen zerfetzten Sohlen einem Traum zu Gefallen hergepilgert, nur um etwas zu suchen? Ja, wer Träumen traut! Da hätte ich mich ja auch auf die Beine machen müssen, als es mir einmal im Traum befahl, nach Krakau zu wandern und in der Stube eines Juden Eisik unterm Ofen nach einem Schatz zu graben. Ich kann’s mir vorstellen, wie ich drüben, wo Hunderte der Juden Eisik heißen, alle Häuser aufreiße!" Und er lachte wieder.

Rabbi Eisik verneigte sich, wanderte heim, grub den Schatz aus und baute ein Bethaus, das es heute noch gibt.“

Und der Friede Gottes, der uns sucht, damit er bei uns Wirklichkeit werde, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

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